Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Gerhard Berger exklusiv

"Sehe bei Vettel nur ein Gesicht"

Gerhard Berger, Portrait Foto: Daniel Reinhard 45 Bilder

Die Formel 1 steht vor Ihrem Europa-Debüt. In den ersten vier Rennen gab es viele kontroverse Themen. Kritik an den Reifen, Stallregie, Mercedes-Comeback. Wir haben uns mit Gerhard Berger über den Start der Formel 1-Saison unterhalten.

07.05.2013 Michael Schmidt
Wie sehen Sie die Formel 1: Wer liegt vorne?

Berger: Da habe ich ein bisschen gemischte Gefühle. Es ist noch schwer zu sagen, wer die Nase vorne hat, es sieht aber so aus, als wäre der Red Bull mit Vettel wieder die Messlatte. Im Unterschied zum Vorjahr ist der Ferrari relativ knapp dran. Wenn Alonso wieder so eine Leistung bringt wie im letzten Jahr, wird es ein enger Kampf zwischen Vettel und ihm. Kimi sitzt derzeit in einem sehr guten Auto, aber Lotus hat nicht die finanzielle Kraft, in der Entwicklung mit Red Bull und Ferrari über das ganze Jahr mitzuhalten. Er wird unangenehm sein, er wird Rennen gewinnen, aber kaum um die Weltmeisterschaft mitkämpfen.

Wie sehen Sie Mercedes?

Berger: Ungefähr dort, wo Lotus ist. Es ist nicht überraschend, weil Mercedes den besten Motor und zwei super Fahrer hat. Es war klar, dass sie irgendwann mit der Power von Mercedes auch das Chassis hinkriegen. Die werden Schritt für Schritt nach vorne kommen.

Lewis Hamilton lässt Rosberg gerade alt aussehen. Entwertet das Michael Schumachers Leistung?

Berger: Schumacher entwertet gar nichts. Der war am Ende seiner Karriere. Da ist doch klar, dass die Zukunft den Jungen gehört. Michael hat so viele Erfolge eingefahren, war sieben Mal Weltmeister, da gibt es keine Entwertung. Er hat bleibende Werte geschaffen.

Ist Hamilton für Rosberg der ultimative Prüfstein?

Berger: Das hat man schon bei Schumacher gesagt. Da hat Rosberg bewiesen, dass er ein Guter ist. Würde er Hamilton auch in Schach halten, hätte er einen weiteren Meilenstein geschafft. Ich sehe das Duell bei Mercedes noch nicht als klare Geschichte. Für mich liegen die beiden gleichauf. Jeder hat seine Stärken. Der eine fährt mit kühlem Kopf, der andere mit mehr Emotion. Das gleicht sich aus.

Stichwort Reifen: Ist zu viel Show im Sport, oder braucht der Sport diese Show?

Berger: Man kann es so oder so sehen. Grundsätzlich ist die Aufgabenstellung für alle gleich. Sie war in der Vergangenheit nicht anders. Reifen schonen war immer ein Thema, vielleicht nicht ganz so dominant. Es macht natürlich keinen Sinn, Millionen in die Auto- und Motorenentwicklung zu stecken, und dann bestimmt der Reifen alles. Wenn es obendrein noch darauf ankommt, wer am saubersten langsam fährt, dann ist da ein Fehler drin. Man kann alles übertreiben. Hier ist der beste Kompromiss gesucht. Ich fand, das war 2012 besser gelöst.

Wäre der Reifen stabiler, würde Red Bull allen davonfahren.

Berger: Das ist kein Gesetz.

Pedro de la Rosa sagt, dass die aktuellen Reifen die Qualität vom Fahrer noch mehr zur Geltung bringen.

Berger: Ich glaube, da liegt viel am Fahrstil. Wenn ich mir den Räikkönen in der Bordkamera anschaue, dann sieht man, wie sauber der einlenkt. Oder ich höre, wie sanft der Button aufs Gas geht. Denen kommen die Reifen entgegen. Es sollte weder für den einen noch den anderen ein Vorteil sein. Wir wollen den schnellsten sehen, egal welcher Fahrstil. Erinnern wir uns an meine Zeit zurück. Da gab es den Prost, der einen sauberen Strich gefahren ist und den Mansell, der ein wilder Hund war. Wenn die zwei nicht hätten gegeneinander fahren können, weil der Reifen den einen bevorzugt und den anderen benachteiligt, dann wäre das schade gewesen. Da darf der Reifen nicht das Zünglein an der Waage sein.

