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Das Geheimnis von Silverstone

300.000 Zuschauer an drei Tagen

Lewis Hamilton - GP England 2016 Foto: Wilhelm 22 Bilder

Viele Grand Prix sind nur noch mäßig besucht. Silverstone kennt diese Probleme nicht. An 3 Tagen strömten fast 300 000 Zuschauer in Englands Motorsport-Mekka. Doch was macht Silverstone besser als die Konkurrenz? Wir haben nachgefragt.

14.07.2016 Michael Schmidt 6 Kommentare

Leere Zuschauerplätze in Spielberg und Baku. Hockenheim kämpft um jeden Besucher. Drei Wochen vor dem GP Deutschland sind knapp 50.000 Tickets verkauft. Mittendrin liegt Silverstone. Und da sorgen 298.000 Zuschauer an 3 Tagen für ein großes Motorsport-Fest. Am Sonntag war die Bude rappelvoll. 135.000 Tickets wurden abgesetzt. Da werden viele Veranstalter neidisch.

Was macht Silverstone besser? Oder sollen wir besser sagen England. Der Grand Prix wäre genauso gut besucht, wenn er morgen in Brands Hatch stattfinden würde. Die Engländer lieben ihren Sport. Martin Brundle schrieb in einer Kolumne: „Wenn du so viele leidenschaftliche und begeisterte Fans auf den Tribünen siehst, glaubst du sie sagen zu hören: Jetzt sind wir hier. Und nun unterhaltet uns gut. Das gibt dir die Verantwortung, genau das zu tun.“

Das übliche Rahmenprogramm, hohe Preise

Lassen wir die Kirche im Dorf. Das Rahmenprogramm in Silverstone ist nicht besser als anderswo. GP2, GP3, Porsche Cup. Das Übliche halt. Die Eintrittspreise passen sich dem Durchschnitt an. Von 155 bis 525 Pfund für 3 Tage.

Die Rennstrecke ist nach ihrem 12. Umbau nur noch für die Fahrer ein Genuss. Silverstone sieht mit seinen vielen Service-Straßen und Auslaufzonen mittlerweile aus wie ein großer Parkplatz. Mittendrin das Boxengebäude, das einen guten Flughafen-Terminal abgeben würde aber zu Silverstone passt wie ein Wolkenkratzer nach Castrop-Rauxel. Da hatte der alte Kurs mit den Kurven Copse, Becketts, Stow, Club, Abbey und Woodcote ein ganz anderes Flair.

Die Fans lassen sich davon genauso wenig abhalten wie vom launischen englischen Wetter. Auch andere Krisen hat der Geburtsort der Formel 1 unbeschadet überstanden. 2000 und 2012 etwa, als so viel Regen fiel, dass der Veranstalter 30.000 Zuschauer aufrief, zuhause zu bleiben. Sie wären nicht auf die Parkplätze gekommen, die sich in Sümpfe verwandelt hatten. Die Geschädigten haben Silverstone längst verziehen.

Briten lieben Abenteuer

Silverstone ist Kult. Doch was macht diesen Ort so besonders? Und wieso sind die Briten so unerschütterliche Rennfans? Ex-Weltmeister Damon Hill verweist auf die Geschichte seines Landes und die britische Motorsporttradition. „Briten lieben Abenteuer. Zu den Zeiten des British Empire sind unsere Vorfahren in die weite Welt gezogen, haben fremde Länder erobert. Motorsport hat ein bisschen von diesem Geist. Seit die Bentley Boys einst in Le Mans gewonnen haben, ist dieses Land im Motorsport-Fieber.“

SkyTV-Kollege Brundle pflichtet bei: „Englische Fahrer und Teams spielten in den letzten 67 Jahren der Formel 1 immer eine große Rolle. Wir haben 19 Rennstrecken in unserem Land. Die Zuschauer sind mit diesem Sport infiziert, weil sie ihn bei Clubrennen überall hautnah erleben können. Wir sind flächenmäßig ein kleines Land. Für viele sind es nur 2 oder 3 Stunden Autofahrt, um nach Silverstone zu kommen.“

Der Geist von Murray Walker und James Hunt

Der GP England ist für viele Engländer ein Urlaub mit Freunden. Ein Fest, auf dem man gewesen sein muss. Ein Ereignis, das man genauso wenig verpassen darf wie das Tennisturnier in Wimbledon, das Pferderennen in Ascot oder das englische Cup-Finale. Brundle stellte sich am Donnerstagabend den Fragen der Fans. „Unglaublich, welche Fachkenntnis sie haben. Da kommen nicht nur die üblichen Fragen nach Hamilton. Sie haken bei jedem Thema nach.“

