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Nico Hülkenberg

Der Williams-Testfahrer im Porträt

Nico Hülkenberg, Williams-Testfahrer Foto: Daniel Reinhard 8 Bilder

Nico Hülkenberg gilt als der nächste deutsche Formel 1-Pilot. Der Williams-Testfahrer bereitet sich nicht nur mit GP2-Rennen auf sein Debüt in der Königsklasse vor. Hülkenberg arbeitet auch bei Williams in der Fabrik.  

25.08.2009 Michael Schmidt

Der Chef heißt Paul. In seiner Abteilung schneiden, laminieren und präparieren 18 Mitarbeiter und ein Azubi im Dreischichtbetrieb Kohlefaserteile. Der Auszubildende heißt Nico Hülkenberg, von Hauptberuf Rennfahrer, auf dem Sprung in die Formel 1. Der 21-jährige Rheinländer ist bei Williams eigentlich als Testfahrer angestellt, doch weil er wegen der Testbeschränkungen kaum noch zum Fahren kommt, will er das Geschäft von der anderen Seite kennen lernen.

Nico Hülkenberg arbeitet unentgeldlich

Er steht in der Williams-Fabrik an der Werkbank. Wenn Nico Rosberg einen neuen Frontflügel bekommt, dann wurde ein kleiner Teil davon, vielleicht ein Flap, vom anderen Nico laminiert. Der Anstoß kam von Nico Hülkenberg selbst. "Ich wollte mich nicht anbiedern, es war auch kein Zwang dabei oder irgendwie der Hintergedanke, dass ich deswegen schneller zu einem Stammplatz komme. Die Arbeit macht keinen schnelleren, aber einen besseren Rennfahrer aus mir. Weil ich so besser verstehe, wie ein Rennauto funktioniert." Unentgeltlich natürlich. "Frank Williams würde mich wahrscheinlich rauswerfen, wenn ich nach Geld fragen würde", lacht der Blondschopf. Der Teamchef lobt: "Nico lernt Dinge, die er sonst nicht lernen würde. Aber am Ende, zählt immer nur eines: Er muss Gas geben."

Einen eigenen Overal hat Nico Hülkenberg nicht

Man betritt den Raum durch eine Schleuse. Arbeiten mit Karbon verlangt absolute Sauberkeit und gleichbleibende Temperaturen. In der Abteilung tragen alle einen weißen Overall. Hülkenberg hat heute die Kluft von Vic Claydon an. Der Kollege arbeitet in einer anderen Schicht. "Zu einem eigenen Kittel hat es nie gereicht." Teilzeitarbeiter Hülkenberg hilft im Karbonshop drei bis vier Stunden pro Tag aus. Wenn er mit seinem Fitnessprogramm durch ist: Laufen, Radfahren, Kraftraum, aber alles mit Augenmaß. "Ich höre auf meinen Körper", sagt der amtierende Meister der Formel 3-Euroserie und will damit andeuten, dass er nicht zu den Vergifteten zählt, die bis zum Umfallen trainieren. Bei den Jungs in der Fabrik kommt der Gastarbeiter aus Deutschland gut an. "Sie sehen, dass da einer Hand anlegt statt nur ans Fahren und die Freizeit zu denken", sagt Sam Michael, der technische Direktor des Teams.

Nico Hülkenberg wird ein Teil des Teams

Frank Williams fällt auf: "Der Junge ist bei unserer Mannschaft sehr populär. Er gibt ihnen das Gefühl, dass er sich für ihre Arbeit interessiert." Hülkenberg erweitert nicht nur sein Fachwissen, wenn er Fabrikdienst schiebt. Er wird ein Teil des Teams, lernt die Ausdrucksweise der Mechaniker. Und Englisch, "vor allem die Fachbegriffe. Die Schimpfwörter kannte ich vorher schon." Das kann von Vorteil sein, wenn er mal vom Test- zum Rennpiloten aufsteigt. Sam Michael ergänzt: "Es ist gut, wenn ein Rennfahrer mit eigenen Augen sieht, welche Arbeit in so einem Auto steckt."

An Flügeln, Leitblechen und der Fahrzeugnase darf Nico mitarbeiten

Der Spediteurssohn aus dem Rheinland wollte auch auf eigenen Füßen stehen. Ende März zog er nach Oxford. Ein großer Sprung aus dem vertrauten Emmerich. Die erste Station des Do-it-yourself-Kurses war die Kohlefaserfertigung. "Eine richtige Lehre bei uns dauert sechs Monate", erzählt Paul. Die komplizierten Teile wie das Chassis und den Unterboden überlässt der Praktikant den Spezialisten, "aber an Flügel, Leitbleche oder die Fahrzeugnase darf Nico ran". Hülkenberg legt anhand einer Bauvorlage zwei Kohlefaserlagen exakt ausgerichtet in die Negativform einer FW31-Nase, hantiert mit einem Haftspray und erklärt: "Die Rundungen müssen genau passen, da gibt es unheimlich viele Tricks. Ich habe zwei Wochen zugeschaut, bis mir die Jungs kleinere Jobs überlassen haben."

