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Ecclestone im Interview

Diktatur und drakonische Strafen

Foto: Reinhard 61 Bilder

Bernie Ecclestone musste kürzlich viel Kritik von Teamsprecher Luca di Montezemolo einstecken. Der Chefvermarkter der Formel 1 hat seine ganz eigenen Ideen, wie man die Wirtschaftskrise lösen kann. Ecclestone schwört auf eine Diktatur mit drakonischen Strafen. auto-motor-und-sport.de sprach mit dem Formel 1-Chef.

14.01.2009 Michael Schmidt

Was halten Sie von den Sparplänen der FIA und der Teams?
Ecclestone: Es ist sehr kompliziert, diese Maßnahmen auf allen Gebieten durchzusetzen und zu kontrollieren. Mein Ansatz ist folgender: Wir müssen die Notwendigkeit reduzieren, viel Geld für Erfolg einsetzen zu müssen. Das muss das technische Reglement sicherstellen. Ideal wäre eine Budgetobergrenze. Das würde alle unsere Probleme lösen, doch ich fürchte, dass die Kontrolle darüber nicht durchführbar ist. Es gibt zu viele Möglichkeiten, sie über externe Tarnfirmen zu unterlaufen.

Wie sollen die Teams Geld sparen?
Ecclestone: Was würden Sie und ich tun, wenn uns ein Team gehören würde? Ganz einfach. Wir würden den Job mit weniger Leuten machen. Honda hatte 700 Leute, um zwei Autos in die Startaufstellung zu bringen. Schlimmer noch: Sie sind trotz dieses Aufwands hinterhergefahren. Das ist Irrsinn. Die Formel 1 hat ein paar seltsame Gewohnheiten adaptiert, die mit der wirklichen Welt nichts zu tun haben. Wer einen Job in der Formel 1 bekommt, scheint ihn auf Lebenszeit zu haben. Wer trotzdem seinen Job verliert, wird noch zehn Jahre weiterbezahlt. So sind die Teams zu einem Monster angewachsen. Lange Rede, kurzer Sinn: Wenn wir es schaffen, dass die Einheit Motor und Getriebe nicht mehr als fünf Millionen Euro pro Jahr kostet, ist die halbe Miete schon eingefahren. Wir hätten es gar nie zulassen dürfen, dass diese beiden Komponenten teurer werden.

Mit welchem Budget sollte man in der Lage sein zu gewinnen?
Ecclestone: 80 Millionen Euro.

Die FIA will die Windkanalzeiten beschränken. Ist das durchführbar?
Ecclestone: Ich habe vor langer Zeit zu Max (Mosley) gesagt, dass die Teams nicht mehr als einen Windkanal haben und den höchstens 40 Stunden die Woche benutzen dürften. Immer wenn er läuft, leuchtet bei Max im Büro eine Lampe. Je weniger Zeit sie im Windkanal verbringen, umso weniger Modelle bauen sie für die Testläufe, um so weniger Aerodynamiker brauchen sie. Das zieht einen ganzen Rattenschwanz an Kostenersparnis hinter sich her. Die Leute wollen Hamilton gegen Massa fahren sehen. 90 Prozent der Zuschauer wissen gar nicht, wieviele Zylinder der Motor hat und sie können nicht beurteilen, ob eine aerodynamische Entwicklung ein Zehntel bringt oder nicht.

Bringen die Testrestriktionen wirklich eine Kostenersparnis? Die Teams
werden auf Prüfstände ausweichen.

Ecclestone: Auch davor habe ich Max gewarnt: Wir hätten frühzeitig die Werkzeuge kontrollieren sollen, die sich die Teams angeschafft haben. Jetzt stehen wir vor dem Problem, die Nutzung zu verbieten.

Wie soll das gehen?
Ecclestone: Nur über drastische Strafen. Jedes Team muss alle sechs Monate eine schriftliche Erklärung darüber abgeben, dass sie bestimmte Werkzeuge nicht benutzt haben. Finden wir heraus, dass sie gelogen haben, können wir sie wegen Betruges verklagen.

Also zurück zur Diktatur?
Ecclestone: Unser größtes Problem ist doch: Wir wollen alle Freunde sein, tun was wir wollen und dabei in allen Fragen gleicher Meinung sein. Die heile Welt, wie sich die Teams das vorstellen, funktioniert nicht. Es muss Regeln geben, egal ob es gute oder schlechte sind. Wer an der Weltmeisterschaft teilnehmen will, muss sie befolgen.

Die Teams spielen sich zur dritten Macht in der Formel 1 auf. Ist das gut oder schlecht?
Ecclestone: Schlecht. Sie müssen Kompromisse eingehen, um zu einer Einigung zu kommen. Kompromisse sind aber nie gute Lösungen. Das beste Beispiel ist KERS . Alle jammern, dass es zu teuer ist. Neun Teams sind dafür, dass wir ohne KERS fahren. Nur BMW hält daran fest. Jetzt fahren wir mit KERS. Keiner kann heute sagen, welches System funktionieren wird. Es besteht die große Gefahr, dass einer richtig liegt und alle anderen falsch. Wir haben es in den letzten Jahren durch Angleichung geschafft, dass die Teams eng zusammenliegen. Jetzt führen wir etwas ein, dass das Feld wieder aufsplitten kann. Alle Teams, die mit ihrem System falsch liegen, werden es wegstellen und das System kopieren müssen, das funktioniert. Zu immensen Kosten. Das ist doch Wahnsinn.

Montezemolos Philosophie ist: Die FIA bestimmt das Ziel, die Teams den Weg dorthin: Richtig oder falsch?
Ecclestone: Das funktioniert nicht. Siehe KERS. Die FIA sollte bis Juni ein Reglement festlegen, das mindestens zwei, drei Jahre Bestand hat, und alle Teilnehmer sollten sich danach richten. Das spart Geld. Beim Sportgesetz sollten wir eingreifen können, wenn wir das Gefühl haben, dass die Show nicht mehr stimmt.

