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Gribkowsky-Prozess

Das Ende der Ära Ecclestone?

Bernie Ecclestone GP Bahrain 2012 Foto: xpb 41 Bilder

Nach dem Geständnis von Ex-Bayern LB Vorstand Gerhard Gribkowsky vor dem Landgericht München fragt sich die Formel 1-Gemeinde hinter vorgehaltener Hand: Was wird aus Bernie Ecclestone? Geht seine Ära zu Ende? Viel wird davon abhängen, welchen Weg die Gerichte einschlagen.

22.06.2012 Michael Schmidt

Bernie Ecclestone reiste früh nach Valencia. Der Formel 1-Chef hatte am Donnerstag (21.6.) einen Termin mit den Teamchefs und den Technikdirektoren. Es ging darum, wie man die Kosten in diesem Sport senkt und kontrolliert. Einen Tag zuvor hatte er sich mit dem FIA-Präsidenten Jean Todt in London getroffen. Die beiden mächtigsten Männer des Motorsports sprachen über das künftige Concorde Abkommen und wie man den Weltverband da einbinden könnte.

Bernie Ecclestones privaten Probleme standen nicht auf der offiziellen Agenda. Und sie waren auch in dem Treffen in Valencia kein Thema. "Bernie hat sich nichts anmerken lassen. Er war völlig relaxt", berichtete einer der anwesenden Teamchefs. Wie es in ihm selbst aussieht, wird Pokerface Ecclestone zu verbergen wissen.

Vom Ausgang des Rechtsstreits um den Verkauf der F1-Rechte von der Bayern LB an die CVC, in dem kommende Woche die Plädoyers gehalten werden sollen, hängt unter Umständen auch die Zukunft der Formel 1 ab. Immer abhängig davon, wie weit Ecclestone selbst mit hineingezogen wird. Nachdem Ex-Bayern LB Vorstand Gerhard Gribkowsky sein Schweigen gebrochen hat, steckt der 81-jährige Engländer nach Meinung vieler Beobachter mittendrin.

Anklage wegen Bestechung und Falschaussage?

Es könnten ernsthafte juristische Probleme auf den Chef der Formel 1 zukommen. Jetzt liegt der Ball bei der Staatsanwaltschaft in München. Wird sie auch gegen Ecclestone vorgehen? Staatsanwälte sehen sich heute gerne in der Presse. Mit einer Causa Ecclestone wird man viel eher berühmt als mit einem Fall Gribkowsky.

Die Münchner Rechtsvertreter könnten Ecclestone wegen uneidlicher Falschaussage vor Gericht zitieren. Auch darauf kann in Deutschland eine Gefängnisstrafe stehen. Ecclestone hatte behauptet, er habe die 44 Millionen Dollar als eine Art Schweigegeld an Gribkowsky bezahlt, um zu verhindern, dass der mit seinem Wissen über Ecclestones Geschäfte bei der britischen Steuerbehörde vorstellig wird. Das hätte dem Chefbroker der Formel 1 viele Unannehmlichkeiten bereitet. Man kann dabei im weitesten Sinne von einer Erpressung sprechen.

Gribkowskys Geschichte lässt eher vermuten, dass er bestochen worden ist, was Ecclestone bei seiner Vernehmung in München vehement bestritten hat. Als Amtsträger der BayernLB hätte der 54-jährige Ex-Vorstand kein Geld annehmen dürfen, noch nicht einmal, wenn es als Beraterhonorar getarnt war. Die Schlüsselfrage ist nun, ob man Ecclestone wegen Bestechung anklagen kann, und wenn ja an welchem Gerichtsstandort.

Der Formel 1-Zampano wird sich damit herausreden, dass Provisionen bei dieser Art Geschäfte normal sind und nach englischem Recht des Jahres 2005 nicht verfolgt würden, und dass ihm der Unterschied eines Bankers einer privat geführten Bank zu einer Landesbank nicht klar sein musste. Er würde damit vermutlich durchkommen. Und es wird Aussage gegen Aussage stehen.

Zweifel an Gribkowskys Version

Das Gericht wird vermutlich dem Geständnis mehr glauben als Ecclestones Version. Doch auch in Bezug auf Gribkowskys Aussage sind Zweifel angebracht. Warum hat Ecclestone für etwas Geld bezahlt, dass er wahrscheinlich umsonst bekommen hätte? Das ist nicht seine Art. Der frühere Gebrauchtwagenhändler hat normalerweise eine Nase dafür, was ein Geschäft wert ist und was nicht. Es gibt nur wenige Leute, die von sich behaupten können, sie hätten Ecclestone über den Tisch gezogen. Gribkowsky wäre nach eigener Ausführung einer davon.

