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GP Kanada 2011 - Rennanalyse

Die letzten Geheimnisse des Chaos-GPs

Button Hamilton Webber GP Kanada 2011 Foto: Red Bull 51 Bilder

Formel 1-Rennen in Montreal sind nie langweilig. Da machte auch die 32. Ausgabe des Grand Prix in der Stadt am St. Lorenz-Strom keine Ausnahme. Die auto motor und sport-Analyse verschafft Ihnen den Überblick über turbulente 70 Runden.

13.06.2011 Michael Schmidt

Der GP Kanada war nicht nur der längste und langsamste Grand Prix der Geschichte, er bot auch sonst alles, was ein Rekordrennen braucht. 76 Boxenstopps, Überholmanöver zuhauf, Kollisionen, fünf Safety-Car-Phasen, einige Strafen und einen Sieger, der vom 21. Platz nach vorne fuhr. In unserer Analyse verraten wir Ihnen die letzten Geheimnisse des Chaos-Grand Prix.

Wie kam Button vom letzten bis auf den ersten Platz?

In der Rundentabelle ist Jenson Buttons Linie eine wildgezackte Kurve. Fünf Runden lang war der Siebte des Trainings Siebter. Kunststück, denn die ersten vier Runden zuckelte das Feld hinter dem Safety-Car her. Die ersten zwei Positionsgewinne verdankte Button Fehlern anderer. Teamkollege Lewis Hamilton räumte Mark Webber aus dem Weg und stellte sich dann selbst ein Bein. Beim Angriff auf Michael Schumacher in der Haarnadel verlor Hamilton zwei Plätze.

Dann kam die achte Runde. "Ich kam besser aus der Schikane als Jenson und wollte rechts vorbei. Aber da war schon Jenson", beschrieb Hamilton die Szene, die am McLaren-Kommandostand blankes Entsetzen hervorrief. "Da sind ein paar deftige Flüche gefallen", gab Teamchef Martin Whitmarsh zu. Hamilton schlug sich ein Rad ab, Button fuhr weiter. "Ich unterstelle Jenson keine Absicht. Er ist kein Typ für foule Tricks", leistete Hamilton kleinlaut Abbitte.

Button nutzte den Zwischenfall, um als erster Fahrer Intermediates aufzuziehen. Dank der großen Lücken im Feld und des Safety-Cars fiel er nur auf Rang 14 zurück. Gleich nach dem Re-Start wurde der Weltmeister von 2009 von der Rennleitung zu einer Durchfahrtsstrafe verdonnert. Er hatte in der ersten Safety-Car-Phase das Zeitfenster auf dem Weg zurück zu den Boxen um 2,5 Sekunden unterschritten. Das Timing des Strafantritts war vielleicht der einzige Fehler der McLaren-Box. Man hätte sich mit der Strafe noch zwei Runden Zeit lassen und so mehr Luft auf die Verfolger gewinnen können. So oder so: Die Nummer kostete Button nur eine Position.

Fünf Runden später lag der spätere Sieger schon wieder auf Platz acht. Zum ersten Mal sah Button aus wie ein möglicher Sieger. Die Strecke begann langsam aufzutrocknen, und er war richtig bereift. Doch dann kam der große Wolkenbruch, und mit ihm wurde der Reifenpoker zum Eigentor. Button rüstete auf Regenreifen zurück. Als Glück erwies sich, dass einige seiner Gegner ebenfalls falsch gepokert hatten. Als die Rennleitung das Rennen in der Sintflut nach 24 Runde stoppte, da hatte sich Button gerade so in die Punkteränge gemogelt.

Nach 2:02 Stunden Pause dümpelte der Engländer in der elend langen Safety-Car-Phase bis zum endgültigen Re-Start auf Platz zehn herum. Dann zog McLaren den ersten Taktikjoker. Button holte sich als erster der Favoriten Intermediates ab. Michael Schumacher war schon eine Runde vor ihm dran. McLaren passte gut auf und erkannte anhand der Sektorzeiten, dass es Zeit für Intermediates war.

Lange konnte sich Button über den Schachzug nicht freuen. In Runde 37 krachte er im Kampf um Platz neun mit Fernando Alonso zusammen. Die Kollision hatte Folgen für beide. Während Alonsos GP Kanada beendet war, musste Button zum großen Service an die Box. Der linke Vorderreifen war platt, und der Frontflügel hatte einen Streifschuss abbekommen. Der Wechsel von Nase und Reifen dauerte nur acht Sekunden länger als üblich. "Den Tausch der Nase hätten wir uns sparen können. Der Flügel war noch intakt. Aber wir wollten kein Risiko eingehen", gestand Whitmarsh.

