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Teams fordern mehr Personal und Testfahrten

Galoppierende Unvernunft

30 Jahre Partnerschaft HUGO BOSS & McLaren Foto: HUGO BOSS, McLaren 27 Bilder

Nur fünf der zwölf Formel 1-Teams sind ausreichend finanziert. Trotzdem wollen die Topteams den Kostenreduzierungsplan aufweichen, fordern mehr Personal und mehr Testfahrten. Ein gefährliches Spiel, das von wenig Weitblick zeugt.

18.08.2011 Michael Schmidt

Wer ist in der Formel 1 gesund finanziert? Red Bull, Ferrari, McLaren und Mercedes. Dazu noch Sauber, die dank Finanzspritzen aus Mexiko und Sponsoren aus dem mittelamerikanischen Raum auf rund 100 Millionen Euro Budget kommen. Alle anderen müssen den Euro zwei Mal umdrehen. Force India operiert mit 75 Millionen. Damit führt der Rennstall aus Silverstone das Mittelfeld an und kann hin und wieder Mercedes ärgern. Für den nächsten Schritt aber bräuchte das Team noch einmal zehn bis 15 Millionen. Der nächste Schritt hieße Platz vier. Red Bull, Ferrari und McLaren kann man vergessen. Die sind unerreichbar weit weg. Da werden pro Jahr jenseits von 200 Millionen verbrannt. Egal, was die Teams einem vorrechnen.

Teams tricksen und täuschen

Der Kostenreduzierungsplan ist längst ein Papiertiger geworden. "Die Teams an der Spitze halten sich schon lange nicht mehr dran. Die tricksen und täuschen", heißt es frustriert aus dem Mittelfeld. In Bezug auf das Personal geht das realtiv einfach. Eigentlich sind in diesem Jahr nur 350 Mitarbeiter für Konstruktion, Fertigung und Einsatz der Autos erlaubt. Und maximal 30 Millionen Euro Fremdleistungen. Das eine kann mit dem anderen gegengerechnet werden. Pro Mitarbeiter mehr, 100.000 Euro Fremdleistung weniger.

2012 soll die Belegschaft auf 315 schrumpfen. Ein Wunschdenken. Wer den Entwicklungsaufwand der drei Topteams sieht, weiß, dass der Output mit diesem Personalbestand gar nicht möglich ist. Möglichkeiten, Angestellte zu verstecken, gibt es viele. Auch Showcars, alte Rennautos für Kunden wollen gepflegt werden. Wer kann schon sagen, ob der eine oder andere Mitarbeiter in dieser Abteilung nicht ein Doppelleben führt.

Inzwischen ist es modern geworden, dass die großen Teams ihre Werkzeuge und Leute den kleinen Rennställen anbieten. McLaren tut es mit Force India und Virgin. Mercedes mit Hispania. Williams mit Lotus. Unmöglich festzustellen, ob wirklich 100 Prozent der Arbeitskraft auch beim Kunden ankommen und ob nicht doch etwas für eigene Zwecke abgezweigt wird.

Mehr Personal an der Strecke

In manchen Bereichen gehen die Topteams ganz offen mit ihren neuen Expansionsplänen um. Und zwar in den Disziplinen, in den das Täuschen schwierig ist. Red Bull, Ferrari und McLaren verlangen deutlich mehr Personal an der Rennstrecke. Das ist seit letztem Jahr auf 47 beschränkt, soweit die Mitarbeiter mit dem Einsatz der Autos zu tun haben. Red Bull träumt von einer Aufstockung auf 65, McLaren auf 55. Selbst Williams würde einem Zuwachs auf 52 Leute zustimmen. Mercedes und Sauber haben den Versuch vorerst lahmgelegt.

Da fragt man sich: Wenn es jetzt eineinhalb Jahre mit 47 gut gegangen ist, wozu braucht man jetzt plötzlich mehr? Für Spione, die notieren welche Reifen der Gegner gerade aufgezogen hat und die im Rennen die Boxenmannschaft der Konkurrenz beobachten, nur um herauszufinden, ob der nächste Reifenwechsel ansteht oder nicht? Die Lösung ist ganz einfach: Wenn keiner einen Spion mitbringen kann, ist es genauso gut, als wenn jeder einen hat. Nur billiger.

