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Formel 1-Reisetagebuch 2010

Mit Nervenentzündung durch die Hitze

GP Europa 2010 - Impressionen Foto: Grüner 24 Bilder

Im großen F1-Reisetagebuch gewähren die auto motor und sport-Reporter einen Blick hinter die Kulissen der Formel 1. Bei unserer GP Europa-Ausgabe bekam Tobias Grüner jede Menge rohes Fleisch und jede Menge Fußball zu sehen.

09.12.2010 Tobias Grüner

Nach dem kurzen Kanada-Abstecher über den Atlantik führt uns die Formel 1 wieder zurück nach Spanien. Valencia steht auf dem Plan. Mein günstiger Air Berlin-Flug zwingt mich zum Umsteigen auf Mallorca. Der Abstecher ist irgendwie lustig, und das nicht nur wegen den ganzen Adiletten-Touris im Flieger. Ich habe zwar mittlerweile die halbe Weltkugel bereist, aber das 17. Bundesland im Mittelmeer kenne ich nur aus dem Fernsehen. Viel mehr als den Flughafen bekomme ich allerdings auch diesmal nicht zu Gesicht.

Langer Fußmarsch zur Strecke

In Valencia wird das Programm dann schon etwas abwechslungsreicher. Nachdem die Koffer im Hotel abgeladen sind, mache ich mich auf den Weg zur Strecke. Kollege Mathias Brunner hatte mir das Hotel ein halbes Jahr früher mit den Worten empfohlen: "Günstig und in Laufreichweite zur Strecke." Im Nachhinein war es wohl mein eigener Fehler. Schließlich liegt auch Stuttgart irgendwie in Laufreichweite von der Strecke in Valencia - wenn man nur genügend Zeit mitbringt. Nach einer halben Stunde forschen Schrittes in der heißen Mittagssonne erreiche ich endlich den Yachthafen.

Da an diesem Mittwoch noch niemand Wichtiges vor Ort ist und ich sowieso schon durchgeschwitzt bin, mache ich mich auf zur Streckenumrundung. Aber auch dieses Vorhaben ist zum Scheitern verurteilt. Nach einer halben Runde stehe ich vor einer großen Barriere. Die Schwenkbrücke über die Hafeneinfahrt steht für Schiffe offen, was gleichzeitig aber den Durchgang auf der Strecke blockiert. Da ich keine Lust auf eine kleine Schwimmeinlage habe, bleibt nur der Rückzug.

Schmidt und Grüner im Fußballfieber

Abends treffe ich mich mit Kollege Michael Schmidt, der in weiser Voraussicht einen Nachmittagsflug gebucht hatte. Das Wichtigste an der Wahl für das Restaurant zum Abendessen: Ein Fernseher mit dem WM-Spiel der Deutschen gegen Ghana. Wenig überraschend kommt uns der Kommentator irgendwie spanisch vor. Vom Ergebnis des Parallelspiels bekommen wir auch nichts mit. Umso größer ist der Jubel über das 1:0 von Özil, was zu einigen verwunderten Blicken von den anderen Tischen führt. Kollege Schmidt jubelt übrigens nicht mit. Obwohl auf seinem Pass eindeutig "Deutschland" steht, drückt er fußballtechnisch lieber den britischen und südamerikanischen Teams die Daumen.

Am Donnerstag entschließen wir uns ein anderes Restaurant aufzusuchen. Wie der TV-Kommentator am Vortag ist auch die Speisekarte ein Buch mit sieben Siegeln. Dass "chuleta" irgendwas mit Kotelett zu tun hat, wusste ich. Die Angabe "600 Gramm" daneben klang ebenfalls vielversprechend. Als aber der Kellner mit einem Berg rohem Fleisch ankommt, bin ich aber zugegeben etwas überrascht. Ist das vielleicht eine spanische Spezialität von der ich noch nichts gewusst habe? Die Japaner essen ihren Fisch ja auch roh. Gerade als ich mich entschließen will, die Platte Richtung Küche zu tragen, bringt der Kellner einen heißen Stein, auf dem ich mir das Kotelett selber brutzeln kann. Irgendwie lustig. Und irgendwie auch sehr lecker.

Streckenrundgang mit Christian Danner

Am Trainingsfreitag wartet ein weiteres Highlight an der Strecke. Ex-Formel 1-Pilot Christian Danner nimmt mich zu einem Analyse-Rundgang an die Piste. Normalerweise sitzen Formel 1-Journalisten nur im Pressezentrum und bekommen von dem Geschehen auf der Strecke genauso viel mit, wie die Zuschauer zuhause. Jetzt erklärt mir der Experte, woran man erkennt, ob ein Auto gut liegt und welche Piloten ihre Boliden nicht ganz so gut im Griff haben.

