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FIA-Tribunal: Erst Renault, dann McLaren

Anfangs war das Thema streng geheim. Im Formel 1-Fahrerlager wusste monatelang nur eine Handvoll Leute, dass McLaren gegen Renault wegen Industriespionage ermittelt.

Der Ingenieur Phil Mackereth, der im Winter 2006 von McLaren zu Renault gewechselt war, hatte Informationen, Daten und Zeichnungen über 33 Komponenten am McLaren mit zu seinem neuen Arbeitgeber genommen und dort auf das Computersystem übertragen lassen. Bis zu 15 Kollegen sollen davon gewusst und über Details intern diskutiert haben.

Renault-Verhandlung am 6. Dezember

McLaren kochte den Fall zunächst auf kleiner Flamme, weil man Angst hatte, der Weltverband könne aus Verärgerung über etwaige Indiskretionen den englischen Rennstall erneut belangen. Unter dem Vorwand, dass jeder neue Skandal dem Ansehen des Sportes schade. Umso überraschender kündigte die FIA vor zwei Wochen eine offizielle Untersuchung im Fall Renault an. Der Datenklau wird am 6. Dezember bei der Weltratssitzung in Monte Carlo verhandelt. Noch am gleichen Tag soll es ein Urteil geben.

Darüber, warum die FIA so plötzlich aktiv wird, gehen die Versionen auseinander. Aus Paris heißt es, dass McLaren dem Verband durch strafrechtliche Untersuchungen gegen Renault keine andere Wahl ließ als zu handeln. Bei McLaren verteidigt man sich damit, dass man in einer Zwickmühle gesteckt sei. Schließlich habe man den Fall ins Rollen gebracht aus Furcht, die FIA könne ein Schweigen als imageschädigendes Verhalten auslegen.

Es gibt auch Gerüchte, wonach McLaren versucht habe, der FIA einen Kuhhandel vorzuschlagen. Nach dem Motto: Wir vergessen die Renault-Affäre, wenn ihr uns für 2008 grünes Licht gebt. Daraufhin soll FIA-Präsident Max Mosley entschieden haben, die Flucht nach vorne anzutreten und den Fall Renault vor den FIA-Weltrat zu bringen. Ein FIA-Sprecher beteuert: "Aus unserer Sicht werden bei Renault gleiche Maßstäbe angelegt wie bei McLaren. Es lässt sich heute aber noch nicht abschätzen, wie der Weltrat die Informationen wertet."

Kein Renault-Bonus

Zwischen den Zeilen ist zu hören: Es gibt keinen Extrabonus für Renault, nur weil man bei einer drastischen Bestrafung fürchten müsse, dass Präsident Carlos Ghosn dann als Konsequenz das Formel 1-Engagement beendet. Für McLaren ist damit die Spionageaffäre noch nicht beendet. Als zweiter Punkt auf der Agenda des Weltrates steht die Bewertung, ob der 2008er McLaren in irgendeiner Form Ideen oder Konstruktionsprinzipien des Ferrari in sich trägt. Eine Entscheidung darüber wird für den 7. Dezember erwartet. Eigentlich ist es kaum vorstellbar, dass McLaren so naiv ist, irgendetwas von Ferrari zu kopieren, zumal man seit dem 13. September weiß, dass die FIA in dieser Angelegenheit ermittelt und in den letzten Wochen auch bergeweise Material bei McLaren gesichtet hat. Es könne aber theoretisch sein, heißt es aus Paris, dass sich bei der Sichtung des Materials Indizien ergeben, wonach McLaren in der Zeit vor der Weltratsitzung Mitte September an Ferrari-ähnlichen Systemen gearbeitet habe. Die Akten werden derzeit von den FIA-Technikern Peter Wright, Tony Purnell und Charlie Whiting ausgewertet.

Beide Fälle getrennt verhandeln

McLaren hatte Ende letzter Woche die englische Presse mit Details zu dem Renault-Skandal gefüttert. Demnach geht es um 33 Komponenten, die auf elf altertümlichen Disketten gespeichert waren und ausgedruckt 780 Seiten ergeben. Kommt uns diese Zahl nicht bekannt vor? Hatte nicht auch McLaren-Ingenieur Mike Coughlan von seinem Kumpel ein 780-Seiten starkes Dossier erhalten. Experten bezweifeln, ob McLarens Offensive in den Fall ein kluger Schachzug war. Wenn Matt Bishop, der neue Mediendirektor von Teamchef Ron Dennis glaubt, er könne das Urteil in eigener Sache dadurch abmildern, dass Renault besonders schlecht dasteht, dann irrt er sich. Die FIA will die beiden Fälle separat behandeln. "Das eine hat auf das andere keinen Einfluss."

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Michael Schmidt

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