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Gerhard Berger im Interview

"Vettel ist Schumacher sehr ähnlich"

Sebastian Vettel im Berger-Ferrari Foto: Red Bull 45 Bilder

Gerhard Berger blickt noch einmal auf die abgelaufene Saison zurück. Er analysiert, warum sich Nico Rosberg so schwer gegen Lewis Hamilton tut, warum Sebastian Vettel der Retter von Ferrari werden kann, und warum Max Verstappen der Weltmeister von morgen ist.

28.01.2016 Michael Schmidt
Sie haben immer viel von Nico Rosberg gehalten. Trotzdem ist Lewis Hamilton zum zweiten Mal Weltmeister geworden. Hat Rosberg Sie enttäuscht?

Berger: Ich glaube nach wie vor, dass Rosberg wahnsinnig gut ist. Sein Pech war, dass er Lewis Hamilton als Teamkollege bekommen hat. Bis dahin hatte Rosberg jeden Teamkollegen im Griff. Er hat sogar Michael Schumacher Kopfzerbrechen bereitet. Mit einem anderen Teamkollegen hätte Rosberg wahrscheinlich die letzten 2 WM-Titel gewonnen. Das ist halt das Los, das man ziehen kann, wenn man ganz oben fährt. Da kann dir dann ein Hamilton, Vettel oder Alonso zugelost werden. Und Lewis ist halt ein Ausnahmetalent.

Rosberg hat die letzten 3 Rennen dominiert. Hat er etwas gefunden, oder war bei Hamilton die Luft raus?

Berger: Wenn man 3 Mal Weltmeister ist, dann ist nicht nur im Unterbewusstsein die Luft raus. Hamilton denkt seit Austin schon wieder an die nächste Weltmeisterschaft. So ist der gestrickt. In einem Duell wie Rosberg gegen Hamilton können schon Nuancen den Ausschlag geben. Mich würde nicht wundern, wenn Lewis zu Saisonbeginn 2016 gleich wieder wie ein Irrer angast.

Was muss Rosberg tun, um Hamilton zu knacken?

Berger: Ich glaube, dass Hamilton auf einem ganz schmalen Grat balanciert. Er ist immer ganz nah dran, seine Nerven wegzuschmeißen. Wenn es Nico ein Mal gelingen würde, ihn aus dem Konzept zu bringen, dann hat er eine Chance. Zum Beispiel eine starke erste Saisonhälfte hinlegen. Dann würde Hamilton mit Rosbergs Erfolg mehr Probleme haben als umgekehrt.

Überrascht Sie die konstant gute Form von Hamilton. Sein Lebenswandel ist ja eher kontraproduktiv.

Berger: Ich finde, dass Lewis ein guter Formel 1-Weltmeister ist. Der zieht nicht nur auf der Rennstrecke seine Show ab. Solche Typen braucht es. Die Frage ist, was ist gut und was nicht. Da ist jeder anders. Als ich zu McLaren kam, wollte Ron Dennis mein Leben umkrempeln. Er hat mir erzählt, wie ich für den Sport zu leben hätte, wie ich fahren soll. Er wollte mich nach dem Vorbild von Lauda, Senna und Prost perfektionieren. Das habe ich mir einreden lassen. Dabei bin ich rückwärts statt vorwärts gegangen. Jeder muss sich sein Umfeld so schaffen, wie er es braucht. Dem Lewis passt dieser Lebensstil. Das fördert ihn sogar. Für einen Sebastian Vettel wäre so ein Leben tödlich. Er ist ein anderer Typ.

Ist Vettel der legitime Nachfolger von Michael Schumacher bei Ferrari?

Berger: Ja, ganz klar. Vettel ist Michael in seiner Arbeitsweise sehr ähnlich. Und die tut Ferrari gut. Da lässt sich schon ein Muster feststellen. Niki Lauda hat als erster mit diesem Arbeitsstil, seiner Disziplin und Präzision bei Ferrari dauerhaft Erfolg gehabt. Diese Eigenschaften kommen besonders bei Ferrari zur Geltung, weil sie nicht dem Naturell der Italiener entsprechen. Bei Ferrari ist alles da. Du musst die Dinge nur in die Hand nehmen.

