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Grand Prix-Tagebuch 2011 Teil 16: GP Korea

Patient Schmidt wieder im Einsatz

GP Korea 2011 - Impressionen Foto: xpb 24 Bilder

In unserem Grand Prix-Tagebuch bieten wir Ihnen einen Blick hinter die Kulissen der Formel 1. Hier erzählen die auto motor und sport-Redakteure, was Ihnen auf den 19 Rennen des Jahres alles passiert ist. Teil 16: GP Korea - Patient Schmidt wieder im Einsatz.

16.12.2011

Vor dem Bericht aus Korea muss ich etwas ausholen. Einen Tag vor der Abreise zum GP Japan fliege ich vom Rad und breche mir den rechten Ellbogen. Auch das Handgelenk ist im Eimer. Zum ersten Mal seit dem GP Mexiko 1989 lasse ich wieder einen Grand Prix aus. Am Donnerstag vor Suzuka klingelt im Büro das Telefon. Niki Lauda ist dran. Er hat von meiner Verletzung gehört und meint: "Komm‘ nach Wien, morgen früh um fünf fliege ich nach Nagoya. Am Sonntagabend geht es wieder zurück. Du bist Montag früh wieder im Büro."

So schön der kurze Japan-Trip in Nikis Privatjet gewesen wäre, ich muss absagen. Erstens wäre ich mit der Schiene am Arm im Fahrerlager nur wie ein Tourist herumgestanden, zweitens wäre der Grand Prix aus produktionstechnischen Gründen sowieso nicht in die nächste auto motor und sport-Ausgabe gekommen, und drittens muss ich am Freitag einen Arzttermin wahrnehmen, damit am Montag die Schiene runterkommt.

Vier Stunden Langeweile

Ich will nämlich schon am Dienstag nach Korea aufbrechen. Der Doktor gibt grünes Licht. Ich fliege via Helsinki nach Seoul. Das Handgelenk macht immer noch Zicken. Deshalb bin ich ganz froh, dass mir Hertz ein Auto mit Automatikgetriebe gibt. Den Wählhebel muss ich trotzdem mit links betätigen. Am Flughafen-Hotel sammele ich unseren Schweizer Kollegen Roger Benoit ein. Er kam am Abend zuvor aus Tokio an.

Die 450 Kilometer lange Fahrt nach Mokpo im Süden Koreas ist leider kein Thriller. Erst steht man auf den Umgehungsstraßen von Seoul im morgendlichen Stau. Dann wandelt sich das zunächst hügelige Landschaftsbild bald zur Plattitüde. Links Berge, rechts flaches Land. Einmal geht es über eine Lagune und man sieht das Meer. Vier Stunden gepflegte Langeweile.

Mokpo empfängt uns mit einem neuen Stundenhotel. Fast alle wohnen mangels richtigen Unterkünften in diesen Etablissements. Unseres, das diesmal "Prado" heißt, ist ein klarer Fortschritt zum Vorjahr. Bei einem kurzen Check an der Rennstrecke stellt sich wieder mal heraus, dass die Berichte, alles sei nach einem Jahr Stillstand verwahrlost, deutlich übertrieben sind.

Dass die Strecke so langweilig ist wie viele andere Neubauten auch, dafür können die Koreaner nichts. Die haben andere mit den FIA-Vorschriften im Kopf gebaut. Von der versprochenen Stadt im hinteren Teil der Strecke ist immer noch nichts zu sehen. Wird wohl noch eine Weile dauern, meinen die Einheimischen. Wahrscheinlich gibt es die Stadt erst, wenn wir schon nicht mehr nach Korea kommen.

Jubiläumsfeier muss verschoben werden

Am Abend treffen Kollegin Bianca Leppert und Fotograf Daniel Reinhard ein. Sie sind erst am Vormittag aus Tokio angekommen und haben die Reise im eigenen Mietauto in Angriff genommen. Reinhard sieht ein großes Problem auf uns zukommen. Bis zum GP Japan lagen wir noch gleichauf, was die Grand Prix-Einsätze betrifft. Ende 2012 hätten wir also beide unser 500. Jubiläum gefeiert. Doch jetzt ist er einen Renneinsatz voraus. Er bittet, sich nächstes Jahr für einen Grand Prix eine Auszeit nehmen zu dürfen, um mit mir wieder auf ein Level zu kommen.

Auf seiner Hassliste stehen Shanghai, Istanbul, Valencia, Silverstone, Korea und wie wir später noch feststellen werden, auch Indien. Dort werden ihn Probleme mit dem Visum eineinhalb Tage seines Lebens kosten. Apropos Visa: im Gegensatz zum Vorjahr ging diesmal mit den Koreanern alles glatt und vor allem schnell. Was man von den Indern nicht behaupten kann. Aber davon berichtet Kollege Tobias Grüner in seinem Delhi-Spezialreport.

Röntgentermin im Streckenhospital

Wer in der Formel 1 verletzt ist oder krank wird, hat eigentlich kein Problem. Jedes Team beschäftigt Ärzte und Physiotherapeuten. FIA-Arzt Gary Hartstein verschafft mir einen Röntgentermin im Streckenhospital. Das Handgelenk macht immer noch Ärger. Er meint, nach einer Woche müsste man versteckte Brüche erkennen. Es sind aber immer noch alle Knochen am richtigen Ort. Ich müsse halt einfach Geduld haben, meinen Sauber-Physio Jo Leberer und McLaren-Arzt Aki Hintsa.

Zuerst gratuliere ich Sebastian Vettel zum WM-Titel und entschuldige mich, dass ich in Japan und beim geplanten Abendessen in Tokio am Tag danach nicht vor Ort sein konnte. Ich erzähle ihm auch, wie schlimm es ist, sich einen Grand Prix bei RTL anschauen zu müssen. Und wenn man allein auf die Pressemitteilungen der Teams und die Abschrift der offiziellen Pressekonferenzen angewiesen wäre, erfährt man leider gar nichts. Aus einem fünf Zentimeter hohen Stapel Papier lassen sich vielleicht drei Zitate von Fahrer mit einer Aussage extrahieren.

Es ist ein Trauerspiel. Die Teams kapieren einfach nicht, dass man mehr bieten muss als Gemeinplätze und Sponsor gerechte Höflichkeitsfloskeln. Nichts gegen die RTL-Kollegen vor Ort. Sie müssen machen, was ihnen aufgetragen wird. Bei dem Kölner Sender stimmt meiner Meinung nach das ganze Konzept nicht. So seicht wie möglich. Bloß nicht den Zuschauer überfordern. Für RTL existieren nur Vettel und Schumacher. Ganz nach dem Motto des früheren RTL-Chefs Dr. Thoma: "Es gibt in Deutschland nur drei Sportarten, die man im Fernsehen zeigen kann: Fußball, Tennis und Schumacher."

Zwei Sturzopfer unter sich

Mark Webber schaut auch kurz vorbei und will wissen, was mit meinem Arm passiert ist. Als Halbprofi auf dem Rad ist er Experte in Sachen Unfälle. Ich sage ihm, dass ich mich beim Hinfallen an seinen Sturz von der Tasmanian Challenge 2008 erinnert habe. Auch ihm kam ein Auto entgegen.

Ich erinnere mich noch an seine Worte. "Die Sonne fiel auf die Windschutzscheibe, und ich konnte nicht sehen, ob mich der Autofahrer überhaupt bemerkt hat und wie er reagieren wird. Deshalb bin ich in letzter Sekunde freiwillig vom Rag gestiegen." Ich sage zu ihm: "Ging mir genauso." Michael Schumacher gibt mir den freundlichen Rat, dass Radfahren in meinem Alter zu gefährlich sei. Er hat wohl Recht. Aber ich werde ihn in zehn Jahren daran erinnern.

Vettel gewinnt Rennen und verliert Wette

Das Rennwochenende wird vom Wetter bestimmt. Am Freitag regnet es. Die ganze Setup-Arbeit verschiebt sich auf Samstag. Red Bull macht alles richtig, McLaren alles falsch. Deshalb verliert Red Bull am Samstag und gewinnt am Sonntag. "Genau umgekehrt zu Suzuka", grinst Vettel. Eigentlich sollte es am Sonntag richtig schön warm werden, doch eine Stunde vor dem Start ziehen dunkle Wolken auf und der Wind kühlt ab.

