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Formel 1-Machtkampf

Brandstifter, Mitläufer und Streitschlichter

Ferrari Foto: Daniel Reinhard 26 Bilder

Die Ruhe nach der Einschreibung der FOTA-Teams ist trügerisch. Die FIA hat noch nicht auf die Forderungen reagiert. Am 12. Juni könnte es zum Urknall kommen. Wir haben die Interessen aller Beteiligten analysiert.

02.06.2009 Michael Schmidt

Es sieht nur oberflächlich nach Frieden aus. Die neun in der FOTA verbliebenen Teams schrieben sich vergangenen Freitag (29.5.) für die Formel 1-WM 2010 ein. Sie stellten der FIA jedoch Bedingungen, die bis zum 12. Juni erfüllt werden müssen. So muss bis dahin ein neues Concorde Abkommen bis 2012 unterzeichnet werden. Etwas vage wurde die Reglementfrage formuliert. Man wolle den Weg des Kostensparens weiter verfolgen.

Ferrari-Rennleiter Stefano Domenicali und Toyota-Teamchef John Howett erklärten inzwischen, was sie darunter verstehen: Ein Reglement, basierend auf den aktuellen Regeln, modifiziert mit den von der FOTA am 5. März präsentierten Sparvorschlägen. Ein Budgetlimit lehnen die beiden Rädelsführer der FOTA genauso ab wie den Kompromissvorschlag, der eine stufenweise Ausgabensenkung von 100 auf 45 Millionen Euro vorsieht. Die anderen Teams hielten sich zu dem Thema bedeckt. Das lässt tief blicken. Sie sind im Moment nur Mitläufer.

Auch die FIA schweigt. Das lässt noch tiefer blicken. Es ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass FIA-Präsident Max Mosley etwas im Schilde führt und am 12. Juni, dem Tag der Bekanntgabe der Nennungen, die Bombe platzen lässt. Doch der Reihe nach: auto motor und sport analysiert, wer im Formel 1-Krieg welche Strategie verfolgt.

Ferrari: Die Italiener sind die treibende Kraft der FOTA und des Widerstandes gegen die FIA-Regeln. Ferrari will partout kein Budgetlimit. Maranello geht es nicht mehr um die Sache, sondern um eine Neuverteilung der Macht. Präsident Luca di Montezemolo soll bei der vorbereitenden Sitzung in Monaco den anderen Teamchefs sein Ziel klar umrissen haben: FIA-Präsident Max Mosley muss abgelöst werden. Mosley hatte den obersten Ferrari-Mann bei dem darauffolgenden Treffen mit den Teams derart an die Wand gestellt, dass der Streit nun in ein persönliches Duell ausgeartet ist.

Jeder Rückzieher wäre ein Gesichtsverlust. Montezemolo wird deshalb nicht klein beigeben. Doch seine Haltung ist naiv. Ferrari muss sich für die Formel 1-WM einschreiben, andernfalls droht eine 300 Millionen-Dollar Klage von Bernie Ecclestone. Für eine Piratenserie ist es viel zu spät. Sie würde jeden Beteiligten erst einmal richtig Geld kosten, da alles von Null aufgebaut werden müsste. Es wäre dann auch eine reine Herstellerserie mit viel zu wenig Rennställen. Privatteams haben bei den FOTA-Regeln keine Zukunft.

Toyota: Teamchef John Howett hechelt der Ferrari-Linie hinterher wie ein Hund. Insider vermuten, dass Toyota schon längst den Beschluss gefasst hat, auszusteigen und deshalb nichts mehr zu verlieren hat. Howett weiß nur zu gut, dass sein Team bei einem Budgetlimit noch weiter hinterherfahren wird als bislang. Selbst bei einer Grenze von 100 Millionen Euro zuzüglich Fahrergehälter, Motorenkosten und Abschreibungen. Er behauptet, die FOTA-Vorschläge hätten den Teams bereits jetzt 50 Prozent der Kosten gespart. Der Toyota-Etat sank über den Winter aber nur von 360 auf 280 Millionen Euro. Angeblich arbeiten für das Formel 1-Projekt nicht nur die offiziell verlautbarten 650 Mitarbeiter, sondern immer noch rund 1.000.

BMW: Der deutsch-schweizer Rennstall scheint keine Meinung zu haben. Teamchef Mario Theissen begrüßt zwar ein Budgetlimit, wenn es in Stufen eingeführt wird, folgt aber weiter den Drahtziehern der FOTA. Der Vorschlag, mit einer Grenze von 100 Millionen Euro einzusteigen, müsste BMW eigentlich entgegenkommen. Da zur Zeit die Erfolge ausbleiben, steht das Projekt beim Vorstand unter Beobachtung. Eine sichtbare Kostenreduzierung könnte dem Formel 1-Engagement der Bayern das Überleben sichern.

Renault: Flavio Briatore ist ein Spieler. Er legt sich nicht fest, um für alle Fälle gerüstet zu sein. Sollte sich Ferrari gegen die FIA durchsetzen, schwimmt er mit der FOTA mit. Sollte Mosley das Budgetlimit durchpeitschen, dann setzt er darauf, dass Renault den Stecker zieht, ihm für einen Nuller plus Abstandszahlung das Team überlässt, und er dann im Stile von Ross Brawn unter dem Schutz eines Budgetlimits weitermacht.

