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Gerhard Berger exklusiv

"Werde mich zuerst um Formel 3 kümmern"

Gerhard Berger Foto: Daniel Reinhard 45 Bilder

Gerhard Berger kehrt wieder zurück in den Motorsport. Im ersten Teil des großen Interviews mit auto motor und sport spricht der Ex-Rennfahrer und Ex-Toro Rosso-Teamchef über seine neue Rolle bei der FIA und seine Ideen für die Nachwuchsserien unterhalb der Formel 1.

27.01.2012 Michael Schmidt
Was machen Sie genau bei der FIA?

Berger: Max Mosley hat schon lange probiert, mich in FIA-Aufgaben einzubinden. Jean Todt hat das fortgeführt. Grundsätzlich ist die FIA nicht meine Welt. Es geht darum, Reglements auszuarbeiten und zu überprüfen. Meine Stärken liegen eher auf der geschäftlichen Seite. Darum habe ich mich nie zu Aufgaben bei der FIA überreden lassen. Nachdem Jean Todt ans Ruder gekommen ist, hat er zunächst versucht, mich für die Formel 1 zu gewinnen. Das wollte ich aber nicht, weil man da bei so vielen Interessenslagen schnell zwischen allen Stühlen sitzt. Im richtigen Moment hat er mich noch einmal gefragt, ob ich mich nicht wenigstens um die Nachwuchsprogramme kümmern und dort meine Erfahrungen einbringen könnte.

Und was machen Sie da jetzt genau.

Berger: Da geht es darum, die FIA-Meisterschaften zwischen Kartsport und Formel 1 zu stärken und auf einige wenige Formeln mit den richtigen Reglements zu konzentrieren. Ein Fahrer soll zu vertretbaren Kosten seinen Weg vom Kart in die Formel 1 finden. Das ist in den letzten Jahren durch wahnsinnig viel Wildwuchs und zerklüftete Reglements sehr vernachlässigt worden. Es gibt so viele Meisterschaften, dass sich die guten Fahrer und Sponsoren auf mehrere Serien verteilen, statt sie auf jeweils eine zu konzentrieren. Als junger Fahrer steht man heute vor der Frage, wo man nach dem Kartsport hin soll. In welche Einsteigerserie? Danach in die GP3 oder Formel 3? Und zum Schluss in die GP2, Renault-Weltserie oder Formel 2? In der Vergangenheit gab es da ein klares Konzept. Wer in Brands Hatch das Formel Ford-Festival gewonnen hat, stand bereits in den ersten Notizbüchern der Formel 1-Chefs. Danach war der weitere Weg klar. Erst Formel 3, dann Formel 2.

Ist das für Sie mehr ein Bürojob, oder arbeiten Sie an der Front?

Berger: Die ersten Monate bestehen darin zu verstehen, was es alles unterhalb der Formel 1 gibt, was gut und was schlecht ist. Egal, unter welcher Flagge die Serie fährt. Ich möchte die guten Ideen aus allen Serien in ein System von starken FIA-Meisterschaften einbringen. Im Prinzip sehe ich einen Stamm, der vom Kart in die Formel 1 münden muss, mit drei Stufen dazwischen. Eine Einsteigerformel, die Formel 3 und die Formel 2. Diese Meisterschaften müssen so stark besetzt und so effizient sein, dass von den guten Fahrern gar keiner mehr auf den Gedanken kommt, in irgendeiner anderen Serie anzutreten. Das ist heute nicht so. Die Talente fächern sich auf viele Serien auf. Drei gute Leute in der GP 2, drei in der Formel 2 und drei in der Renault-Weltserie. Mit der Folge, dass dann in der Formel 3-Euroserie zwölf Autos antreten. Das kann nicht gut genug sein.

Warum ist es so schwierig, die Leute für eine Lösung an einen Tisch zu bringen? Es muss doch jedem einleuchten, dass der Wildwuchs nicht gut ist.

Berger: Ich möchte nicht von oben herab bestimmen, welche Serie die beste in der jeweiligen Nachwuchsklasse ist. Vielleicht ist es ja die GP2 und nicht die Formel 2. Ich gehe relativ unvoreingenommen in diese Aufgabenstellung. Natürlich weiß ich, dass hinter den einzelnen Serien individuelle Interessen stehen. Ich will erst einmal schauen, wer mir helfen könnte, um einen optimalen Nachwuchssport hinzukriegen. Wenn ich draufkomme, dass mir keiner hilft, weil jeder nur möglichst viel Geld in die eigene Tasche abzweigen will, dann werde ich schon einen Weg finden, wie ich trotzdem das Richtige draus mache. Ich will aber vordergründig nicht auf Konfrontationskurs zu gehen. Das Ziel muss sein, für die FIA starke Meisterschaften zu kreieren. Das wird eine Zeit dauern, weil ich erst einmal eine Bestandsaufnahme machen muss, wo die Stärken liegen, wo die Probleme sind.

Und dann?

Berger: Dann müssen die Reglements geschaffen werden, um diese Probleme aus der Welt zu schaffen. Schließlich musst du das alles auch noch in die Praxis umsetzen.

