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Hamilton

"Ich will immer für McLaren fahren"

Foto: Daniel Reinhard 45 Bilder

Update ++ Das ganze Interview ++ Lewis Hamilton reist mit null Punkten aus dem letzten beiden Rennen zu seinem Heim-Grand Prix nach Silverstone. Im Interview analysiert der Vizeweltmeister das aktuelle Kräfteverhältnis in der Formel 1 und spricht über seine Zukunftspläne bei McLaren-Mercedes.

02.07.2008 Michael Schmidt

Zwei Nullrunden in Folge: Ist damit der WM-Titel in weite Ferne gerückt?
Hamilton: Ich habe in diesem Jahr schon drei Mal nicht gepunktet, aber es kommen noch zehn Rennen. Der Rückstand von zehn Punkten ist aufholbar. Kimi Räikkönen hat in der vergangenen Saison auch einen Rückstand aufgeholt und ist noch Weltmeister geworden. Ich habe nicht im geringsten die Hoffnung verloren.

War die Strafe für das Abkürzen der Schikane in der ersten Runde von Magny-Cours gerecht?
Hamilton: Das war eine enge Kiste. Ich dachte, dass ich beim Einlenken in die Kurve Vettel schon überholt hatte. Da ich außen lag, konnte ich nicht reinziehen. Es hätte sonst gekracht.

Wie sehr schmerzt Sie der verschenkte Sieg in Montreal?
Hamilton: Es war ein dummer kleiner Unfall. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort. Für mich war die Geschichte schnell abgehakt. Es tut mir leid für Kimi, weil ich ihm ein gutes Rennen kaputtgemacht habe. Ich hätte mich aber mehr geärgert, wäre ich mit zehn Sekunden Vorsprung auf der Strecke abgeflogen.

Es gibt wie im Vorjahr selten einen direkten Kampf zwischen Ferrari und McLaren. Mal ist der eine klar besser, mal der andere. Warum ist das so?
Hamilton: Letztes Jahr war es ein bisschen anders. Auf der Hälften aller Strecken waren wir klar überlegen, auf der anderen Ferrari. Es gab auch ein eindeutiges Muster. Wir waren auf den langsameren Strecken besser, sie auf den schnellen. Dieses Jahr schlägt das Pendel öfter für Ferrari aus. Dafür ist der Abstand extrem klein, so dass es auf das Team oder den Fahrer ankommt, wer gewinnt. In Barcelona oder Istanbul hat uns nur ein klein bisschen gefehlt. In Monte Carlo auch, aber der Rennverlauf hat in unsere Karten gespielt. In Kanada hatten das bessere Auto, in Magny-Cours Ferrari. Wir müssen weiter hart arbeiten, um die Lücke zu schließen.

Ist BMW eine Gefahr?
Hamilton: Auf jeden Fall. Zu Saisonbeginn waren sie von den Rundenzeiten näher dran. Dann sind sie etwas zurückgefallen, doch sie machen keine Fehler, sind immer zur Stelle. Das ist der erste Schritt, um ein Topteam zu werden. Jetzt müssen sie nur noch Rundenzeit finden.

Letztes Jahr hat man Fernando Alonso in der Führungsrolle bei McLaren erwartet. Sind Sie jetzt der Teamleader?
Hamilton: Ich bin nicht der Teamleader. Ich fühle mich auch nicht so, noch nicht einmal nach meinen beiden Siegen in diesem Jahr. In einigen Fällen hatte ich mehr Glück als Heikki, in einigen habe ich vielleicht einen besseren Job gemacht, aber das bedeutet keine Vormachtstellung. Heikkis Zeit wird kommen. McLaren ist so ein großes Team, dass es für einen Fahrer zuviel der Verantwortung wäre, sie allein zu tragen. Wir beide haben die Aufgabe, die Jungs zu motivieren.

Letztes Jahr waren Sie die Sensation. Alle haben Ihnen zugejubelt. Jetzt ist es Routine, dass sie vorne fahren. Werden Sie kritischer betrachtet?
Hamilton: Ja, aber das interessiert mich nicht. Ich lese keine Zeitungen. Wenn ich die Rennstrecke verlasse, lebe ich ein ganz normales Leben. Da hat die Formel 1 keinen Platz. Ich informiere mich nur über andere Sportarten. Zum Beispiel Basketball.

Sie haben aber kürzlich die englische Presse kritisiert?
Hamilton: Mir war zu Ohren gekommen, dass viel Negatives über mich geschrieben wurde. Das gehört wohl zu meinem Job. Sie bauen dich auf, sie versuchen dich zu fertigzumachen. Aber mich kann nichts aus der Ruhe bringen. Ich bin mental stark.