Vier Runden lang tauchte die Startnummer vier auf Platz 21 auf. Noch in der 40. von 70 Runden hielt Button die rote Laterne. Dann begann sein unaufhaltsamer Aufstieg. Platz 17 in Runde 42, Rang 12 in Runde 45, Achter in Runde 50. Jetzt waren die McLaren-Strategen wieder am Zug. Button folgte Mark Webbers Beispiel und sattelte auf Slicks um. Von da an ging die Aufholjagd erst richtig los.

"Auf den Trockenreifen war mein Auto am besten", rekapitulierte der McLaren-Pilot. Er nahm die letzten 20 Runden von Platz zehn aus in Angriff. Zu dem Zeitpunkt betrug sein Rückstand auf Spitzenreiter Sebastian Vettel 47 Sekunden. Unter normalen Umständen uneinholbar, auch wenn Vettel in Runde 53 Buttons Beispiel folgte und auf Slicks umsattelte. Der Boxenstopp des Red Bull-Piloten ließ den Vorsprung 15 Runden vor Schluss auf 15,4 Sekunden schrumpfen. Button war jetzt schon Vierter.

Dann konnte sich Button bei Nick Heidfeld bedanken. Der Renault-Pilot hinterließ bei seiner Karambolage mit dem Sauber von Kamui Kobayashi einen Trümmerteppich zwischen den Kurven drei und vier. Die fünfte Safety-Car-Phase stauchte das Feld erneut zusammen. Dadurch lagen Vettel, Schumacher, Webber und Button plötzlich auf Schlagdistanz.

Webber merkte schnell: "Jenson war klar schneller als ich. Er hätte mich auch überholt, wenn ich es früher an Schumacher vorbeigeschafft hätte." Doch Button wollte nicht so lange warten und nutzte ein Missverständnis seiner Vorderleute zum Vorstoß auf Platz drei aus. Eine Runde später war auch Schumacher fällig. Jetzt trennten Vettel und Button nur noch 3,1 Sekunden.

In der vorletzten Runde hatte der Mann vom zweiten Platz genügend Anschluss geschafft, um auf der langen Geraden den Heckflügel flachstellen zu dürfen. "Das DRS hat mich an Seb zwar nicht vorbei, aber wenigstens an ihn herangeschafft. Es wäre für Sebastian in der letzten Runde schwierig geworden sich zu verteidigen", meinte Button. Vettel ärgerte sich: "Jenson war schneller, aber ich hätte es schaffen können. Ausschlaggebend war ganz klar mein Fehler. Ich war etwas spät auf der Bremse, kam auf einen nassen Fleck, und das war's."

Hätte sich Vettel gegen Button verteidigen können?

Sebastian Vettel verlor den Sieg auf den letzten drei Kilometern. Nach dem er 68 von 69 Runden geführt hatte. Deshalb konnte der WM-Spitzenreiter eine gewisse Enttäuschung über seinen zweiten Platz nicht verbergen. "Ich habe für einen Fehler bezahlt, der nicht gerade zum günstigsten Zeitpunkt kam." Gemeint ist der Quersteher in der letzten Runde.

Rückblickend sah Vettel noch einen zweiten Fehler. "Ich hätte nach der letzten Safety-Car-Phase den Vorsprung etwas mehr ausbauen sollen. Statt mir ein Polster von sechs bis sieben Sekunden zu schaffen, habe ich es bei vier Sekunden belassen, um auf die Reifen aufzupassen. Man weiß ja nie, ob nicht noch eine Safety-Car-Phase kommt."

Auch Mark Webber und Michael Schumacher hätten Button ruhig noch ein wenig länger aufhalten können, befand Vettel. "Der Mark hat mir nicht gerade geholfen, als er in der Schikane geradeaus gefahren ist. Und Michael hatte gegen Jenson auf der Geraden keine Chance. Jenson hat den Heckflügel flach gestellt, und vorbei war er."

Als Button auf Rang zwei auftauchte, trennten ihn 3,1 Sekunden von dem Red Bull. Da begann Vettel seine schonende Fahrweise davor zu verfluchen. "Der McLaren war auf trockener Straße verdammt schnell. Das hat mich gewundert, weil er auf Regenreifen und Intermediates nicht so wahnsinnig flott unterwegs war."

Für Vettel kamen jetzt zwei Faktoren ins Spiel. Erstens musste er vom Start weg auf sein KERS verzichten. Das kostete rund vier Zehntel pro Runde. Und es hätte ihm bei der Verteidigung seiner Führung gefehlt, wäre Button eingangs der langen Geraden direkt in seinen Windschatten gelangt. Vettels Beinahe-Dreher löste das Problem von selbst.

