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Formel 1-Reisetagebuch 2010

Ein aufregender Kurzurlaub in Brasilien

GP Brasilien 2010 - Impressionen Foto: Grüner 23 Bilder

Im großen F1-Reisetagebuch gewähren die auto motor und sport-Reporter einen Blick hinter die Kulissen der Formel 1. Tobias Grüner nutzte die Reise nach Brasilien für einen Kurzurlaub und einen strammen Fußmarsch.

18.12.2010 Tobias Grüner

Nachdem ich die Wasserspiele von Suzuka und das Baustellen-Rennen von Korea schlauerweise an die Kollegen Schurig und Leppert abgegeben hatte, freute ich mich auf Brasilien ganz besonders. Das lag allerdings nur bedingt an meinem einmonatigen Formel 1-Entzug, sondern mehr daran, dass ich mir vor dem Trip nach Sao Paulo noch drei Tage Urlaub in Rio de Janeiro genehmigte.

Michael Schmidt als Reiseleiter

Mit einem Uralt-Airbus von Iberia machte ich mich auf den Rund 13-stündigen Flug über Madrid und über den Atlantik. Nach der stundenlangen Einreiseprozedur und einer abenteuerlichen Taxi-Fahrt wartete mit Kollege Michael Schmidt ein echter Rio-Experte am Hotel. Am Wetter konnte der aber leider auch nichts ändern. Statt Sonne und Cocktails begleiteten Wolken und Regen die ersten Meter auf der Copacabana-Promenade. Leider sollte der Himmel erst am Abreisetag aufreißen. Doch da war schon keine Zeit mehr für ausgedehnte Sonnenbäder.

Immerhin konnte das Essensprogramm für den Wetterfrust entschädigen. Dank der Kollegen von TV Globo hatten wir die Adresse der besten Churrascaria der Stadt. Schon im Vorjahr hatte ich mich in die brasilianischen Steakhäuser verliebt, in denen die Kellner unentwegt mit verschiedenen Fleischsorten am Spieß vorbeikommen und einem den Teller voll schaufeln. Der Chef des Hauses bemerkte meine Begeisterung und gewährte mir eine Kurzführung durch die Küche. Ich kann nur sagen: So sieht der Himmel aus - wenn man nicht gerade Vegetarier ist.

Unnötiger Fußmarsch

Nachdem ich am ersten Tag schon die wichtigsten Strände, Sehenswürdigkeiten und Stadtviertel abgeklappert hatte, blieb für den zweiten Tag nur noch die Fahrt auf den Corcovado. Der 700 Meter hohe Berg mit der bekannten Jesus-Statue auf der Spitze sollte sprichwörtlich der Höhepunkt des Rio-Besuchs werden. Zum Glück war Kollege Schmidt vor einigen Jahren schon mal oben, so dass eigentlich nichts schiefgehen konnte - dachte ich zumindest.

Anstatt wie angekündigt bis zum Gipfel hinaufzufahren, mussten wir unseren Mietwagen unerwarteterweise schon 2,5 Kilometer unter der Aussichtsplattform abstellen. "Das ist nicht mehr weit", wehrte mein Aushilfsguide den Vorschlag ab, mit einem der bereitstehenden Shuttles hochzufahren. "Die kosten doch nur unnötig Geld", so das Argument. Als wir nach einer dreiviertel Stunde strammen Fußmarsches den steilen Berg endlich erklommen hatten, standen wir plötzlich vor einem Drehkreuz. "Ticket bitte", sagte ein grimmig dreinschauender Ordner. "Haben wir nicht. Wir sind gelaufen", entgegnete Schmidt oberschlau. "Sie brauchen aber ein Ticket, um ganz nach oben zu kommen", konterte der Brasilianer mürrisch.

Um es kurz zu machen: Natürlich gab es die Tickets nicht dort oben zu kaufen, sondern nur unten, wo die Shuttle-Busse abgefahren waren. Immerhin mussten wir den Weg nicht wieder komplett zurücklaufen sondern durften auch ohne Ticket den Bus bergab benutzen, um uns nach dem Ticketkauf gleich wieder hochkutschieren zu lassen. Der Ärger über die unnütze Bergsteiger-Einlage verflog jedoch beim ersten Blick vom Gipfel. Mit der Jesus-Statue im Rücken lag uns Rio zu Füßen. Ein wirklich überwältigender Anblick, den man mindestens einmal erlebt haben muss.

Abenteuer Autobahn

Am Mittwoch vor dem Grand Prix ging es dann auf die 450 Kilometer lange Fahrt von Rio nach Sao Paulo. Eine Autobahnfahrt in Brasilien ist ein echtes Abenteuer. Ständig queren Fußgänger die Fahrbahn. Auf der eigenen Spur kommen geisterfahrende Pferdekarren entgegen. Über die Fahrtauglichkeit so mancher Gefährte macht man sich dabei besser keine Gedanken. Immerhin war die Autobahn relativ frei, was man von den Straßen in Sao Paulo bekanntlich nicht sagen kann.

