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Grand Prix Tagebuch Russland 2016

Mit der Schildkröte zum Disco-Tempel

Tagebuch - Formel 1 - GP Russland 2016 Foto: xpb 30 Bilder

In ihren Grand Prix Tagebüchern liefern die auto motor und sport Reporter persönliche Eindrücke vom Arbeitsalltag an einem Formel 1-Wochenende. In Folge 4 berichtet Bianca Leppert, was hinter den Kulissen beim GP Russland abgegangen ist.

04.12.2016 Bianca Leppert

Meine Mini-Formel-1-Saison, bestehend aus drei Grands Prix, beginnt dieses Mal in Russland. Ein neuer Ort in meinem Formel 1-Reisesammelsurium, das bereits durch unfreiwillige Übernachtungen in südkoreanischen Stundenhotels und Lahmlegung des Reiseverkehrs aufgrund von Vulkanausbrüchen geprägt ist. Ich stelle mich auch dieses Mal wieder auf ein Abenteuer ein.

Schmidt-Gepäck kommt nicht an

Unsere Reiseroute führt uns über Istanbul nach Sochi, ein eher überschaubarer Flughafen, der an diesem Tag offensichtlich nur von Formel-1-Leuten und ein paar Einheimischen favorisiert wird. Prompt wartet das erste Highlight auf uns: Das Gepäck des Kollegen Schmidt ist verschütt gegangen. Man könnte meinen, mit seinem Senator-Status würde ihm quasi eine Designer-Garderobe zur Verfügung gestellt werden, bis der Koffer wieder auftaucht.

Doch weit gefehlt: Im kargen Flughafengebäude von Sochi wird noch traditionell gearbeitet. Es gibt weder einen Computer, mit dem der Standort des Koffers verfolgt werden könnte, noch sonstige elektronische Hilfsmittel. Stattdessen: Ein Blatt Papier und ein Kugelschreiber. Für meinen immer flott arbeitenden und etwas ungeduldigen Kollegen ungefähr so, wie wenn man ihn in ein vierstündiges Yoga-Seminar schicken würde. Vom „Ohhhhhm“ ist hier aber erst mal keine Spur. Wir werden damit getröstet, dass man ihn benachrichtigt, wenn der Koffer in Sochi eintrifft.

Von Urlaubsfeeling ist beim ersten Streckenbesuch keine Spur. Ich fühle mich eher wie in einem Science-Fiction-Film. Am Eingang der Strecke begrüßen uns jeden Morgen Sicherheits-Checks mit Personenscannern wie am Flughafen, die Gebäude im Fahrerlager wirken in ihrem grau-weiß-schwarzen Design ebenfalls wie aus einem Action-Streifen der Zukunft. Da scheint das bunt inszenierte Pseudo-Disneyland im Hintergrund der Strecke geradezu pittoresk.

In die lokale Kultur tauchen wir am Abend ein. Im „La Luna“, einem bunt beleuchteten Restaurant, in dem Alleinunterhalter für 80er Disco-Feeling sorgen und russische Großfamilien ihr gemütliches Zusammensein genießen, freunden wir uns mit der russischen Kost an.

Red Bull testet Aeroscreen

Etwas gewöhnungsbedürftiger ist der Anblick des neuen Aeroscreen Cockpitschutzes, den Red Bull am Freitag zum Freien Training für einige Runden am Auto von Daniel Ricciardo montiert hat. Mich erinnert die Konstruktion an die Frontscheibe eines Speed-Boots, andere finden sie genauso hässlich wie die Halo-Variante. Klar, dass jeder im Fahrerlager seinen Senf dazu abgibt.

Lewis Hamilton sorgt sich an diesem Wochenende indes um ganz andere Dinge als die Optik. Während es im Training noch nach Plan lief, kann er den dritten Teil des Qualifyings nicht bestreiten, weil wie in China die MGU-H streikt. Rosberg steht hingegen auf Pole. Die Medienrunde im Mercedes-Pavillon gerät zur Seifenoper. Die Journalisten erleben zunächst einen überglücklichen Rosberg, wenige Minuten später einen abwesenden und niedergeschlagenen Hamilton, der sich hilflos fühlt.

Sein Team scheut jedoch keine Kosten und Mühen, um ihm die besten Voraussetzungen für das Rennen zu ermöglichen. Man entscheidet sich den Motor aus China wieder einzubauen. In der Nacht von Samstag auf Sonntag chartert man eine Maschine, die eigens das neue Kraftstoffsystem einfliegt, das mittlerweile Einzug gehalten hat – sonst hätte Hamilton aus der Box starten müssen. Der Trip kostet 43.000 Dollar. Und selbst Kollege Schmidt ist glücklich: Auch sein verloren gegangener Koffer kommt endlich im Hotel an.

Taxifahrt im Schildkröten-Tempo

In frischer Kluft geht es am Samstagabend zu einem weiteren Besuch im „La Luna“, das übrigens auch bei den Fahrern wie Jenson Button Gefallen gefunden hat. Auf dem Rückweg erleben wir die beste Taxifahrt unseres Lebens. Der gute Mann versteht kein Wort Englisch, erzählt uns die ganze Zeit etwas auf Russisch und sitzt bucklig hinterm Steuer wie eine Ninja-Schildkröte.

Entsprechend auch das Tempo: In Schrittgeschwindigkeit bewegen wir uns Richtung Hotel. So langsam, dass er vor jeder Bremsschwelle erneut Anlauf nehmen muss, um überhaupt drüber zu rollen. Nun stellen Sie sich vor, dabei dudelt ein 90er-Dance-Hit-Mix aus dem Kassettendeck. Ja, wir hatten Spaß.

Weniger gut gelaunt waren insbesondere Sebastian Vettel und Daniil Kvyat im Rennen am Sonntag. Mit einer Harakiri-Bremsaktion fährt der Russe dem Ferrari-Piloten zunächst ins Heck und bugsiert ihn kurz danach in die Mauer. Für Kvyat setzt es eine 10-Sekunden-Strafe beim Heim-Grand-Prix.

Was er zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht wissen sollte: Fortan war er auch sein Red Bull-Cockpit an Max Verstappen los und musste wieder bei Junior-Team Toro Rosso in die Schule gehen. Nico Rosberg bekommt von all der Aufregung nichts mit: Er fährt seinen vierten Saisonsieg ein und baut seine WM-Führung auf 43 Punkte aus.

In der Galerie finden Sie noch einige persönliche Impressionen der auto motor und sport-Reporter vom Geschehen hinter den Kullissen.

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