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Force India-Sportdirektor Szafnauer

"Wir haben noch Luft nach oben“

Otmar Szafnauer Foto: xpb 14 Bilder

Force India ist die Überraschung des Formel 1-Sommers. Zuletzt besiegte das Mercedes-Kundenteam zwei Mal den Werksrennstall. Sportdirektor Otmar Szafnauer erzählt, wie Force India die Wende vom Hinterbänkler zum besten Mittelfeldteam geschafft hat.

10.08.2011 Michael Schmidt
In welchem Zustand befand sich der Patient Force India, als Sie 2009 zu dem Team stießen?

Szafnauer: Mein erstes Rennen war Brasilien 2009. Adrian Sutil stand auf Startplatz drei, Tonio Liuzzi nach einem Crash ganz hinten. Es war das Jahr in den Force India ganz unten angefangen hatte, zum Schluss der Saison aber stark aufgekommen ist. Giancarlo Fisichella hätte um ein Haar in Spa gewonnen. Platz neun in der Konstrukteurs-WM war schon ein Erfolg. Letztes Jahr haben wir uns auf Rang sieben gesteigert. Uns fehlte nur ein Punkt auf Williams. Und das auch nur, weil die den angeblasenen Diffusor schneller verstanden haben als wir. Dieses Jahr ging es auch etwas zäh los, aber seit wir mit dem angeblasenen Diffusor klarkommen, geht es steil bergauf. Unser Ziel ist ganz klar Platz sechs.

Sie könnten sogar Fünfter werden?

Szafnauer: Ja, aber dazu brauchen wir viel Glück. Uns fehlen 31 Punkte auf Renault. Das Problem ist, dass uns die Top 4 Teams nicht mehr viel übriglassen. Wenn die immer ankommen und wir jedes Mal die Plätze neun und zehn belegen würden, kämen bei den restlichen acht Rennen nur 24 Punkte zusammen. Das reicht nicht.

Wie war die Steigerung möglich, obwohl der technische Direktor James Key zu Sauber ging und ungefähr 15 Ingenieure von Lotus weggekauft wurden?

Szafnauer: Das hat viele Gründe. Als ich kam, lief der Windkanal nicht rund um die Uhr. Das war meine erste Maßnahme. Wir können die maximal erlaubte Zeit fahren, da unsere Computerkapazitäten mit fünf Teraflops am unteren Limit liegen. In einem zweiten Schritt begannen wir uns auf das zu konzentrieren, was Rundenzeit bringt. Hauptsächlich Aerodynamik. Wir haben dort die Manpower um 30 Prozent verstärkt. Die Windkanaltruppe besteht aus zwei Teams. Eines arbeitet in unserem Kanal, das andere mietet sich vier bis fünf Mal im Jahr bei Toyota für insgesamt 20 Tage ein. Für freie Stellen durch Abgänge habe ich meine eigene Philosophie: Nimm nicht den besten, den du kriegen kannst, sondern den besten, der in das Team passt. Wenn dich Leute verlassen ist es nicht immer nur ein Verlust. Es ist auch eine Gelegenheit, frisches Blut in die Truppe zu bringen. Unser Technikbüro ist sehr gesund aufgestellt. Wir haben noch genügend erfahrene Leute, die seit den alten Jordan-Tagen bei diesem Team sind. Unser neuer technischer Direktor Andy Green ist so ein Beispiel.

Wie kamen sie auf Andy Green als Nachfolger von James Key?

Szafnauer: Ich kenne Andy von BAR und Honda, wo er zwischenzeitlich gerabeitet hatte. Er ist sehr talentiert, hat Erfahrung, und weil er von Jordan kommt, kennt er viele seiner Kollegen seit langer Zeit. Er war der bestmögliche Ersatz für James Key, weil er perfekt in dieses Team passt. Und er wird im Fahrerlager immer noch unterschätzt.

Warum hat Force India bei einigen Technologien schneller und besser reagiert als die Topteams? Beispiel Doppeldiffusor, Beispiel angestelltes Auto.

Szafnauer: Wir sind als kleines Team flexibel. Und wir sind es mit 308 Leuten gewohnt, aus wenig viel zu machen. Und unsere Leute haben den Ehrgeiz, schneller zu reagieren als andere. Wir haben keinen falschen Stolz. Wenn andere Teams eine gute Idee haben, versuchen wir sie zu kopieren und an unser Auto anzupassen.

Wieviele von den 308 Leuten arbeiten tatsächlich für das Auto?

Szafnauer: 220. Wir könnten gemäß der Kostenreduzierungspläne also noch locker zulegen.

Die Grenze für Fremdleistungen liegt bei 30 Millionen Euro. Die werden Sie dann wahrscheinlich ausschöpfen.

Szafnauer: Wir liegen weit drunter. Dabei produzieren wir relativ wenig im Haus. Wir haben auch bei den Aerodynamikrestriktionen Luft nach oben. In unseren Windkanal passen nur 50-Prozent-Modelle. 60 Prozent wäre erlaubt. Das gibt mir Hoffnung. Wir sind trotz bescheidenem Einsatz auf einem guten Weg. Und wir könnten noch zulegen, wenn wir es wollten.