Red Bull behauptet, man brauche zwei zusätzliche Mitarbeiter, um Komponenten vor Ort auf Schäden zu untersuchen. Williams entgegnet, dass diese Aufgabe von den 47 Leuten vor Ort mit übernommen würde. Sauber entkräftet den Einwand damit, dass man im Zweifel neue Teile einsetze. Die in Frage stehenden Komponenten könne man in der Fabrik immer noch untersuchen.

Der Grund, warum die großen Teams trotzdem Materialprüfer in den Boxen haben wollen, ist ein ganz anderer. Sie bringen soviele Entwicklungsteile mit zu einem Grand Prix, dass die nicht immer in ausreichender Menge vorhanden sind, demzufolge an Ort und Stelle gecheckt werden müssen, weil Ersatz nicht im Gepäck ist. Dafür gibt es eine einfache Lösung: Reduziert die Schlagzahl und erfindet nicht zu jedem Rennen das halbe Auto neu. Am Ende trifft es jeden gleich. Red Bull wie Hispania.

Kundenteams sind käuflich

An der Spitze zwingt der Erfolgsdruck die Teams zu einem Wettrüsten wie in den Tagen ohne Limits. So wenig wie Ferrari und McLaren es zulassen konnten, dass Red Bull jedes Rennen gewinnt, so wenig will Red Bull jetzt die jüngsten Niederlagen gegen die Verfolger hinnehmen. Weil nicht alle Entwicklungsstufen sofort funktionieren, wurde schnell wieder der Ruf nach mehr Testfahrten laut, vor allem während der Saison. Zum Glück sprachen sich die kleinen Teams dagegen aus. Auch 2012 darf nur 15 Tage getestet werden. Einziger Unterschied: Jedes Team darf drei Tage davon unter der Saison in Anspruch nehmen. Die Qualität der Rennen 2011 zeigt, dass dies völlig genügt. Die Grand Prix sind in diesem Jahr spannender als zu den Zeiten, als unbegrenzt getestet werden durfte. Von mehr Testfahrten profitieren nur die großen Teams. Und der Überraschungsfaktor geht gegen null. Im Sinne der Show könnten ruhig mehr Autos pro Rennen ausfallen. 

Die Frage ist, wie lange sich noch die kleinen Teams gegen die großen stemmen können. Die Allianzen zwischen Groß und Klein haben auch zum Ziel, sich bei Kontroversen Stimmen zu kaufen. ToroRosso stimmt grundsätzlich so wie Red Bull. Auch wenn es gegen die eigenen Interessen geht. Dabei ist ToroRosso das perfekte Beispiel dafür, welche Rolle der Faktor Geld spielt. Die Red Bull-Filiale aus Faenza macht einen exzellenten Job mit den Mitteln, die dem Rennstall zur Verfügung stehen. Trotzdem müssen sie froh sein, wenn sie in die Punkte fahren. Ein Husarenstück wie 2008 in Monza mit dem Sieg von Sebastian Vettel ist nicht mehr möglich, seit man auf eigenen Beinen steht.

2008 hing ToroRosso noch am Tropf des A-Teams aus Milton Keynes. Doch Kundenteams sind langfristig keine Lösung, auch wenn Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo in regelmäßigen Abständen davon träumt. Es gehört zur Formel 1, dass jeder sein Auto selbst baut. Sonst sind wir irgendwann auf dem Niveau der GP2 oder IndyCars. Ex-FIA-Präsident Max Mosley sieht nur einen Weg: "Es muss mehr Gleichheit bei den Mitteln geschaffen werden. Die FIA sollte realisieren, dass einer, der fünf Mal soviel Geld hat wie ein anderer, den gleichen Vorteil hat, wie einer der mit einem Motor mit mehr Hubraum antritt. Wenn du echten Sport willst, musst du sicherstellen, dass jeder vergleichbare Ressourcen hat. Nicht die gleichen, aber vergleichbar."
Die Topteams haben weiter Scheuklappen auf. Sie glauben tatsächlich, dass die Welt in der Formel 1 in Ordnung ist. Die Fahrer, die sich auf dem Transfermarkt umgehört haben, sprechen eine andere Sprache. "Ab Renault abwärts will jeder Geld von dir haben", verzweifelt Nico Hülkenberg. Also sieben der zwölf Teams. Eine gefährliche Entwicklung. Das sollte allen eine Warnung sein, die vor lauter Geld in der Kasse nicht über den eigenen Tellerrand hinausblicken können.

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