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Formel 1-Reisetagebuch 2010

Ein Leben im Stundenhotel

GP Korea 2010 - Impressionen Foto: Leppert 27 Bilder

Im großen F1-Reisetagebuch gewähren die auto motor und sport-Reporter einen Blick hinter die Kulissen der Formel 1. Bianca Leppert musste in Korea im Stundenhotel nächtigen, ging mit Bernie Ecclestone essen und lebte auf der Baustelle.

17.12.2010 Bianca Leppert

"Wenn meine Formel 1-Saison so beginnt, wie würde sie dann enden?", fragte ich mich nach meinem ersten Rennen in Shanghai. Definitiv ähnlich spektakulär. Eigentlich wäre meine Saison schon in Silverstone zu Ende gewesen. Durch den Ausfall des Kollegen Schurig erbte ich aber noch den GP Korea. Damit sollte ein weiteres Abenteuer im fernen Asien auf mich warten.

Korea GP auf der Kippe

Bereits die Vorbereitung für diesen Grand Prix war ein Abenteuer. Findet er statt? Oder doch nicht? Bis wenige Tage vor dem Rennen herrschte Rätselraten. Mein tägliches Daumendrücken schien Wirkung zu zeigen, der erste Grand Prix in Korea sollte stattfinden. Bereits am Montag machten wir uns auf die Socken. Schließlich wusste keiner so genau, was uns dort erwarten würde.

Etwas übermüdet stand ich nach einem turbulenten DTM-Wochenende in Hockenheim am Montagmorgen mit Kollege Michael Schmidt am Stuttgarter S-Bahnhof. Dass unsere S-Bahn ausfiel und wir stattdessen ein Taxi zum Flughafen nehmen musste, rief bereits ein mulmiges Gefühl hervor. Das ging ja gut los. Mein zweiter Langstreckenflug in die elf Flugstunden entfernte südkoreanische Hauptstadt Seoul war hingegen ausnahmsweise ruhig. Erst an der Gepäckausgabe hielt man wieder eine Überraschung für mich bereit. Der Griff meines Trolleys war beim Transport abgekracht und erleichterte das Schleppen des für eine Woche gepackten Monstrums nicht gerade.

Ohne Navi durch Korea

Kollege Roger Benoit kämpfte nicht mit dem Koffer, sondern mit dem Handy. Da einige Mobiltelefone in Korea nicht funktionieren, steuerte er zielstrebig den Handy-Vermietungs-Schalter an. Nach langem Hin und Her und einigen Kommunikationsschwierigkeiten erhielt er schließlich sein Leih-Handy, das uns die gesamte Woche mit seinen außergewöhnlichen akustischen Signaltönen entzückte.

Weiter ging es zum Autovermietungs-Schalter. Wenige Minuten später saßen wir im Auto und machten uns auf den Weg ins vier Stunden entfernte Mokpo. Ohne Navi. Nur mit Karte. Ich hatte so meine Zweifel an diesem Schmidtschen Prinzip, doch alles sollte gut gehen. Für den Notfall hatten wir ja auch noch das Schweizer Begleitauto, das Marc Surer steuerte. Ganz in Rennfahrermanier nutzte er den Stopp an der koreanischen Raststätte, um die Luft in den Reifen zu prüfen. Das hatte ihm wohl sein "Popo-Meter" signalisiert.

Benutzte Badeschlappen udn Bodylotion

Als wir vier Stunden später in Mokpo ankamen - ohne uns ein einziges Mal zu verfahren – waren wir selbst etwas von uns überrascht. So einfach ging das also. Einfach und Überraschung waren auch die Stichwörter für unser "Hotel", Verzeihung "Motel". Die Rezeption war ein kleiner quadratischer Ausschnitt in der Wand. Dahinter verbarg sich ein abgewetzter Bürostuhl auf dem ab und an mal jemand saß, wenn er nicht gerade auf dem Bett weiter hinten im Raum nächtigte.