Der 158 fache GP-Teilnehmer gewann auch den Eindruck, dass nicht immer die gleichen 135.000 Zuschauer nach Silverstone pilgern. „Die Hälfte der Leute hat gesagt, dass sie im letzten Jahr nicht vor Ort waren. Das zeigt wie groß die Basis der Motorsportfans in unserem Land ist.“

Damon Hill glaubt, dass die Begeisterung viel mit der umfassenden und hochwertigen Berichterstattung auf der Insel zu tun hat. Man hält sich nicht viel mit Äußerlichkeiten wie dem Sound, bestimmten Fahrern oder Boulevard-Themen auf, sondern geht in die Tiefe. „Ich glaube, das ganze nahm seinen Lauf mit unserem berühmten Reporter-Duo Murray Walker und James Hunt. Der eine war ein Fan, der die Begeisterung in die Wohnzimmer trug. Der andere der Experte, der provozierte. So halten wir es heute noch.“

Autorennen sind Volkssport

Auch Sebastian Vettel lässt sich von Silverstone in seinen Bann ziehen. „Die Fans sind unheimlich fair. Sie jubeln allen zu, nicht nur ihren Landsleuten.“ Der Ferrari-Pilot hat auf die Frage, warum so ein Zuschauerboom in Deutschland nicht möglich ist, drei Antworten. „Wir haben nicht diesen Nationalstolz wie die Engländer. Die Tribünen sind voll mit Union Jacks. Es ist wie eine Pflicht für sie, ihren Heim-Grand Prix zu besuchen.“

Wichtig: Nicht wegen Lewis Hamilton. Silverstone war auch dann gut besucht, als keiner der englischen Piloten eine Siegchance hatte. In Deutschland brauchte man dazu Michael Schumacher.

Auch das Verhältnis zum Geld spielt eine Rolle. Dabei ist die Eintrittskarte in Silverstone um keinen Cent billiger als in Spielberg und Hockenheim. „Ich glaube, wir Deutsche denken da realistischer als die Engländer. Wir wägen ab zwischen dem Live-Besuch für 400 Euro und dem Gratis-Erlebnis vor dem Fernseher. Am Ende siegt bei uns oft die Vernunft. Die Engländer sind da emotionaler“, urteilt Vettel.

Den dritten Grund sieht der Ferrari-Pilot in der Qualität der TV-Übertragung. „In England ist mehr Fachkenntnis und Leidenschaft dahinter. Diese Begeisterung überträgt sich auf die Zuschauer. Sie wollen den Grand Prix dann irgendwann einmal auch live erleben.“

Fahrer-Repräsentant Alexander Wurz sieht das österreichische Problem im Überangebot. „Auf dem Red Bull-Ring finden zu viele Motorsport-Veranstaltungen statt. DTM, Motorrad, Formel 1. Da tritt eine gewisse Übersättigung ein, und die Leute wählen das Event aus, das sie am wenigsten Geld kostet. Bei der MotoGP sitzt du für 90 Euro auf der Haupttribüne, bei der Formel 1 für 450.“

Doch was soll da Silverstone sagen? Auf der Strecke rund um einen ehemaligen Flughafen der Royal Airforce finden in diesem Jahr 20 Autorennen und vier Motorradläufe statt. Dazu 17 Classic-Events. Es ist wohl doch so, wie es Damon Hill in einem Satz zusammenfasst: „Bei uns sind Autorennen Volkssport. So wie bei euch Fußball.“

Neuester Kommentar

Vielen Dank an Herrn Schmidt, der nicht einfach die Mär vom großartigen Formel-1-Kurs Silverstone oder dem märchenhaften Erlebnis für die Zuschauer nachpredigt!

Am Ende muss ich LannySxE zustimmen, die Zuschauerzahl in Silverstone ist durch nichts rational zu erklären.

Darüber hinaus darf man nicht aus den Augen verlieren, dass der GP trotz der Zuschauermengen in den roten Zahlen steckt und allein der Brexit-bedingte Pfundverfall ein weiteres Loch von mehreren Millionen in die Kassen gerissen hat. Selbst da wo Formel 1 auf den ersten Blick funktioniert, muss am Ende irgendjemand eine sehr bittere Kröte schlucken.

Proesterchen 17. Juli 2016, 15:08 Uhr
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