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Grand Prix-Tagebuch 2011 Teil 15: GP Japan

One-Woman-Show in Suzuka

Impressionen - GP Japan 2011 Foto: Red Bull 27 Bilder

In unserem Grand Prix-Tagebuch bieten wir Ihnen einen Blick hinter die Kulissen der Formel 1. Hier erzählen die auto motor und sport-Redakteure, was Ihnen auf den 19 Rennen des Jahres alles passiert ist. Teil 15: GP Japan - One-Woman-Show in Suzuka.

15.12.2011 Bianca Leppert

Das Rennen in Japan warf bereits lange vorher seine Schatten voraus. Natürlich sprachen alle vor der Anreise über die Naturkatastrophe und ihre Folgen. Kollege Michael Schmidt machte sich weniger Sorgen um die Strahlung aus Fukushima als um meine Nahrungsaufnahme. Er war der Meinung, ich müsste als Vegetarier in Japan verhungern. Als ich ihm am Telefon mitteilte, dass ich zumindest Fisch esse, war die Erleichterung groß. Alle Probleme schienen aus dem Weg geräumt und der Reise nach Japan nichts mehr im Weg zu stehen.

Kollege Schmidt nicht einsatzbereit

Doch am Tag unserer geplanten Abreise war es mit der Ruhe vorbei. Ich war gerade aus dem Bett gekrochen, als mein Handy klingelte. Das Display zeigte die Büronummer von Michael Schmidt an. Ich befürchtete zunächst, die Abflugzeit verwechselt zu haben und nun einen Weckruf zu erhalten. Doch es sollte noch schlimmer kommen: Michael teilte mir mit, dass er am Vorabend auf dem Fahrrad mit einem Auto kollidiert war und wegen der folgenden Untersuchungen nicht nach Japan fliegen könne. So wie es aussah, sollte er auch das Rennen in Korea verpassen.

Als ich den Hörer auflegte, setzte bei mir kurz Schnappatmung ein. Ich war noch nie zuvor in Japan und wusste, dass uns vom Flughafen in Tokyo eine lustige Zugfahrt mit zwei Mal Umsteigen erwarten würde. Und ich wusste, dass Sebastian Vettel in Suzuka wohl Weltmeister werden würde und damit ein erhöhtes Arbeitspensum wartet. Der erste Plan sah außerdem vor, dass ich in Korea statt den Geschichten für die Internetseite nun die Story für das auto motor und sport Magazine übernehmen sollte. Ich liefere zwar öfter Geschichten für die Kollegen der Printredaktion ab, doch der Gedanke, Formel 1-Koryphäe Michael Schmidt zu ersetzen, verursachte ein Grummeln in der Magengegend.

Fotograf Reinhard spielt Japan-Lotse

Es passte ins Bild, dass schon der Bus zum Flughafen Verspätung hatte, ich mein schweres Gepäck wegen einer defekten Rolltreppe an der S-Bahn-Station durch die Gegend wuchten musste und auch mein Flieger nach Wien nicht im Zeitplan lag. Mit viel Glück erwischte ich die Maschine nach Tokyo in Wien gerade noch rechtzeitig. Dort rief auch Kollege Schmidt nochmal an und gab sein aktuelles Krankheitsbild durch. Es blieb dabei. Er sollte zum ersten Mal seit 20 Jahren einen Grand Prix verpassen. Immerhin hatten wir inzwischen organisiert, dass unser Fotograf Dani Reinhard mich am Flughafen in Tokyo in seine Obhut nehmen und nach Suzuka lotsen sollte.

Auf dem rund zwölf Stunden langen Flug hatte ich gar keine Zeit, mir Sorgen zu machen. Mein australischer Sitznachbar plapperte unentwegt. Danach wusste ich über all seine Verwandschaftsverhältnisse in Österreich Bescheid. Entsprechend gerädert stieg ich in Tokyo aus dem Flieger und freute mich wie ein Schnitzel darüber, mit Dani einen Kaffee bei Starbucks zu schlürfen - obwohl ich eigentlich keinen Kaffee mag. So gestärkt machten wir uns auf den Weg nach Suzuka. Als wir in dem Örtchen Shiroko aus dem Zug stiegen, wurden wir mit strömendem Regen begrüßt. Ein Glück mussten wir nur zehn Minuten zum Hotel laufen. Für diesen Tag war ich trotzdem bedient. Nur das Abendessen mit ein paar Kollegen heiterte mich wieder ein wenig auf.

Rennsonntag endet um fünf Uhr früh

Im Fahrerlager wussten am Donnerstag schon einige Bescheid, was passiert war. Die, die noch nichts wussten, löcherten mich mit Fragen. "Wann hat Michael zum letzten Mal einen Grand Prix verpasst? 1939?", fragte ein Teammanager mit einem breiten Grinsen. Die Formel 1 vermisste ihn. Und ich ihn auch. Nicht nur die Rercherche gestaltete sich ohne seine ausgezeichneten Kontakte schwieriger. Ohne ihn fehlte einfach etwas. Glücklicherweise konnte ich dafür auf die Hilfe meiner Kollegen bauen. Ob mein persönlicher Japan-Lotse Dani Reinhard oder Kollegen von anderen Medien - alle boten ihre Hilfe an. Die Formel 1 ist eben doch nicht so kaltherzig wie oft behauptet wird.

Letztlich wurde Sebastian Vettel wie erwartet am Sonntagnachmittag Weltmeister. Ich schuftete als One-Woman-Show bis um fünf Uhr morgens, dann knipste ich das Licht aus. Nur vier Stunden später mussten wir wieder nach Tokyo aufbrechen. Die Fahrt in den gemütlichen und stets pünktlichen Zügen war eine willkommene Gelegenheit Schlaf nachzuholen. In der Millionen-Metropole angekommen, stand der obligatorische Starbucks-Besuch mit Dani an. Ich spazierte noch ein wenig durch die Gassen, bekam am Feiertag aber nur wenig zu sehen. Doch schon alleine die Aussicht von meinem Hotelzimmer auf die scheinbar verknoteten Autobahnen war beeindruckend.

Korea muss warten

Am nächsten Tag spazierten wir nach einem U-Bahn-Fahrt-Experiment durch die Einkaufsstraße Ginza. Die Japaner wuselten geschäftig durch die Gegend. Als Tourist bekam man die Folgen der Naturkatastrophe nicht zu spüren. Es schien alles wie immer zu sein. Egal wo wir hinkamen, begegneten wir hilfsbereiten Menschen. Später musste ich mich dann auch schon wieder auf den Weg zum Flughafen machen, weil mein Flug nach Korea bereits um 18 Uhr gehen sollte.

Als ich dort ankam, wurde mir jedoch mitgeteilt, dass der Flug 15 Stunden Verspätung habe. Irgendwie schien bei dieser Reise ein Fluch auf mir zu lasten. Ich wurde mit einem Bus in ein Flughafenhotel gekarrt und konnte erst am nächsten Morgen fliegen. Etwas Gutes hatte es jedoch, denn ich lernte zwei nette Amerikanerinnen kennen, die das gleiche Schicksal teilten.

Am nächsten Morgen war der United-Schalter aber plötzlich nicht mehr an dem Ort, wo er noch am Vorabend noch gewesen ist. Mein Bedarf an Abenteuerreisen war erst einmal gedeckt. Nach langem Hin und Her schafften wir es doch noch unser Gepäck abzugeben und saßen im Flieger nach Korea. Dort sollte alles besser werden, denn Michael Schmidt wurde seine Schiene doch noch schneller los als gedacht.

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