In Shanghai gab es 72 Boxenstopps. Wie wichtig ist es für den Sport, dass der Fan am Fernseher noch durchblickt?

Berger: Die Formel 1 ist zu Durchblicken, auch mit vielen Boxenstopps. Da sind die US-Serien wie zum Beispiel Nascar viel unübersichtlicher. Die Mischung macht es aus. Es wäre langweilig, wenn es jedes Rennen so viele Boxenstopps gibt. Da muss Abwechslung drin sein. Ich finde die Boxenstopps faszinierend. Es ist eine Herausforderung für Fahrer und Team. Da habe ich mit DRS und KERS und ihrem Einfluss auf die Überholmanöver mehr Probleme. Da muss zu viel erklärt werden, wer wen warum überholt hat. Da tut sich ein Zuschauer, der nicht so tief in der Materie steckt, schwer.

Das wird nächstes Jahr mit den Turbomotoren und dem leistungsstärkeren KERS aber noch schlimmer.

Berger: Stimmt. Das wird noch komplizierter.

In Malaysia gab es bei Red Bull Turbulenzen nach der Stallregie-Panne. Kann so etwas ein Team aus dem Tritt bringen?

Berger: Es bringt Unruhe ins Team. Es wäre schade, weil es im zweiten Rennen der Saison unnötig ist, eine Stallregie auszusprechen. Die Fahrer sollten das beste für sich selbst machen dürfen und zwar so lange, bis einer der beiden nicht mehr Weltmeister werden kann. Nur am Saisonende macht Stallregie Sinn.

War das eine Machtdemonstration von Vettel?

Berger: Vettel hat zwei Mal die Weltmeisterschaft gegen Ferrari mit ganz wenigen Punkten Vorsprung gewonnen. Würde der jetzt freiwillig Punkte liegenlassen, wäre er zwei Mal nicht Weltmeister geworden. Wenn das Team will, dass Vettel den Titel holt, dann kann er eigentlich gar nicht anders als jede Gelegenheit mitzunehmen und Punkte zu machen. Weltmeisterschaft werden heute nicht mehr mit 20 Punkten Unterschied gewonnen.

Vettel hat sich durchgesetzt, Rosberg in sein Schicksal gefügt. Ist das der Unterschied zwischen einem Champion und einem guten Rennfahrer?

Berger: An Rosbergs Stelle hätte ich mein Rennen gefahren und hinterher gesagt, dass ich den Funkspruch nicht verstanden habe. Die beiden sind völlig unterschiedlich gepolt. Vettel wäre gar nicht in der Lage, eine Strategie zu akzeptieren, die gegen ihn geht. Das kann der gar nicht.

Vettel hat zwei Gesichter: Nach außen hin der Strahlemann, nach innen ein knallharter Profi.

Berger: Ich sehe da nur noch ein Gesicht. Ich und sonst niemand.

Erinnert er Sie da an Senna oder Schumacher?

Berger: Die Überflieger sind alle so gewesen. Das steckt in dir drinnen. Das ist eine Frage des Naturells.

Sie selbst waren 1991 Opfer einer Stallregie. Ron Dennis hatte Sie gebeten für Senna zu fahren. Warum haben Sie akzeptiert.

Berger: Für mich war das nicht schwierig das zu akzeptieren. Ron hat diese Bitte an mich zu einem Zeitpunkt herangetragen, als ich selbst nicht mehr Weltmeister werden konnte. Meine Linie war immer so: Zuerst komme ich. Erst wenn ich keine Titelchancen mehr habe, das Team. Und in dem Fall musste ich für den Teamkollegen fahren, auch wenn es mein größter Gegner war. So habe ich kein Problem. Nur umgekehrt geht nicht.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden