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Mercedes GP: Rechenfehler bei den Silberpfeilen

Mercedes redet Strategiefehler schön

Michael Schumacher Foto: xpb 33 Bilder

Mercedes wollte Michael Schumacher auf Platz drei dirigieren, doch der Ex-Champion landete auf Rang 15, wo er auch gestartet war. Das Team versuchte der Rennleitung die Schuld für die missglückte Taktik zu geben. Ein Versuch, der auf falschen Fakten basierte.

28.06.2010 Michael Schmidt

Grundsätzlich war die Strategie der Mercedes-Taktikabteilung gut. Michael Schumacher startete auf den harten Reifen. So wie Kamui Kobayashi, Jarno Trulli, Heikki Kovalainen, Bruno Senna, Timo Glock und Lucas di Grassi. Von Startplatz 15 war Risiko gerechtfertigt. "Wir hofften auf ein frühes Safety-Car, und es kam", begründete Sauber-Technikchef James Key die Entscheidung, seinen Fahrer Kobayashi auf den Reifen der Marke "medium" in die 57-Runden-Schlacht zu schicken. Der Japaner ging von Startplatz 18 aus ins Rennen. Michael Schumacher stand nur drei Positionen vor ihm. Auch bei ihm war die alternative Reifenwahl sinnvoll.

Safety Car Phase war die Chance

Doch als das eintrat, worum die Zocker gebetet hatten, lief am Kommandostand von Mercedes GP alles schief. Nach Mark Webbers Horrorcrash in der neunten Runde rückte das Safety-Car aus. Das perfekte Szenario für alle jene, die dank ihrer Entscheidung für die harten Reifen nicht gezwungen waren, die Boxen anzulaufen. Wie Kobayashi später zeigte, waren die harten Reifen gut genug, eine ganze Renndistanz mit passablen Rundenzeiten zu überstehen.
 
Wäre Michael Schumacher auf der Strecke geblieben, hätte er am Ende der Safety-Car-Phase Platz drei hinter Sebastian Vettel und Lewis Hamilton belegt. Kalkuliert man mit ein, dass der Mercedes-Pilot vielleicht ein schnelleres Tempo als der Japaner im Sauber hätte anschlagen können, wäre er nach Hamiltons Durchfahrtsstrafe sogar auf Platz zwei vorgerückt. Ein später Pflichtboxenstopp auf die weiche Gummimischung hätte ihn also im schlechtesten Fall auf Rang sieben zurückgeworfen, den Platz, den am Ende Kobayashi belegte.

Mercedes träumte von Rang drei

Doch Mercedes wollte mehr. Eigenen Aussagen zufolge träumte man von Rang drei. Deshalb wurde Schumacher zu aller Überraschung während der Neutralisation doch noch zum Reifenwechsel an die Box beordert. Dazu hätte der Mercedes-Pilot aber nach seinem Reifenwechsel in Runde 11 vor Kobayashi und dem Rest des Formel 1-Feldes bleiben müssen. Das wurde allerdings dadurch vereitelt, dass der Rekordsieger bei Rotlicht an der Ampel warten musste, bis das gesamte Feld an der Boxeneinfahrt vorbeigefahren war.

Das hätte Schumachers Renningenieur Andrew Shovlin jedoch einkalkulieren müssen, denn die Lücke zum Feld war viel zu knapp, um derart viel zu riskieren. Offenbar dachte Teamchef Ross Brawn in der Hitze des Gefechts genauso. Die TV-Bilder zeigen ihn kurz nach dem verunglückten Boxenstopp, wie er am Kommandostand sichtlich verärgert auf Teammanager Ron Meadows einredet.

Hinterher versuchte das Formel 1-Team den Fehler schönzureden. Pech, dass es heute die GPS-Navigation und den Ausdruck aller Rundenzeiten und Abstände gibt. Daran zeigt sich, dass Mercedes entweder völlig falsch gerechnet hat oder nach einer Schutzbehauptung suchte. Ross Brawn wurde in der offiziellen Pressemitteilung wie folgt zitiert: "Zwischen Hamilton und Kobayashi lagen über 18 Sekunden, als Michael an die Box fuhr." Das ist zwar richtig, aber irrelevant. Denn es trifft keine Aussage, wo Schumacher in dieser Phase des Rennens lag.

GPS-Navigation liefert Aufklärung

Die Rennanalyse liefert Aufschluss darüber. In Runde 10, also einen Umlauf vor dem entscheidenden Boxenstopp passierte Schumacher den Zielstrich exakt 3,7 Sekunden vor Kobayashi, der Button, Barrichello, Kubica und den Rest des Feldes im Schlepptau hatte.
 
