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Formel 1-Strategen ratlos

Fahrt ins Blaue zum Saisonstart

Charles Pic, Caterham, Formel 1-Test, Barcelona, 28. Februar 2013 Foto: xpb 52 Bilder

So unvorbereitet ist die Formel 1 noch nie in eine neue Saison gegangen. Der hohe Reifenverschleiß und das schlechte Wetter in Barcelona machen das Rätselraten vor dem Saisonstart in Melbourne immer größer. Keiner weiß über den anderen Bescheid. Selbst die eigene Leistung ist manchmal schwer einzuschätzen.

28.02.2013 Michael Schmidt

Wenn der Formel 1-Zirkus in zweieinhalb Wochen in Melbourne seine Zelte aufschlägt, sind zwölf Testtage abgespult. Und trotzdem werden die Experten nach dem zwölften Testtag kaum schlauer sein als vor dem ersten. So groß war das Rätselraten noch nie.

"Jedes Team hat seine Hochrechnungen. Im letzten Jahr lagen wir mit unserer Einschätzung nach den Testfahrten ziemlich nahe an dem, was wir in Melbourne gesehen haben", sagt Mercedes-Chefingenieur Aldo Costa. "Diesmal können wir nur hoffen, dass wir mit unseren Analysen richtig liegen."

Kollege Matt Morris von Sauber räumt ein: "So offen war es noch nie. Es ist praktisch unmöglich, die Gegner einzuschätzen." Nico Hülkenberg glaubt: "Wir werden erst im zweiten Freitagstraining in Melbourne wissen, wie der Hase läuft."

Dauerläufe nicht vergleichbar

Doch was ist in diesem Jahr so anders als in den letzten? Das Problem sind die Reifen. Sie halten nur eine oder zwei Runden. Dann setzt das Körnen ein. Und das hört nicht mehr auf, bis der ganze Gummi weggeschrubbt ist. Ab der dritten Runde sind alle Zeiten irrelevant.

Man kann die Dauerläufe nicht mehr miteinander vergleichen, wie das früher der Fall war. "Alles hängt davon ab, wie du die ersten Runden fährst. Grosjean und Rosberg haben letzte Woche bei Longruns für Aufsehen gesorgt, doch sie sind in den ersten Runden um bis zu fünf Sekunden langsamer gefahren, als sie gekonnt hätten. Das ist ein unrealistisches Szenario", sagt Morris.

Hülkenberg bestätigt: "Kein Mensch fährt im Rennen am Anfang des Stints fünf Sekunden langsamer, auch wenn er weiß, dass das später den Reifen hilft. Da gibst du lieber Gas und machst einen Stopp mehr. Das ist unter dem Strich schneller."

Mercedes fragt: Was macht Alonso?

Wie groß die Fragezeichen der Ingenieure sind, zeigt eine Aussage von Costa: "Wir haben noch keinen echten Dauerlauf von Alonso gesehen. Er bricht immer frühzeitig ab. Keiner weiß: Kann er nicht länger oder will er nicht länger? Unmöglich, aus diesen kurzen Stints irgendwelche Erkenntnisse zu ziehen."

Das einzige, was den Teams bleibt, ist der Vergleich der schnellsten Runden. Wenn der Reifensatz frisch ist, weiß man, dass er für ein oder zwei Runden konstant Grip bietet. Nicht entschlüsselt werden kann dabei der Faktor Tankinhalt. Die Teams gehen da bei ihren Analysen von historischen Daten aus. Morris glaubt: "Nach dem Vergleich der Bestzeiten liegen viele Autos innerhalb von nur ein paar Zehntelsekunden. Ich glaube nicht, dass es vom Benzingewicht riesige Ausreißer nach oben oder unten gibt."

Was macht das eigene Auto?

Für die These des Sauber-Ingenieurs spricht, dass die Teams dieses Jahr gezwungen sind, die wenigen Runden mit frischen Reifen zu hundert Prozent zu nutzen, um wenigstens etwas über das eigene Autos zu erfahren. Da macht es wenig Sinn, neue Reifen mit 80 Kilogramm Kraftstoff im Tank zu verheizen. "Dazu sind diese Runden zu wertvoll", meint auch Jenson Button.

Auch über das eigene Auto wissen nicht alle hundertprozentig Bescheid. Mercedes-Mann Costa zählt noch zu den Optimisten: "Wir wissen von Vergleichen mit dem Vorjahr, dass unser Auto klar besser geworden ist. Wir glauben aber, dass es noch nicht reicht. Wir müssen noch Abtrieb finden."

Windkanalabgleich gibt Sicherheit

Matt Morris differenziert: "Trotz der Reifenmisere können wir die Windkanaldaten mit der Rennstrecke abgleichen. Wenn die stimmen, wissen wir anhand der Windkanalwerte, wo wir stehen. Die Unsicherheit beginnt bei den Set-ups. In der Testphase willst du normalerweise ein möglichst großes Spektrum an Abstimmungen durchprobieren, um mehr über dein Auto zu lernen. Wenn du aber immer nur eine aussagekräftige Runde zur Verfügung hast, wird es schwer, Nuancen in den Setups miteinander zu vergleichen. Erfahrene Piloten können vielleicht ein Urteil über die Balance abgeben. Denen reicht eine Runde, weil sie von früher wissen, wie sich die Ausgangs-Balance verändert, wenn die Reifen nachlassen. Wir werden wohl bis Melbourne warten müssen, um genaue Schlüsse ziehen zu können."

Welche Überraschung in Melbourne?

Auch wenn der Wetterbericht für Samstag und Sonntag schönes Wetter ankündigt, wird das den Teams nicht alle Fragen beantworten. "Es wird kühl bleiben, die Strecke wird nach zwei Tagen Regen grün sein, und wir bekommen die gleichen Probleme wie letzte Woche", fürchtet Morris. Es könnte also in Melbourne die ein oder andere Überraschung geben. "Für einige Leute positiv, für andere nicht so". lächelt Aldo Costa gequält. Pirelli-Reifenchef Paul Hembery sieht es positiv: "Das kann der Show nur nutzen, wenn nicht alles vorbestimmt ist."

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