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Grand Prix Tagebuch Aserbaidschan 2016

Formel 1 im La-Da-Land

Impressionen - F1 Tagebuch - GP Aserbaidschan 2016 Foto: ams 35 Bilder

In ihren Grand Prix Tagebüchern liefern die auto motor und sport Reporter persönliche Eindrücke vom Arbeitsalltag an einem Formel 1-Wochenende. In Folge 8 berichtet Michael Schmidt, was hinter den Kulissen beim GP Aserbaidschan abging.

08.12.2016 Michael Schmidt

Der GP Europa beginnt für mich, wo der GP Kanada aufhört. auto motor und sport hat leider (noch) keinen Privatjet, mit dem Kollege Andreas Haupt und ich wie Niki Lauda, Toto Wolff und Nico Rosberg gleich nach der Arbeit aus Montreal abdüsen und Montag früh in Wien aufschlagen könnten. In unserem Fall natürlich Stuttgart. So hebt die Swiss für uns erst am Montag um 17.15 Uhr in Montreal ab. Im Gepäck schon jede Menge Hintergrundgeschichten, die unsere Website in den Tagen vor Baku füllen müssen.

Ein dicht gedrängtes Programm, das uns davon abhält, Fußball EM zu schauen. Mit einem Auge sehen wir die erste Halbzeit Schweden gegen Irland in einem Pub beim schnellen Mittagessen und Italien gegen Belgien am Flughafen. In Zürich erreichen wir trotz 45 Minuten Anschlusszeit unseren Flieger nach Stuttgart. Es wird ein langer, zäher Tag in der Redaktion, der am Abend wieder am Flughafen endet. Diesmal Stuttgart.

Mit Turkish Airlines nach Baku

Andreas darf sich einen Tag ausruhen für sein erstes Le Mans-Abenteuer. Tobias Grüner übernimmt. Weil die Turkish Airlines Verspätung hat, sehen wir an einer Airport Bar noch schnell die zweite Halbzeit Österreich gegen Ungarn. Die Ösis versagen kläglich. Drei Stunden später sind wir in Istanbul. Nach 4 Warteschleifen in der Luft und einer gefühlten weiteren Stunde auf dem Taxiway bis zu unserer Parkposition. Istanbul sollte dringend seinen Flughafen ausbauen. Das Anflug-Chaos ist jetzt schon größer als in London Heathrow.

Wir schaffen auch unseren nächsten Anschluss nach Baku und düsen mitten in der Nacht an einen Ort, den wir vor ein paar Jahren nur mit Mühe auf dem Globus gefunden hätten. Wir wussten natürlich, dass das früher mal Teil der Sowjetunion war. Doch als sich Aserbaidschan, Turkmenistan, Usbekistan, und wie die Dinger alle heißen, abgespaltet hatten, haben wir ein bisschen den Überblick verloren.

Fünf Uhr Morgens sind wir endlich da. Ziemlich gerädert, 8 Zeitzonen und 8.956 Kilometer von Montreal entfernt. Uns empfängt ein moderner Flughafen und erstaunlich wenig Bürokratie. In 3 Minuten sind wir durch den Zoll. Das Gepäck kommt schneller als in Stuttgart. Wenn ich daran denke, wie kompliziert es war, das Medien-Hotel zu buchen, geht das hier alles erstaunlich reibungslos über die Bühne.

Das Hotel wollte, dass ich einen 13-seitigen Vertrag unterschreibe. Mit Firmenstempel auf jeder Seite. Alles in Landessprache. Ich bin mir nicht sicher, ob ich damit nicht einen Teil des Hotels gekauft habe. Vor dem Terminal stehen jede Menge London Taxis herum. Und Leute, die ihren eigenen Fahrservice anbieten. Sicher illegal. Aber das gibt es überall auf der Welt.

Aserbaidschan zeigt, was es hat

Ein Shuttle Service bringt uns ins Hotel. Wir kommen aus dem Staunen nicht mehr raus. Die vierspurige Autobahn ist wie ein Schaufenster. Der Aserbaidschaner zeigt links und rechts davon, was er hat. Alles sauber, alles ein bisschen protzig. Dann das Olympiastadion, in dem nie olympische Spiele stattfanden. Nur die Europa-Spiele, deretwegen sich das Land verschuldet haben soll.

