Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Grand Prix-Tagebuch 2011 Teil 4: Türkei

Letzte Ausfahrt Bosporus

Ecclestone GP Türkei 2011 Foto: Wolfgang Wilhelm 20 Bilder

In unserem Grand Prix-Tagebuch bieten wir Ihnen einen Blick hinter die Kulissen der Formel 1. Hier erzählen die auto motor und sport-Redakteure, was Ihnen auf den 19 Rennen des Jahres alles passiert ist. Teil 4: Türkei - Letzte Ausfahrt Bosporus.

04.12.2011 Michael Schmidt

Der Grand Prix der Türkei ist so ein Rennen, zu dem man mit gemischten Gefühlen hinfliegt. Auf der Rennstrecke herrscht Totentanz. Keine Zuschauer, keine Atmosphäre. Die Streckenführung ist gar nicht so schlecht, doch sie kommt weder im Fernsehen noch vor Ort so richtig rüber. Kein Baum, kein Strauch, kein Grün, nur Asphaltflächen und brauner Sand drumherum.

Es sieht auch sechs Jahre nach der Einweihung noch so aus wie auf der Baustelle. Eine dieser vielen seelenlosen GP-Arenen der Neuzeit. Die Zuschauer sitzen Kilometer weit weg. Da hilft es auch nichts, dass sie von vielen Tribünen die halbe Strecke einsehen. Als Fan vor Ort erwarte ich Action. Dazu muss ich näher dran. Wer möglichst viel Strecke einblicken will, bleibt besser zuhause vor dem Fernseher. Da gibt es alle Kurven gratis.

Piola-Technik: F1 Autos 2012 1:30 Min.

Istanbul selbst ist das andere Extrem. Einfach eine tolle Stadt. Das Flair, das dem Otodrom fehlt, kriegt man hier hautnah geliefert. Kollegin Bianca Leppert ist schon zum zweiten Mal in Istanbul dabei. Tobias Grüner hat wieder die Rennen abgegeben, die er nicht mag. Das werden immer mehr. Schon in Malaysia und China zuvor hatte er geschwänzt.

In der Türkei muss es auch etwas damit zu tun haben, dass die Entfernung zwischen Hotel und Strecke 50 Kilometer beträgt und man deshalb früh aufstehen muss. Unser Schweizer Kollege Roger Benoit hat viel Zeit, im Stau auf den Bosporus-Brücken seine Zigarren zu paffen. Die kubanische Tabakindustrie ist happy.

Türkische Wirtschaft boomt

Eigentlich liegt das Otodrom heute bereits am Stadtrand. Istanbul wächst mit rasender Geschwindigkeit Richtung Osten. Im ersten Jahr sind wir noch durch offenes Land gefahren. Inzwischen ist fast alles auf dem Weg zur Strecke zugepflastert mit Industrieanlagen, Bürohäusern und Wohnghettos. Auch das ist ein Zeichen für das Wirtschaftswachstum.

Irgendwas haben die Türken besser gemacht als die Griechen. In einem Spiegel-Artikel über das Land lese ich den schönen Schlusssatz: Irgendwann wird die Türkei nicht mehr darum betteln in die EU zu kommen, sondern die EU wird einen Kniefall machen, dass die Türkei kommt.

Wir pendeln jeden Tag zwischen den Kontinenten. Unser Hotel liegt im europäischen Teil, und wir müssen in den asiatischen. Über den Bosporus gibt es nur zwei Brücken. An einem Tunnel wird immer noch gebaut. Das hören wir schon seit 2005. Man kann sich also ausmalen, wie groß der Stau morgens und abends ist. Morgens zum Glück nur in eine Richtung. Stadteinwärts. Macht ja auch Sinn.

Warum die Leute abends immer noch in die Stadt reinfahren, ist mir nach sieben Jahren GP Türkei immer noch ein Rätsel. Wann verlassen diese Menschen Istanbul wieder? Irgendwann zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens? Auf der Heimfahrt in die Stadt kann man sich den Stau aussuchen. Entweder Süd- oder Nordbrücke. Ein kleiner Tipp: Auf der Nordbrücke kommt man schneller zurück in den europäischen Teil. Auch wenn der Weg etwas weiter ist.

Arztbesuch auf türkisch

Ich komme mit einer Erkältung in Budapest an. Die wächst sich in der Nacht zum Donnerstag in eine anständige Ohrenentzündung aus. Zum zweiten Mal in 31 Jahren Formel 1 muss ich zum Arzt. Ein Mal kurierte ein deutscher Doktor in Buenos Aires ganz unbürokratisch eine Augeninfektion. Ist lange her. 2011 wiederholt sich die Geschichte. Ich habe Glück. Ein Krankenhaus ist gleich um die Ecke vom Hotel. 100 Türkische Lira cash auf den Tisch, der Doktor sieht sofort, was los ist, verschreibt Medikamente und 15 Minuten später bin ich bereits auf dem Weg zur Strecke.

Die Arzneimittel kommen übrigens von den gleichen Firmen wie in Deutschland, heißen nur anders und kosten gerade Mal ein Drittel. Man sollte das hiesige Kartellamt mal fragen, wie es sein kann, dass die Pharmafritzen bei uns solche Fantasiepreise aufrufen dürfen. Die arbeiten ja auch in der Türkei mit Gewinnspannen - trotz deutlich niedrigerem Preis. Kein Wunder, dass bei uns das Gesundheitssystem am Boden liegt.

Vettel crasht, Ecclestone gefragt

Der Grand Prix beginnt mit Regen, winterlichen Temperaturen und einem Crash von Vettel. Der Weltmeister schaut am Nachmittag nur zu. So wie wir. Das schlechte Wetter in Verbindung mit den leeren Tribünen drückt auf die Stimmung.

Bernie Ecclestone kommt erst am Samstag. Er ist ein gefragter Mann, denn der Vertrag des GP Türkei läuft aus. Der Formel 1-Papst wird von Kameras und Mikrophonen umringt. Wir kriegen am Sonntagmorgen einen Exklusivtermin. Als wir eine Zeit ausmachen, meint er: "Seid doch mal um neun Uhr morgens an der Strecke."

Selten so gelacht. Das Rennen wird erst um drei Uhr Ortszeit gestartet. Auf die Frage, wann er denn am Sonntag auftauche, meint Bernie verschmitzt: "Gegen halb elf." Den Rest des Wochenendes passiert auch auf der Rennstrecke nicht mehr viel. Vettel liefert seine übliche Einmann-Show ab. Dahinter verwirren 82 Boxenstopps und 88 Überholmanöver die TV-Zuschauer.

Letzte Bosporus-Querung

Kurz vor Mitternacht brechen wir nach getaner Arbeit die Zelte ab und fahren nach Istanbul zurück. Diesmal über die Südbrücke. Es herrscht tatsächlich kaum Verkehr. In beiden Richtungen. Womit die Frage ungeklärt bleibt, ob alle die Menschen, die nach Istanbul reinfahren, dort je wieder rauskommen oder von dem Moloch einfach verschluckt werden.

Uns beschleicht das Gefühl, dass wir das letzte Mal eine der beiden Brücken passiert haben. Bernie Ecclestone hatte im Interview bereits angekündigt, dass die Türkei den Ungarn-Vertrag haben könne. Doch der ist den Türken immer noch viel zu teuer. Das heißt in aller Regel, dass es im nächsten Jahr keinen Grand Prix mehr geben wird. Was wird wohl aus der Rennstrecke? Wetten, dass da in fünf Jahren eine Wohnsiedlung steht?

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden