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Fragen zur Mercedes-Panne

Safety-Car kostete Hamilton 10,9 Sekunden

Safety-Car - GP Monaco 2015 Foto: Wilhelm 60 Bilder

Die Boxenpanne von Mercedes beherrscht die Diskussionen nach dem GP Monaco. Dass Lewis Hamilton unter allen Umständen auf der Strecke hätte bleiben müssen ist klar. Doch wie er hinter Nico Rosberg und Sebastian Vettel rutschte, wirft noch viele Fragen auf. Wir beantworten sie.

26.05.2015 Michael Schmidt

Ging es Ihnen auch so? Nach dem Unfall von Max Verstappen haben wir uns gleich ein paar Mal verwundert die Augen gerieben. Erst reagierte die Rennleitung mit dem virtuellen Safety-Car, dann mit dem echten. Dann kam Lewis Hamilton als einziger aus dem Spitzentrio zum Reifenwechsel an die Box. Und schließlich fädelte er sich hinter Rosberg und Vettel ein, obwohl sein Vorsprung eigentlich groß genug hätte sein müssen.

Da die TV-Kameras immer wieder auf Verstappen und seinen zerstörten Toro Rosso zurückschwenkten, blieben viele Dinge verborgen. Man muss sie sich mühsam anhand des Rennprotokolls wieder zusammenreimen. Auch 2 Tage nach der kuriosen Situation gibt es immer noch viele Fragen zur Boxenpanne des Jahres. Wir geben die Antworten.

Warum wurde nicht gleich das echte Safety-Car eingesetzt?

Gute Frage. Denn die Unfall-Warnlampe, die automatisch anzeigt, wenn eine bestimmte Verzögerung im Cockpit gemessen wird, zwingt die Rennleitung sofort zum Einsatz des Safety-Cars. Nach Aussage der Offiziellen hat man erst die Funksprüche zwischen Fahrer und Team abgehört, um daraus zu schließen, wie es dem Fahrer geht. Da die Streckenposten sofort mit ihrer Arbeit begannen, musste das Zeichen für ein virtuelles Safety-Car gegeben werden. Man rechnete mit einer fixen Bergung. "Die Jungs in Monte Carlo sind die schnellsten der Welt." Bis die Rennleitung dann auf die Unfall-Warnlampe reagierte, vergingen gefühlte 30 bis 40 Sekunden. Die genaue Zeit wurde nicht festgehalten. Die Nachricht VSC und SC wurde jeweils mit 15.28 Uhr Ortszeit protokolliert. Demnach muss die Spanne weniger als eine Minute betragen haben.

Wo war Hamilton, als das VSC-Zeichen das erste Mal gezeigt wurde?

Hamilton fuhr in der 63.Runde rund 29,5 Sekunden vor Romain Grosjean und Max Verstappen. Er hatte Grosjean in der 49. Runde überrundet. Das heißt, Hamilton muss sich ungefähr in der Portier-Kurve befunden haben. Rosberg und Vettel 19,1 Sekunden dahinter. Sie hatten die Runde gerade erst begonnen. Wenige Sekunden nach dem Verstappen-Crash sahen alle Fahrer das VSC-Signal. Hamilton vermutlich im Tunnel.

Wie konnte Hamilton in der 64. Runde 6,6 Sekunden auf seine Verfolger gewinnen?

Der Abstand zwischen Hamilton und Rosberg betrug in der 63. Runde 19,1 Sekunden. Einen Umlauf später waren es 25,7 Sekunden. Ohne dass ein Überrundeter Rosberg und Vettel aufgehalten hätte. Der Unterschied erklärte sich so: Da Hamilton das VSC-Zeichen später in der Runde sah, musste er einen geringeren Anteil der Runde mit der Safety-Car-Deltazeit fahren. Das verschaffte ihm einen kurzfristigen Vorteil. Wäre die virtuelle Safety-Car-Phase bis zur Beendingung der Bergung des Toro Rosso gegangen, dann hätte Hamilton zum Schluss der VSC-Phase den längeren Anteil der Runde unter Safety-Car-Deltazeit fahren müssen. So hätten seine Verfolger die verlorene Zeit, bezogen auf diese Runde wieder zurückbekommen.

Wie schnell durften die Fahrer mit Safety-Car-Deltazeit fahren?

Die Delta-Zeit beträgt 130 Prozent der Bestzeit vom ersten Training - in diesem Fall 1.43,5 Minuten.

Welchen Einfluss hatte die VSC-Phase auf die Taktik?