Der Perfektionsgrad der Formel 1 begeistert den Rennfahrer

Inzwischen ist der Rennfahrer mit Zweitjob bereits wieder umgezogen. Mit Sub-Assembly bezeichnen die Engländer den Ort, wo bestimmte Komponentengruppen zusammengeführt werden, bevor sie zum endgültigen Aufbau des Autos weiterwandern. Hülkenberg lernt gerade, wie eine Vorderradbremse, ein Getriebe und ein Differenzial entstehen. Und staunt, "wie klein, leicht und filigran die Ritzel, Gänge und Lager sind, die da in einer Wahnsinnsgeschwindigkeit ineinandergreifen. Und nichts geht kaputt."

Der letzte Teil seiner Reise durch die Williams-Fabrik endet im Herbst mit zwei Monaten Lehrzeit im Windkanal. Der Perfektionsgrad der Formel 1 begeistert den Rennfahrer: "Ein GP2-Auto ist dagegen ein Traktor." Dass da am Ende ein Produkt herauskommt, das optimal funktioniert, ist immer wieder ein kleines Wunder. "Die Abteilungen arbeiten alle getrennt. Irgendwann wird dieses Puzzle zusammengesetzt. Fast immer passt es auf den letzten Millimeter. Wenn nicht, gibt es Stress." Stichwort GP2. Seine Rennen sind natürlich ein Thema an den Werkbänken in Grove. "Die Mechaniker fragen mich nach jedem Wochenende aus. Auch Frank Williams und Patrick Head studieren die Rennen ganz genau."

Nico Hülkenberg fuhr in der GP2 am Nürburgring nach ganz vorne

Nach ein paar Anlaufschwierigkeiten hat sich Hülkenberg ausgerechnet bei seinem Heimrennen am Nürburgring mit zwei Siegen in der Tabelle auf Platz eins durchgeboxt. Im Training war der ART-Pilot auf Anhieb Stammgast in den vorderen Startreihen. Bei den Rennen dauerte es etwas länger, bis er die guten Startplätze umsetzen konnte: "Wir mussten erst lernen, das Setup- Fenster genauer zu treffen, um den Abbau der Hinterreifen zu verringern." Bridgestone liefert in diesem Jahr weichere Mischungen, und das stellt die Teams vor große Probleme. Am schnellsten löste sie das BarwaAddax-Team mit den Fahrern Romain Grosjean und Vitaly Petrov. Es wurde viel gemunkelt über die Dominanz in den ersten Saisonrennen, vor allem weil Grosjean der Protegé von GP2-Chef Flavio Briatore ist. Hülkenberg bleibt sachlich: "Entweder haben die eine Sache gefunden, nach der wir alle noch suchen, oder sie sind wirklich besser beim Abstimmen des Autos."Mittlerweile hat der Emmericher den Dreh raus. Mit einem fast perfekten Wochenende in Valencia vergrößerte er den Vorsrprung in der Gesamtwertung auf 20 Punkte.

Hülkenberg ist der Schützling von Schumacher-Manager Willi Weber

Der lang gewachsene Schützling von Schumacher-Manager Willi Weber fährt bei ART umsonst. Das ist nicht selbstverständlich, denn die meisten Fahrer kaufen sich in siebenstelliger Höhe ein. "Was soll ich denn schon bringen?", zuckt Nico die Schulter. "Ich hab doch nur zwei Euro." Er sieht die GP2 als ideales Sprungbrett für die Königsklasse, gerade jetzt, wo er in der Formel 1 im Winter nur 800 Testkilometer abspulen konnte. "Der Sprung von der GP2 in die Formel 1 ist zwar genauso groß wie der von der Formel 3 in die GP2. Aber es ist eine harte Schule, vor allem für einen Neuling wie mich. 21 meiner Gegner sind schon im zweiten, dritten oder vierten Jahr dabei. Sie kennen die Strecken und die Autos."

Die GP2-Renner sind zwar träger als ein Formel 3, doch mit 600 PS Motorleistung, Wippenschaltung, Karbonbremsen und Boxenstopps kommt wenigstens ein bisschen Formel 1-Gefühl auf. "In Monte Carlo sind wir drei, in Istanbul sieben Sekunden langsamer als die Formel 1-Autos." Trotzdem, Testfahrten lassen sich durch nichts ersetzen. "Als ich mal drei Monate Pause hatte, da fühlte sich der Williams wieder fremd an für mich. Ich musste mich erst wieder an die Sitzposition, das Lenkrad, das Fahrgefühl gewöhnen." Seit er bei Williams hinter die Kulissen schauen kann, merkt er, wie groß der Sprung nach oben noch ist.

Möglicherweise fährt Nico Hülkenberg schon 2010 in der Formel 1

"Bei ART arbeiten zwölf, bei Williams 500 Leute. Das ist wie Tag und Nacht." Ob er schon im nächsten Jahr den Aufstieg schafft, hängt von einem anderen Nico ab. Sollte Rosberg zu McLaren oder Brawn GP abwandern, wäre ein Cockpit für Hülkenberg frei. Williams hat eine Option auf Hülkenberg. Der Chef urteilt vorsichtig: "Es ist nicht unmöglich, dass Nico 2010 für uns fährt. Vorher bräuchten wir aber einen erfahrenen Piloten für das andere Auto."

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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