Ist es eine Stärke von Ihnen, dass Sie abschalten können?
Hamilton: Gut möglich. Ich nehme Probleme in der Formel 1 nicht mit ins Privatleben. Selbst über ein extrem schlechtes Wochenende komme ich schnell hinweg. Ich ziehe meine Lehren und schaue nach vorne. Am Anfang des Jahres habe ich mich dabei ertappt, dass ich mir selbst zu viel Druck gemacht habe. Das passiert mir nicht mehr. Ich sage mir einfach: Hey, das Jahr ist noch lang. Verwende all deine Energie für das nächste und nicht das letzte Rennen. Denke positiv. Ich genieße die Arbeit mit dem Team. Der Zusammenhalt bei uns ist einmalig. Das Team nimmt uns Fahrern viel Druck von den Schultern. Für mich ist es wie eine große Familie. Ron Dennis kenne ich seit 13 Jahren. Mit Mercedes arbeite ich seit 1997 zusammen. Norbert Haug habe ich bei einem DTM-Rennen in Donington kennengelernt. Ich fuhr damals noch Formel Renault. Norbert nahm mich mit ins DTM-Fahrerlager und zeigte mir alles. In der Formel 3 blieb ich der DTM verbunden, weil wir im Rahmenprogramm gefahren sind. Damals träumte ich, eines Tages vielleicht ein DTM-Fahrer zu sein.Unglaublich, und jetzt bin ich in der Formel 1.

Ist es bei dieser gewachsenen Beziehung für Sie überhaupt denkbar, jemals für ein anderes Team zu fahren?
Hamilton: Mein Plan ist es, meine ganze Karriere für McLaren zu fahren. Ich habe einen tollen Vertrag, und wenn es darüber hinaus eine weitere Zusammenarbeit gibt, wäre ich glücklich.

Sie sind der Botschafter der Formel 1, obwohl Sie erst Ihre zweite Saison fahren. Ein bisschen viel Verantwortung auf den jungen Schultern?
Hamilton: Ich nehme nicht alles auf meine Schultern. Die anderen müssen da auch ran. Wenn ich mit meinem Image helfen kann, dem Sport etwas Gutes zu tun, dann okay, aber meine Konzentration gilt ausschließlich dem Rennfahren.

Kimi Räikkönen mag nur das Fahren und hasst das Drumherum. Wie ist es bei Ihnen?
Hamilton: Ich betrachte die Pflichten außerhalb des Cockpits nicht als Last.Werbespots zum Beispiel, das ist etwas Neues für mich. Ich bin Rennfahrer und kein Filmstar. Das Eintauchen in diese für mich ungewohnte Welt ist interessant. Was ich nicht mag ist die Politik. Und wie dieser Sport geführt wird.

Kümmern Sie sich um Statistiken?
Hamilton: Ich weiß schon, wie oft ich in meiner Karriere auf dem Podest gestanden bin.

In der Wertung Punkte pro Start streiten Sie sich immer noch mit Michael Schumacher und Juan-Manuel Fangio um die Führung.
Hamilton: Das geht mir zu weit. Man darf sich durch solche Statistiken nicht ablenken lassen.

Dabei ist das die wichtigste. Sie ist ein Gradmesser für Beständigkeit.
Hamilton: Sie haben Recht. Konstanz ist das wichtigste in unserem Sport, und es ist so hart, immer oben mitzufahren. Komisch, ich fahre Rennen seit ich acht Jahre alt bin. Aber vor dem Start, da fühle ich mich immer noch so angespannt wie am ersten Tag. Dabei weiß ich, was mich erwartet. Aber vielleicht ist es gerade das. In unserem Sport kann alles passieren. Du kannst nichts mitnehmen von dem, was du bei all den Rennen vorher gelernt hast. Irgendwie beginnt immer alles bei Null.

Für Sie war der Monte Carlo-Sieg das Highlight Ihrer Karriere. Besser als ein Heimsieg in Silverstone?
Hamilton: Ja. Monte Carlo hat für mich eine spezielle Bedeutung. Seit ich mir Formel 1-Rennen anschaue ist das der Ort, an dem ich gewinnen wollte. Auch wenn ich heute selbst im Auto durch den Tunnel fahre, kommen mir Bilder von Alain Prost oder Ayrton Senna an gleicher Stelle in den Sinn. Ich sehe den schwarzen Lotus von Senna und seinen McLaren noch vor Augen.

Sie leben seit diesem Jahr in der Schweiz. Wie gefällt es Ihnen dort?
Hamilton: Ich lebe jetzt ein normales Leben. Deshalb bin ich mit meinem Umzug nach Genf so happy. Das Wetter ist cool. Ich kann joggen am See. KeinStress, keine aufdringlichen Fans, keine Presse. Ich kann ganz normal auf der Straße spazieren gehen, mich in ein Restaurant setzen, shoppen. Gleich um die Ecke, wo ich wohne, ist ein Supermarkt. Da gehe ich jeden Tag hin. Die Leute erkennen mich, sind aber sehr, sehr höflich. Manche gratulieren mir, entschuldigen sich fast dafür, wenn sie mich bitten, ein Foto mit mir zu machen. In England, ich würde sogar sagen im Rest von Europa, stürmt eine Traube auf dich ein. Alle werden ganz hektisch, wollen schnell ein Autogramm, ein Foto, weil sie Angst haben, die Chance ihres Lebens zu verpassen.

Wie war das in England?
Hamilton: Ich wurde verfolgt. Wenn mich die Leute erkannt haben, sind sie mir bis nach Hause hinterhergefahren. Die Presse hat uns regelrecht überwacht. In der Schweiz muss ich nicht mehr in den Spiegel schauen oder mich umdrehen.

Treffen Sie Ihren Teamkollegen Heikki Kovalainen oft in Ihrer neuen Heimat?
Hamilton: Ja, wir trainieren zusammen oder treffen uns zum Essen. Er wohnt nur eine halbe Stunde weg von mir.

Ist es normal, so eng mit einem Teamkollegen befreundet zu sein?
Hamilton: Auch Adrian Sutil und Nico Rosberg sind gute Freunde von mir. Heikki ist ein lockerer Typ. Es ist einfach, mit ihm gut auszukommen. Wir fahren beide unser zweites Jahr in der Formel 1, hatten eine ähnliche Karriere, und wir haben beide den gleichen Ehrgeiz, Weltmeister zu werden. Vielleicht schweißt das zusammen. Das ist ein gewachsenes Verständnis. Wenn ich nicht gewinne, gönne ich als erstem Heikki den Sieg. Normalerweise würdest du deinem Teamkollegen nicht so viel Glück wünschen, aber mit Heikki ist das etwas anderes. Er denkt genauso.

Tut es nicht weh, wenn er schneller ist?
Hamilton: Warum sollte es weh tun? Wenn er schneller ist, muss ich härter arbeiten.

Kein Vergleich zum letzten Jahr?
Hamilton: Die Harmonie im Team ist viel besser. Die Situation ist nicht vergleichbar. Letztes Jahr fuhr ein zweifacher Weltmeister mit einem Rookie im Team.

Trauen Sie allen Fahrern beim Überholen gleich?
Hamilton: Du legst dir mit der Zeit eine Datenbank über jeden Fahrer an. Da gibt es schon ein paar Unberechenbare darunter. Nicht jeder reagiert gleich unter Druck. Es ist einfach, ohne Not in eine Kollision verwickelt zuwerden. Auch die eigene Körpersprache ist wichtig. Du musst demVordermann klar signalisieren, dass du jetzt vorbei willst. Den Status muss man sich erarbeiten. Wenn mich einer ohne Probleme überrunden lässt, bedanke ich mich immer mit einem kleinen Handzeichen.

McLaren hat wie alle Teams beim neuen Auto mehr Gewicht Richtung Vorderachse transferiert. Steht das in Konflikt mit Ihrem Fahrstil?
Hamilton: Der MP4-23 ist eine Evolution des Vorjahresautos. Ich habe keine Probleme damit. Der Wegfall der Traktionskontrolle spielt mir eher einen Trumpf in die Hände, weil meine Fahrweise die Hinterreifen schont, und das Hauptproblem in diesem Jahr ist, dass die Hinterreifen schneller abbauen. Der Ferrari und unser Auto sind grundverschieden. Eine Änderung, die bei uns funktioniert, bringt beim Ferrari nichts. Umgekehrt gilt das gleiche.

Kaufen Sie sich teure Spielzeuge?
Hamilton: Ich brauche sie nicht, jedenfalls nicht, solange ich noch so jung bin. Beispiel Fliegen: Manchmal fliege ich im Privatjet von Ron Dennis mit, manchmal stellt uns Bombardier einen Learjet bereit. Nach Montreal bin ich ganz normal mit British Airways geflogen. Der Kapitän hat mich insCockpit hochgeholt und mich gefragt, ob ich auf dem Bordmagazin für dieCrew unterschreiben könne. Plötzlich zieht er 27 von diesen Zeitschriften hervor. Dann Fotos mit allen Flugbegleitern. Ich dachte, ich könne auf diesem Überseeflug ausruhen. Das artete echt in Arbeit aus.

Weitere Themen in auto motor und sport, Heft 15/2008, ab dem 3. Juli im Handel.

  • Formel 1: Grand Prix von Frankreich
  • Tourenwagen DTM am Norisring
  • Die Audi-Pläne: A8 und A7 sowie Versionen der A1-Reihe
  • Modellneuheiten: Ford Focus RS, Opel Insignia
  • Einzeltest Porsche 911 Carrera S
  • Doppeltest Mercedes A 160 CDI Blue Efficiency gegen VW Golf 1.9 TDI Blue Motion
  • Fahrbericht Artega GT
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