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Formel 1 Reisetagebuch - GP Japan

Teil 16: Im Land der beheizbaren Toiletten

Tobis Formel 1 Tagebuch Foto: Tobias Grüner 24 Bilder

auto motor und sport-Redakteur Tobias Grüner wurde in diesem Jahr erstmals auf die Formel 1 losgelassen. In seinem Grand Prix-Tagebuch erzählt der Neuling von seinen persönlichen Eindrücken aus den Fahrerlagern dieser Welt - dieses Mal aus Japan.

08.12.2009 Tobias Grüner

Kollege Michael Schmidt hatte mir schon die ganze Saison lang von Suzuka vorgeschwärmt. Es sei einer der besten Grand Prix des Jahres. Die Mentalität der Leute, die Strecke, das Essen ... alles super. Doch Japan empfing uns erst einmal stürmisch. Bei der Landung in Nagoya regnete es. Die Wolken hingen tief. Japan begrüßte uns in einem tristen Grau.

Nach der Einreise wurde es allerdings sehr schnell sehr aufregend - vor allem für einen Japan-Neuling wie mich. Per Bahn sollte es die restlichen hundert Kilometer vom Flughafen Richtung Shiroko gehen. In der Kleinstadt nahe Suzuka hatten wir unsere Zimmer gebucht. Doch beim Anblick des Ticketschalters überfiel mich akute Planlosigkeit. Der große angeschlagene Fahrplan erinnerte eher an ein überdimensionales Periodensystem. Nur dass hier keine chemischen Elemente in den unzähligen Spaltenkolonnen standen sondern japanischen Schriftzeichen. Zum Glück machte Kollege Michael Schmidt das Ganze nicht zum ersten Mal. Mit Händen und Füßen organisierte er mir und Fotograf Daniel Reinhard die Tickets nach Shiroko und gleich auch die für die Rückfahrt am Montag.

Schon die Zugfahrt ist eine Geschichte wert
 
Alleine schon die rund zweistündige Zugfahrt wäre eine eigene Geschichte wert. Die Sitzreihen lassen sich per Hebel entweder in- oder gegen die Fahrtrichtung drehen. An den Kopfseiten jedes Waggons befindet sich ein Bildschirm, der das Bild einer Kamera im Führerstand anzeigte. Das lustigste waren aber die fröhlichen Melodien vor und nach jedem Zwischenhalt. Wie ich von Teilzeit-Reiseleiter Schmidt erfahren konnte, hat jede Linie ihre eigene Dudelmelodie. Wer jeden Tag die gleiche Strecke fährt und den Jingle kennt, der merkt sofort, wenn er in die falsche Bahn eingestiegen ist. Gar nicht mal so unclever diese Japaner.
 
Am Hauptbahnhof von Nagoya mussten wir umsteigen. Ich kannte die Bilder von riesigen Menschenmengen, die sich aus den öffnenden Türen der Regionalzüge ergossen. Wenn man aber mit großen Gepäck plötzlich selbst vor einem solchen Zug steht, kann man nur noch die Hände vors Gesicht halten und hoffen, den Menschen-Tsunami zu überleben. Irgendwie haben wir es am Ende geschafft, nicht überrollt zu werden und kamen unversehrt an unserer Herberge an.

Aus Versehen die Sitzheizung auf der Toilette angemacht

Japanische Hotels sind übrigens ähnlich sensationell wie japanische Züge. Überall stehen Automaten, an denen es heiße und kalte Speisen und Getränke zu kaufen gibt. Das Highlight sind allerdings die Toiletten. Ich habe bis heute noch nicht verstanden, wofür die ganzen Knöpfe da sind. Einmal habe ich versehentlich die Sitzheizung (oder besser Brillenheizung) angemacht, was sich zwar zunächst ungewöhnlich, aber später als gar nicht so schlecht herausstellen sollte.
 
Am Donnerstag ging es endlich an die Strecke. Natürlich regnete es immer noch, was die vielen japanischen Fans aber nicht abhielt, mit geduldiger Disziplin am Eingang auf Autogramme zu warten. Das große Thema war an diesem Morgen Fernando Alonso, der endlich von Ferrari als Neuzugang für 2010 bestätigt wurde. Auch Toyota stand in den Schlagzeilen. Der Vorstand hatte einige Tage zuvor das F1-Programm in Frage gestellt. Teamchef John Howett dementierte allerdings bneharrlich alle Ausstiegsgerüchte. Stattdessen phantasierte er überall herum, dass sein Team mit Robert Kubica und Kimi Räikkönen über neue Verträge verhandele. Mittlerweile wird wohl auch Howett mitbekommen haben, dass die Nummer beendet ist.

Keine Ahnung, was wir überhaupt gegessen haben
 
Am Abend gingen wir in eine typisch japanische Sushi-Bar. Zwei Köche verarbeiteten rohen Fisch und pappigen Reis zu wahren Meisterwerken, während wir mit zehn Mann am Tresen hockten und die Modellierkunst bewunderten. Ein wahres Erlebnis. An den folgenden Tagen aßen wir zumeist in einem kleinen Restaurant in der Nähe unseres Hotels, was ebenfalls sehr aufregend war. Als kleines Problem stellte sich allerdings heraus, dass wir zu 90 Prozent keine Ahnung hatten, was wir bestellten und was wir da genau vorgesetzt bekamen. Vielleicht war das aber auch besser so. Geschmeckt hat es auf jeden Fall lecker.
 