Buttons zweite Trumpfkarte war das DRS-System. Er lag in der vorletzten Runde ausgangs der Haarnadel innerhalb einer Sekunde mit Vettel, was ihm den Vorteil der Heckflügel-Flachstellung in die Hände spielte. "Da hat er auf den zwei Geraden bestimmt sechs Zehntel auf mich gut gemacht", rechnete Vettel vor. "Wir waren auf der Geraden wieder mal ziemlich langsam. Der starke Gegenwind hat da nicht geholfen."

Vettels größter Feind aber war das Safety-Car. Auf den jeweils Zweitplatzierten verlor der Red Bull-Pilot insgesamt 38,551 Sekunden an Vorsprung. Button profitierte in großem Stil von den Neutralisationen. In Summe spielte das Safety-Car dem McLaren-Piloten im Vergleich zu Vettel 1.17,825 Minuten zu. Der Engländer hatte allerdings nur einmal freie Sicht. Auf den letzten drei Kilometern. Vettel dagegen konnte immer sein Tempo fahren und musste während des Rennens kein einziges Auto überholen.

Waren die Strafen und Freisprüche gerecht?

Der erste Sünder kam ungeschoren davon. Die Rennleitung kündigte gerade eine Untersuchung gegen Lewis Hamilton wegen seiner Kollision mit Mark Webber an, da fuhr sich der Engländer sein Auto am linken Hinterreifen von Jenson Buttons McLaren krumm. Ansonsten wäre Hamilton wohl nicht um eine Durchfahrtsstrafe herumgekommen.

Button musste zwei Mal zittern. Für die Karambolage mit Hamilton konnte er nichts, auch wenn man es ihm nicht ganz abnehmen kann, dass er Hamilton nicht sah. Die TV-Aufnahmen zeigen deutlich, wie Button nach links in den Rückspiegel schaute. Aber er wechselte nur einmal die Spur. Das ist erlaubt. Teamchef Martin Whitmarsh beeilte sich zu sagen: "Dieser Vorfall wird das Betriebsklima nicht stören. Jenson und Lewis sehen den Unfall genauso wie wir. Lewis war eine Spur zu aggressiv. Dafür hat er bezahlt. Das kann passieren, nicht nur unter Teamkollegen."

Der Zusammenstoß mit Fernando Alonso war ein typischer Rennunfall. "Bei der Gischt siehst du den Fahrer hinter dir nicht", entschuldigte sich Button für den Alonso-Zwischenfall. Vettel bestätigt: "Wenn das andere Auto schräg hinter dir fährt und deine Spiegel verdreckt sind, kannst du den anderen höchstens hören aber nicht sehen. So ging es mir beim letzten Re-Start mit Michael Schumacher." Da Alonso seinem Unfallgegner keine Schuld gab, darf man davon ausgehen, dass die Entscheidung der Rennkommissare in Ordnung ging.

Narain Karthikeyan bekam 20 Sekunden aufgebrummt, weil er die Strecke abgekürzt hatte. Das ist genauso wenig diskutabel wie Buttons Boxenstrafe für zu schnelles Fahren zu Beginn der ersten Safety-Car-Phase. Oder die Buße für Jérôme d‘Ambrosio, der verbotenerweise von Regenreifen auf Intermediates gewechselt hatte, bevor das Rennen nach der Pause wieder freigegeben wurde.

Paul di Resta musste einmal zwangsweise durch die Boxen, weil er bei einem Re-Start Nick Heidfeld auf die Hörner genommen hatte. Ein bisschen kleinlich, denn Heidfeld konnte ohne Positionsverlust weiterfahren. Adrian Sutils Strafe für Überholen in einer Safety-Car-Phase war ungerecht. Sutil musste annehmen, dass Nico Rosberg ein technisches Problem hatte. "Da hing hinten ein Teil vom Auto, und das hat Vibrationen erzeugt. Deshalb habe ich langsamer gemacht, bis das Teil weggeflogen ist. In der Phase wurde ich von drei Autos überholt", gab Rosberg zu. Sutil hat damit nichts Verbotenes getan. Überholen in einer Safety-Car-Phase ist erlaubt, wenn der Vordermann deutlich langsamer wird.

War der Start hinter dem Safety-Car gerechtfertigt?

Sebastian Vettel meint ja, auch wenn es nicht danach aussah. "Ich weiß, dass es nicht so stark geregnet hat. Für mich als Führender wäre ein normaler Rennstart in Ordnung gewesen, aber die Jungs hinter mir hätten in der Gischt nichts gesehen. Auf der Strecke von Montreal kann das Wasser nirgendwo hin. Und wenn du nichts siehst, besteht die Gefahr, dass du in einer der Pfützen Aquaplaning bekommst." Das sei auch der Grund gewesen, warum das Safety-Car nach der Unterbrechung insgesamt zehn Runden vor dem Feld herfuhr. Mark Webber spendete der Rennleitung ein Lob: "Sie hat in jeder Phase verantwortungsvoll gehandelt."

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