Man blickt bei Red Bull in der Startaufstellung in sorgenvolle Gesichter. Hat man verzockt, sich drei Mal frische harte Reifen aufzuheben? Die Maßnahme erweist sich im Nachhinein zwar als unnötig, doch schwerer wiegt, dass die McLaren ihre Vorderreifen ruinieren.

Fotograf Reinhard gewinnt gegen Vettel eine Wette. Er hat in der Startaufstellung eine verrückte Maske auf, die die beiden beim Shoppen in Tokio entdeckt haben. Vettel glaubt nicht, dass sich Daniel auf der Startaufstellung traut, sich zu verkleiden. Um wie viel Geld es geht, bleibt geheim.

Interesse an der Formel 1 nimmt ab

Dann wiederholt sich das Phänomen zum Vorjahr. Als das Rennen losgeht, pilgern viele Menschen noch von den Verkaufsständen zu den Tribünen. Man sollte ihnen mal sagen, dass der Grand Prix der Höhepunkt ist. Korea geht es wie jedem neuen Grand Prix. Nach der Premiere lässt die Begeisterung spürbar nach. Gradmesser dafür ist zunächst das Pub "Wabar" in Mokpo. Letztes Jahr war der Laden jede Nacht bis unters Dach voll, mit Formel 1-Volk und Einheimischen. Diesmal ist nur an zwei Tagen richtig Betrieb.

Am Mittwoch feiert Peter Sauber Geburtstag. Die Sauber-Truppe ist ziemlich vollzählig da. Wir zwingen ihn mit einer weiteren Runde Bier, bis um Mitternacht Stellung zu halten. Eigentlich wollte er schon vorher das Lokal verlassen. Am Samstagabend platzt die Kneipe aus allen Nähten. Karl Wendlinger, seine Kollegen vom österreichischen TV, Bianca Leppert und ich finden gerade noch einen Platz am Ende der Bar. Einige Engländer sind mit ihren Kräften am Ende und verlassen stark schwankend das Geschehen.

Am Sonntag kommen wir nach Vettels zehntem GP-Sieg erst um Mitternacht nach Mokpo zurück. Es gibt sogar noch Restaurants, wo man etwas zu Essen bekommt. Da hätte man in manch anderen GP-Orten ein Problem. Um ein Uhr morgens bin ich im Hotel. Drei Stunden später geht es schon wieder los Richtung Seoul. Diesmal bin ich allein im Auto, weil die Kollegen alle später fliegen. In der Nacht ist die Fahrt noch eintöniger. Ich komme gerade so um Seoul herum, bevor der Berufsverkehr beginnt.

Wheldon-Unfall drückt auf die Stimmung

Im Flugzeug nach Helsinki treffe ich einige Kollegen aus der Formel 1. Sauber-Pressechef Hanspeter Brack, der kurz vor dem Einsteigen noch im Internet gesurft hat, erzählt, dass Dan Wheldon beim IndyCar-Finale in Las Vegas tödlich verunglückt sei. Da kommt mir sofort der Moment in den Sinn, als mich 1999 beim Einsteigen in den Flieger von Tokio nach Sydney mein verehrter Kollege Jeff Hutchinson gefragt hat: "Hast du schon von Greg Moore gehört?" Auf mein Verneinen hin erzählt er mir von Moores Horrorcrash in Fontana.

Zurück zur Gegenwart: Als wir nach neun Stunden Flug in Helsinki eintreffen, schalten wir sofort den Computer ein, um auf YouTube zu schauen, was da in Las Vegas los war. Nach den deprimierenden Bildern warte ich auf meinen Anschluss nach Stuttgart. Ich warte zwei Stunden länger als geplant. Der ursprünglich vorgesehene Flieger streikt mit technischen Problemen. Finnair muss erst eine andere Maschine aus Riga einfliegen.

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