Leider plagt mich schon seit dem Vortag eine schmerzhafte Nervenentzündung im Fuß. Humpelnd versuche ich Danner zu folgen, als der sich auf den langen Weg Richtung Spitzkehre macht. Bei über 30°C hält sich das Vergnügen in Grenzen. Beim Rückweg treffen wir Safety-Car-Fahrer Bernd Mayländer, der die Fahrer-Analysen von Danner zu meiner Verwunderung ohne Absprache fast eins zu eins wiederholt.

Spanien gewinnt Achtelfinale

Am Abend steht das Fußball-Spiel Chile gegen Spanien auf dem Programm, das wir uns mit Kollegen bei zwei Pfannen Paella in der Altstadt von Valencia anschauen. Spanien gewinnt 2:1 und zieht ins Achtelfinale ein, was die Menschen plötzlich auf die Straßen treibt. Im Sauber-Motorhome ist die Stimmung derweil im Keller. Unser Schweizer Fotograf Dani Reinhard informiert mich per SMS ständig über den Stand im Parallelspiel. Viel Spannendes gibt es allerdings nicht zu berichten. Mit dem 0:0 gegen Honduras sind die Eidgenossen ausgeschieden.

Auch die Formel 1 bietet zunächst nicht viele interessante Meldungen. Nach der Red Bull-Show im Qualifying kommt im Rennen aber plötzlich Spannung auf. Das Safety-Car sorgt für Hektik bei den Teams. Ferrari wird aller Siegchancen beraubt, als Alonso und Massa hinter dem Mayländer-Mercedes hängenbleiben. Michael Schumacher wird durch einen Taktikfehler eingebremst. Das Foto vom Rekordweltmeister an der roten Boxen-Ampel sollte zum Sinnbild für die ganze Saison werden.

Rückreise auf Umwegen

Nach dem Rennen gibt es erneut Hektik, als die FIA eine Strafe gegen das halbe Feld wegen zu hoher Geschwindigkeit in der Safety-Car-Phase verhängt. Für Journalisten sind Untersuchungen und Ergebnisänderungen immer wieder nervig und arbeitsintensiv, weil alte Artikel aktualisiert und neuen Entwicklungen vermeldet werden müssen. Erst mitten in der Nacht können wir endlich den Rückweg antreten. Obwohl die Spanier generell etwas später essen, finden wir keine offene Schenke mehr.

Auch der Rückflug nach Deutschland sollte nicht wie geplant verlaufen. Der Flieger nach Mallorca hat bereits 20 Minuten Verspätung, als der Pilot beim Landeanflug plötzlich das Flugzeug herumreist und einen starken Sinkflug einleitet. Scheinbar hatte er sich irgendwie verkalkuliert. Mit aufheulenden Turbinen starten wir rund 500 Meter über dem Boden durch und fliegen eine Ehrenrunde über den Strand von El Arenal. Nach dem erfolgreicheren zweiten Landeversuch rechne ich eigentlich damit, dass der Anschlussflug schon längst weg ist. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Maschine nach Stuttgart ist noch gar nicht da.

"Heute scheint nicht unser Tag zu sein"

Mit anderthalb Stunden Verspätung dürfen wir endlich das Flugzeug betreten. In der Kabine sind es gefühlte 50°C. Der Pilot meldet sich und entschuldigt sich, dass der richtige Anschluss für die Belüftung fehlt. Nach weiteren 20 Minuten Wartezeit in der Air-Berlin-Sauna bewegt sich das Flugzeug endlich rückwärts. Allerdings nur kurz. Einem kurzen Krachen folgt eine weitere Durchsage: "Heute scheint leider nicht unser Tag zu sein", meldet sich der Kapitän erneut. "Die Abschleppstange ist gebrochen. Nun müssen wir erst einmal untersuchen, ob das Flugzeug Schaden genommen hat."
 
Zweieinhalb Stunden nach Flugplan landet die Maschine schließlich doch noch irgendwann in Stuttgart. Beim Warten auf das Gepäck treffe ich noch einmal Bernd Mayländer. Da auch die Koffer an diesem Tag etwas länger brauchen, bleibt genug Zeit die konfuse Safety-Car-Situation im Rennen zu diskutieren. Irgendwann komme ich auch endlich zuhause an und freue mich, dass der erste Teil der Saison geschafft ist. Nach England habe ich Kollegin Leppert beordert. Still und heimlich feiere ich somit den Beginn meiner persönlichen Sommerpause.

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