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Gerhard Berger im Exklusiv-Interview - Teil 2

"Schumacher kann Rosberg nicht mehr biegen"

Formel 1, Grand Prix Tuerkei 2007, Istanbul Speed Park, 26.08.2007 Foto: Wolfgang Wilhelm 45 Bilder

Im zweiten Teil des großen Interviews mit Gerhard Berger spricht der ehemalige Formel 1-Pilot über die Zukunft von Michael Schumacher, die Stärken von Sebastian Vettel, die Probleme von Autoherstellern in der Formel 1 und seine eigenen Fehler im Duell gegen Ayrton Senna.

31.01.2012 Michael Schmidt
Sebastian Vettel hat elf Rennen gewonnen. Dann platzt ihm in Abu Dhabi der Reifen, ohne seine Schuld, und als er an die Boxen kommt, macht er ein Gesicht als wäre die Welt untergegangen. Muss man so verbissen sein, wenn man den absoluten Erfolg haben will?

Berger: Jeder Fahrer hat Stärken und Schwächen. Nehmen wir meinen alten Freund Jean Alesi. Bei dem gab es eine riesige Plus-, aber auch eine riesige Minusliste. Bei Vettel gibt es eine riesige Plusliste, aber nur ganz wenige Minuspunkte. Das ist so einer. Man sieht ihm am Gesicht an, wenn er sein Ziel verfehlt hat. Besser wäre, wenn man es ihm nicht ansähe. Auf der anderen Seite hätte man dann einen Roboter. Das wäre auch nicht gut.

Wenn ich das mit Alonso vergleiche, dann scheint mir der bereits eine Stufe weiter als Vettel und Hamilton zu sein. Der hat gelernt zu akzeptieren, dass man nicht immer gewinnen kann.

Berger: Stimme ich nur zum Teil zu. Ein Hamilton wollte vielleicht ein paar Mal mit dem Kopf durch die Wand, aber da war Ayrton Senna nicht anders. Ich kann mich an ein Training in Imola erinnern, wo Nigel Mansell im Williams ständig eine Sekunde schneller gefahren ist als wir. Der Williams war damals ein unschlagbares Auto. Vor der Qualifikation habe ich zu Senna gesagt: Nigel wird auf die Pole fahren, der zweite Williams dahinter, und wir zwei kämpfen um Platz drei. Falsch, hat Senna geantwortet: 'Ich stelle mein Auto auf die Pole Position.' Ich fragte mich, wo er die Sekunde finden wollte. Der Mansell ist ja auch nicht einer von gestern. Aber Senna hat das Auto auf die Pole gestellt. Ich glaube schon, dass man so eine Grundeinstellung haben muss.

Das war die Saison 1992, in der Senna aus dem Frust heraus, dass der McLaren das schlechtere Auto hatte, viele Fehler gemacht hat. In dieser Saison hatten Sie nur einen Punkt weniger als Senna auf dem Konto.

Berger: Ich war nie besser als Senna, auch nicht in dieser Saison. Das lag aber nicht daran, dass Senna den besseren Speed hatte. Er war nur perfekter. In den schnellen Kurven hat er oft Zeit auf mich verloren. Die hat er sich in den langsamen wieder zurückgeholt. Weil er diese Kurven disziplinierter gefahren ist. Mich haben die langsamen Ecken gelangweilt. Er hat in Spa in der La Source-Haarnadel seine Zeit gemacht, und ich habe mich schon wieder auf Eau Rouge gefreut. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte mit 25 Jahren die Erfahrung von heute gehabt. Mir fehlte damals der Gesamtüberblick, den mir Senna immer voraus hatte. Dazu bist du aber geboren.

Zählen Sie Jenson Button nach dieser Saison auch in die Liga Vettel-Alonso-Hamilton?

Berger: Nein. Ich vergleiche Button eher mit Niki Lauda. Er fährt sauber, überlegt, taktisch. Vom Speed, Überholen und Killerinstinkt her kann er den Hamilton nicht schlagen. Aber der Hamilton hat seine Aussetzer, seine Minusliste. Das hat Button gut erkannt, und genau da setzt er an.

Hat Sie die Krise von Hamilton überrascht?

