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Grand Prix-Tagebuch 2011 Teil 18: GP Abu Dhabi

Bangla-Bomber auf Crashkurs

Impressionen GP Abu Dhabi 2011 Foto: Grüner 30 Bilder

In unserem Grand Prix-Tagebuch bieten wir Ihnen einen Blick hinter die Kulissen der Formel 1. Hier erzählen die auto motor und sport-Redakteure, was Ihnen auf den 19 Rennen des Jahres alles passiert ist. Teil 18: GP Abu Dhabi - Bangla-Bomber auf Crashkurs.

19.12.2011 Tobias Grüner

Beim vorletzten Rennen in Abu Dhabi wollten wir die Saison eigentlich langsam ausklingen lassen. Die Titel waren schon längst vergeben. Spannung wollte nicht mehr so recht aufkommen. Am Ende wurde es aber doch noch ein Grand Prix-Wochenende, das wir nicht so schnell vergessen sollten. Für bleibende Eindrücke bei der auto motor und sport-Crew sorgte ein unachtsamer Taxifahrer aus Bangladesh, der uns an einer roten Ampel volle Lotte ins Heck krachte.

Dabei stand Abu Dhabi von Beginn an unter keinem guten Stern. In den Jahren zuvor hatte der Veranstalter für Journalisten immer ein paar günstige Zimmer in den Hotels direkt neben der Strecke reserviert. 2011 wurde nur noch der normale Touristentarif aufgerufen. Mehr als 500 Euro pro Nacht sind nicht nur für einen schwäbischen Verlag deutlich zu viel. Wir warteten lange, ob sich nicht doch noch ein gutes Angebot ergab, eine Woche vor der Abreise gaben wir schließlich auf und buchten uns in der Innenstadt von Abu Dhabi ein.

Corolla schon bei der Übergabe Schrott

Statt zehn Minuten Fußweg stand nun jeden Tag eine halbstündige Fahrt an die Strecke auf der Halbinsel Yas bevor. Also musste ein Mietwagen her. Nach der Landung in Dubai bekamen wir von einer Billig-Rental-Car-Klitsche eine Möhre zur Verfügung gestellt. Meiner Meinung hatte der völlig abgeschrubbte weiße Stufenheck-Corolla nach über 80.000 Kilometern schon bei der Übergabe nur noch Schrottwert. Zwei Tage später gab es daran dann keine Zweifel mehr.

Auf der Rückfahrt am Trainingsfreitag kam es zur verhängnisvollen Begegnung. Kollege Michael Schmidt hielt kurz vor der Autobahn an einer roten Ampel, drei Sekunden später hingen wir beide in den Gurten. Ein Taxifahrer hatte sowohl uns als auch die Stoppzeichen an der Ampel komplett übersehen und keilte seine Front tief in unser Heck. Außer einem gehörigen Schrecken gab es körperlich immerhin keine bleibenden Schäden, was man von den Autos allerdings nicht sagen konnte.

Schon beim kurzen Weg Richtung Straßenrand waren ungesunde Schleifgeräusche zu vernehmen. Ein Blick auf die Rückseite bestätigte den Verdacht. Die Stoßstange war nur noch Schrott, die Karosserie darunter so weit eingedrückt, dass die Innenverkleidung des Kotflügels engen Kontakt zum Reifen aufnahm. Die Heckklappe ließ sich nicht mehr schließen, was auch für die Tür hinten rechts galt. Die Rücklichter hatte es einen halben Zentimeter aus dem Heckdeckel gedrückt und der Auspuff klang plötzlich mehr nach Carrera als nach Corolla.

Crashpilot lässt Fahrgast auch noch zahlen

Das Taxi hatte äußerlich nur einen kleinen Schaden an der Stoßstange und im Grillbereich. Leichte Rauchentwicklung und eine kleine Pfütze unter dem Motor verhießen aber nichts Gutes. Wichtiger als die Schäden an seinem Gefährt war für den Fahrer allerdings sein Fahrgast. Anstatt sich für seinen Fehler zu entschuldigen knöpfte der Gastarbeiter aus Bangladesch der leicht schockierten Dame auch noch die Kosten für die abgebrochene Tour ab. Nachdem sie protestierend bezahlt hatte, wurde sie auf der Straße mitten in der Wüste rausgeschmissen und musste sich ein neues Taxi suchen.

Für uns war nun wichtiger, schnell eine Polizeistreife herbeizulotsen. Bei Unfällen mit einem Mietwagen muss schließlich alles offiziell geregelt werden. Unser Problem war, dass der Gastarbeiter aus Asien weder arabisch noch englisch sprach. Zumindest nicht besonders gut. Er wusste immerhin welche Nummer er auf seinem Handy zu wählen hatte. Michael Schmidt übernahm dann die Diskussionen mit dem Polizeirevier. Da die Unfallstelle aber leider schwer zu finden hinter einer kurvenreichen Unterführung lag, sollte das Warten auf die Polizei zum Geduldsspiel werden.

Mit dem Taxi zurück an die Strecke

Nach einer dreiviertel Stunde wurde es uns zu doof. Wir entschieden, dass ich wieder zurück zur Strecke fahre, um die Polizei persönlich abzuholen. Dort war kurz zuvor ein Musikkonzert zuende gegangen. Auf den Straßen kümmerten sich zahlreiche Sicherheitskräfte um den Auto- und Menschenmassen. Um ein Taxi in Richtung Strecke zu bekommen musste ich aber erst einen halben Kilometer laufen. Nach zehn Minuten Fahrt war ich im kompletten Verkehrchaos angekommen.

Sofort steuerte ich einen Polizisten an und schilderte ihm unser Problem. Er wollte mich zunächst abwimmeln und meinte, dass er für Verkehrsdelikte nicht zuständig sei. Nach zehn Minuten Betteln und Flehen rief er dann aber doch noch einen Kollegen und wir fuhren gemeinsam im Polizeiauto zur Unfallstelle. Dort warteten Kollege Schmidt und der erstaunlich ruhige Taxifahrer immer noch auf Hilfe. Leider waren die beiden Polizisten wirklich von der falschen Abteilung. Aber immerhin halfen sie dabei, eine Streife von der richtigen Dienstelle zu bestellen.

Unfallprotokoll auf dem Kassenzettel

Um es kurz zu machen: eine weitere Stunde später kam dann endlich ein zweiter Wagen. Ein einsamer Beamter stieg aus, machte fünf Fotos und packte seinen Laptop auf den Heckdeckel. Per Touchscreen gab er alle Daten der Autos, der Fahrer und des Unfallorts ein und sendete die Angaben dann an einen kleinen Drucker auf der Rückbank. Auf dem kassenzettelgroßen Protokoll war leider war nur der Name "Michael Schmidt" zu lesen. Der Rest war arabisch. Nach der Ankunft im Hotel ließen wir uns an der Rezeption erst einmal bestätigen, dass auch unsere Unschuld festgehalten wurde.

Zunächst hatten wir gar nicht daran geglaubt, dass wir es überhaupt zurück zum Hotel schaffen würden. Doch mit vereinten Kräften und roher Gewalt wurde zuerst die Innenverkleidung aus dem Radhaus rausgerissen und dann noch die hintere Stoßstange entfernt. Vor der Abfahrt mussten wir den sperrige Heckschutz noch zwei Mal falten, bis er auf die Rücksitzbank passte. Zur Verformung des störrigen Plastikteils nutzten wir die Trampel- und Sprungtechnik. Mit den herumbaumelnden Kabeln der Abstandssensoren wurde noch schnell die Hecklappe festgebunden, dann waren wir auch schon wieder fahrbereit.

Am Samstag ging es per Taxi an die Strecke. Für den Rennsonntag hatte uns die Mietwagenfirma einen Ersatzwagen aus Dubai beschafft. Die ganze Schadensabwicklung lief unerwartet unbürokratisch.

Hamilton siegt, Vettel geht die Luft aus

Sportlich wurde wie erwartet nicht viel Interessantes geboten. Sebastian Vettel stellet mit der 14. Pole Position immerhin Nigel Mansells Saisonrekord ein. Im Rennen sorgte ein geplatzter Reifen aber schon nach drei Kurven für das Aus. In einem ereignislosen Grand Prix stand am Ende Lewis Hamilton ganz oben auf dem Treppchen. Doch nach einer verkorksten Saison wollte beim Engländer keine gute Laune aufkommen. Auf der politischen Bühne konnten sich die Teams immerhin auf eine gemeinsame Linie in puncto Auspuffregeln einigen. Beim Kosten-Sparplan vertagte man sich auf Sao Paulo.

Die wichtigste Geschichte für mich war wie jedes Jahr der Blick auf die beliebtesten Autos der Scheichs. Mit der Digicam bewaffnet lief ich Parkplätze ab und lauerte am Straßenrand auf teure Preziosen. Die beste Beute gab es wie schon in den Vorjahren vor den Luxushotels und auf den Stellplätzen direkt an der Strecke. Zwar lief mir in diesem Jahr kein Veyron und kein Enzo vor die Flinte, dafür gab es mehr als 20 Ferrari auf einem Haufen. Diesen Anblick werde ich so schnell nicht vergessen.

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