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Formel 1: Jacques Villeneuve

Immer fit für ein mögliches Comeback

Jacques Villeneuve Foto: xpb 7 Bilder

Die Formel 1 ist High Tech - auch die Trainingsmethoden. Ex-Champion Jacques Villeneuve bereitet sich auf einem Simulator seines Trainers Erwin Göllner für ein Comeback vor. Die Maschine erlaubt sogar das Fahren im Stand.

28.04.2010 Michael Schmidt

Die Folterkammer ist zwei Meter lang, einen Meter breit und 1,30 Meter hoch. Der Glaskasten ist vollgestopft mit elektropneumatischen Stellmotoren, Kabelsträngen, Seilzügen, die über Rollen gleiten, einem Sitz und einem Lenkrad wie in der Formel 1. Mittendrin kauert ein Rennfahrer in voller Montur: Er ruckt mit dem Kopf nach rechts, nach links, vorne und hinten, macht sparsame Bewegungen mit Armen und Beinen und starrt auf einen Bildschirm, auf dem Zahlenkolonnen erscheinen und Balken auf und ab oszillieren. Jede Minute macht die Pneumatik ein Geräusch, das an eine alte Dampflok erinnert, die in den Bahnhof einfährt.

Villeneuve glaubt weiterhin an sein Comeback

Als Jacques Villeneuve nach einer Stunde und vier Minuten aus dem Simulator klettert, ist er nassgeschwitzt, als hätte er den Iron Man auf Hawaii bestanden. Der Weltmeister von 1997 trainiert für sein Comeback. Ein Comeback, von dem er noch nicht einmal weiß, ob es je stattfindet. Bei StefanGP wäre der 38-jährige Kanadier gesetzt gewesen, doch der serbische Rennstall bekam keine Zulassung für die Saison. "Ich mache trotzdem weiter", beharrt Villeneuve. "Die letzte Saison hat gezeigt, dass die Teams ihre Fahrer auch während der Saison austauschen. Und die Rückkehr von Schumacher und de la Rosa ist ein Zeichen dafür, dass Erfahrung wieder mehr geschätzt wird."
 
Doch Villeneuve hat wie alle Piloten auf Abruf ein Problem. Die Testbeschränkungen verhindern, dass Fahrer ohne Job Fahrpraxis bekommen. Also Trockentraining. Man kann noch so viel joggen, radfahren oder Gewichte stemmen - die Belastung eines Formel 1-Piloten ist durch artfremdes Training nicht reproduzierbar. "Wenn du dich beim Bremsen oder in den Kurven im Sitz verspannst", sagt Villeneuve, "werden Muskelpartien im Rücken angesprochen, von denen du gar nicht wusstest, dass es sie gibt." Vom Nacken ganz zu schweigen.

Die Trainingsmaschine ist vergleichbar mit einem Rolls Royce
 
Deshalb kam dem elffachen GP-Sieger und seinem Betreuer Erwin Göllner 1996 die Idee, eine Maschine zu entwerfen, auf der man im Stand Formel 1 fahren kann. "Wir wollten den anderen einen Schritt voraus sein", erklärt der Ex-Champion. "Und damit das Training nicht langweilig wird, fährst du gegen dich und deine Bestwerte." Inzwischen gibt es den Simulator in seiner vierten Ausbaustufe. Wo früher der Fahrer die Gewichte noch selbst einhängen musste, geht jetzt auf Knopfdruck vom Lenkrad aus alles vollautomatisch. Die rund 400.000 Euro teure Maschine ist verglichen mit ähnlichen Geräten auf dem Markt ein Rolls-Royce.
 
Wer die technikverliebte Formel 1 kennt, fragt sich, warum die Rennställe bei diesem Thema geschlafen haben. Das Formel 1-spezifische EKG wäre ideal für alle Fahrer, die nicht zum Fahren kommen. Oder die in der renn- und testlosen Zeit fit bleiben wollen. Die Sitzposition ist individuell für jeden Probanden einstellbar - per Memorystick. Es ließe sich auch mit den Fahrsimulatoren kombinieren, auf denen die Teams neuerdings die Abstimmungsarbeit durchführen und die Fahrer das Streckentraining.

Das Trainingsgerät simuliert reale Fahrbedingungen
 
Grob gesagt funktioniert das moderne Folterwerkzeug so: Elektropneumatische Stellmotoren zerren über vier Seilzüge am Helm des Fahrers und simulieren so eins zu eins die Fliehkräfte in Kurven, die Verzögerungskräfte beim Bremsen und den Ruck beim Schalten der Gänge. Von fünf bis 42,5 Kilogramm, was im Maximalwert fünf g entspricht. Der Fahrer gibt über eine Software ein, was er trainieren will und mit wie vielen Wiederholungen. Die anhand von Telemetriedaten erstellten Programme simulieren alle Arten von Kurven in beliebiger Folge. Mal hält der Proband den Kopf gegen eine Kraft, mal bringt er die Kraft selbst auf, um den Kopf in Normallage zu bringen. "Wir sprechen von einem statischen und einem dynamischen Programm", erklärt Göllner. "Je nachdem, ob wir Muskeln aufbauen oder auf Ausdauerleistung trainieren wollen."
 
Die Höhe der Zugkraft, der Aufbau der Kraft bis zum Maximalwert und die Dauer der Belastung lassen sich einstellen, dazu liefert der Bildschirm die Zahl der Wiederholungen, des Gesamtgewichts und des Kraftverlaufs sowie den Vergleich mit den Werten aus der Datenbank, die ständig aktualisiert wird. Gleiches gilt für die anderen Anwendungen. Der Widerstand im Lenkrad trainiert die Armmuskeln. Das linke Bein stemmt sich gegen eine Kraft von bis zu 80 Kilogramm. Das entspricht einer Vollbremsung von 300 auf 80 km/h. Obwohl die Gurte Villeneuve im Sitz so festbetonieren wie im richtigen Rennauto, sieht man, wie sich beim Bremsen der Körper in der Kunststoffschale verdreht. Gegen den Gasfuß drückt ein Stempel. Im richtigen Leben müssen die Fahrer in schnellen Kurven dagegen ankämpfen, dass ihnen Fliehkräfte von bis zu fünf g den Gasfuß vom Pedal reißen.

Selbst die Luftfeuchtigkeit kann simuliert werden
 
Das Trainingsgerät erlaubt alle Varianten von Folter. Jeder Kraftakt einzeln oder im Mix. Der Pulsmesser ist immer im Blickfeld. Ein elektronisch gesteuertes Heizsystem kann 40 Grad und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit in Malaysia simulieren oder durch Sauerstoffentzug 2.200 Meter Meereshöhe in Mexiko-City, wenn auf der mexikanischen GP-Strecke noch gefahren würde. Über eine Trinkflasche wird dem Mann in der Glaskuppel Flüssigkeit zugeführt. Die Arbeit im Sitzen strengt an, weil es in der Kammer keinen Luftzug gibt. Villeneuve applaudiert: "Ich kenne nichts Besseres auf diesem Gebiet." Göllner ergänzt: "Die Teams investieren so viel Geld in die Technik, aber beim Fahrer sparen sie."
 
Jetzt müsste Villeneuve nur noch ein Cockpit haben. Der Mann, der 1997 Michael Schumacher im Finale in Jerez besiegte, ist ruhiger geworden. Er findet sogar für seinen damaligen Erzfeind lobende Worte: "Michael wird noch besser sein als in seiner ersten Karriere, weil er die Fehler, die er damals gemacht hat, heute nicht mehr machen wird. Bei mir wäre es genauso." Ob 38 oder 41 Jahre, das sei kein Alter, sagt der quirlige Kanadier: "Das Alter setzt dir heute viel später Grenzen. Schau dir Eishockey an. Da spielen noch Enddreißiger auf Weltklasseniveau. Weil wir alle viel gesünder leben. Wir haben dadurch zehn Jahre dazugewonnen." Die Grenze, so Villeneuve, sei nur der Kopf: "Wenn du so hungrig wie Schumacher bist, wird das Alter zur Trumpfkarte. Weil er und ich von unserer Erfahrung profitieren können."

Mehr Informationen unter www.goellnersport.at.

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