Es ist also unmöglich, dass Schumacher in der verbleibenden Runde einen Vorsprung von 19 Sekunden auf den Sauber-Piloten herausfahren konnte. Doch wie kam Mercedes dann auf eine derart große Lücke, die dem Boxenstopp seine Legitimation geben sollte? Es gibt nur zwei Erklärungen. In Runde 11 weist die Rennhistorie einen Abstand von 16,3 Sekunden zwischen Lewis Hamilton und dem Rest des Feldes, angeführt von Kobayashi, auf. Schumacher hängt irgendwo dazwischen, doch wo genau lässt das Protokoll offen. Bei ihm steht der Eintrag "PIT", was soviel heißt, dass er gerade an der Box zum Reifenwechsel stand. Aufgrund des 3,7-Sekunden Vorsprungs in der Runde zuvor ist es relativ unwahrscheinlich, dass sich die Lücke innerhalb von 5,4 Kilometern derart dramatisch vergrößert haben soll.
 
Es gibt noch eine andere Theorie, wie Mercedes auf diese Entschuldigung kommt, die den Strategiefehler beschönigen oder erklären soll. Ein Standbild der GPS-Navigation liefert die Auflösung. Bevor Schumacher in seiner Box zum Reifenwechsel parkt, überquert er die Ziellinie. Das löst das Zeitsignal aus. Das Safety-Car wartet zur gleichen Zeit ein gutes Stück vor der Ziellinie auf Vettel und Hamilton. Die drei Fahrzeuge sind schon weg, als das Feld mit Kobayashi an der Spitze auf die Zielgerade einbiegt. Der Pulk kann noch Vollgas fahren, bis es auf das Trio trifft.

Boxenampel zu Recht auf rot geschaltet

Da die Mercedes-Strategen miteinrechnen mussten, dass Schumacher in der Boxengasse nur 60 km/h fahren darf, ist es unmöglich, dass zwischen Schumachers Überqueren des Zielstrichs in der Boxengasse und Kobayashis Zielpassage auf der Rennstrecke 19 Sekunden liegen. Nur taugt diese Zeitspanne ohnehin nicht für eine Erklärung der Mercedes-Taktik. Der Abstand an der Ziellinie hat keinen Einfluss darauf, ob die Boxenampel auf rot oder grün steht.

Entscheidend für das Auslösen des Rotlichts am Ende der Boxengasse ist, ob sich die Spitze des Feldes zu diesem Zeitpunkt vor oder nach der sogenannten Safety-Car 1-Linie befand. Das TV-Bild zeigt eindeutig, dass Kobayashi und der Pulk den Zielstrich bei Vollgas passieren, als Schumacher noch parkt. Logisch, dass sie die Safety-Car-1-Linie erreicht haben, bevor Schumacher an der Boxenausfahrt ankommt. Das GPS-Bild von Runde 11 dokumentiert ebenfalls, dass sich Kobayashi, Button, Kubica und der Rest längst in der kritischen Zone befanden.

Das Feld war zumindest bis Jaime Alguersuari auf Rang 19 einigermaßen kompakt aufgereiht, so dass die Forderung erfüllt war, die das Haltesignal an der Boxenausfahrt rechtfertigt. Es war also für jedes Strategieprogramm erkennbar, dass es für Schumacher nie und nimmer reichen würde, vor dem Pulk wieder auf die Strecke zu gehen. Ein schöner Poker, der aber nicht gutgehen konnte.

Mercedes sollte seine Lektion lernen

Auch in einem zweiten Punkt widersprach sich die Argumentation der Mercedes-Strategen. Die Formle 1-Techniker behaupteten, dass Schumacher laut eigener Berechnungen locker die restlichen 44 Runden auf weichen Reifen hätte durchstehen können. Mag sein, doch warum hat er dann zwei Runden später die weichen Gummis wieder gegen einen Satz harter eingetauscht? Man hätte das Experiment ja fortsetzen können, zumal für Schumacher auf Platz 19 sowieso Hopfen und Malz verloren war. Unter der Annahme, dass die weichen Sohlen nie und nimmer eine solche Restdistanz durchgestanden hätte, war der sofortige Wechsel zurück auf die harten Reifen sinnvoll. So wurde der Rekordsieger die kritischere der beiden Reifenmischungen schnell wieder los, ohne am Ende des Feldes viele Plätze zu verlieren.
 
Mercedes sollte wie Ferrari aus diesem Rennen eine Lektion lernen. Ein wenig Ehrlichkeit wäre hier besser gewesen. Schumacher zu diesem Zeitpunkt an die Boxen zu holen, war schlichtweg falsch. Genauso wenig hätte Ferrari den Grand Prix gewonnen, wenn man Hamilton für sein Überholen des Safety-Cars härter bestraft hätte. Wäre Hamilton wie Alonso hinter dem Safety-Car geblieben, wäre er einen Rang vor dem Spanier ins Ziel gekommen. Ferraris Problem waren nicht die Fehler der Rennleitung. Es war einfach das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein.

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