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Hamiltons eiskalter Poker in Abu Dhabi

Mercedes drohte entthrontem Champion mit Undercut

Lewis Hamilton - GP Abu Dhabi 2016 Foto: sutton-images.com 70 Bilder

Lewis Hamilton hat seinen Taktikpoker in Abu Dhabi eiskalt durchgezogen. Obwohl er vorher gewarnt wurde. Sollte er den Mercedes-Sieg gefährden, drohte ihm das Team damit, Rosberg früher an die Box zu holen.

29.11.2016 Michael Schmidt 12 Kommentare

Soll man diesen Lewis Hamilton für seine Kaltschnäuzigkeit bewundern oder ihn für so viel Egoismus verdammen? Alle haben schon vor dem GP Abu Dhabi geahnt, dass Hamilton jedes Mittel Recht sein würde, seinen vierten WM-Titel einzufahren. Alle, bis auf Nico Rosberg. „Ich habe es so nicht erwartet. Vielleicht war das etwas naiv.“

Kaum hatte der GP Abu Dhabi Fahrt aufgenommen, passierte was Teamchef Toto Wolff, Außenminister Niki Lauda und der gesamte Kommandostand befürchtet hatten. Hamilton fuhr absichtlich langsam und sorgte so dafür, dass Nico Rosberg ständig in den Rückspiegel schauen musste. Das Spiel ging so bis zum ersten Boxenstopp in Runde 7, und es begann erneut im letzten Stint ab Runde 37.

Hamilton fuhr die Hamilton-Taktik

Technikdirektor Paddy Lowe und die Strategen hatten Hamilton und Rosberg in einer zehnminütigen Sitzung nach dem Strategie-Meeting schon vor dem Rennen gewarnt: Keine schmutzigen Spielchen. Direkt an Hamilton gerichtet verbunden mit der Drohung. „Wenn du so langsam fährst, dass der Sieg des Teams in Gefahr ist, ziehen wir Rosbergs Boxenstopp vor.“ Das hätte automatisch einen Platzwechsel bedeutet.

Die Taktik-Experten versuchten Hamilton klarzumachen, dass er sich mit einer Verzögerungstaktik unter Umständen selbst bestrafen könnte. Doch war das beim Titelverteidiger auch angekommen? Seufzer eines Ingenieurs: „Ich fürchte Lewis fährt die Lewis-Taktik, wenn das Visier runterklappt und nicht mehr unsere Strategie.“ Genauso kam es auch.

Tatsächlich war Hamiltons Bummelei zu Rennbeginn aus Sicht des Teams fast noch schlimmer als die am Ende. Er trieb Rosberg in die Fänge von Kimi Räikkönen, Daniel Ricciardo und Sebastian Vettel. Und brachte, ohne es in dem Moment zu ahnen, Max Verstappen wieder ins Rennen zurück.

Beide Fahrer gleichzeitig zum Boxenstopp bestellt

Bis zur 7. Runde ist Hamilton so langsam, dass die Strategen befürchten, Rosbergs Verfolger könnten durch frühe Boxenstopps Plätze gewinnen. Deshalb machen sie wahr, was sie Hamilton angedroht haben. Sie rufen ihn drei Runden früher als geplant an die Box.

Gerade noch rechtzeitig, um vor Verstappen und Räikkönen wieder auf die Strecke zu kommen. Doch gleichzeitig diktieren sie Rosberg einen Boxenstopp für die gleiche Runde. Wer genau hingeschaut hat, erkennt, dass die Mercedes-Mechaniker für beide Fahrer frische Reifen bereitlegen. Die Funksprüche werden so abgesetzt, dass der eine vom anderen nichts weiß.

Am Kommandostand ist man sich nicht sicher, ob Hamilton den Befehl zum Reifenwechsel ignoriert. Für diesen Fall wäre Rosberg an die Box gekommen und hätte vom Undercut profitiert. Hamilton ahnt, dass die Ingenieure mit der Erziehungsmaßnahme ernst machen und gehorcht. Rosberg wird in letzter Sekunde auf der Strecke gehalten und für die drauffolgende Runde bestellt.