Montezemolo will auch bei kommerziellen Fragen mitreden.
Ecclestone: Er kann darüber reden, aber nicht mitreden. Wir kennen doch Luca. Er kommt einmal im Jahr zur Formel 1, meistens nach Monza, und dort erzählt er seine Geschichte, dass die Teams mehr Geld brauchen. Sie ist jedes Jahr die gleiche. Er könnte genauso ein Tonband nach Monza schicken.

Er behauptet, dass es keinen anderen Sport auf der Welt gibt, in dem die Teilnehmer weniger als 50 Prozent der Einkünfte bekommen.
Ecclestone: Er soll mir mal die Sportarten nennen, wo es mehr Geld gibt als bei uns. Wenn wir zwei ein Rockkonzert veranstalten und Mick Jagger einladen, sagen wir ihm, was er dafür bekommt. Wenn ihm das zu wenig ist, bleibt er zu Hause. So einfach ist das.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Ticketpreise für die Zuschauer unerschwinglich geworden sind.
Ecclestone: Für eine Veranstaltung, die einmal im Jahr stattfindet, sind die Ticketpreise vertretbar. Es stimmt aber, dass wir den Zuschauern für ihr Geld zu wenig bieten. Wir betrügen sie mit einer schlechten Show.

So schlecht war die Show in den letzten Jahren aber nicht. In der letzten Saison wurde der Titel auf den letzten Metern entschieden.
Ecclestone: Ich meine das Gesamtpaket. Die Show darf nicht nur in den letzten drei Runden stattfinden.

Was machen Sie, wenn in Melbourne nur 18 Autos am Start stehen?
Ecclestone: Es werden 20 Autos am Start stehen.

Das bedeutet, dass Honda verkauft wird.
Ecclestone: Davon können Sie ausgehen. Selbst wenn es nicht so wäre, würde das kein Problem darstellen. Wenn wir die Kosten weit genug senken, finden wir genügend Teams, die an der Formel 1-Weltmeisterschaft teilnehmen. Und alle anderen können entscheiden, ob sie mitmachen oder nicht.

Gibt es die berühmte Vertragsklausel, wonach Sie den TV-Anstalten und den
Veranstaltern mindestens 20 Autos bieten müssen?

Ecclestone: Das ist typischer Formel 1-Schwachsinn. Es gibt keine solche Regel. Die Leute reden von Dingen, die sie nicht verstehen.

Die FIA fordert, dass die Einnahmen unter den Teams gleich verteilt werden sollten, damit die kleinen Teams nicht ein zweites Mal benachteiligt werden. Was halten Sie davon?
Ecclestone: Ich habe eine bessere Idee. Wir können das aktuelle Auszahlungssystem, das die erfolgreichen und die altgedienten Teams belohnt beibehalten. Um die kleinen Teams zu schützen, könnten wir eine so genannte TV-Steuer einführen. Abhängig davon, wieviele Minuten ein Auto während eines Grand Prix auf dem Bildschirm zu sehen ist, wird eine Steuer bezahlt. Die geht dann an die Teams, die selten zu sehen sind. Das wäre ein gerechter Ausgleich. Das Team, das eine hohe TV-Präsenz vorweisen kann, bekommt mehr Sponsorgeld. Davon soll es etwas abgeben.

Warum sind Sie gegen Kundenautos. Wäre das angesichts der Krise nicht für kleine Teams die Lösung, um zu überleben?
Ecclestone: Bin ich gegen Kundenautos? Die Teams wollten es nicht. Ron Dennis war einer der größten Gegner. Er hat uns prophezeit, dass es dann zu Mannschaftsrennen kommt, bei denen der Kunde für das A-Team fahren muss. Komischerweise hat er jetzt genau das mit Force India gemacht. Jetzt kann er den Force India-Fahrern sagen, dass sie zur Seite fahren müssen, wenn Hamilton von hinten kommt. Frank Williams hatte Angst, dass er plötzlich gegen vier Ferrari und vier McLaren fahren muss. Und genau da liegt das Problem.

Ist es nicht alarmierend, dass die Formel 1 von fünf Herstellern und dem Goodwill zweier Milliardäre abhängig ist?
Ecclestone: Es ist alarmierend. Noch schlimmer ist es, wenn McLaren-Mercedes und Ferrari je drei Teams mit ihren Motoren ausrüsten. Das hieße, dass zwei Teams 60 Prozent des Feldes kontrollieren würden. Deshalb ist es absolut notwendig, dass wir wieder einen unabhängigen Motorhersteller ins Geschäft bringen. Das kann Cosworth sein, muss aber nicht. Die Teams müssen wieder in der Lage sein, auf dem Markt für vernünftiges Geld Motoren einkaufen zu können. Dafür brauchen wir Regeln.

Glauben Sie, dass viele Teams diese Motoren kaufen würden?
Ecclestone: Ich würde es tun. Stellen Sie sich vor, das Kundenteam von Mercedes fährt schneller als McLaren. Da laufen Sie als Kunde doch Gefahr, dass Ihnen einer sagt, dass Sie sich hinten anstellen müssen. Mit einem Motor, den sie von der Stange kaufen können, wären sie unabhängig.

Der größte Fehler war also, dass die unabhängigen Motorhersteller aus dem Geschäft gedrängt wurden?
Ecclestone: Wir haben sie nicht aus dem Geschäft gedrängt. Es wurde zu teuer für sie, gegen die Hersteller auf Augenhöhe zu kämpfen. Wir haben es zugelassen, dass die Leute mit dem meisten Geld gewinnen können.

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