Warum ich so viel über das Essen erzähle? Weil auf der Strecke auch am Freitag wegen Dauerregens nix los war. Einzig die krankheitsbedingte Absage von Timo Glock sorgte für etwas Gesprächsstoff. Im Qualifying am Samstag sollte sich das Bild allerdings schlagartig ändern. Der Deutsche fuhr seinen Toyota eingangs der Zielgerade mit hoher Geschwindigkeit in die Mauer und verletzte sich am Bein. Dabei hatte Glock noch Glück im Unglück.
 
Auch für die FIA war es kein guter Tag. Nach zahlreichen Crashs musste das Zeittraining immer wieder unterbrochen werden. Der letzte Unfall von Sebastien Buemi sorgte für gelbe Flaggen, die gleich von fünf Fahrern missachtet wurden. Das Ergebnis des Qualifyings war somit nur vorläufig. Am Abend veröffentlichte die FIA zwar die Strafen, aber nicht die Startreihenfolge. Die Kommissare machten einfach Feierabend. Eigentlich hatte ich gedacht, dass mich in dieser verrückten Saison nichts mehr überraschen kann. Aber wenige Stunden vor dem Start wussten weder Fahrer noch Journalisten, in welcher Ordnung das Rennen losgehen sollte.

Die Startaufstellung blieb unklar
 
Als entscheidend für die Berechnung stellte sich die Reihenfolge heraus, in der die einzelnen Vergehen begangen wurden. Allerdings konnte das keiner der Journalisten mehr genau nachvollziehen. Am Ende kursierten dutzende verschiedene Listen im Pressesaal, wie denn die Startreihenfolge aussehen könnte. Während ich als Onliner unsere Version leicht berichtigen konnte, waren die Kollegen der Tageszeitungen wahrlich nicht zu beneiden. Roger Benoit, der Grandseigneur vom Schweizer Blick, machte seinem Unmut lautstark Luft. Die FIA interessierte das wenig, die Stewards waren sowieso schon weg. Als die Kommissare dann am nächsten Tag die Aufstellung ausgewürfelt hatten, konnten wir uns freuen. Wir lagen mit unserer Schätzung nur leicht daneben. Aus anderen Ecken des Pressesaals waren dagegen vereinzelte Flüche zu vernehmen.
 
Das Rennen selbst war dann wieder deutlich weniger spannend als das Vorgeplänkel. Jenson Button konnte den ersten Matchball nach seiner schlechten Startposition wie erwartet nicht nutzen. Sebastian Vettel fuhr ein souveränes Rennen und wurde mit dem Sieg belohnt. Jarno Trulli sorgte mit Rang zwei für Jubel auf den Rängen. Lewis Hamilton wurde trotz KERS-Ausfalls immerhin noch Dritter.

Michael Schmidt gibt Autogramme
 
Das große Highlight meiner Japan-Premiere gab es allerdings erst auf der Rückfahrt zum Flughafen. In japanischen Zügen kauft man mit dem Ticket immer gleich eine Sitzplatzreservierung dazu. Wie bei der Hinfahrt waren wir zu dritt, so dass in unserer Vierer-Reihe noch ein Platz frei blieb. Wie es der Zufall wollte, hatte der größte Formel 1-Fan Japans den offenen Platz gebucht. Der Mann, der sich offensichtlich auf dem Weg ins Büro befand, begann uns plötzlich auszufragen. Wir erklärten ihm, dass wir keine Fans sondern Journalisten sind, worauf er plötzlich zwei Fotoalben aus seiner Aktentasche zog, in denen sorgfältig Bildern seiner letzten Besuche in Suzuka abgeheftet waren.
 
Nachdem ich dem völlig begeisterten Japaner im Gegenzug die komplette Bildproduktion unserer Fotografen auf meinem Laptop zeigte, kramte er plötzlich wieder in seinem Köfferchen. Er zog irgendein japanisches Motorsportmagazin heraus und fing wie wild an zu blättern. Er schaute sich eine Seite an und reichte sie zu mir herüber. Ich traute meinen Augen nicht. Da war doch tatsächlich ein Bild des Kollegen Schmidt zu sehen, der eine kleine monatliche Kolumne in diesem Heft schrieb. Als Schmidt ihm dann auch noch ein Autogramm in das Magazin kritzelte, war der Japaner völlig aus dem Häuschen.
 
Während ich noch die versteckte Kamera suchte, erklärte mir Schmidt, dass er schon seit Jahren ein paar Zeilen auf Englisch an dieses Magazin schickte. Er selbst hatte allerdings noch nie eine Ausgabe gesehen. Ich konnte es immer noch nicht fassen, dass mein Kollege am anderen Ende der Welt von einem Japaner im Zug erkannt wird. In Deutschland hat den Kollegen Schmidt übrigens noch nie jemand erkannt.

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