Kaum erreichten wir die ersten Ausläufer der Megametropole, ging es nur noch im Schritttempo voran. Nach kurzem Zwischenstopp im Hotel düste Kollege Schmidt mit gefühlten hundert Spurwechseln die Minute Richtung Strecke. Ich kenne seine Fahrweise zum Glück schon aus dem Vorjahr. Aber wer das erste Mal mit ihm in ein Auto steigt, sollte sich besser anschnallen. Diebe hatten bei dem zackigen Fahrstil keine Chance uns zu stoppen. Schmidt hielt den Kleinwagen praktisch immer in Bewegung.

An der Strecke angekommen, gab es eine angenehme Überraschung. Die Organisatoren hatten auf die Kritik vom Vorjahr reagiert und den Preis für die Internetleitung von 200 Euro auf 50 Euro reduziert. Wenn man aber bedenkt, dass ich für meine Breitbandleitung zuhause nur 30 Euro für den ganzen Monat bezahle, dann sind 50 Euro für die vier Tage mit dem deutlich langsameren Netz aber immer noch kein wirkliches Schnäppchen.

Rasanter Fahrstil zahlt sich aus

Am Donnerstag sorgte dann Mark Webber mit der Behauptung, dass Vettel im Red Bull-Team beliebter sei, für Aufregung im Journalistencamp. In dieser Phase der WM wurde jedes Wort der fünf Titelkandidaten auf die Goldwaage gelegt. Das wichtigste Thema war die mögliche Stallregie bei den Bullen, die von einigen Experten vehement gefordert wurde. Erst ein Machtwort von Dietrich Mateschitz bereitete der Diskussion ein Ende.

Besonders wichtig ist es in Brasilien, abends vor der Abfahrt nicht zu viel Zeit zu verplempern, um möglichst schnell zum Essen zu kommen. Mehr als zweimal schafften wir es allerdings nicht, die bereits erwähnten Steaktempel zu besuchen. Verkehrstechnisch ist der Freitag immer der schlimmste Tag. Kurz vor dem Wochenende ist halb Sao Paulo mit dem Auto unterwegs. Für die Strecke zum Hotel, die bei freier Piste ungefähr 20 Minuten dauert, benötigten wir anderthalb Stunden. Dabei konnten wir aber noch einen kleinen Erfolg feiern. Unser Fotograf Daniel Reinhard, der zusammen mit Matthias Brunner vom Magazin Speedweek eine halbe Stunde vor uns die Strecke verließ, kam fast zeitgleich an. Irgendwie scheint man mit dem aggressiven Fahrstil des Kollegen Schmidt wohl doch etwas schneller voran zu kommen.

Am Samstag stand wieder der Sport im Mittelpunkt. Nico Hülkenberg lieferte bei halbfeuchten Bedingungen eine riesen Show ab und sicherte sich die erste Pole Position seiner Karriere. Wer hätte gedacht, dass ich mitten im WM-Schlussspurt plötzlich die meiste Zeit im Williams-Pavillon verbringe?

Überfall auf Button

Am Sonntag stand dann plötzlich Jenson Button unerwartet im Mittelpunkt. Der McLaren-Star war auf der Heimfahrt am Tag zuvor gerade so einem Überfall entgangen. Jetzt musste er den wartenden Journalisten jedes Detail erklären. Ein Sauber-Teambus mit Ingenieuren konnte dagegen nicht entkommen, als bewaffnete Räuber an die Tür klopften. Beim Gedanken daran, dass man die gleiche Strecke nur wenig später gefahren ist, wird einem schon etwas mulmig.
 
Das Rennen war dann nicht mehr ganz so spannend wie die Räuberpistolen am Vormittag. Red Bull hielt das Versprechen und ließ Vettel vor Webber gewinnen. Hülkenberg hatte von der Spitze wie erwartet keine Chance. Alonso schien auf Rang drei der heimliche Gewinner zu sein. Bei Ferrari war die Laune jedenfalls bestens. Die Recherche nach dem Rennen wurde durch die hektischen Abbauarbeiten gestört. In nur drei Tagen musste das ganze Fahrerlager in Abu Dhabi wieder aufgebaut sein.

Zu allem Übel zerbrach bei einer unglücklichen Bewegung auch noch meine Akkreditierung. Vor dem letzten Rennen musste ich jetzt auch noch einen neuen Pass beantragen. Dabei blieb bei dem nervigen Reisestress eigentlich keine Zeit. Mein Flieger startete Montagnachmittag in Sao Paulo und landete Dienstagvormittag in München. Nach einer dreistündigen Bahnfahrt nach Stuttgart saß ich immerhin pünktlich zum Abendessen zuhause. Nach einem kurzen Kofferwechsel ging es aber schon am nächsten Morgen dorthin weiter, wo die Saison vor genau acht Monaten begonnen hatte - in den Nahen Osten.

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