Die Zimmer waren ebenfalls ein Thema für sich. Schließlich ist es nicht jedermanns Sache, wenn bereits benutzte Badeschlappen zum Anziehen einladen und eine "Erste-Hilfe-Box" mit einer XXXL-Packung Kleenex-Tüchern, Haarspray und angebrochener Bodylotion zur Ausstattung gehört. Das rote Schummerlicht über dem Bett, will ich an dieser Stelle gar nicht näher erläutern.

Eine Rennstrecke als Baustelle

Das Städtchen selbst erwies sich als etwas verlassen, aber akzeptabel. Ich hatte bereits am ersten Tag den Laden "Paris Baguette" in mein Herz geschlossen. Vom Schoko-Croissant über Rosinenbrötchen war hier alles zu haben, was ein Leckermaul begehrt. All zuviel Zeit zum Verweilen blieb allerdings nicht. Wir wollten uns am Dienstag noch ein Bild von der Strecke machen. Daraus wurden dann ganz viele Bilder. Denn was wir sahen, war vor allem eine Baustelle. Die Bagger schaufelten wie wild, vor dem Pressezentrum türmte ein großer Dreckhaufen und die Start-und-Ziel-Brücke erhielt erst ihre Dachziegeln. Sogar das Militär wurde eingespannt, um die Sitze auf den Tribünen anzubringen.

Was die Verantwortlichen aber bis zum ersten Training am Freitag leisteten, war unglaublich. Nur hier und da gab es noch ein paar Probleme wie zum Beispiel das etwas labile Internet im Pressezentrum, aber im Großen und Ganzen stand einem ordentlichen Grand Prix nichts mehr im Wege. Nur eine Sache war beunruhigend: Der äußerst ominöse und bis heute ungeklärte Klau einer Tüte mit Schweizer Schokolade von Roger Benoit wird wohl als ungelöster Kriminalfall in die Geschichte eingehen.

Die Formel 1 trifft sich in der WaBar

Sonst genossen wir den etwas verrückten Grand Prix in vollen Zügen. Das galt auch für das Lebensgefühl in Mokpo. Mit jedem Tag lernten wir die Hafenstadt mehr und mehr lieben. Eine kleine Bar namens WaBar wurde zum Fahrerlager-Treff. Egal wer in welchen Teamfarben aufkreuzte, hier war jeder willkommen.

Wir versuchten uns trotz aller Warnungen vor Hunde- und Katzenfleisch sogar am koreanischen Essen und wurden nicht enttäuscht. Ich probierte zu meinem persönlichen Formel 1-Finale sogar die in Silverstone noch verschmähte Ente.

Essen mit Bernie Ecclestone

Das eigentliche Highlight meiner so kurzen Formel 1-Karriere sollte aber am Freitag folgen. Da Kollege Benoit zu seinem 600. Grand Prix von Bernie Ecclestone eingeladen wurde, hatte ich die große Ehre den Jubilar, Michael Schmidt und Fotograf Dani Reinhard zu begleiten. Natürlich war es ein seltsames Gefühl bereits nach vier Grands Prix auf dem Buckel am Tisch von Bernie Ecclestone zu sitzen. Aber es war ein lustiger Abend, den ich so schnell nicht vergessen werde.

Sportlich gesehen suchte mich in Korea erneut das Red Bull-Schicksal heim. Sebastian Vettel schied mit einem Motorschaden in Führung liegend zehn Runden vor Schluss aus. Aus dem Traum WM-Führung wurde ein Alptraum. Aber ich war es ja schon gewohnt, bis spät in die Nacht zu tippen.

Dieses Mal war es ohnehin egal. Ich machte die Nacht durch, weil mich bereits um fünf Uhr eine Mitfahrgelegenheit der anderen Art erwartete. Der Bus des Sauber-Teams nahm mich freundlicherweise wieder mit zum Flughafen nach Seoul, weil Kollege Schmidts Flug in die USA wesentlich später ging. Vom Einsteigen in den Bus bis zu meiner Haustür in Stuttgart vergingen 24 Stunden. 24 Stunden, in denen mir ständig die aufregenden Erlebnisse meiner ersten vier Formel 1-Rennen durch den Kopf gingen.

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