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Formel 1-Reisetagebuch 2010

Der 39. Besuch bei den Känguruhs

GP Australien 2010 Foto: xpb 20 Bilder

Im großen F1-Reisetagebuch gewähren die auto motor und sport-Reporter einen Blick hinter die Kulissen der Formel 1. Formel 1-Experte Michael Schmidt berichtet von seinem 39. Besuch in Australien und einem Mann, der mit seinen Steaks spricht.

02.12.2010 Michael Schmidt

Die längste Reise des Jahres. Von Haustür zu Haustür bist du rund 24 Stunden unterwegs. Das ist nichts gegen Australien-Trips vor 20 Jahren. Da stoppten manche Airlines auf dem Weg ans andere Ende der Welt noch zwei Mal, und man kam nicht mit den Stunden, sondern den Tagen durcheinander. Auch heute heißt es noch: Montag in Deutschland los, Mittwoch in Australien an. Doch der Flug zu den Känguruhs ist ein Einstopp-Rennen geworden.

Smalltalk mit Robert Kubica

Am Flughafen in Singapur läuft man dann dem halben Formel 1-Zirkus über den Weg, der aus allen Ecken Europas dort einschwebt und dann auf die Flugzeuge Richtung Melbourne kanalisiert wird. Ich treffe den ersten schon in Frankfurt vor dem Einsteigen. Nachdem wir bereits beim Rennen zuvor nach Bahrain auf der gleichen Maschine saßen, grinst mich Robert Kubica an: "Buchst du im gleichen Reisebüro?" Dann erzählt er, wie froh er ist, dass er im Renault und nicht mehr im BMW sitzt: "Die waren so hart gefedert, dass ich Rückenprobleme bekam. Dagegen ist der Renault eine Komfortlimousine."

Auf dem elend langen Flug in zwei Etappen kommen einem allerlei absurde Gedanken. Irgendwie muss man ja die Zeit totschlagen. Eine zeitlang beschäftigt mich die Frage, wie oft ich schon die Reise nach Australien angetreten bin. Es ist das 39. Mal. Beim Ausrechnen der dazugehörigen Flugkilometer oder Stunden im Flugzeug gebe ich auf.

Zu Fuß zur Strecke

Ich komme Mittwoch um sechs Uhr morgens bei Dunkelheit in Melbourne an. Das heißt: Es wird ein langer Tag. Wer eine Woche lang Jetlag haben will, der legt sich jetzt für ein paar Stunden Schlaf ins Bett. Also Durchhalten. Mein Hotel in St.Kilda hat die angenehme Eigenschaft, dass es direkt am Albert Park liegt. Dafür kostet es auch so viel wie ein Fünfsterne-Hotel, obwohl es keine fünf Sterne hat. Ich kann ins Fahrerlager laufen. Den Luxus genießen wir sonst nur noch in Abu Dhabi. Bei Überseerennen bedeutet der Mittwoch gleich Arbeit. Nix mit Ausruhen von 19 Stunden Flug und diversen Überbrückungszeiten an Flughäfen.

Kollege Grüner blieb zuhause. Er braucht eine Auszeit. Nach einem Saisonrennen. Dafür schwebt Kollege Marcus Schurig aus den USA in Australien ein. Er war dort auf irgendeinem Rennen. ALMS, NASCAR oder IRL. Weiß der Teufel. Er erzählt was von Sebring. Muss also das 12-Stunden-Rennen gewesen sein.

Der Mittwoch ist noch relativ entspannt. Abends geht es mit Sebastian Vettel, Kollege Roger Benoit vom Blick und Sauber-Teammanager Beat Zehnder zu "Vlados", einem Steakhouse in der Stadt. Wir sind jedes Jahr dort. Ein klitzekleiner Laden, aber immer bis zum Bersten voll. Der Chef spricht mit seinen Steaks. Kein Scherz. Wahrscheinlich sind sie deshalb so gut. An der Wand hängt ein riesiges Foto mit Kühen, die dafür ihr Leben lassen mussten. Ihr Gesichtsausdruck verrät, dass sie so etwas bereits ahnen. Vettel erzählt von der defekten Zündkerze in Bahrain. Und dass er die Renault-Ingenieure im Spaß gefragt hat: "Habt ihr die im Supermarkt gekauft?" Die konnten gar nicht drüber lachen.

Bester Chinese Australiens

Ab Donnerstag beginnt der übliche Stress. Man lebt auf der Rennstrecke und sieht das Hotel erst wieder bei Dunkelheit. Wenn man Glück hat, kriegt man noch etwas zu Essen. Bernie Ecclestone meint es nicht gut mit uns. Wegen der TV-Zeiten in Europa verschiebt sich der ganze Zeitplan nach hinten. Das heißt lange Arbeitszeiten am Abend. Das Freizeitprogramm schrumpft auf Null. Nur am Donnerstag kennen wir keinen Pardon. "Flower Drum", angeblich der beste Chinese Australiens, ist Pflicht. Wir kriegen die Plätze dort nur, weil uns Maria hilft. Sie lebt in Melbourne, kennt offenbar jeden in der Stadt und organisiert uns seit über zehn Jahren alles, was wir brauchen. Roger Benoit hat sie mal auf einem Flug nach Dubai kenngelernt.

Nach Bahrain sind wir alle etwas nervös. Noch so ein langweiliges Rennen wie beim Saisonauftakt, und wir kommen in Erklärungsnot. Zum Glück ist auf Melbourne Verlass. Die Rennen dort sind meistens ein Knüller. Auch die 2010er Ausgabe. Kollege Schurig meint, es sei fast schon zuviel. Man sollte die vielen Höhepunkte auf mehrere Rennen verteilen, damit auch die anderen etwas davon abbekommen.

Direkt nach Kuala Lumpur

Am Montagmorgen ruft schon wieder die Arbeit. Das Internet ist unersättlich. 1987, bei meinem ersten Australien Grand Prix wusste man noch gar nicht, was das ist. Es waren wirklich goldene Zeiten. Ab Mittag ist frei. Pflichttermin im Stokehouse am Strand von St. Kilda. Schurig und ich müssen uns direkt von dort Richtung Flughafen auf die Socken machen. Er fliegt nach Hause, ich weiter nach Brisbane. Von dort geht es am Mittwoch weiter nach Kuala Lumpur zum GP Malaysia.
 

Eigentlich sollte ich mich am Dienstag mit meinem tschechischen Kollegen Pavel Turek und Alexander Wurz bei Motorrad-Ikone Mick Doohan in Surfers Paradise treffen. Der will uns in seinem Hubschrauber über die Goldcoast fliegen. Für mich wird nichts daraus. Ich sitze den halben Tag im Hotel, um eine Technik-Geschichte für auto motor und sport vorzubereiten. Print - das gibt es auch noch. Während die anderen irgendwo in der Luft schweben, komme ich am Nachmittag wenigstens noch zu einem Strandlauf. Turek zeigt mir später die Fotos vom Heli. Habe wohl etwas verpasst. Am Mittwochabend treffe ich Kollege Grüner im Hotel in Kuala Lumpur. Er hat sich für seinen zweiten Einsatz in diesem Jahr gut erholt.

>> Lesen Sie hier noch einmal die erste Folge unseres Formel 1-Tagebuchs aus Bahrain

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