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Grand Prix-Tagebuch 2011 Teil 17: GP Indien

Betreten der Baustelle auf eigene Gefahr

Impressionen GP Indien 2011 - Delhi Foto: Daniel Reinhard 26 Bilder

In unserem Grand Prix-Tagebuch bieten wir Ihnen einen Blick hinter die Kulissen der Formel 1. Hier erzählen die auto motor und sport-Redakteure, was Ihnen auf den 19 Rennen des Jahres alles passiert ist. Teil 17: GP Indien - Betreten der Baustelle auf eigene Gefahr.

18.12.2011

Kurz vor dem Ende der Saison gastierte der Formel 1-Zirkus erstmals in Indien. Wir hatten schon gar nicht mehr daran geglaubt, die Reise nach Delhi überhaupt antreten zu können. Die Ausstellung des nötigen Journalisten-Visums schleppte sich mehr als einen Monat hin. Erst nach einigen nervigen Besuchen und verärgerten E-Mails schaffte es die zuständige Behörde in München gerade noch rechtzeitig, die begehrten Stempel in unsere Reisepässe zu setzen.

Indischer Bürokratie-Wahnsinn

auto motor und sport-Fotograf Daniel Reinhard hatte in der Schweiz zunächst mehr Glück. Beim ihm benötigte das Konsulat nur wenige Tage mit dem Visum. Allerdings unterlief den indischen Beamten bei der Ausstellung ein klitzekleiner Fehler. Leider bemerkte Kollege Reinhard erst im Flugzeug, dass sein Visum just an dem Tag ablief, an dem der Flieger landete. Damit war der Rest des Wochenendes für den eigentlich immer gut gelaunten Schweizer im Eimer.

Schon bei der Einreise am Flughafen am Mittwoch gab es stundenlange Diskussionen. Am Donnerstag wurde Reihnard den ganzen Tag quer durch Delhi geschickt, um irgendwie die nötige Verlängerung des Visums zu bekommen. Von einem Schalter ging es zum anderen, von Behörde zu Behörde. Keiner wusste Bescheid. Klar war nur, dass der indische Bürokratiewahnsinn keine Grenzen kennt. Am Abend hatte er immer noch kein neues Visum.

Während die Formel 1 am Freitag schon längst trainierte, tingelte der Fotograf immer noch durch die Wartezimmer der verschiedenen Ämter. Erst nach zwei Tagen nervenaufreibender Hetzerei von Pontius zu Pilatus erbarmte sich ein Turbanträger um halb sechs Uhr abends, doch noch den Stempel auszupacken. Dass Reinhard für die kurze Zeit ohne Visum noch eine saftige Strafgebühr aufgebrummt bekam muss ich wohl ebenso wenig erwähnen wie die Tatsache, dass es bei der Ausreise erneut zu ewigen Diskussionen kam.

Gefahrenstellen im Straßenverkehr

Wir hätten mit unserem Visum noch bis ins neue Jahr in Indien bleiben können. Wollten wir aber nicht. Schon am dem Weg von Flughafen zum Hotel wurde schnell klar, dass das Chaos in der Megametropole für ordnungsliebende Mitteleuropäer nur schwer zu begreifen ist. Auf zweispurigen Straßen wird in vier Kolonnen gefahren. Ungesicherte Pannenautos, Geisterfahrer, Fußgänger, Kuhherden oder streunende Hunde sorgen immer wieder für Schreckmomente. Was alles auf den Straßen Indiens unterwegs ist, kann mit dem Wort haarsträubend nur unzureichend beschrieben werden.

Auch an der Strecke bot sich ein chaotisches Bild. Das nagelneue Fahrerlager sah aus, als hätte es schon 20 Jahre hinter sich. An manchen Stellen bröckelte bereits der Putz, Toiletten funktionierten nicht und Strom gab es auch nur sporadisch. Aus dem frisch geteerten Weg im Fahrerlager ragte eine Eisenstange heraus. Die Stolperfalle versuchten die Ordner geschickt mit einem Blumenkübel zu verstecken. Ein Schlagloch ein paar Meter weiter hatte allerdings schon solche Dimensionen angenommen, dass hier nur noch ein Absperrband half, um die Gefahrenstelle abzusichern.

Fahrerlager mit kleineren Baumängeln

Zu den kuriosen Baumängeln zählte auch die markante Treppe, die von den Bauarbeitern auf der Außenseite des Boxengebäudes angebracht wurde. Der oberste Stufenabschnitt endet erst auf dem Dach - und zwar genau an der Brüstung. Ein Schritt zu weit und es ging wieder abwärts. Im Fahrerlager erlangte das Konstrukt nur unter dem Namen "Stairway to heaven" Berühmtheit. Irgendwann wunderte einen nichts mehr. Als sich dann eine Fledermaus ins Pressezentrum verirrte, gab es kaum noch erstaunte Blicke.