Berger: Bei ihm tut es mir etwas Leid, weil sich Hamilton seine Probleme selbst geschaffen hat. Ich glaube, sein Vater hat ihn ganz gut geführt. Jetzt glaubt er, dass er mit Rock- und Filmmanagement besser fährt. Er wollte in eine neue Liga eintreten, und der Schuss geht nach hinten los. Hamilton ist ein Racer, und das soll er auch bleiben. Es ist falsch, ins Showgeschäft wechseln zu wollen. Hamilton braucht eine gute Führung und muss sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren.

War es richtig von Toro Rosso, Sebastien Buemi und Jaime Alguersuari rauszuwerfen?

Berger: Das ist ein vergleichbares Thema wie seinerzeit mit Scott Speed und Tonio Liuzzi. Damals stand Toro Rosso vor einem ähnlichen Dilemma, Zwei Fahrer, die Mittelmaß waren. Mit zwei solchen Fahrern ist es naheliegend, dass alles aufs Auto abgewälzt wird. Ich glaube aber, dass der letztjährige Toro Rosso kein schlechtes Auto war. Buemi und Alguersuari waren einfach nicht schnell genug. Deshalb war es ein richtiger Schritt, sich von beiden zu trennen. Noch richtiger wäre es gewesen, einen der beiden schon Ende 2010 auszusortieren und so einen fließenden Übergang zu schaffen. Red Bull hat Toro Rosso die Aufgabe gestellt, junge Fahrer für sich auszubilden. Da stellte sich die Frage: Wer ersetzt einmal Mark Webber? Dafür war weder der eine, noch der andere geeignet. Damit haben sie ihre Aufgabe nicht erfüllt. Buemi ist ja nicht ganz weg. Er bekommt von Red Bull noch einmal eine Chance als Testfahrer.

Warum hat Sebastian Vettel seinen Teamkollegen Mark Webber so gebügelt?

Berger: Das habe ich nach dem ersten WM-Titel von Sebastian schon angekündigt. Damit bekam Vettel den Boden unter den Füßen, der ihm die absolute Sicherheit gibt. Für Vettel war das Duell mit Webber schon gar nicht mehr erste Priorität. Er konnte sich auf Wichtigeres konzentrieren.

Ist die Kombination Vettel und Red Bull 2012 zu schlagen?

Berger: Im Prinzip nicht. Solange Adrian Newey und seine Technikerstab dort sind, wird Red Bull das schnellste oder das zweitschnellste Auto haben. Mit dem Vettel haben sie jetzt einen im Auto, der so viel Sicherheit, so viel Erfahrung gesammelt hat, dass er auch im zweitbesten Auto den Unterschied ausmachen kann.

Das Reglement nimmt Red Bull zwei Trumpfkarten weg. Den angeblasenen Diffusor und den biegsamen Frontflügel. Wird sich das bemerkbar machen?

Berger: Bis jetzt hat man den biegsamen Flügel bei Red Bull vergeblich gesucht. Jedes Mal, wenn die Belastungstests verschärft wurden, ist der Red Bull noch schneller geworden. Was auch immer sie machen, sie machen es gut. Wenn sich irgendein Flügel sichtbar durchbiegt, dann der vom Ferrari. Das war fast eine Lachnummer.

Ferrari war einmal in der Position, in der Red Bull jetzt ist. Lag es wirklich nur an den Schlüsselfiguren Todt, Brawn, Byrne und Schumacher?

Berger: Ferrari ist wieder dort, wo sie zu meiner Zeit waren. Da haben wir auch ein Rennen pro Saison gewonnen. Da waren wir auch Dritter in der WM. Der Erfolg dazwischen lag wirklich nur an diesen vier Personen. Aber bei Red Bull würde das gleiche passieren wie bei Ferrari jetzt, wenn man ihnen Sebastian Vettel, Adrian Newey, Christian Horner und Helmut Marko wegnehmen würde. Wahrscheinlich würde es schon reichen, nur den Newey rauszusprengen. Die Aerodynamik ist einfach unheimlich wichtig. Vergessen Sie nicht, dass damals bei Ferrari mit Rory Byrne der zweitbeste Aerodynamiker saß. Das sind heute die Schlüsselfiguren.