Wieviel mehr Budget würden Sie sich wünschen, um den nächsten Schritt Richtung Topteams zu machen?

Szafnauer: Zwischen zehn und 15 Millionen Pfund pro Jahr.

Sie kamen von Honda mit unlimitiertem Budget. Jetzt müssen Sie haushalten. Wie schwierig ist das?

Szafnauer: Die Herausforderung bei Honda lag daran, das viele Geld so zu kanalisieren, dass man noch effizient arbeiten konnte. Viel Geld ist nicht immer ein Segen. Oft wird es dann verschwendet. Bei Force India geht es auch um Effizienz, allerdings unter einer anderen Perspektive. Bei begrenzten Ressourcen musst du dir die aussuchen, die wichtig sind. Der Unterschied besteht eigentlich nur daran, dass du bei Force India länger darüber nachdenken musst, wie du deine Dollars investierst.

Bei den Wintertests machte das Auto keine gute Figur. Force India begann die Saison am Ende des Mittelfeldes. Was lief da schief?

Szafnauer: Drei Dinge: Das Chassis war zu weich. Wir haben ein neues Harz probiert, dass wir noch nicht so gut verstanden. Das ist gelöst. Dann gab es es Probleme mit dem Heckflügel. Er war zu aggressiv ausgelegt und wir hatten mit Strömungsabriss zu kämpfen. Auch das wurde fixiert. Zum Glück für uns wurde Bahrain abgesagt. Da hätte wir noch mit dem problematischen Heckflügel fahren müssen. Die Basis des Autos war immer gut. Das wussten wir. Von der Basis aus haben wir das Auto konsequent weiterentwickelt. Manchmal ist es besser einen Schritt zurückzugehen, bevor man von einer Falle in die nächste stolpert. 

Und das dritte Thema?

Szafnauer: Das war der Auspuff.

Der mündete in der ersten Version außen, dann innen und schließlich wieder außen. Was ist da passiert?

Szafnauer: Das war ein Lernprozess. Schon im letzten Jahr hatten wir Mühe, das Maximum aus dem angeblasenen Diffusor zu holen. Es gab da mehrere Theorien im Team. Eine davon war, die Auspuffgase nach innen zu blasen. Wir haben das durchexerziert, um Antworten zu bekommen. Die Antwort war, dass außen doch die bessere Lösung ist. Wenn man es richtig macht und das Feintuning auch von den Motoreinstellungen her hinbekommt.

Wieviel kostet so ein Auspuffprojekt?

Szafnauer: Mit allem drum und dran zwischen ein und zwei Millionen Pfund.

Wie kamen Sie darauf, Red Bull mit dem angestellten Auto zu kopieren?

Szafnauer: Es ist logisch, dass du dir das beste Auto im Feld genau anschaust. Die müssen ja irgendetwas besser machen als du selbst. Wir haben dann Testläufe mit diesem Konzept im Windkanal gemacht und herausgefunden, dass da Potenzial drin liegt. In Monte Carlo haben wir mit dem Projekt begonnen. Wir sind auf einem guten Weg, aber immer noch nicht dort, wo wir hinwollen.

Was hilft Ihnen die Zusammenarbeit mit McLaren?

Szafnauer: Sie übernehmen die Teile am Auto, die kein Rennen gewinnen, aber ein Rennen verlieren können: Getriebe, Hydraulik. Damit können wir uns auf die Aerodynamik konzentrieren. Das ist der größte Nutzen. Wir verschwenden keine Energien mit diesen Komponenten. Wenn ich gefragt werde, wie oft wir bei einer Defektanalysesitzung über das Getriebe oder die Hydraulik reden, antworte ich: Nie. Das ist Sache von McLaren.  

Sie haben drei schnelle Fahrer. Wer fährt für Sie 2012?

Szafnauer: Das ist ein Luxusproblem. Sollen wir eine Münze werfen? Wir werden am Ende des Jahres eine genaue Analyse der drei machen und dann unsere Entscheidung treffen. 

Wieviel verlieren Sie dadurch, dass einer Ihrer Stammfahrer aussetzen muss, damit Nico Hülkenberg fahren kann?

Szafnauer: Das kann unter bestimmten Umständen ein Nachteil sein. Sollte es sich am Ende der Saison in der WM zuspitzen und wir wirklich noch mit Renault um Platz fünf kämpfen und wir das Gefühl haben, dass sich das zum Nachteil auswirkt, müssen wir uns da etwas einfallen lassen.

Treibt Nico Hülkenberg die Stammfahrer an?

Szafnauer: In unserem Fall ja. Weil alle drei von den Rundenzeiten her so eng zusammenliegen. Wäre einer der drei klar langsamer, würde sich der Druck negativ auswirken. So macht die interne Konkurrenz jeden der drei noch besser.

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