Im zweiten Abschnitt fahren die Mercedes-Piloten die meiste Zeit in einem Abstand von 3 bis 5 Sekunden an der Spitze. Es ist die einzige Phase, in der Hamilton einigermaßen normales Tempo vorlegt. Doch dem Engländer wird schnell klar, dass er auf Räikkönen und Ricciardo nicht zählen kann. Sie sind zu langsam, haben ihre Reifen schnell in einem Privatduell verschlissen. Als Verbündete bleiben nur noch Verstappen und Vettel übrig.

Hamilton eine Sekunde zu langsam

Ab der 37. Runde braut sich eine neue Gefahr für Rosberg zusammen. Ferrari hält Vettel lange auf der Bahn und gibt ihm für das Finale Supersoft-Reifen mit auf die Reise. Verstappen hängt als ständige Bedrohung dazwischen. Hamilton fährt jetzt 1,5 Sekunden langsamer als er könnte, verraten die Ingenieure. Als Vettel die Spitze mit 2 Sekunden pro Runde einholt, wird es an der Boxenmauer von Mercedes ungemütlich.

Das Team fürchtet nun auch um den Sieg. „Weil durch die Langsamfahrerei bei Lewis die Reifen auskühlen. Ab einem bestimmten Punkt, kriegst du sie nicht mehr ins Fenster zurück.“ Teamchef Toto Wolff gibt zu: „Wir hatten Angst, dass Vettel noch beide überholt. Da mussten wir ein Machtwort sprechen.“

Doch alle Funksprüche verhallen ungehört. Renningenieur Pete Bonnington fordert Hamilton auf Bitte der Strategen zwei Mal auf, das Tempo zu erhöhen. Beim zweiten Mal mit deutlichen Worten: „Lewis, das ist ein Befehl, wir brauchen eine Rundenzeit von mindestens 1.45,1 Minuten.“ Und was macht der Mann im Cockpit? Hamilton antwortet mit einer Runde von 1.46,2 Minuten.

Vier Runden vor Schluss meldet sich Paddy Lowe, die letzte Instanz: „Lewis, du musst das Tempo anziehen.“ Kommentar aus dem Cockpit: „Lasst mich hier um meinen Titel fahren. Mich interessiert nicht der Sieg, nur die Weltmeisterschaft.“

Rosberg sieht plötzlich Vettel und Verstappen formatfüllend im Spiegel und wird nervös. „Die letzten zwei Runden waren echt nicht lustig. Wenn ich Vierter werde, bin ich raus.“ Doch der WM-Spitzenreiter behält die Nerven und wehrt Vettels Angriffe ab, in dem er vor Kurve 11 konsequent die Innenspur zumauert.

Hamilton muss sich nach dem Rennen die Kritik gefallen lassen, dass seine Verzögerungstaktik nicht dem entsprach, was man Sportsgeist nennt. Man müsse beide Seiten sehen, antworten Wolff und sein Außenminister Niki Lauda darauf: „Als Rennfahrer können wir Lewis verstehen. Als Team nicht. Da darf er den Sieg nicht in Gefahr bringen.“

Hamilton entgegnet ungerührt: „Ich lag in Führung. Es ist mein Recht, das Tempo zu bestimmen. Ich habe nichts Gefährliches getan und zu keiner Zeit den Sieg gefährdet. Es war nicht gut, dass sich das Team eingemischt hat.“

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Neuester Kommentar

> Ob du es hören willst oder nicht. Hamilton hat mehr Siege . mehr Pole und mehr Podien geholt als Rosberg 2016.

Herzlichen Glückwunsch damit.
Geht aber nur um eind Ding: Punkten. Punkten am ende des Jahres.

VollI Diot 1. Dezember 2016, 21:24 Uhr
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