Wie schätzen Sie dann McLaren ein? Immer vorne dabei, aber seit 2008 nie mehr ganz vorne.

Berger: Eigentlich ist McLaren von der Substanz her das beste Team. Die haben keinen Newey und bauen trotzdem immer gute Autos. Das spricht für eine starke, breit aufgestellte Technikertruppe. Sie haben mit dem Mercedes den besten Motor im Feld und eine sehr gute Fahrerpaarung.

Wundert es Sie, dass Mercedes mit Ross Brawn nicht auf die Füße kommt?

Berger: Eigentlich nicht. Geben Sie den Rory Byrne vor zehn Jahren in dieses Team, und dann käme auch Mercedes auf die Füße. Ross Brawn ist ein sehr guter technischer Manager, ein super Stratege, aber er baut das Auto nicht. Anders betrachtet hat Red Bull für den Erfolg etwas länger gebraucht, weil Adrian Newey ein technischer Manager von der Klasse eines Ross Brawn fehlte. Ross wird nicht umhin kommen, irgendeinen zu finden, der ihm wie ein Newey innovative Technik liefert.

Glauben Sie, dass Michael Schumacher auch 2013 noch in der Formel 1 fährt?

Berger: Wie lange läuft der Vertrag?

Bis Ende 2012.

Berger: Ich glaube nicht, dass er den Vertrag verlängert. Irgendwann wird auch er müde werden. Dabei ist er dieses Jahr besser gefahren als 2010, besonders in der zweiten Saisonhälfte. Und ich kann mir vorstellen, dass er sich in diesem Jahr noch einmal steigern wird. Trotzdem hat er gegen Rosberg keine Chance. Schumacher wird sich eingestehen müssen, dass man mit über 40 Jahren einen jungen Fahrer nicht mehr biegen kann, wenn der auf einem Niveau wie Rosberg fährt. Für mich wäre wahnsinnig interessant, Rosberg und Vettel im gleichen Auto zu sehen.

Wie groß ist die Gefahr, dass Rosberg ausbrennt, wenn er weiter in einem nicht siegfähigen Auto fährt?

Berger: Das ist eine große Gefahr. Allerdings hätte ich auch wie Rosberg die Entscheidung getroffen, langfristig bei Mercedes zu unterschreiben. Mercedes kann es sich nicht leisten, so weiterzumachen wie bisher. Du kannst nicht auf der Straße der der Premiumhersteller sein, und dich dann auf Dauer alle zwei Wochen von einem Red Bull schlagen lassen. Von einem, der sich erst seit ein paar Jahren mit der Formel 1, also dem Kerngeschäft einer Autofirma, beschäftigt. Es muss für Mercedes, aber auch für jeden anderen Automobilhersteller eine besondere Motivation sein, diesen Zustand abzustellen. Aus Sicht von Rosberg kann es eigentlich nur aufwärts gehen.

Die anderen Teams argumentieren, dass Red Bull mehr Geld ausgibt als erlaubt.

Berger: Das ist doch lächerlich. In einem Automobilkonzern steckt so viel Knowhow, so viel Geld, dass es möglich sein muss, einen Red Bull zu schlagen. Wenn du verlierst, interessiert sich keiner dafür, dass du weniger Leute hast oder im Vergleich zu den anderen einen Haufen Geld sparst. Wenn ich mich als Automobilhersteller für die Formel 1 entscheide, muss ich alles einsetzen, was mir das Reglement erlaubt.

Zu Ihrer Zeit als BMW-Sportchef hatten wir sieben Automobilkonzerne im Feld. Heute sind es mit Mercedes, Ferrari und Renault zweieinhalb. Ist die Formel 1 heute besser als damals?