Er selbst hatte in seinem zweistündigen Geständnis eingeräumt, dass die Provision aus heutiger Sicht nicht nötig gewesen wäre, weil Ecclestone einerseits die Banken loswerden wollte, andererseits die Landesbank mehr als glücklich war, dass es mit CVC einen Käufer gab, der bereit war, so viel Geld auf den Tisch zu legen. Er habe fast fünf Mal so viel Geld von Ecclestone bekommen, wie er erwartet hatte. Das klingt zumindest verwunderlich. Wer 50 Millionen Dollar von Ecclestone fordert, bekommt in aller Regel nicht 44 Millionen, sondern bestenfalls die Hälfte.

Es gibt noch andere Ungereimtheiten. Vor dem Hintergrund der Drohung der Hersteller eine eigene Rennserie gründen zu wollen, waren die rund 830 Millionen Dollar für die Formel 1-Beteiligung, die von Kirch an die BayernLB übergegangen ist, ein exzellenter Kaufpreis.

Gribkowsky erwähnt in seiner Aussage nicht, dass es zu der Zeit ein Konkurrenzangerbot gegeben hätte. Und wenn, hätte dieses von Ecclestones Kompagnon FIA-Präsident Max Mosley jederzeit abgelehnt werden können. Die FIA hat bis heute das ein Veto-Recht, wenn sie fürchten muss, dass ein Käufer dem Sport schaden würde.

Muss Ecclestone ins Gefängnis?

Die BayernLB wiederum stand im Winter 2005/2006 unter Zugzwang das ungeliebte Kind Formel 1 loszuwerden, weil die bayerische Landesregierung eine schnelle Rekapitalisierung der Kirch-Pleite vorweisen musste. Ihr war vorgeworfen worden, aller Warnungen zum Trotz dem finanziell angeschlagenen Kirch-Konzern einen weiteren Kredit gewährt und so Steuergelder verschwendet zu haben.

Nach der endgültigen Pleite von Kirch musste das Pfand Formel 1-Beteiligung deshalb so schnell wie möglich versilbert werden. Sonst hätten sich die verantwortlichen Politiker für die riskante Kreditvergabe rechtfertigen müssen. Ecclestone kannte diese Hintergründe. Deshalb fragen sich viele im Zirkus, warum er Gribkowsky überhaupt etwas bezahlte.

Das schlimmste für Ecclestone ist die öffentliche Diskussion über diesen Fall. Die Bild-Zeitung fragt am Freitag (22.6.) in großen Lettern: "Muss Ecclestone ins Gefängnis?" Das könnte ihm bei den Aktionären der Formel 1-Holding möglicherweise Probleme bereiten. CVC Capitals gehören noch rund 40 Prozent der Königsklasse. Seit ein paar Wochen gibt es mit dem amerikanischen Finanzverwalter Blackrock einen weiteren Anteilseigner, dem mehr als 20 Prozent gehören.

Beide profitieren gerne von den lukrativen Abschlüssen ihres Maklers, doch sie könnten auch die Konsequenzen ziehen, wenn eine Haftstrafe im Raum steht. Im vereinten Europa müsste Ecclestone fürchten, dass man ihn überall aufgreifen kann, wenn Anklage gegen ihn erhoben wird. Er wäre nicht einmal in seinem Büro am Londoner Princes Gate sicher.

Brabeck-Letmathe als Ecclestone-Nachfolger?

Gefahr droht auch aus Formel 1-Kreisen. Unter den zwölf Teams gibt es immer jemand, der glaubt, er sei zu kurz gekommen. "Das Problem kommt zur falschen Zeit", sagt einer der Teamchefs hinter vorgehaltener Hand. "Es mag Leute geben, die Bernie am Zeug flicken wollen, und sich bis jetzt nicht getraut haben. Es finden immer noch Verhandlungen zum kommenden Concorde Abkommen statt. Sie könnten versuchen, Bernies Zwangslage zu ihrem Vorteil zu nutzen."

Einige stellen sich hinter vorgehaltener Hand bereits die Frage, wer Ecclestones Nachfolger sein könnte, sollte die Justiz die Daumenschrauben enger ziehen. Denen, die insgeheim hoffen, die Ära Ecclestone möge zu Ende gehen, antwortet Red Bull-Teamchef Christian Horner: "Diese Leute würden schnell merken, was sie an Bernie gehabt haben, wenn er plötzlich nicht mehr da wäre."

Frank Williams sieht es gelassener. "Auch andere Diktaturen haben Nachfolger gefunden. Es muss nicht unbedingt Chaos ausbrechen." Tatsächlich stünde bereits ein Nachfolger bereit. CVC und Ecclestone selbst haben ihn zum Vorstand einer Formel 1-AG gewählt, sollte es zu einem Börsengang kommen. Es ist der frühere Nestlé-Chef Peter Brabeck-Letmathe.

In unserer Fotogalerie haben wir noch einmal die besten Bilder aus der Karriere Ecclestones.

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