McLaren-Mercedes: Mercedes spielt den Friedensstifter. Der Stufenplan als Kompromiss ist ein Vorschlag von Mercedes. Er wurde von Sportchef Norbert Haug und Finanzvorstand Bodo Uebber am Renntag von Monte Carlo an Mosley herangetragen. Das heißt: der Mercedes-Vorstand trägt den Plan mit. Er kann gar nicht anders, denn seit der Konzern von der Krise durchgeschüttelt wird, wächst der interne Widerstand gegen die Formel 1. Ein Budgetlimit ist wahrscheinlich die einzige Überlebenschance für das Formel 1-Projekt. McLaren trägt notgedrungen diese Linie mit. Teamchef Martin Whitmarsh liegt persönlich eher auf der Ferrari-Linie, doch er weiß ganz genau, dass er sich keine Fehler mehr erlauben darf, wenn er Mercedes im Boot halten will.

Red Bull: Dietrich Mateschitz spielt eine seltsame Rolle. Er ist prinzipiell gegen ein Budgetlimit, weil er sich von außen nicht kontrollieren lassen will. Was hat er zu verbergen? Zahlungen an die zahlreichen Berater und Kofferträger in diesem Team? Die Finanzen seines Teams werden schon jetzt überprüft. Von den Finanzämtern in England und Österreich. Dabei kam die FIA Mateschitz bereits in zwei Punkten entgegen: Zum einen mischt sie sich in den Prüfvorgang nicht selbst ein. Die Teams und die Firma Deloitte tun das in Eigenregie. Zum Zweiten bot Mosley an, dass außer den Fahrergagen noch das Gehalt eines weiteren Mitarbeiters nicht unter das Budgetlimits fällt. Das wäre eine "Lex Newey". Chefdesigner Adtian Newey soll neun Millionen Dollar pro Jahr verdienen. Trotz der Zugeständnisse rudert Red Bull weiter im FOTA-Boot.

Toro Rosso: Gehört zur Red Bull-Familie. Da ist Wohlverhalten eingefordert, auch wenn ein Budgetlimit für Teamchef Franz Tost ein Segen wäre. Er hat bewiesen, wie man effizient ein Team führt. Genau das ist den großen Teams ein Dorn im Auge. Wer wie Ferrari, Toyota, McLaren-Mercedes oder BMW nie gelernt hat, mit wenig Geld auszukommen, fällt auf die Nase, wenn er sich plötzlich drastisch einschränken muss.

Brawn GP: Ross Brawn war der einzige, der sich gegen den Ausschluss von Williams aussprach. Das zeigt, wie der Teamchef des WM-Spitzenreiters wirklich denkt. Seinen Verbleib in der FOTA kann man nur so deuten: Es gibt die Drohung, dass Aussteiger für 2010 keine Motoren aus dem FOTA-Pool bekommen. Da sich Mercedes noch nicht eindeutig positioniert hat, wartet auch Brawn ab. Die FIA hat aber Mercedes schon eine Brücke geschlagen. Ab 2010 darf ein Motorenhersteller auch ohne die Zustimmung der anderen Teams mehr als zwei Teams beliefern. Brawn wird die FOTA-Politik aber nur so lange mittragen, bis es ans Eingemachte geht. Dann wird er sich für die Formel 1-WM einschreiben. Besser mit Cosworth-Motoren fahren als gar nicht.

Force India: Besitzer Vijay Mallya machte mehrmals klar, dass sein Team die Sparpläne der FIA unterstützt. Ob das Kind nun Budgetlimit oder anders heißt, sei ihm egal. Trotzdem setzte er seine Unterschrift unter das FOTA-Dokument. Mallya will wie Brawn nicht seinen Mercedes-Vertrag verlieren.

Die FIA: Max Mosley schweigt. Sein Presseapparat schweigt. Bernie Ecclestone schweigt. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass die FIA zum Gegenschlag ausholt. Mit den Äußerungen von Domenicali und Howett hat sich die Kompromissbereitschaft des Verbandes erschöpft. Mosley wird, von Einzelgesprächen mit Wackelkandidaten abgesehen, bis zum 12. Juni nichts unternehmen. An dem Tag will die FIA die Nennungen für 2010 bekanntgeben.

Wer Mosley kennt, kann sich folgendes Szenario vorstellen: Er wird eine Liste von Teams bekanntgeben, die von der FIA akzeptiert werden. Williams, drei oder vier neue (Campos, USGPE, Lola, Prodrive) und aller Voraussicht nach aus juristischen Gründen auch Ferrari, da es einen Vertrag zwischen Ferrari, der FIA und der FOM (Rechteinhaber) gibt. Er wird weiterhin erklären, dass man sich als Gruppe nicht einschreiben kann, genauso wenig unter Bedingungen, da beides gegen das seit Jahren gültige Sportgesetz der FIA verstößt. Demnach stünden dann für acht Teams noch sieben Plätze offen.

Dann müssen die Teams Farbe bekennen und ihr wahres Gesicht zeigen. Motorenfrage hin oder her. Bei Brawn GP und Force India geht es dann um Sein oder Nichtsein. Auch McLaren lebt vom Rennsport, wird also nicht pokern. Mercedes wird sich seinem eigenen Vorschlag kaum verweigern. Und dann wird man auch sehen, wie ernst es die Vorstände von Toyota, BMW und Renault mit der Formel 1 wirklich meinen.

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