Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Formel 1-WM Endspurt, Teil 4

Titelrennen: Fünf Fahrer für einen Titel

Stefano Domenicali Martin Whitmarsh Christian Horner Foto: xpb 11 Bilder

Nur 24 Punkte trennen die ersten Fünf in der Weltmeisterschaft. Das ist weniger als ein Sieg. Doch wer hat die besten Chancen im Titelrennen? Das Kräfteverhältnis hat sich leicht Richtung Red Bull verschoben. McLaren verschenkte einen Sieg. Ferrari hat seine letzte Chance gewahrt.

22.09.2010 Michael Schmidt

Der Fünfkampf um den Titel elektrisiert die Formel 1. Doch werden Mark Webber, Lewis Hamilton, Fernando Alonso, Jenson Button und Sebastian Vettel auch noch im Finale in Abu Dhabi mit Titelchancen am Start stehen? Es wäre ein Novum in der 61-jährigen Geschichte der Formel 1-WM. Bislang gingen maximal drei Piloten mit Chancen in das letzte Rennen. Gar nicht mal so selten. 1950, 1959, 1964, 1968, 1974, 1981 1983, 1986 und 2007 war der letzte Akt der Weltmeisterschaft ein Dreikampf.

Wer hat die besten Chancen?

Somit könnte die Saison 2010 Geschichte schreiben. Die Top 5 hängen seit dem ersten Rennen zusammen wie die Kletten. In vier der 14 Rennen haben alle fünf WM-Kandidaten gepunktet. Neun Mal landeten vier der glorreichen Fünf in den Punkterängen. Nur einmal verließen gleich drei Titelaspiranten den Ort des Geschehens mit einem Nuller. Das war in Spa. Das Quintett hat alle 14 Siege abgeräumt, 32 der 42 Podestplätze und 863 der zur Verfügung stehenden
1.414 Punkte.

So weit die Vergangenheit. Doch wer hat im Titelkampf die besten Aussichten? Der GP Italien war ein Meilenstein für die Ambitionen von Red Bull, und das obwohl Sebastian Vettel und Mark Webber nur auf den Plätzen vier bis sechs landeten. Red Bull gelang auf ihrer Angststrecke die perfekte Schadensbegrenzung. Der Ausfall von Lewis Hamilton war eine Zugabe. Red Bull hat für die verbleibenden fünf Rennen das beste Auto und man führt beide WM-Wertungen an. Selbst wenn McLaren und Ferrari in Korea, Brasilien und Abu Dhabi auf Augenhöhe fahren können, wäre das für Vettel und Webber kein Beinbruch. Sie müssen nur auf ihren Strecken Singapur und Suzuka ein Polster einfahren, das sie dann gelassen bei den letzten drei Rennen verteidigen können.

Der Red Bull ist überall gut

Der Red Bull RB6 hat gegenüber seinen Konkurrenten den Vorteil, überall gut zu sein. Selbst in Monza, wo man sich noch am wenigsten ausrechnete. Doch im Vergleich 2009 war die diesjährige Vorstellung eine hundertprozentige Steigerung. Wer in die Ergebnisse von Spa und Monza hineininterpretiert, dass Red Bull wegen der schärferen Belastungstests für den Frontflügel und den Unterboden Federn lassen musste, sollte vorsichtig sein. Er könnte in Singapur eine böse Überraschung erleben.

Mal abgesehen davon, dass Red Bull auf den Hochgeschwindigkeitsstrecken unter seinem Topspeed-Manko litt und der Aerodynamikvorteil immer dann schrumpft, wenn wenig Abtrieb gefragt ist, sind Spa und Monza keine Rennstrecken für den Flatterflügel. Das liegt daran, dass die Autos dort mit minimaler Bodenfreiheit und wenig Federweg gefahren werden. Der Frontflügel-Trick funktioniert erst, wenn Red Bull das Auto hinten hoch fahren und nach vorne anstellen kann. Dann werden auch wieder die Flügel ausgepackt, die sich bei horizontaler Verdrehung nach hinten auf die Straße absenken. Dazu kommt für Singapur ein letztes großes Facelift. Bei Adrian Newey muss man damit rechnen, dass er wieder ein paar Zehntel gefunden hat.

Red Bull kann sich nur selbst ein Bein stellen

Red Bull kann eigentlich nur über seine eigenen Füße stolpern. Das haben sie in den ersten 14 Rennen mehrmals unter Beweis gestellt. Die Autos sind nach wie vor nicht kugelsicher, was Vettels kurzfristiges Bremsproblem und Webbers Defekte im freien Training in Monza bestätigt haben. Die Starts gehen zu oft in die Hose, meistens aus  technischen Gründen. Auf Strecken mit langen Geraden wie Korea, Interlagos und Abu Dhabi kann ein schlechter Start tödlich sein, weil dem Red Bull der Topspeed fehlt, um zu kontern.