Für das Strategieprogramm bedeutete die VSC-Phase, dass der Vorsprung bis zum Ende der Neutralisierung auf 25,7 Sekunden eingefroren gewesen wäre. Für einen Boxenstopp in diesem Abschnitt war damit auch dieser Vorsprung relevant. Und der lag 3,5 Sekunden über der Sollzeit, die Hamilton mindestens brauchte, um bei einem durchschnittlichen Boxenstopp in Führung zu bleiben.

Wie groß war das Boxenstopp-Fenster?

Eine komplette Durchfahrt durch die 310 Meter lange Boxengasse dauert ohne Stopp 20 Sekunden. Abzüglich der Zeit, die die Autos bei Renntempo auf der Zielgeraden verbringen und der Zeit, die durch den Boxenstopp verloren geht, muss der Vorsprung bei einem Rennen mit normaler Geschwindigkeit mindestens 20,5 Sekunden betragen, um vorne zu bleiben. Unter der Safety-Car-Deltazeit schrumpfte das Boxenstopp-Fenster bei einem normalen Boxenstopp auf 17 Sekunden. Um ganz sicher zu gehen, musste Mercedes noch einmal eine Marge von 2 Sekunden draufrechnen. Bei normalem Renntempo verlor Hamilton in der Runde seines ersten Boxenstopps von Zielstrich bis Zielstrich 15,7 Sekunden auf Vettel, der die Runde ohne Boxenstopp auf der Zielgerade zu Ende brachte. Da addieren sich dann noch ein paar Sekunden bis zur Boxenausfahrt dazu. In der entscheidenden 65. Runde büßte Hamilton von Zielpassage zu Zielpassage 27,8 Sekunden auf Rosberg und Vettel ein.

Wo lag Hamilton in Relation zum Safety-Car?

Als Bernd Mayländer den Befehl bekam auf die Strecke zu gehen, war er sich einen kurzen Moment nicht sicher, ob da alles mit rechten Dingen zugeht. Er hatte noch den Befehl für ein virtuelles Safety-Car im Ohr. Deshalb beschleunigte er etwas zögerlich aus der Box, bis er das erste SC-Schild sah. Das erste Auto, das auf den Mercedes AMG GT auflief, war Jenson Button. Der McLaren war der letzte nicht überrundete Fahrer im Feld. Er wurde in der Loews-Kurve vorbeigewunken. Hamilton lief nach Aussage von Mercedes in der Tabakkurve auf das Schrittmacherfahrzeug auf. Rosberg und Vettel befanden sich zu dem Zeitpunkt kurz hinter der Loews-Haarnadel. Bis zu dem Zeitpunkt immer noch mit ihrem 25,7 Sekunden-Rückstand.

War die Umwandlung vom virtuellen in richtiges Safety-Car entscheidend?

Normalerweise nicht. FIA-Rennleiter Charlie Whiting erklärt: "Die Safety-Car-Deltazeit ist in beiden Fällen identisch. Sie gilt bis zum Ablauf von zwei Runden, nachdem das echte Safety-Car auf die Strecke gegangen ist. Und das auf der ganzen Strecke." Seit diesem Jahr ist die Regelung aufgehoben, dass die Fahrer zwischen der Boxeneinfahrt und Boxenausfahrt (Safety-Car 1- und Safety-Car 2-Linie) Gas geben dürfen. Und trotzdem hat die Änderung des Safety-Car-Status das Rennen entschieden. Natürlich nur, weil Mercedes ein Denk- und ein Rechenfehler unterlief. Bernd Mayländer fuhr langsamer als die Safety-Car-Deltazeit. Seine Aufgabe ist es, das Feld einzufangen. Hamilton musste von der Tabakkurve bis zur Boxeneinfahrt hinter Mailänder her zuckeln. Auf dem im Renntempo 18 Sekunden langen Abschnitt verlor er 10,9 Sekunden auf Rosberg und Vettel, die sich weiter an ein virtuelles Tempolimit hielten. Hamiltons Zeitverlust ist deutlich größer, als Mercedes in einer ersten Analyse angab. Da wurde von vier Sekunden gesprochen. An der Boxeneinfahrt betrug sein Vorsprung auf die Verfolger aber nur noch 14,8 Sekunden. Ihn da noch an die Boxen zu holen, war eindeutig zu riskant.

Verlor Hamilton die Zeit vor, während oder nach dem Boxenstopp?

