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Formel 1-Reisetagebuch 2010

Achterbahnfahrt in Japan

GP Japan 2010 - Impressionen Foto: ams 15 Bilder

Im großen F1-Reisetagebuch gewähren die auto motor und sport-Reporter einen Blick hinter die Kulissen der Formel 1. Michael Schmidt reiste nach Japan und genoss in Suzuka einen seiner Lieblings-Grand Prix im Kalender.

16.12.2010 Michael Schmidt

Japan zählt zu meinen Lieblingsrennen. Erstens wegen der Rennstrecke. Suzuka ist einfach unvergleichlich. So sollten alle Rennstrecken sein. Eine Achterbahn auf höchstem Niveau. Zweitens das Land. Japan ist ein anderer Planet, aber irgendwie cool. Weil alles so weit weg von dem ist, was wir kennen. Die Sprache, das Essen, die Gebräuche. Die Taxifahrer haben Handschuhe an, die Züge sind pünktlich, die Preise gesalzen, an Automaten gibt es heiße Getränke, und Wechselgeld wird einem auf einem Tablett mit einer Verbeugung präsentiert und nicht einfach so in die Hand gedrückt.

Smalltalk mit Nick Heidfeld

Die Anreise nach Suzuka ist etwas beschwerlich. Eine Staffette aus Flugzeug, Bahn und Taxi. Dauert genauso lang wie nach Australien. Ich bin diesmal etwas schlecht zu Fuß, weil ich mir am Wochenende zuvor die Bänder im rechten Knöchel gerissen habe. Nach elf Stunden Flug treffe ich bei der Einreise in Tokio Nick Heidfeld. Die Schlange vor dem Zoll ist stattlich, was daran liegt, dass die Japaner als Antwort auf die Einreise-Schikanen in den USA nun auch Fingerabdrücke nehmen und Fotos machen. Recht so. Man sollte es aber auf Amerikaner beschränken.

Die Warterei gibt Gelegenheit über die Pirelli-Reifen zu plaudern. Auf meine Frage, ob sich Michael Schumacher nicht umsonst Hoffnungen macht, dass die Pirelli-Reifen besser als die Bridgestone-Walzen sein werden, antwortet mir Nick: "In Bezug auf das, was Michael vom Reifen verlangt, kann ich ihn beruhigen. Das wird besser."

Wettrennen an die Strecke

Heidfeld wählt eine andere Variante als ich, um von Tokios Flughafen Narita nach Suzuka zu kommen. Er fliegt nach Nagoya und wird dort von einem Fahrer von Sauber abgeholt. Ich vertraue der Economy-Variante: Narita Express, eine Art S-Bahn, nach Tokio, von dort im Superschnellzug Nozomi in 1.40 Stunden die 350 Kilometer nach Nagoya, dann mit dem Bummelzug nach Shiroko, zum Schluss mit dem Taxi ins Hotel und an die Strecke. Wir sind fast gleichzeitig im Fahrerlager. Heidfeld schlägt mich um eine Viertelstunde. VIP-Service eben.

Als ich 1988 zum ersten Mal ins Land der aufgehenden Sonne geflogen bin, da waren Japan-Trips noch Abenteuerreisen. Man musste genau wissen, in welchen Bus, Zug oder Taxi man einsteigt, wo man wieder aussteigt, um nicht verloren zu gehen. Es hat ein bißchen gedauert, die Zugtickets zu entziffern. Der Trick lag darin, die Zahlen richtig der Zugnummer, dem Wagon und dem Sitzplatz zuzuordnen. Sie waren ja das einzige, was man lesen konnte. Dummerweise sorgte das Datum für Verwirrung. Es war nicht sofort als Datum erkennbar, denn der Japaner schreibt keine Jahreszahl nach unserem Vorbild sondern die Zahl der Jahre, die der gerade aktuelle Kaiser schon im Amt ist. Hätte also auch die Zugnummer sein können. Heute ist das alles kein Problem mehr. Alles trägt Untertitel in unserer Schrift, und immer mehr Leute sprechen Englisch.

Stuttgart 21 beschäftigt auch in Japan

Als ich am Hauptbahnhof von Tokio in den Shinkansen steige, fällt mir der Streit um Stuttgart 21 ein. Vielleicht sollte Bahnchef Grube mal nach Japan reisen, bevor er sich so für den Durchgangsbahnhof in Stuttgart stark macht. Mit seinen Zügen spielt Japan in der Champions League. Dagegen ist die Deutsche Bahn bestenfalls Regionalliga. Japans Züge sind schnell, sauber, immer auf die Sekunde pünktlich. Wirklich auf die Sekunde. Wenn sich also das effizienteste Bahnsystem der Welt mit seiner Drehscheibe Tokio einen Kopfbahnhof leisten kann, dann fragt man sich, warum so ein Dorf wie Stuttgart für soviele Milliarden einen Durchgangsbahnhof braucht.

