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Formel 1 Tagebuch Jerez 2014

Tickern bis der Rücken schmerzt

Formel 1, Jerez, Tests, Daniel Ricciardo, Red Bull Foto: Stefan Baldauf 25 Bilder

Party, Glitzer und Glamour? Von wegen. Stattdessen Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit - inklusive starrem Nacken. Egal, macht nichts. Wer das erste Mal hinter die Kulissen der Königsklasse blicken darf, will hier nicht mehr weg. auto motor und sport-Reporter Andreas Haupt berichtet von seinem ersten Formel 1-Tickereinsatz.

06.02.2014 Andreas Haupt

Alles endet mit einer Liebesschnulze, deren Titel auf diese Geschichte zutrifft. Der Air Berlin-Airbus, in dem mein Kollege Tobias Grüner und ich sitzen, ist soeben aus Jerez über Mallorca in Stuttgart gelandet. Passend zu meiner Gefühlslage zischt es aus den Boxen: "I’ve had the time of my life".

Eine kleine Formel 1-Wette

Am Abend vor dem ersten Testtag auf der andalusischen Strecke sitzen wir in einer kleinen Runde gemütlich beisammen - je zwei Teller voll mit Schinken und Käse, sowie ein paar Getränke auf dem Tisch. Und wie das manchmal so ist, entspringen aus dem unverbindlichen Zusammensein die besten Ideen.

"Wie wäre es mit einer Wette?", fragt Kollege Michael Schmidt. "Was für eine Wette? Und was ist der Einsatz?", lautet die Antwort. "Wir schreiben jetzt alle auf einen kleinen Zettel eine Zahl. Sie ist unser Tipp, wie viele Runden die Formel 1-Teams gemeinsam am ersten Testtag absolvieren werden. Die Person, die am weitesten danebenliegt, bezahlt das nächste Abendessen."

Es regnet Papierknollen: 80, 220, 340, 390, 410. Neben den Journalisten nehmen auch ein aktueller und ehemaliger Formel 1-Fahrer teil. Selbst ein leitender Motoreningenieur am Nachbartisch lässt sich auf die Wette ein. Sein Tipp: 325 Runden. Der Reiz der Wette liegt darin begründet, dass die Formel 1-Boliden der Generation 2014 für alle komplettes Neuland sind. Fast alles ist anders: Turbomotoren, Energierückgewinnung, Getriebe, elektronische Bremssysteme, Aerodynamik. Die insgesamt 573 Runden aus dem Testauftakt des vergangenen Jahres halten selbst die Optimisten unter den Experten für mehr als unrealistisch. Daher mein Tipp: 380 Umläufe.

Keine 100 Umläufe am ersten F1-Testtag

Am nächsten Tag reibe ich mir des Öfteren die Augen. Nicht aus Müdigkeit, sondern Verwunderung. Stunde für Stunde verrinnt und kaum ein Auto ist auf der Piste zu sehen. Das fängt ja schon mal gut an. Im Pressezentrum ist die schreibende Zunft in ihren Rechnern versunken. Doch es reicht schon ein angeworfener Motor und die Pressemeute springt von den Stühlen und stürmt ans Fenster. Nach dem Motto: Ich muss es mit eigenen Augen gesehen haben, wenn endlich mal jemand aus der Garage fährt. Nicht, dass mich mein Hörsinn getäuscht hat.

Zu diesem Zeitpunkt bin ich am Live-Ticker froh um jede Information, die von den Teams über Twitter verbreitet wird, oder die von den Kollegen Schmidt und Grüner aus der Boxengasse und dem Fahrerlager ins Mediacenter getragen wird. Ohne diese Hilfe geht es nicht. Tickern ist Teamarbeit.

Ferrari lässt Kimi Räikkönen aus Vorsicht nur 31 Mal um die Bahn rollen. Mercedes-Pilot Lewis Hamilton verunfallt in seiner 19. Runde wegen einer defekten Frontpartie. Sebastian Vettel lässt sich im Red Bull erst eine Viertelstunde vor Ende blicken, weil seine Red Bull-Crew zuvor damit beschäftigt war, eine falsch eigebaute Feder im Heck, in die richtige Position zu bringen.

McLaren kämpft mit Elektronikproblemen im Motorenumfeld und bleibt den ganzen Tag in der Box. Mit meinem Tipp liege ich gewaltig daneben. Am Ende des Tages haben die Teams zusammen 93 Runden abgespult. Jedoch habe ich Glück, dass sich jemand anderes noch mehr geirrt hat. Das Abendessen geht nicht auf meine Kosten. Gewonnen hat übrigens einer unserer Fotografen: Daniel Reinhard. Sein Tipp von 80 Runden war 24 Stunden zuvor noch müde belächelt worden.