Im Stadtzentrum sieht es aus wie in Budapest. In der Ferne glitzern die Glaspaläste. Das ist eher Singapur. Unser Hotel ist außen etwas vergilbt, aber sonst okay. Von hier geht der Shuttle zur Strecke. Also logistisch perfekt. Erst am Sonntag finden wir heraus, dass wir auch hätten laufen können. Zum Pressezentrum sind es ungefähr 1,5 Kilometer. Wir wissen zu dem Zeitpunkt noch nicht, wie die Strecke abgeriegelt ist und welche Brücken es in den Innenteil gibt. Nicht viele, wie sich später herausstellt.

Erste Runde in 100 Minuten

Nach 5 Stunden Schlaf ist um 12 Uhr mittags Arbeitsbeginn. Der auto motor und sport Trackwalk steht auf dem Programm. Bei 30 Grad im Schatten. Wie bei jeder neuen Strecke. Der erste, den wir treffen, ist Charlie Whiting. Der FIA-Rennleiter überprüft gerade die Abflussgitter und Kerbs an der Boxenausfahrt. Wir ahnen noch nicht, dass uns das ab Freitag noch beschäftigen wird. 100 Minuten später hecheln wir über die Ziellinie. Für uns fühlt sich die Zielgerade an, als wäre sie 4 Kilometer lang. Valtteri Bottas wird hier am Samstag mit 378 km/h drüberheizen. Wir sind ein bisschen langsamer.

Es ist Mittwoch. Also nach der Arbeit noch ein bisschen Zeit für Abendprogramm. Tobi hat recherchiert. Es soll nahe der Altstadt eine Kultkneipe namens Pauls geben. Mit deutschem Besitzer. Nicht, dass wir scharf darauf sind, deutsche Küche vorzufinden. Aber am ersten Abend wollen wir den Stressfaktor so gering wie möglich halten. Wir kommen nie dort an. Auf dem Weg dorthin sehen wir in der Fußgänger-Zone einen Italiener, bei dem Fußball läuft. Also dorthin.

Danach interessiert uns dann doch, was wir verpasst haben. Wir ziehen weiter in das deutsche Restaurant. Nur zum Schauen. Es macht einen guten Eindruck. Hinter viel Efeu verbirgt sich ein toller Biergarten. Auf der Karte gibt es brasilianische Steaks. Also nix mit Schweinshaxen. Wir beschließen, die Kneipe in den nächsten Tagen zu testen. Sie hält, was sie verspricht. Der Pächter, ein deutscher Uhrmacher, lebt seit 1992 in Baku. Sein Partner ist ein Schweizer Maschinenschlosser, den es ebenfalls hier her verschlagen hat. Irgendwie eine gute Mischung, finden wir.

Aber jetzt erst einmal Grundsätzliches. Wären wir jemals in unserem Leben nach Aserbaidschan gefahren? Wahrscheinlich nicht. Das Land liegt zwar am Kaspischen Meer, doch einen Badeurlaub am größten See der Welt wollen wir uns nicht vorstellen. Es ist auch gut so. Auf der Wasseroberfläche am Strand von Baku schwimmt ein brauner Belag. Wir nehmen an, es ist Öl, die Lebensader der Aserbaidschaner.

Wir wollen hier nicht lange darauf eingehen, ob es Sinn macht in einem Land zu fahren, das bei Menschenrechts-Organisationen auf der schwarzen Liste steht. Das ist Sache unserer Kollegen von der Politik.

Mikrokosmos F1-Fahrerlager

Wir hatten im Tag- und Nachtleben von Baku nicht den Eindruck, dass die Menschen mehr kontrolliert oder drangsaliert würden als in irgendeiner westlichen Stadt. Da wirkt Sotschi oder Shanghai bedrohlicher als Baku. Die Wahrheit ist auch nicht stichhaltig nachprüfbar, wenn man 5 Tage die meiste Zeit bei der Arbeit auf der Rennstrecke verbringt. Das Formel 1-Fahrerlager ist ein Kosmos für sich, egal, wo auf der Welt er fährt.

Wenn in Aserbaidschan alles so schlimm ist, wie es die Kritiker beschreiben, dann frage ich mich, warum der Sport das leisten soll, was eigentlich Sache der Politik ist. Die Politiker in den so genannten freien Ländern halten die Füße still. Am Ende wollen sie doch alle nur Geschäfte machen und sind scharf auf Öl und Gas und Handelsbeziehungen. Konsequenz sieht anders aus.

Und gibt der Grand Prix nicht den Mahnern erst die Plattform, ihre Kritik öffentlich kundzutun? Die Menschenrechts-Organisationen sollten Bernie Ecclestone dankbar sein. Ohne die Aufmerksamkeit eines großen Events hätte sie keiner gehört.

Baku bietet eine echte Rennstrecke

Jetzt aber zum Sport: Baku hat eine Rennstrecke hingestellt, die sich abhebt von allen neuen Rennstrecken der letzten 20 Jahre. Endlich mal keine Retorte. Leitplanken und Mauern begrenzen die Rennstrecke und nicht Parkplatz große Auslaufzonen. Die Strecke schlängelt sich an Kolonialbauten, Bäumen und Burgmauern vorbei. Das hat Wiedererkennungswert.

Der Baku City Circuit braucht kein Nachtrennen wie Singapur oder Bahrain. Die Rennstrecke ist schon bei Tag der Hit. Weil sie Speed vermittelt. Jeder, der sagt, die Formel 1 sei zu langsam, soll sich mal in Baku an den Streckenrand stellen. Zum Beispiel in Kurve 13, wo sich die Fahrer mit 260 km/h durch eine blinde Linkskurve über eine Kuppe hinweg kanonieren.

Oder ein paar 100 Meter später, wenn sie bergab mit 300 km/h für einen 90 km/h schnellen Linksknick bremsen. Sie haben nur Sekundenbruchteile Zeit sich zu entscheiden: Notausgang oder Einlenken. Bei den 360 km/h auf der Zielgeraden fliegt einem der Hut weg. In dem Betonkanal wirkt die Geschwindigkeit doppelt so schnell wie in Shanghai oder Abu Dhabi.

Jeder Fehler wird bestraft. Wie in Monte Carlo. Das ist gut so. Denn es generiert Überraschungen und Spannung. Ich habe schon lange nicht ein so gutes Qualifying gesehen. Es war so turbulent, dass um ein Haar keiner der haushoch überlegenen Mercedes in der ersten Startreihe gelandet wäre. Die rote Flagge nach dem Hamilton-Crash hätte nur 10 Sekunden früher fallen müssen.

Auf den modernen Rennstrecken wäre Hamilton auch an einem schlechten Tag mit der gleichen Fehlerquote in die erste Startreihe gefahren. Man kann den Strecken-Designern nur zurufen: Wir brauchen mehr Baku.

Wenig Interesse der einheimischen Bevölkerung

Auch wegen der Stadt. Von wegen Kommunismus. Die Straßen sind voll bis 2 Uhr morgens. Und nicht wegen des Grand Prix. Die meisten Einheimischen wissen gar nicht, dass er stattfindet. Oder was das überhaupt ist. Am Sonntag sind die spärlichen Tribünen nur halb besetzt. Obwohl Aserbaidschaner für die Tickets 40 Prozent Rabatt bekommen. Uns wird erzählt, dass man es hier nicht gewohnt ist, für Sportveranstaltungen zu bezahlen. So etwas gibt es normalerweise gratis.

Am Sonntag endet die Arbeit wie gewohnt spät. Leider kann das Rennen die Vorschusslorbeeren nicht einlösen. Die Fahrer sind seltsam diszipliniert. Sie haben zu viel GP2 geschaut. Wir beschließen bei einem Bier um 2.30 Uhr in den immer noch offenen Kneipen: Baku 2017? Wir sind dabei. Wenn Baku noch dabei ist.

In der Galerie finden Sie noch einige persönliche Impressionen der auto motor und sport-Reporter vom Geschehen hinter den Kullissen.

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