Das klingt nach viel Arbeit?

Berger: Wahrscheinlich.

Die FIA könnte sich die Arbeit einfach machen und ein Aufsteigersystem vorschreiben. Zum Beispiel: Wer in die Formel 1 will, muss vorher entsprechend Erfolg in der Formel 3 und Formel 2 gehabt haben.

Berger: Das ist ein Hebel, den die FIA hat, und der vielleicht irgendwann einmal eingesetzt werden muss. Aber nicht im ersten Schritt. Ich will die Leute überzeugen und mit gemeinsamer Kraft eine konstruktive Lösung finden. Bei diesen Gesprächen werde ich schnell herausfinden, wer den Nachwuchs fördern will, und wer nur ans eigene Geschäft denkt. Wenn die Meisterschaft gut ist, egal wer sie gerade veranstaltet, kann man sich diese ja zum Vorbild für die entsprechende Alters- und Erfahrungsstufe der Piloten nehmen. Es muss dann aber eine FIA-Meisterschaft sein, die so attraktiv ist, dass alle hinwollen. Andernfalls laufen wir Gefahr, dass wir viele Serien haben, aber keine von denen erfüllt ihren Zweck.

Denkt nicht jeder im Motorsport ans eigene Geschäft?

Berger: In der Formel 1 ist das legitim, weil da so viel Geld unterwegs ist. Aber in einer Nachwuchsformel darf das Geschäft nicht der dominierende Faktor sein. Es kann nicht sein, dass der erste Anreiz einer Nachwuchsformel der ist, wie ich die reichen Väter der Fahrer ausnehme. Das ist kurz gedacht und verantwortungslos. Weil es die echten Talente möglicherweise ausgrenzt. Wenn einer bei dem System keinen reichen Vater hat, läuft er Gefahr, durch den Rost zu fallen. Die Formel 1-Chefs schauen heute nicht mehr auf die kleinen Serien. Da liegt für mich der Reiz der Aufgabe. Ich will im Bereich der Nachwuchsförderung den Idealismus mehr in den Vordergrund stellen.

Die Kosten sind sicher das ganz große Thema. Was kostet es heute, um vom Kart in die Formel 1 zu kommen?

Berger: Das geht schon im Kartsport los. Eine Saison auf Werksniveau kostet über 200.000 Euro. Das ist nicht akzeptabel. In der GP2 geben die Teams bis zu vier Millionen aus. Ein Wahnsinn. Wer soll das bezahlen?

Was darf Ihrer Meinung nach eine Einsteigerformel denn kosten?

Berger: Vernünftig wären maximal 50.000 Euro für eine Kartsaison, 100.000 Euro für eine Einsteigerserie, 300.000 Euro für die Formel 3, eine halbe Million für die letzte Klasse unter der Formel 1. Das ist eine Aussage aus dem Bauch heraus. In den nächsten Monaten will ich mir anschauen, ob diese Größenordnungen realistisch sind.

Bei der Nachwuchsförderung muss man auch auf die Teams schauen. In keiner der kleinen Klassen lernt man etwas für die Formel 1. Das, was die Teams lernen ist, einen Dallara abzustimmen.

Berger: Das Problem in der Formel 1 ist der hohe Einstandspreis. Ein neues Team kann nur mit Erfolg einsteigen, wenn es mit Werksunterstützung fährt oder einen Geldgeber findet wie einen Red Bull oder einen reichen Scheich. Die Geschichte eines Eddie Jordan lässt sich nicht mehr wiederholen. Das ist die Wirklichkeit. Ich habe mir das selbst 100 Mal angeschaut, ob es Sinn macht, mit einem eigenen Team einzusteigen. Es geht nicht. Ich hatte ja noch die Chance, mich in ein bestehendes Team, das von Red Bull unterstützt wird, einzukaufen. Aber selbst unter diesen optimalen Bedingungen ist es nicht möglich, das dauerhaft hinzukriegen. Es gibt in den kleinen Klassen genügend gute Teams und gute Racer, die es von der Basis her schaffen könnten. Nehmen sie ART. Die waren erfolgreich in der Formel 2 und in der GP 2. Die wollen auch in die Formel 1. Aber denen fehlt wie allen anderen auch das Geld dafür.

Das ist aber eine erschreckende Erkenntnis. Von unten kommt nichts nach, und denen, die in der Formel 1 sind, bleibt nur das Sterben.

Berger: Von unten kann schon etwas nachkommen, wenn man einen Geldgeber findet. Das beste Beispiel ist Toro Rosso. Die haben von Minardi eine alte Fabrik mit ein paar alten Maschinen und ohne eigenen Windkanal übernommen, und das war's. Dann haben Franz Tost und Giorgio Ascanelli ein funktionierendes Team daraus gemacht, was natürlich nur möglich war, weil Red Bull das Team so stark unterstützt hat. Wir sind Idealisten und irgendwo auch Träumer, wenn wir verlangen, dass wie früher neue Teams aus dem Nichts entstehen. Die Formel 1 ist heute ein knallhartes Geschäft ohne Sentimentalitäten. Sie gehört CVC. Das ist ein Finanzunternehmen, und da geht es darum, dass sie sich ihre Investitionen zurückholen. Der Motorsport ist das Mittel zum Zweck. Dafür müssen Minimum 20 Autos fahren. Wem die gehören, ist denen im Prinzip egal. Solange die Show stimmt und die Fernsehanstalten die Show einkaufen, ist alles perfekt. Und das managt Bernie Ecclestone besser als jeder andere. Bernie ist einer der weiß, was Motorsport ist. Aber das ist nicht seine Aufgabe. Er hat den Auftrag von CVC, möglichst viel Kohle reinzuholen und nicht einen neuen Jordan oder Berger zu finden. Wir zwei würden auch lieber in Brands Hatch als in Abu Dhabi ein Rennen veranstalten. Aus Sicht derer, denen das Geschäft gehört, ist Abu Dhabi besser, selbst vor leeren Tribünen. Die zahlen die Rechnung, Brands Hatch zahlt sie nicht. Deshalb müssen wir unsere Motorsportbrille absetzen.

Zurück zum Nachwuchs: Die drei Top-Stars Vettel, Hamilton und Alonso kamen auf unterschiedlichen Wegen in die Formel 1. Welcher ist der beste Weg? Gibt es überhaupt einen?

Berger: Von den Fahrern, die Sie gerade aufgezählt haben, ist jeder mal in der Formel 3 gefahren. Bei Ayrton Senna, Alain Prost, Martin Brundle oder bei mir war das genauso. Die Formel 3 ist für mich die Schlüsselstelle im Nachwuchssport. Die besonders Begabten sind sogar gleich in die Formel 1 gesprungen und haben die Stufe Formel 2 ausgelassen. Deshalb werde ich mich auch zuerst um die Formel 3 kümmern. Wenn die einwandfrei funktioniert, muss man schauen, was die ideale Serie drunter und drüber wäre.

Was ist an der Formel 3 so gut?

Berger: Die Formel 3 ist die erste Serie, wo du als Fahrer dich mit der Aerodynamik und dem Fahrzeug-Setup beschäftigen musst. Wo du auch ein sehr ausgeglichenes Motorenfeld hast. Was dazu führt, dass am Ende der Fahrer den Unterschied ausmacht.

Jetzt leidet die Formel 3 aber auch schon an Auszehrung.

Berger: Das ist ja das Problem. Es gibt dazu auch noch verschiedene Reglements in den einzelnen Ländern. Es kann nicht sein, dass einige Teams beim Masters in Zandvoort nicht antreten können, weil das Auto vom Reglement her nicht passt. Wie genau die Formel 3 aussehen muss, will ich aber jetzt noch nicht sagen. Da will ich vorher noch tiefer in die Materie einsteigen. Dazu brauche ich sicher drei, vier Monate. Erst dann bin ich in der Lage zu sagen, wie ich mir das vorstelle.

In den Nachwuchsklassen lernt man das schnelle Autofahren. Wo lernt man das, was ein Vettel, Hamilton oder Alonso den anderen voraus haben - die Stärke im Kopf?

Berger: Es ist das Gute, dass man das nicht lernen kann. Ich habe so viele Fahrer in meiner Karriere gesehen. Talent hatten alle mit Ausreißern nach oben und nach unten. Der ultimative Erfolg kommt vom Kopf. Da gibt es Leute, die sind schon so geprägt. Ein Sebastian Vettel war immer schon seiner Zeit voraus. Der hat bereits mit seinen 19 Jahren bei BMW und Toro Rosso so getickt wie sonst ein 30-Jähriger. Ich war mit 19 Jahren 19 Jahre alt. Es war von Anfang an klar, dass das Teil seines Erfolges sein würde. Dazu kommt, dass Vettel wahnsinnig konzentriert auch unter Druck seine Leistung abrufen kann, was seine vielen Trainingsbestzeiten in letzter Minute beweisen. Und dass er eine unglaublich angenehme, aber doch sehr bestimmte Art hat. Er kann Dinge im Team vorantreiben. Das konnten ein Senna und ein Schumacher auch. Wir haben zu Benetton-Zeiten immer den Funk abgehört. Das beeindruckende am Michael war, wie ruhig der im Auto geblieben ist. Egal wie gut oder schlecht es lief. Der ist nie ausgeflippt. Jean Alesi und ich wären da längst an die Decke gegangen. Würde ich mit meiner Erfahrung von heute noch einmal im Auto sitzen, würde ich es auch so machen. Weil du so das Team schneller voranbringst. Diese Erkenntnis hatte ich aber nicht zu meiner aktiven Zeit. Der Kopf macht mindestens 50 Prozent in diesem Geschäft aus. So ist der Niki Lauda zum dritten Mal Weltmeister geworden. Alain Prost war zu dieser Zeit bereits schneller. Aber der Niki hat ganz ruhig analysiert, wo seine Stärken liegen, hat die optimal genutzt und Prost geschlagen.

In unserer Fotogalerie zeichnen wir noch einmal die Karriere von Gerhard Berger nach.

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