Nico Rosberg übernimmt den Live-Ticker

Von jeweils 8.45 Uhr bis 17.00 Uhr tickere ich an den vier Testtagen fast durchgehend. Der Blick wandert dabei zwischen Computerbildschirm, Zeitenmonitor und Strecke hin und her, um zu sehen, wer welche Pirelli-Pneus an seinem Wagen montiert hat. Am dritten Tag schmerzt der Nacken. Ich kann meinen Kopf kaum noch drehen. Hilfe naht in Person von Nico Rosberg. Der Mercedes-Pilot schaufelt sich wie bereits im letzten Jahr ein wenig Zeit frei und besucht die auto motor und sport-Crew im Pressezentrum. So schnell wie ein Formel 1-Bolide reißt Rosberg nach kurzer Instruktion den Live-Ticker an sich und beantwortet ein paar Fragen der Leser. Für einen Moment kann ich meine Nackenmuskulatur entspannen.

Nach der Live-Berichterstattung beginnt am Abend der Zirkus. Es stehen die Fahrerinterviews an. Die Manege befindet sich im Fahrerlager hinter den Garagen. Ich sitze nicht auf einem Lounge-Platz, sondern gefühlt unterm Dach. Ferrari-Rückkehrer Kimi Räikkönen trägt eine Sonnenbrille und rote Ferrari-Mütze. Er wird umgeben von Reportern. In der ersten Reihe wurzeln die TV-Journalisten samt ihrer Kameramänner. Dahinter bildet die schreibende Zunft weitere drei Reihen - inklusive mir. Es hat ein bisschen was von Tetris, wenn die hinten stehenden Journalisten versuchen, ihre Aufnahmegeräte an den Köpfen vorbei in Richtung der Piloten zu schlängeln.

Sutil lässt die Reifen qualmen

Zwischendurch bleibt am dritten Testtag auch noch kurz Zeit, das Geschehen auf der Strecke aus der Nähe zu betrachten. Da schlägt das Herz noch höher. Adrian Sutil lässt es in der "Curva Ducados", der letzten Kurve auf dem Circuito Permanente de Jerez, qualmen. In drei von vier Umläufen blockiert das linke vordere Rad des Saubers. Nachdem er die Stelle mit einem Zischen des Turboladers passiert hat, zieht der Geruch von verbranntem Gummi und der Auspuffabgase in die Nase. Eines ist auffällig: Die neuen 1,6-Liter-V6-Turbomotoren sind leiser und klingen dumpfer als die kreischenden V8-Aggregate. Trotzdem kommt bei mir echtes Formel 1-Feeling auf.

Am späten Nachmittag des abschließenden Testtages schickt mich Kollege Grüner auch noch in die Boxengasse. Noch nie sind Formel 1-Boliden so nah an mir vorbeigerollt. Und auch noch nie habe ich die Paranoia der F1-Teams so hautnah erlebt. Sobald die Fahrer ihre Autos vor der Garage parken, werden diese von Stellwänden umzäunt, damit auch ja kein Fotograf Detailaufnahmen schießen kann.

Am erfolgreichsten praktiziert das Ferrari. Nachdem Fernando Alonso in die Garage geschoben wurde, schließen die Mechaniker das Tor. Davor bleiben die Stellwände. Schon am Montag, einen Tag vor der ersten Ausfahrt der neuen Renner, hatte Red Bull die Stellwände großflächig vor der verschlossenen Box positioniert. Kollege Schmidt scherzte schon beim ersten Boxenspaziergang: "Die verdecken sogar ihre Garage."

Nachdem der letzte Artikel am Freitag online gegangen ist, verlassen wir das Pressezentrum erschöpft, aber zufrieden. "Ein letzter Blick auf die Formel 1", grinst mir Kollege Grüner entgegen. Ich verspüre Wehmut, gleichzeitig aber auch Vorfreude: Ich komme wieder!

In der Bildergalerie haben wir einige Impressionen vom Treiben hinter den Kulissen gesammelt. Wir hoffen, dass Sie auch beim nächsten Einsatz des auto motor und sport Live-Tickers wieder dabei sind. Ab dem 19. Februar melden wir uns aus Bahrain, um im Sekundentakt die neuesten Infos von der zweiten Testwoche zu liefern.

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