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Hat Red Bull eine Chance?

Jede Runde über dem Limit

Daniel Ricciardo - Formel 1 - GP Australien - 14. März 2014 Foto: xpb 11 Bilder

Red Bull-Teamchef Christian Horner ist optimistisch, das Berufungsverfahren gegen die Disqualifikation von Daniel Ricciardo zu gewinnen. Alles dreht sich um die Frage, welcher Sensor die richtigen Messwerte ermittelt hat. Gegen Red Bull spricht, dass der FIA-Sensor im Rennen nicht nur phasenweise, sondern konstant überhöhte Messwerte angab.

26.03.2014 Michael Schmidt

Red Bull-Teamchef Christian Horner hat in einem Interview mit dem britischen TV-Sender Sky Sports erklärt, dass sein Rennstall der Berufungsverhandlung zum Ausschluss von Daniel Ricciardo beim GP Australien gelassen entgegensehe. Und zwar in beiden Punkten der Anklage. "Wir gehen in Berufung, weil wir außerordentlich zuversichtlich sind, dass wir regelkonform gehandelt und die maximale Durchflussmenge von 100 Kilogramm pro Stunde nicht überschritten haben."
 
Auch habe sich Red Bull keinen Verfahrensfehler vorzuwerfen, führte Horner in dem Fernsehinterview aus. "In Artikel 5.1.4. des technischen Reglements steht nur: Die Durchflussmenge darf 100 Kilogramm pro Stunde nicht überschreiten. Die Regel besagt nicht, dass die Messung zwingend vom FIA-Sensor kommen muss. Wir sind der Meinung, dass wir auch unsere eigenen Messungen heranziehen können, um zu beweisen, dass wir die Regeln eingehalten haben."

Technische Direktiven sind keine Regel

Laut Horner dreht sich alles um die Frage, welcher Sensor korrekte Werte ermittelt hat. Der FIA-Sensor der Firma Gill, der zwischen dem Kollektor-Tank und dem Motor angebracht werden muss. Oder die Sensoren des Teams in den Einspritzleisten, die Benzinfluss, Benzintemperatur und Benzindruck messen und daraus die Durchflussmenge berechnen. Das ist der Punkt, warum die FIA lieber dem eigenen Messgerät traut. "Weil es dafür gebaut wurde, die Durchflussmenge direkt zu bestimmen und nicht über ein mathematisches Modell."
 
Der Einwand der FIA, dass in der Technischen Direktive 016 vom März 2014 die Priorität der Messungen klar festgelegt wurde, zuerst der FIA-Sensor, und erst bei ausreichendem Verdacht von Messfehlern das Backup-System des Teams, prallt an Horner ab: "Technische Direktiven sind die Meinung des Technischen Delegierten und keine verbindliche Regel."

Messfehler könnten vom Team verursacht sein

Soweit hört sich alles ziemlich schlüssig an. Und trotzdem gibt es bei dem Fall Merkwürdigkeiten, die Red Bull erklären muss. Der entscheidende FIA-Sensor muss gekauft werden und ist danach Eigentum des Teams. Das Team wird aufgefordert, besagte Sensoren bei der Firma "Calibra" kalibrieren und von der FIA zertifizieren zu lassen. Was dann damit passiert, ist Sache des Teams.

Es kann unterschiedliche Gründe für defekte Sensoren oder falsche Messwerte geben. Entweder unsachgemäße Behandlung des Sensors. Oder ein ungünstiges Umfeld, das starke Vibrationen oder Schwankungen im Benzindruck verursacht. Man hört, dass Ferrari im Vorfeld der Saison seine Benzinpumpen modifizieren musste, damit der Sensor präzise Werte ausspuckt. Und Lotus musste offenbar einen Dämpfer in der Haupt-Benzinleitung montieren, um Druckschwankungen abzufangen.

Verlust von 7 bis 8 PS

Red Bull hat in den Autos von Daniel Ricciardo und Sebastian Vettel drei Sensoren erwischt, die nach Meinung des Teams falsche Werte angaben. Bei Daniel Ricciardo haben sie nach eigener Messung nur eine Durchflussmenge von 96 Kilogramm pro Stunde zugelassen ohne die Limits zu sprengen. Das würde einem Verlust von 7 bis 8 PS entsprechen. Bei Vettel soll der Sensor ins Gegenteil ausgeschlagen haben. Für Red Bull also drei gute Gründe anzunehmen, dass irgendein Fehler vorlag.

Andererseits hatte Red Bull offenbar nur vier der ominösen Sensoren in Australien dabei, andere Teams bis zu 12, um notfalls ausweichen zu können. Jedes Team bekam nach dem Training einen individuellen Korrekturfaktor zugeteilt. Abhängig davon, wie weit die FIA-Messungen und die des Teams voneinander abweichen, musste das eigene Messverfahren angepasst werden. Keiner lag bei mehr als 1,5 Prozent Differenz. Außer Red Bull.

Jede Runde 25 Gramm drüber

Es stimmt, dass andere Teams im Training über Unregelmäßigkeiten berichtet haben. Hierbei handelte es sich allerdings um Verbrauchsspitzen, die im Bereich von drei Gramm toleriert werden. Mercedes bewegte sich im Training hin und wieder im Vier-Gramm-Bereich, nahm aber selbst Korrekturen vor, bevor die FIA die Messfrequenz verlängerte, um positive Spitzen durch negative besser ausgleichen können. Red Bull soll im Rennen Gerüchten zufolge in jeder Runde den Grenzwert nach offizieller Messung um 25 Gramm überschritten haben. Hier ist nicht von vereinzelten Spitzenwerten, sondern von konstant auftretenden Überschreitungen die Rede.

Das Team hatte das Angebot von FIA-Motorenmann Fabrice Lom, die Durchflussmenge dementsprechend nach unten zu korrigieren, in den Wind geschlagen. Sie erfolgte nach fünf Runden. Dass Ricciardo dennoch innerhalb der geforderten Gesamtmenge von 100 Kilogramm über die 57-Runden-Renndistanz blieb, erklären Experten damit, dass der Australier im Schleppbetrieb des Motors entsprechend Benzin eingespart hatte. Ricciardo sagte nach dem Grand Prix selbst, dass er in der Anfangsphase zu konservativ gefahren sei.

Was macht Red Bull in Malaysia und Bahrain?

Die interessante Frage lautet, wie sich Red Bull in Malaysia und Bahrain verhalten wird. Beide Rennen liegen noch vor dem Berufungstermin. Horner wollte dazu keine Angaben machen. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder Red Bull bringt neue Sensoren mit, modifiziert das Umfeld und hält sich dann bei geringerer Abweichung an die FIA-Direktiven. Oder das Weltmeister-Team lässt es erneut darauf ankommen und beharrt weiterhin auf eigenen Daten - auf die Gefahr hin erneut disqualifiziert zu werden.

Der zweite Weg ist riskant, weil er im schlimmsten Fall zu einem Verlust von vielen Punkten führt. Bei der ersten Lösung, kann man sich sogar eine positive Argumentationsgrundlage für das Verfahren verschaffen. Funktioniert der FIA-Sensor in Malaysia wäre das möglicherweise ein Indiz dafür, dass es bei den Sensoren eine große Streuung gibt und die Sensoren in Australien tatsächlich defekt waren. Was Red Bull nicht vom Vorwurf befreit, die Anweisungen der Rennleitung missachtet zu haben.

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