Der erste Weg auf einer neuen Strecke führt traditionell einmal um den gesamten Kurs herum. Dank der vielen Höhenunterschiede und dem schwül-warme Wetter wurde der rund einstündigen Spaziergang zu einer schweißtreibenden Angelegenheit. Wieder im Ziel angekommen konnten wir kaum glauben, dass die Piste zwei Tage später zum Training fertig sein soll. An den Kerbs bröckelte die Farbe, überall war Dreck und Öl auf der Piste und Markierungen fehlten auch noch. Aber irgendwie schafften es die vielen fleißigen Arbeiter doch noch, alles rechtzeitig fertig zu bekommen.

Force India gewinnt Simulationswettbewerb

Für mich blieb ebenfalls noch einiges zu tun. Wir hatten einen kleinen Wettbewerb zwischen den Teams geplant. Die Frage lautete, wer die neue Strecke am besten simulieren konnte. Und so klapperte ich alle zwölf Pavillons ab und fragte die Ingenieure nach ihren Berechnungen für das Qualifying. Viele gaben mir die Zeiten nur widerwillig. Am Ende wollte aber keiner den Spielverderber geben. Auch Pirelli und Architekt Hermann Tilke gaben ihre Prognosen ab. Am genauesten dran war am Ende übrigens Force India. Heimvorteil nennt man das wohl.

Die heimischen Zeitungen berichteten vor allem über das abgesagte Metallica-Konzert. Wegen Sicherheitsmängeln und viel zu vielen Zuschauern, hatten die Organisatoren die Veranstaltung gecancelt, worauf die Fans die halbe Bühne zerlegten. Die sportlichen Schlagzeilen beherrschte das Fahrerkarussell. In Delhi sah noch alles danach aus, als komme Kimi Räikkönen zu Williams. Am Ende wurde es aber doch Renault.

Wette dank Sutil gewonnen

Eine große Baustelle war auch die Personalplanung bei Force India. Erst kurz vor dem Dehli-Grand Prix war durchgesickert, dass Nico Hülkenberg und Paul di Resta einen Vertrag unterschrieben hatten. Dummerweise wurde Adrian Sutil aber immer schneller und brachte die Teamleitung mit seinen Spitzenleistungen ins Grübeln. Hatte man mit Hülk und Di Resta wirklich auf die richtigen Pferde gesetzt? Ich hätte lieber Di Resta auf dem Abstellgleis gesehen, was nicht nur sportliche Gründe hat. Der emotionslose Schotte ist nicht gerade für gute Sprüche und interessante Schlagzeilen bekannt.

Um Force India-Teammanager Otmar Szafnauer noch einmal nachdrücklich davon zu überzeugen, dass Sutil der schnellere ist, bot ich ihm eine kleine Wette an. Ich war sicher, dass Sutil das Qualifying-Duell gegen Di Resta in den letzten beiden Rennen gewinnen wird. Er wettete dagegen. Schon mit einem Split hätte er die Wette gewonnen, doch dazu kam es zum Glück nicht. In Sao Paulo bedankte ich mich noch einmal bei Sutil dafür. Hätte ich doch nur um mehr gewettet als nur ein paar Bierchen bei einem der nächsten Rennen.

Das Rennen am Sonntag bot auch einigen Zündstoff. Weniger durch Sebastian Vettel, der nach der Pole Position auch souverän den elften Sieg der Saison nach Hause fuhr. Für Action sorgte wieder einmal das Duell zwischen Felipe Massa und Lewis Hamilton. Auch bei den Silberpfeilen hing der Haussegen schief. Nico Rosberg konnte nicht ganz nachvollziehen, wie Teamkollege Michael Schumacher dank einer alternativen Strategie an ihm vorbeikam.

Kurztripp durch Delhi

Noch am Montagvormittag hatten wir genügend Stoff, um das Internet mit spannenden Geschichten zu füllen. So bot sich erst am Nachmittag die Gelegenheit für einen kurzen Ausflug in die Innenstadt von Delhi. Zusammen mit Daniel Reinhard ging es los, um die schönen Seiten der Megacity zu erkunden. Die Eindrücke von dem Chaos, den vielen Menschen, den verschiedenen Gerüchen (nicht immer angenehm) und von dem wahnsinnigen Verkehr werde ich wohl nie vergessen. Auf dem Heimflug mitten in der Nacht blieb erstmals Zeit, das Erlebte zu verarbeiten.

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