Winzige Hotelzimmer

Viele Kollegen hassen Japan. Die Herren TV-Reporter fahren lieber jeden Tag zwei Stunden Zug, nur damit sie im langweiligen Marriott-Hotel von Nagoya weiter westlichen Komfort genießen können. Die Hotelzimmer auf dem Land sind so klein, dass Leute mit großen Gepäck sich die Frage stellen müssen: Wohnt der Koffer im Zimmer oder ich? Obwohl wir schon soviele Jahre im gleichen Hotel übernachten, ist das Einchecken immer wieder ein größerer Akt. Hier auf dem Land ist Englisch noch eine echte Fremdsprache. Es dauert, bis die Rezeption unsere Namen im Computer findet. Da hilft es auch nichts, dass sie unsere Nasen schon kennen.

Marcus Schurig ist schon eine Stunde vor mir eingetroffen. Kollege Grüner schwänzt mal wieder. Am Mittwochnachmittag ist im Fahrerlager noch tote Hose. Nur Alonso radelt um den Kurs. Ich frage Charlie Whiting, wie es mit Korea aussieht, dem Geister-Grand Prix, der in zwei Wochen stattfinden soll. Er sagt mir, dass gerade asphaltiert wird. Sehr beruhigend. Am Abend ist Sushi und Sashimi bis zum Abwinken angesagt. Wir laden wie jedes Jahr Ecclestone-Caterer Karlheinz Zimmermann und seine Truppe in unserer kleinen Pinte in Yokkaichi ein. Der Wirt macht ein gutes Geschäft.

Qualifikation am Sonntag

Freitag ist business as usual. Dafür passiert am Samstag gar nichts. Wie angekündigt kommt der große Regen, doch dass es so schlimm wird, hat keiner gedacht. Also keine Qualifikation am Samstag, dafür am Sonntagvormittag. Das kommt uns bekannt vor. Hatten wir 2004 schon einmal wegen des Taifuns, der dann nie kam. Kollege Schurig war damals auch dabei. Den Mitgliedern des Zirkus wurde 2004 verboten, am Samstag an die Strecke zu fahren. Also haben wir am Freitag in Endzeitstimmung bis vier Uhr morgens kräftig gefeiert. Und am Samstag auf den Taifun gewartet. Der entschied sich jedoch kurzfristig dafür, Tokio zu verwüsten und an Suzuka vorbeizurauschen.

Diesmal kommt nur viel Wasser vom Himmel. Am Sonntag scheint die Sonne, als wäre nie etwas gewesen. Es wird wie im Vorjahr ein Vettel-Tag. Mark Webber hat es nach dem Rennen furchtbar eilig. Er will unbedingt in der gleichen Nacht noch nach Australien, muss dafür einen Helikopter nach Tokio für die 8.30h-Maschine erwischen. "Sorry, habe ich so im März gebucht", grinst der Aussie. Wegen ihm wird das Protokoll der Pressekonferenz abgeändert. Alle Fragen zuerst an den Zweitplatzierten. Dann darf Mark abhauen. Als Red Bull sein Siegerfoto mit der Mannschaft macht, schleppt ein Mechaniker Webber als Pappkamerad in die Boxengarage.

Mount Fuji bringt Glück

Es wird wie immer eine lange Nacht im Pressezentrum. Um halb zwei Uhr morgens sind wir im Hotel. Am nächsten Tag fahren auto motor und sport-Fotograf Dani Reinhard und ich mit dem Zug zurück nach Tokio. Der Mount Fuji streckt seinen Gipfel über die Wolkendecke. Es soll Glück bringen, wenn man ihn sieht, behaupten die Japaner. Dani macht aus dem fahrenden Zug bei 350 km/h ein paar Fotos fürs Album. Leider fehlt die charakteristsche Schneekuppe. War wohl ein heißer Sommer in Japan. Der Japan-Ausflug klingt in Tokio mit einem Sushi-Essen aus. Muss sein, auch wenn Tokio abartig teuer ist. Wir müssen jetzt wieder ein Jahr warten, bis wir wieder nach Japan dürfen.

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