Eindeutig im Abschnitt zwischen Tabakkurve und Boxeneinfahrt. Das zeigt ein Vergleich mit Daniel Ricciardo, der in der gleichen Runde an die Boxen ging, seine Runde allerdings ungehindert mit der Safety-Car-Deltazeit zu Ende fahren konnte. Hamilton braucht in der 65. Runde von Zielstrich zu Zielstrich 2.11,321 Minuten. Ricciardo nur 1.59,200 Minuten. Boxenstopp inklusive. Der Zielstrich in der Boxengasse liegt deutlich hinter der Mercedes- und der Red Bull-Box, fast identisch mit der Boxenausfahrt. Da Red Bull seinen Boxenstopp um 1,2 Sekunden schneller abspulte als Mercedes, hat Ricciardo auf der Strecke gegenüber von Hamilton netto 10,9 Sekunden gewonnen. Er kann sie aber nur vor der Boxeneinfahrt gutgemacht haben. Von dort bis zum Zielstrich unterscheiden sie sich lediglich durch die unterschiedlichen Standzeiten beim Boxenstopp.

Wo genau hat Hamilton die Führung verloren?

Schon vor dem Zielstrich. Das Rennprotokoll weist Rosberg als Spitzenreiter in Runde 65 aus. Mit 1,024 Sekunden Vorsprung auf Vettel. Hamilton ist nur Dritter.

Hat Hamiltons Boxenstopp zu lange gedauert?

In Bezug auf Rosberg war es vermutlich egal. Im Vergleich zu Vettel auf jeden Fall. Denn Vettel hatte nur eine halbe Wagenlänge Vorsprung, als sich Hamilton in den Verkehr einfädelte. Hamiltons zweite Boxendurchfahrt dauerte 25,495 Sekunden. Das ging beim ersten Mal fixer, nämlich in 24,181 Sekunden. Die 1,3 Sekunden wären der entscheidende Vorteil zu Vettel gewesen.

Warum kam Hamilton noch so nah an Vettel heran?

Weil die Boxenausfahrt eine Abkürzung im Vergleich zur Rennlinie ist. Und Hamilton konnte eine Grauzone nutzen. Während das Feld an die Safety-Car-Deltazeit gebunden war, konnte Hamilton zwischen Boxenausfahrt und Safety-Car 2-Linie Gas geben. Er war dort nicht an die Deltazeit gebunden.

Warum hat Mercedes den Zeitverlust hinter dem Safety-Car nicht mit eingerechnet?

Weil das GPS in Monte Carlo auf einer Hochrechnung und nicht aufgrund einer tatsächlichen Positionsbestimmung basiert. Die Position und die dazugehörige Geschwindigkeit liefern die Induktionsschleifen in der Strecke. In Monte Carlo sind das 20. Ab der Tabakkurve 6. Für die Segmente dazwischen wird eine Position berechnet. Wenn das Strategieprogramm anhand der Safety-Car-Deltazeit weiter kalkuliert, entsteht ein Fehler, der umso größer wird, je länger Hamilton vom richtigen Safety-Car aufgehalten wird. Nach Aussage von Teamchef Toto Wolff war die Safety-Car-Deltazeit in der Mercedes-Kalkulation "eingefroren". Das heißt, dass sie den tatsächlichen Geschwindigkeitsverlust entweder gar nicht, oder zu spät mit eingerechnet hat.

Welche Rolle spielen Safety-Car 1 und Safety-Car 2-Linie?

Gar keine. Es wurden Vermutungen geäußert, dass Rosberg und Vettel im Bereich zwischen Boxeneinfahrt und Boxenausfahrt ihre Zeit gutgemacht haben, weil dort die Safety-Car-Deltazeit außer Kraft gesetzt sei. Das ist nicht mehr der Fall. Für Hamilton spielt sich der Boxenstopp im Rennspeed ab. Egal in welchem Status sich der Grand Prix befindet, er muss in der Boxengasse 60 km/h fahren, und der Boxenstopp dauert so lange, wie er eben dauert. Die Software kennt das Reglement natürlich und berechnet den Zeitgewinn auf der Zielgerade je nach Rennstatus.

Was hätte Mercedes besser machen können?

Einfach der Logik gehorchen. In Monte Carlo zählt nur die Position auf der Strecke. Für den Führenden sowieso. Egal, wie groß der Vorsprung ist. Die Vergangenheit hat oft genug gezeigt, dass Überholen nicht möglich ist, wenn vorne ein Profi fährt. Lewis Hamilton hätte sich nie die Blöße gegeben. So wie umgekehrt Vettel auch nicht. Wir erinnern uns an die Schlacht zwischen Ayrton Senna gegen Nigel Mansell 1992. Mansell fuhr fünf Runden lang Kreise um einen McLaren, der mit uralten Reifen vier Sekunden pro Runde langsamer war. Aber er kam nicht vorbei.

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