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Formel 1 zu einfach?

Moderne Rennfahrer besser ausgebildet

Max Verstappen - Toro Rosso - GP Spanien - Qualifying - Samstag - 9.5.2015 37 Bilder

Es ist ein Kritikpunkt an der modernen Formel 1. Sie ist zu einfach. Jeder setzt sich ins Auto und ist sofort schnell. Doch dieses Phänomen sehen wir schon seit 20 Jahren. Es liegt nicht nur an den Autos, sondern an der guten Ausbildung der Rennfahrer.

29.06.2015 Michael Schmidt

Die Frage brachte Felipe Massa auf die Palme. Sind die aktuellen Autos zu leicht zu fahren? Der Brasilianer reagierte ungewohnt aggressiv mit einer Gegenfrage: "Willst du dich mal in eines unserer Autos setzen? Dann wirst du sehen, dass es nicht einfach ist." Massa lässt nur ein Urteil zu: "Die Autos von heute stellen andere Anforderungen als früher, aber sie sind schwer zu fahren. Auch wenn man am Fernseher vielleicht einen anderen Eindruck bekommt."

Tatsache ist: Heute steigt kein Fahrer mehr schweißgebadet aus. Was an den niedrigeren Kurvengeschwindigkeiten liegt. "Je schneller, umso mehr Fliehkräfte wirken auf den Körper. Und das strengt an", erklärt Massa. Heute liegt der Schwerpunkt woanders. Wie bringt man die Power am besten auf die Straße? Es ist Gefühl im Gasfuß verlangt. "Früher bis du am Kurvenausgang einfach aufs Gas gelatscht", gibt auch Romain Grosjean zu.

Und dann noch die vielen Knöpfe am Lenkrad. Massa: "Dauernd wirst du mit irgendwelchen Kommandos zugedröhnt. Manche machst du einfach, ohne zu wissen, was es bedeutet. Andere setzt du ganz gezielt ein, um das Fahrverhalten zu verbessern. Das ist eine Herausforderung an deine Konzentrationsfähigkeit."

Räikkönen als Argument gegen Formel 1-Kritiker

Als Paradebeispiel für eine angeblich zu leichte Formel 1 gilt Max Verstappen. Wie kann einer, der eigentlich noch die Schulbank drücken müssen, auf Anhieb so schnell mit einem Formel 1-Auto fahren? Das kann im Umkehrschluss nur heißen: Diese Autos sind Seifenkisten.

Zu einem ähnlichen Schluss könnte man kommen, wenn man die Rundenzeiten des gerade abgelaufenen Spielberg-Tests studiert. Neulinge und Gelegenheitsfahrer wie Marco Wittmann, Antonio Fuoco, Esteban Ocon, Pascal Wehrlein, Jolyon Palmer, Pierre Gasly oder Raffaele Marciello kommen sofort auf ansprechende Rundenzeiten.

Max Verstappen ist zwar erst 17 Jahre alt, aber er ist schon seit 2005 Rennfahrer. Zuerst 8 Jahre im Kart. Dann ein Jahr in der Formel 3. Schließlich 400 Kilometer in einem alten Formel 1-Auto und 2.816 Testkilometer im Winter. Das gleiche gilt für Fahrer wie Carlos Sainz, Kevin Magnussen, oder Daniil Kvyat. Oder die Riege der Testfahrer. Alle sind unheimlich gut ausgebildet und starten ihre Formel 1-Karriere mit jeder Menge Erfahrung.

Einige wenden ein, dass Verstappen vor seiner Formel 1-Zeit nur 35 richtige Rennen gefahren ist. Und wie viele waren es bei Kimi Räikkönen? Der Iceman debütierte 2001 mit nur 23 Rennen in seiner Agenda. Und wurde später Weltmeister. Und das in einer Zeit, als die Autos nach Meinung der Kritiker noch richtig schwierig zu fahren waren.

Keine "Touristen" mehr in der Formel 1

Es liegt nicht an der aktuellen Rennformel, dass junge Fahrer sich sofort zurechtfinden. In den letzten zwei Jahrzehnten wurde das zur Regel. Die Kart-Generation kommt bestens präpariert in der Königklasse an.

Beispiele gefällig? Jaime Alguersuari debütierte beim GP Ungarn 2009 im Alter von 19 Jahren und 125 Tagen. Fernando Alonso war bei seinem Debüt 2001 in Australien 19 Jahre und 218 Tage alt. Jenson Button feierte mit 20 Jahren und 53 Tagen Premiere. Sebastian Vettel im Alter von 19 Jahren und 349 Tagen. Alle drei fanden sich sofort in der höchsten Spielklasse zurecht und wurden später auch Weltmeister.

Unter den Top 30 der jüngsten Fahrer aller Zeiten haben 10 in den Jahren zwischen 2000 und 2009 debütiert. Hören wir nicht immer, dass den Fahrern in dieser Zeit am meisten abverlangt wurde? Alle 10 Newcomer haben später WM-Punkte geholt, Vettel, Button, Alonso, Rosberg und Räikkönen sogar Siege. Wir denken nur, dass es heute jeder schafft, weil es "Touristen" wie einst Pascal Fabre, Rikki von Opel, Esteban Tuero, Giovanni Lavaggi, Alex Soler-Roig oder Emilio Villota nicht mehr gibt.

Der heutigen Generation wird auch vorgeworfen, dass ihren Vorfahren nach dem Rennen wenigstens die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben stand. Auch nicht allen. Michael Schumacher stieg meistens aus, als hätte er gerade eine Spazierfahrt hinter sich. Weil er so unglaublich durchtrainiert war. Schumacher stand Modell für seine Nachfahren. Heute sind alle superfit. Sie würden vermutlich auch nicht viel mehr schwitzen, wenn die Autos fünf Sekunden schneller wären.

Zu viel Abtrieb für zu wenig Power

Dass es für die Zuschauer so einfach aussieht, liegt an den Autos und den Rennstrecken. Die Autos haben im Vergleich zur Leistung zu viel Abtrieb. Es ist in der Regel stabiler Abtrieb. Die Ingenieure schauen heute mehr nach einem gesunden Mittelwert als nach Abtriebsspitzen. Das macht die Autos im Verbund mit Radständen von bis zu 3,50 Meter gutmütig im Fahrverhalten.

Dazu kommt, dass die Rennstrecken immer mehr Fehler verzeihen. Die Fahrer können sich ohne Risiko ans Limit tasten. Irgendwann haben sie es drauf. Es braucht schon eine Strecke wie den Red Bull-Ring mit seinem spiegelglatten Asphalt, dass die Fahrer mal in Schwierigkeiten kommen. Wir haben am Wochenende 82 Ausritte gezählt.

Die letzte Saison, in dem Formel 1-Autos wirklich schwierig zu fahren waren, liegt 21 Jahre zurück. Als die FIA die aktive Aufhängung verbot, waren die Autos unberechenbare Projektile. Das computergesteuerte Fahrwerk hat vor allem der Aerodynamik geholfen, die damals noch in den Kinderschuhen steckte.

Zuvor gab es ein Missverhältnis zwischen Power und Anpressdruck, das Fahren im Formel 1-Auto zum Ritt auf der Kanonenkugel machte. "Wenn ich mir Videos von Senna anschaue, dann hat das alles viel schwieriger ausgesehen. Obwohl er viel langsamer war", gibt Massa zu. Grosjean wirft ein: "Früher war Eau Rouge noch eine Kurve. Heute ist sie eine Gerade."

Umso mehr sind die Fahrer zu bewundern, die es in den ersten 4 Jahrzehnten der GP-Geschichte in die Formel 1 geschafft haben. Damals wurden Fehler noch bestraft. Ohne entsprechende Ausbildung, dafür mit wesentlich weniger perfekten Autos auf Rennstrecken, die keine Fehler verziehen haben.

Schon in den 50er Jahren gab es 3 Debütanten mit 21 Jahren und jünger: Peter Collins, Bruce McLaren und ein gewisser Fritz d‘Orey. Collins und McLaren wurden später auch GP-Sieger. Auch in den 60er Jahren schafften es drei Führerschein-Neulinge in die Champions League: Ricardo Rodriguez, Chris Amon und Peter Ryan. Ein Blick in unsere Top 30-Liste zeigt, dass es in allen Epochen Wunderkinder gab.

FahrerDebütAlter
1. Max Verstappen (NL)GP Australien 201517 J, 166 T
2. Jaime Alguersuari (E)GP Ungarn 200919 J, 125 T
3. Mike Thackwell (GB)GP Kanada 198019 J, 182 T
4. Ricardo Rodriguez (MEX)GP Italien 196119 J, 208 T
5. Fernando Alonso (E)GP Australien 200119 J, 218 T
6. Esteban Tuero (ARG)GP Australien 199819 J, 320 T
7. Chris Amon (NZ)GP Belgien 196319 J, 324 T
8. Daniil Kvyat (RUS)GP Australien 2014*19 J, 324 T
9. Sebastian Vettel (D)GP USA 2007*19 J, 349 T
10. Eddie Cheever (USA)GP Südafrika 197820 J, 53 T
11. Jenson Button (GB)GP Australien 200020 J, 53 T
12. Tarso Marques (BR)GP Brasilien 199620 J, 72 T
13. Sebastien Buemi (CH)GP Australien 2009*20 J, 149 T
14. Peter Collins (GB)GP Schweiz 195220 J, 192 T
15. Carlos Sainz (E)GP Australien 2015*20 J, 195 T
16. Nico Rosberg (D)GP Bahrain 2006*20 J, 258 T
17. Vitantonio Liuzzi (I)GP San Marino 2005*20 J, 261 T
18. Rubens Barrichello (BR)GP Südafrika 199320 J, 295 T
19. Elio de AngelisGP Argentinien 197920 J, 307 T
20. Felipe Massa (BR)GP Australien 200220 J, 312 T
21. Bruce McLaren (NZ)GP Deutschland 195820 J, 338 T
22. Christian Klien (A)GP Australien 200421 J, 29 T
23. Christian Fittipaldi (BR)GP Südafrika 199221 J, 43 T
24. Sergio Perez (MEX)GP Australien 201121 J, 60 T
25. Fritz d‘Orey (BR)GP Frankreich 195921 J, 102 T
26. Peter Ryan (CDN)GP USA 196121 J, 120 T
27. Andrea de Cesaris (I)GP Kanada 198021 J, 121 T
28. Kimi Räikkönen (FIN)GP Australien 2001*21 J, 139 T
29. Kevin Magnussen (DK)GP Australien 2014*21 J, 162 T
30. Pedro Lamy (POR)GP Italien 199321 J, 176 T
* Punkte beim Debüt
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