Der bisherige Verlauf der WM hat gezeigt, dass die Fehlerquote bei Fahrern und Strategen immer dann steigt, wenn man haushoch überlegen ist. Sobald Red Bull wie in Monza aus der Defensive agieren muss, machen die Beteiligten alles richtig. Siehe Vettels Strategie mit dem späten Reifenwechsel.

Kostet Hamilton der Monza-Fehler den Titel?

McLaren-Mercedes hat in Monza einen Satzball verspielt. Lewis Hamilton bestätigte: "Der Ausrutscher in der zweiten Schikane kann mich den WM-Titel kosten." Ein Sieg beim GP Italien war fest eingeplant. Monza war von der Papierform her eine McLaren-Strecke. Hamilton wollte sich mit einem Sieg Luft für Singapur und Suzuka schaffen, zwei Streckentypen auf denen McLaren aufgrund der Fahrzeugcharakteristik den Schaden begrenzen muss. Wenn Red Bull dort ausnahmsweise mal pannenfrei über die Runden kommt, könnte der Rückstand für Hamilton schon zu groß sein, um bei den letzten drei Rennen noch zu kontern.

Jenson Button ist immer irgendwie zur Stelle, doch der Titelverteidiger lässt den Killerinstinkt seines Kollegen vermissen. Button hat vor allem immer dann ein Problem, wenn das Auto schwierig zu fahren ist. Siehe Silverstone, siehe Budapest. Singapur und Suzuka sind von der Streckencharakteristik her ähnliche Strecken. Der noch amtierende Weltmeister wird in den nächsten beiden Rennen über seinen Schatten springen müssen, um im Geschäft zu bleiben.

Schwächen bei McLaren

Das Auto zeigt Schwächen auf Strecken, auf denen viel Abtrieb verlangt wird. In Monte Carlo und Budapest waren die McLaren nur Mittelmaß. In Barcelona und Silverstone fuhr man auf Augenhöhe mit Ferrari, sah aber gegen Red Bull kein Land. Daran wird sich auch im Finale wenig ändern, obwohl die Traktion besser geworden ist, seit man den angeblasenen Diffusor im Griff hat. Das Aerodynamikkonzept von McLaren erlaubt kein weiches Fahrwerk und damit auch keine biegsamen Frontflügel. Deshalb kämpft Technikchef Paddy Lowe auch so verbissen um das Verbot der Flatterflügel.

Taktisch hat sich McLaren in diesem Jahr nichts vorzuwerfen. Der Kommandostand traf meistens die richtigen Entscheidungen. In Monza waren den McLaren-Strategen die Hände gebunden. Ferrari hielt in der Verfolgerrolle die Trumpfkarte in der Hand. Man musste nur warten, bis McLaren einen Zug machte und konnte dann dementsprechend reagieren. Technisch ist McLaren nicht ganz sattelfest. Drei Ausfälle gingen auf das Konto von Defekten. Während die Red Bull sich meistens noch angeschlagen irgendwie ins Ziel retten, bleiben die McLaren mit ihren Problemen gleich stehen.

Ferrari ist Meister der Zuverlässigkeit

Weltmeister der Zuverlässigkeit ist Ferrari. Bis auf Alonsos Motorschaden in Malaysia haben die Roten eine weiße Weste. Das könnte im Titelkampf noch eine Rolle spielen. Der Spanier muss nur seine überraschend hohe Fehlerquote in den Griff bekommen. Dafür hat er den Vorteil, dass er die unumstrittene Nummer eins im Team ist. Felipe Massa muss sich hinter ihm anstellen, ob er will oder nicht. Alonsos Gegner müssen sich mit Stallregie noch Zeit lassen.

Der Punkteabstand erlaubt es weder McLaren noch Red Bull, einen seiner Piloten auf den Titel zu spielen. Webber trennen 24 Zähler von Vettel, Hamilton 17 von Button. Der Ferrari F10 ist wie der McLaren MP4-25 ein Auto für gewisse Strecken. Je mehr Stop and Go, umso besser. Dafür schwächelt der Ferrari in langgezogenen Kurven. Und hat immer dann ein Problem, wenn die harten Reifenmischungen im Angebot sind. Nachdem die Techniker die große Unterboden-Modifikation von Spa im zweiten Anlauf in den Griff bekommen haben, hofft Alonso, dass die starken Schwankungen seines Dienstfahrzeuges der Vergangenheit angehören.

"Der Schlüssel zum WM-Titel ist Konstanz", fordert der Ex-Champion. Man wird erst in Suzuka wissen, ob sein Wunsch in Erfüllung gegangen ist. Einen Joker hat die Technikertruppe um Aldo Costa noch in der Hinterhand. Noch blasen die Auspuffgase nur auf den Diffusor. Costa wird sich genau überlegen, ob er auch den letzten Schritt wagt, und einen Teil der Auspuffgase ins Innere des Diffusors abzweigt. McLaren hat drei Rennen gebraucht, um diese Technik in den Griff zu bekommen. Wie sagte Alonso: "Wir können uns keinen Fehler mehr leisten."

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden