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Heikki Kovalainen exklusiv im Interview

"Ich bin bereit, ganz unten anzufangen"

Heikki Kovalainen Foto: Peter Lim InSports Images 57 Bilder

Heikki Kovalainen muss nach zwei Jahren bei McLaren-Mercedes 2010 kleinere Brötchen backen. Der Finne fährt für das reanimierte Lotus-Team. Er sieht das Abenteuer mit dem neuen Rennstall als eine Art Neubeginn, wie er auto-motor-und-sport.de in einem Interview verriet.

30.01.2010 Michael Schmidt

Was machen Sie gerade?
Kovalainen: Ich sitze in der Lotus-Fabrik und habe am Internet die Zeiten der ersten Sonderprüfung bei der Arctic-Rallye verfolgt. Mein Freund Kimi Räikkönen liegt nach der ersten Wertungsprüfung mit nur fünf Sekunden Rückstand auf Platz zwei. Der Junge ist Wahnsinn.

Wäre Rallye auch etwas für Sie?
Kovalainen: Ja, aber erst später in meinem Leben. Für die nächsten Jahre steht Formel 1 auf dem Programm.

Wie oft sind Sie bei Lotus in der Fabrik?
Kovalainen: Das ist jetzt mein dritter Besuch. Ich will alles kennenlernen: Die Ingenieure, das Auto, die Technik. Seit Mittwoch bin ich jetzt jeden Tag da. Für mich ist das eine Art Bestandsaufnahme. Ich will wissen, wo wir stehen.

Wie kamen Sie überhaupt zu Lotus?
Kovalainen: Den ersten Kontakt mit Technikchef Mike Gascoyne gab es schon mitten in der Saison. Dabei blieb es zunächst. Ich wollte mich auf meinen Job bei McLaren konzentrieren bevor ich mich nach anderen Cockpits umschaue. Nach der Saison habe ich mit vielen Teams gesprochen. Aber die Situation war wirklich verwirrend. Es war schwer herauszufiltern was Sache ist: Wer kommt neu, wer wird verkauft, wer bleibt im Geschäft? Da wurde ich unsicher und sagte mir: Warte nicht zu lange. Also frischte ich meinen Kontakt zu Mike Gascoyne wieder auf und ließ mir das Lotus-Projekt etwas genauer erklären. Was ich erzählt bekam, hörte sich gut an: Ein stabiles Budget, erfahrene Leute, Potenzial zu wachsen und die Chance, mit einem neuen Team von Anfang etwas aufzubauen. Dann ging alles ganz schnell. Mike stellte den Kontakt zu Teamchef Tony Fernandes her, und eine Woche später unterschrieb ich den Vertrag.

Hatten Sie Angst, wie Nick Heidfeld zwischen alle Stühle zu fallen?
Kovalainen: Eigentlich nicht. Ich hatte gute Kontakte zu vielen Adressen. Ich wollte nur sicher sein, dass ich aus den Optionen das richtige herauspicke. An einem Testjob war ich nicht interessiert. Als der Zeitpunkt gekommen war, habe ich schnell zugegriffen. Alles andere war zu unsicher. Ich wollte nicht zu lange warten.

Gab es Chancen bei McLaren zu bleiben?
Kovalainen: Ich wusste schon im August, dass McLaren für 2010 ohne mich plant. Sie haben mir zwar die Türe bis zum Schluss offengehalten, aber als Fahrer spürt man, wohin die Reise geht. Ich hatte das Gefühl, dass die einen anderen Fahrer gesucht haben. McLaren ist ein super Team, aber irgendwie brauchte auch ich nach zwei Jahren einen Tapetenwechsel.

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Lotus
Kovalainen: Den gelben Helm von Senna im schwarz-gelben John Player Auto in Monte Carlo. Und später fuhr dann noch mein Landsmann Mika Häkkinen für Lotus. Das sind die beiden Bilder, die ich im Kopf habe. Nach meiner Unterschrift habe ich natürlich ein bisschen Historie gebüffelt und mich in Büchern über die Lotus-Historie schlau gemacht. Schon beeindruckend, welche Fahrer in diesem Team gefahren sind.

Was erwarten Sie von Ihrem neuen Rennstall?
Kovalainen: Ich versuche auf dem Teppich zu bleiben. Vor den ersten Testfahrten kann ich gar nichts sagen, weil ich im Moment noch im luftleeren Raum schwebe. Nach den Testfahrten setzen wir uns unsere ersten Ziele. Und die hängen ganz von der Qualität des Autos ab. Ich bin bereit, ganz unten anzufangen, glaube aber, dass wir das beste der neuen Teams werden können. Das sollte zumindest unser generelles Ziel sein. Und wir müssen die Leute in unserer ersten Saison davon überzeugen, dass wir ein seriöses Team sind, das Perspektiven hat.

Was sagt Ihr Bauchgefühl?
Kovalainen: Das einzige, was ich beurteilen kann ist das, was bis jetzt passiert ist. Lotus hat in denkbar kurzer Zeit Unglaubliches auf die Beine gestellt. Dass wir mit dem Auto an den letzten beiden Testwochen in Jerez und Barcelona teilnehmen können ist schon mal ein Erfolg. Das zeigt mir, dass die Truppe ihren Job versteht. Wir sind ein kleines, aber effizientes Team. Und die Kostenreduktionsmaßnahmen der Formel 1 bringen die großen Teams in Zukunft näher an unseren Standard heran.

Wenn man von McLaren zu einem neuen Team geht, muss das ein Kulturschock sein.
Kovalainen: Das ist gar nicht so schlimm. Natürlich hat Lotus viel weniger Leute als McLaren oder Renault. Zur Zeit sind es 140. Das soll aber auf 250 anwachsen. Einige haben wir schon auf dem Papier, die dürfen aber erst in sechs Monaten anfangen, weil sie noch eine Sperrfrist ihres alten Arbeitgebers haben. Aber alle unsere Mitarbeiter kommen aus der Formel 1. Die Ingenieure und Mechaniker haben bis zuletzt bei anderen Teams gearbeitet. Da gibt es keine Zeit der Eingewöhnung.

Hat sich Ihr Leben verändert?
Kovalainen: Überhaupt nicht. Bei Lotus gibt es ähnlich viele Marketing-Tage wie bei McLaren. Tony Fernandes will dieses Team bekanntmachen und nah an die Leute und Sponsoren bringen.

Wie haben Sie den testfreien Winter verbracht?
Kovalainen: Die ersten Wochen nach dem Saisonfinale habe ich erst einmal gar nichts gemacht. Ich brauchte etwas Abstand nach meiner Zeit bei McLaren, eine Pause, um die Batterien wieder neu aufzuladen. Anfang Dezember habe ich mich ins Training gestürzt, war entweder beim Sport unterwegs oder in der Fabrik. Zwischendrin war ich einmal kurz in Finnland bei meinen Eltern und ein bisschen Motocross auf zugerfrorenen Seen. Die lange Zeit ohne Testfahrten hat mir gut getan. Ich fühle mich fitter als zuvor, habe wieder richtig Energie geladen.

Mit Jarno Trulli haben Sie nach Lewis Hamilton wieder einen starken Teamkollegen.
Kovalainen: Ich bin froh, dass Jarno da ist. Er hat Erfahrung, er kennt Mike Gascoyne aus seiner gemeinsamen Zeit bei Renault und Toyota, und er kann das Team weiterbringen. Als Gegner habe ich keine Angst vor ihm. Mit Lewis hatte ich einen der stärksten Teamkollegen, die man sich wünschen kann, und jeder weiß, dass ich gegen ihn nicht so schlecht abgeschnitten habe, wenn man in Betracht zieht, dass sich bei McLaren alles auf Lewis konzentriert hat.

Da muss Ihnen das neue Qualifikationsformat ja gefallen?
Kovalainen: Das ist die beste Nachricht des Winters. Endlich qualifizieren sich alle mit der gleichen Spritmenge. Da hört endlich das Herumrechnen auf, wer mit wie viel Sprit unterwegs war und wie viel das in Rundenzeit bedeutet. Jetzt sind zwei Fahrer aus einem Team wieder vergleichbar.

Was erwarten Sie sich von Rennen ohne Tankstopps?
Kovalainen: Wir werden die erste Kurve nach dem Start bestimmt etwas früher anbremsen. Die Autos werden etwas schwieriger zu fahren sein, doch daran werden sich alle schnell anpassen. Wir haben ja auch gelernt, wie man ohne Traktionskontrolle fährt. Da wir jetzt die Taktik des Gegners nicht kennen, spielen sich alle Zweikämpfe auf der Strecke ab. Das wäre eine gute Sache, wenn gleichzeitig das Überholen einfacher würde. Aber da habe ich meine Zweifel. Die Rennen werden für uns jedenfalls schwieriger.

Was sagen Sie zum Comeback von Michael Schumacher?
Kovalainen: Das ist eine sehr gute Nachricht für die Formel 1. Letztes Jahr gab es ja doch einige Lücken auf den Tribünen. Ich schätze, Michael wird die wieder füllen. Ich darf in meiner Karriere nun doch noch mal gegen ihn fahren. Klar, er wird sich in diesem Jahr in einer anderen Liga als ich bewegen, aber vielleicht hat sein Auto ja mal ein technisches Problem und ich komme so zu einem Zweikampf auf Augenhöhe. Michael hat sich seine Rückkehr sicher sehr gut überlegt. Ich wette, er weiß etwas, das wir nicht wissen. Sein Kumpel Ross Brawn hat ihm bestimmt alles über das neue Auto erzählt, und da hat er gesehen, dass er um den WM-Titel mitfahren kann. Michael wird die Show verbessern ganz klar. Jetzt fehlt eigentlich nur noch ein Comeback von Mika Häkkinen und Jacques Villeneuve.

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