Berger: Die Hersteller waren super. Sie haben nur leider die Sache falsch angepackt. Die einzigen Racer saßen seinerzeit bei Ferrari. Die anderen Hersteller haben Schritt für Schritt versucht, Konzernstrukturen für Erfolg im Rennsport einzuführen. Das funktioniert aber nur bis zu einem bestimmten Punkt. Da machen Industrieprozesse und Technologie Sinn. Aber am Sonntagnachmittag werden Autorennen gefahren. Die letzte Komponente für den Erfolg ist Schlitzohrigkeit, die Bauchentscheidung, der Renninstinkt. Das kann man Konzernmenschen nicht beibringen. Dazu muss man ein Racer sein. Der einzige Quereinsteiger, der das gelernt und perfekt umgesetzt hat, war Flavio Briatore. Alle anderen sind an diesem Punkt gescheitert. Allen voran Toyota. Die haben mir am meisten leid getan. Toyota war der größte Hersteller in der Formel 1, mit den größten Möglichkeiten, aber dem schwächsten Personal.

Trifft das auch auf Ihr Ex-Team BMW zu?

Berger: BMW war auf einem guten Weg. Wir haben Le Mans gewonnen, waren beim Formel 1-Debüt mit Williams auf dem Podest, haben in der zweiten Saison Siege eingefahren, sind 2003 um den Titel mitgefahren. Wir haben dann gemerkt, dass Williams nicht mehr das Team war, das man aus der Vergangenheit kannte. Und wir konnten auch nicht Einfluss darauf nehmen, das zu ändern. Dann wurde entschieden, Sauber zu kaufen. Sauber war das perfekte Team für BMW. Bis dahin haben sie alles richtig gemacht. Die neue Basis war perfekt. Man hatte einen der besten Windkanäle im Feld. Man hatte Robert Kubica. Man hätte Alonso kriegen können. Oder Vettel. Eigentlich hätte man nur noch einen Newey finden müssen. Es hätte also nur zwei, drei Handgriffe gebraucht, um so zu werden, wie heute Red Bull ist. Die sind aber nicht passiert. Und dann hat man bei 80 oder 85 Prozent das Handtuch geworfen. Die Reaktion war für das Unternehmen vielleicht verständlich, für den Rennsportler nicht. Weil man eigentlich nahe dran war.

Sind die Hersteller von der Formel 1 auf längere Zeit geheilt, nach all den schlechten Erfahrungen?

Berger: Die Automobilindustrie hat schwierige Jahre vor sich. Die Zahlen stimmen zwar im Moment, aber man darf nicht vergessen, wo der Erfolg her kommt. Das Wachstum findet nur in China, Indien und anderen Schwellenländern statt. Wenn dieser Markt wegbricht, wird es wieder hart. Solange das so ist, werden sich die Hersteller auf ihr Kerngeschäft konzentrieren. Ganz abgesehen davon macht die Formel 1 in den letzten Jahren keinen guten Job. Dauernd gibt es neue Reglements, Streit und Politik. Es ist zu viel Bewegung im Spiel. Das schreckt viele ab. Du brauchst immer einen Hersteller, der den Anfang macht. Dann ziehen die anderen nach. Diese Phasen mit und ohne Hersteller hatten wir schon oft in der Formel 1.

Wie sie schon sagen: Die Teams streiten sich darüber, um wie viel man die Kosten senken muss. Andererseits wollen sie von Bernie Ecclestone mehr Geld. Die Verhandlungen für das neue Concorde Abkommen stehen vor der Tür. Wie geht das ganze aus?

Berger: Solange Bernie Ecclestone am Leben ist, wird die Formel 1 ihren Weg finden. Aber Bernie hat leider ein Ablaufdatum. Was danach passiert, wird spannend. Viele glauben ja, es würde besser werden mit einem professionellen Firmenmanagement und der Öffnung gegenüber neuen Kommunikationsformen wie dem Internet. Ich habe da meine Zweifel. Mich erinnert das an die Hersteller, die geglaubt haben, sie könnten mit ihren Konzernstrukturen die Formel 1 neu erfinden. Für die Formel 1 funktioniert wahrscheinlich nur diese Einmannshow, wie sie Bernie praktiziert. Ich wünsche mir, dass Bernie und die FIA wie in der Vergangenheit wieder eine starke Einheit bilden. Die beiden sollen entscheiden, was für den Sport richtig ist. Ohne Kompromisse. Da braucht es keine Mitsprache von den Teams. Wenn du mal anfängst jeden zu fragen, will jeder etwas anderes. Das geht nicht. Wer in dem Konzert mitspielen will, muss das akzeptieren, und wer nicht, soll es bleiben lassen.

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