Das kann ein Fahrer?

Berger: Ja, das geht. Ich habe es in meiner Zeit bei Ferrari nur zum Teil in die Hand genommen, aber ich hatte bei weitem nicht diese Konsequenz wie Lauda, Schumacher oder Vettel. Wenn die so jemanden haben, der sie antreibt, dann marschieren die auch.

War Alonso trotz seiner Klasse damit der falsche Mann für Ferrari?

Berger: Nicht der Falsche. Aber auch nicht der Richtige. Weil er von seinem Arbeitsstil anders ist.

Kann Ferrari 2016 zu Mercedes aufschließen?

Berger: Ich würde es nicht ausschließen. Mercedes ist Favorit. Sie haben ihre Hausaufgaben am besten gemacht. Die Erfahrung hat oft genug gezeigt, dass Siegesserien schnell mal zu Ende gehen können. Man glaubt zu wissen, wie es läuft, und es kommt total anders. Wenn Renault mit Hilfe von Mario Illien seinen Motor auf die Reihe kriegt, hat auch Red Bull eine Chance. Vielleicht nicht gleich auf den Titel, aber sie können auf jeden Fall näher dran sein.

Wundert es Sie, dass ein Vettel bei seiner ganzen Akribie dann doch mal eine Saison wie 2014 hinlegt, wo er von Daniel Ricciardo geschlagen wurde?

Berger: Die Frage ist: Hatte Vettel einen Ausrutscher, oder ist der Ricciardo so gut? Ich schätze Ricciardo ganz hoch ein. Der überholt konsequent, ist konstant schnell, weiß, was er will, hat seine eigene Persönlichkeit. Man darf sich von seiner Freundlichkeit nicht täuschen lassen. Auf der Rennstrecke hat er einen Killerinstinkt. Ob er dann der Überflieger wird, muss er noch beweisen.

Und wer sind die Überflieger?

Berger: Die Weltmeister Hamilton, Vettel, Alonso. Den zähle ich immer noch dazu.

Kann so eine Saison wie 2015 bei McLaren-Honda einen Spitzenfahrer wie Alonso kaputtmachen?

Berger: Vor 3 Jahren haben wir alle gesagt: Alonso ist der Beste. Heute traue ich mich das nicht mehr sagen. Er hat es jetzt eine Zeitlang nicht mehr bewiesen, konnte es nicht mehr beweisen, und irgendwann vergisst man, wie gut er einmal war. Manche Manöver von ihm sind immer noch gut. Aber das ist zu wenig.

Wer sind die Überflieger von Morgen?

Berger: Für mich ganz klar Verstappen. Obwohl Carlos Sainz einen überraschend guten Job gemacht hat. Was mich an Verstappen begeistert, ist seine Stärke im Rennen. Der lässt sich nichts gefallen. Er wird überholt und überholt sofort wieder zurück. Er scheint beim Fahren gar nicht zu schnaufen. Steht quer und redet ganz ruhig am Funk. Schon in der Formel 3 war sein Talent zu sehen. Die Skeptiker haben zwar immer behauptet, er hätte da oder dort einen stärkeren Motor gehabt. Ich habe ihnen gesagt: Schaut euch mal den Flügel an, den der fährt. Viel flacher als die anderen. Deshalb war er auch ein paar Mal neben der Strecke. Aber er ist trotzdem nie vom Gas gegangen. Ich bin überzeugt: Das ist ein zukünftiger Weltmeister.

Wäre Verstappen mit seinen 18 Jahren in einer Formel 1, wie Sie sie sich wünschen, auch auf Anhieb so gut gewesen?

Berger: Er würde auch länger brauchen, bis er den Anschluss findet. Aber im Endeffekt wäre er genau der richtige Fahrer für so eine Formel. Er hat die Fahrzeugbeherrschung, um mit so einem Auto umzugehen. Es hätte halt ein Jahr gedauert. So wie bei Senna, Prost oder bei mir auch der Fall war. Wir mussten uns an die Urkraft der Turbo-Autos erst einmal gewöhnen. Heute reicht ein Test und Simulatorfahren, und du hast es drauf.

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