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Formel 1-Reisetagebuch 2010

Ein Vulkan legt die ganze Welt lahm

GP China 2010 - Impressionen Foto: Leppert 30 Bilder

Im großen F1-Reisetagebuch gewähren die auto motor und sport-Reporter einen Blick hinter die Kulissen der Formel 1. In China erlebte Bianca Leppert ihren ersten Formel 1-GP, den sie dank des Vulkan-Chaos nie mehr vergessen wird.

05.12.2010 Bianca Leppert

Jackpot! Anders kann man den "Gewinn" von vier Formel 1-Rennen wohl nicht bezeichnen. Nach unzähligen DTM-Rennen war mir himmelhochjauchzend zumute, als ich erfuhr, dass ich meinen Kollegen Tobias Grüner bei zunächst drei Formel 1-Rennen - später kam noch Korea dazu - vertreten sollte.

Erster Formel 1-Grand Prix

Der erste Formel 1-Grand Prix ist immer etwas ganz Besonderes. Dass er aber so besonders werden sollte, konnte vorher niemand ahnen. Nun hatte ich mir den Ort für meine erste Berührung mit der Formel 1-Glitzerwelt nicht unbedingt ausgesucht. Er hat mich heimgesucht. Shanghai gilt nicht gerade als Hauptgewinn der 19 Formel 1-Rennen. Doch als Vertretung hatte ich nicht gerade die Riesenauswahl. Und in meinem jugendlichen Eifer konnten selbst die Beileidsbekundungen der Kollegen meine Vorfreude nicht trüben.

Erste Zweifel kamen erst auf, als ich auf dem ersten Langstreckenflug meines Lebens neben meinem Sitznachbarn in der Holzklasse Platz nahm. Ich wunderte mich doch etwas über seine Getränkewahl - ausschließlich Rotwein, und das auf einem Langstreckenflug. Der doch etwas üppige Alkoholkonsum äußerte sich dann auch in lautstarken Lachanfällen beim Filme gucken. Mit eigenem Kuschelkissen und einem vollgepackten MP3-Player ausgestattet, verging die Zeit im wahrsten Sinne des Wortes aber trotzdem wie im Flug.

Mit 25 Jahren das Formel 1-Küken

Nach einer langen Taxifahrt im Hotel angekommen, lernte ich unsere "Reisegruppe" kennen. Mit 25 Jahren war es eine große Ehre für mich als Küken, so erfahrene Formel 1-Experten wie auto motor und sport-Kollege Michael Schmidt, Roger Benoit vom Schweizer Blick oder Fotograf Dani Reinhard an meiner Seite zu haben.

Ein paar Stunden später sollte ich dann auch endlich dazugehören und meinen ersten Formel 1-Pass in den Händen halten. Ein großer Moment. Zumindest für wenige Sekunden. Bis ich die Aufschrift "Bianco Leppert" entdeckte. Entweder es lag an meiner Kurzhaarfrisur oder Formel 1-Journalisten müssen unweigerlich männlich sein - irgendwas lief hier schief. Dass ich mich im Fahrerlager bei den Teams als der weibliche Tobias Grüner vorstellte, machte die Verwirrung komplett. Meinen Spitznamen Bianco hatte ich für die ganze Saison sicher - zumindest bis in der Türkei ein neuer folgte.

Vulkan Eyjafjalla bringt alles durcheinander

Dass das noch die kleinste Katastrophe war, sollte ich erst in den folgenden Tagen erfahren. Der Ausbruch des Vulkans Eyjafjalla und der anschließende Zusammenbruch des Flugverkehrs toppten die vielen neuen Eindrücke der Formel 1-Welt. Am Sonntag ging der Sieg von Jenson Button in einem chaotischen Regen-Rennen beinahe unter. Denn die Frage "wie kommst du nach Hause?" beschäftigte das gesamte Fahrerlager. Insbesondere Kollege Michael Schmidt, denn der hatte so gar keine Lust noch länger in China zu bleiben.

Im Starbucks-Café neben unserem Hotel wurden am Montagnachmittag tollkühne Schlachtpläne für die Abreise am Mittwoch geschmiedet. Variante 1 lautete: San Francisco, Madrid und irgendwie weiter. Eine beunruhigende Vorstellung in der Economy-Klasse. Variante 2 ging so: Shanghai-Bangkok, Bangkok-Phuket, Übernachtung und dann Phuket-München. In meinen kühnsten Träumen wähnte ich mich schon am Strand. Variante 3 sah so aus: Shanghai-Bangkok, dann weiter nach Wien und anschließend München. Von dort aus mit dem Zug nach Stuttgart. Variante 4: Charterflug mit Ferrari nach Italien.

Ausflug in den Zoo

Aber es kommt bekanntlich immer anders als man denkt. Den freien Montag verbrachte ich im Zoo von Shanghai, da dieser ohnehin gleich um die Ecke war und ich auf Abruf abflugbereit sein musste. Schon alleine der Fußweg dorthin gestaltete sich aber äußerst lebensbedrohlich, scheinen für die Chinesen Fußgängerampeln doch nur Attrappe zu sein. Das Bild, das sich mir im Zoo bot, war ebenfalls gewöhnungsbedürftig. In deutschen Zoos hatte ich zumindest noch keinen Lassie hinter Gittern gesehen.

Die - wie sich später herausstellte lustig gemeinte - SMS von einem Kollegen "Bringt nie mehr die Bianca mit, die bringt nur Unglück", die fälschlicherweise auf meinem Handy landete, versüßte mir den Tag nicht gerade. Von einem Stadtbummel im Zentrum am Dienstag erhoffte ich mir erfreulichere Eindrücke.

Anruf in der Nacht

Doch darauf warte ich heute noch. Ich hatte mich am Montagabend bereits in den Pyjama geschmissen, als mich gegen 22 Uhr ein Anruf der deutschen Kollegen von der Bild-Zeitung erreichte, es gehe in der Nacht noch kurzfristig eine Lufthansa-Maschine nach Frankfurt und eine nach München. Einen Moment lang spielte ich mit dem Gedanken diese für Kollege Schmidt extrem willkommene Info mit ins Grab zu nehmen. Doch diese Neuigkeiten konnte ich ihm natürlich nicht vorenthalten, auch wenn so mein Citytrip flöten ging.

Innerhalb weniger Minuten hieß es Koffer packen, äh quetschen, und auschecken. All die Eile, in der mein Reisefön aufgrund akuten Platzmangels in der Handtasche landete, nützte aber nichts. Denn unser Schneckentempo-Taxifahrer ignorierte die lautstarken "Go, go, go"-Befehle von den Kollegen Schmidt und Reinhard einfach. Die erste Maschine verpassten wir. Die zweite Maschine wurde gestrichen.

Koffer als Kopfkissen

Meine Alternative? Wie geplant am Mittwoch in aller Ruhe zurückfliegen und doch noch einen Stadtbummel machen. Kollege Schmidts und Fotograf Dani Reinhards Alternative? In der Schlange vor dem Swiss-Schalter am Flughafen übernachten. So erhofften sich die beiden noch Plätze in der geplanten Swiss-Maschine für Dienstagmorgen.

Und wir sollten Glück haben. Nach einer äußerst unbequemen Nacht mit dem Koffer als Kopfkissen stiegen wir gemeinsam mit einem völlig entspannten und ausgeschlafenen Adrian Sutil in die Swiss-Maschine nach Zürich. Von dort ging es in drei Stunden mit dem Zug nach Stuttgart weiter. Völlig erschöpft landete ich in meinem Bett und dachte mir. Wenn meine Formel 1-Saison so beginnt, wie würde sie dann enden?

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