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Hoffnung auf neues Reglement

Siegt Vettel die Formel 1 zu Tode?

Ecclestone & Vettel - GP Brasilien 2013 Foto: Wilhelm 39 Bilder

Dominanzen wie die von Sebastian Vettel und Red Bull gab es schon oft in der Formel 1. Früher hat man sie leichter ertragen, weil das Publikum ein anderes war. Heute hoffen alle auf das neue Reglement. Regeländerungen haben in der Geschichte der Formel 1 schon oft Siegesserie unterbrochen.

03.12.2013 Michael Schmidt

Die TV-Anstalten stöhnen. Nicht schon wieder Sebastian Vettel. Der Weltmeister wird für die Formel 1 zum Problem. "Er fährt in einer anderen Liga", schüttelt Fernando Alonso den Kopf. "Egal welches Setup, welche Reifen, welcher Motor. Vettel gewinnt mit diesem Red Bull mit der linken Hand." Wie soll man einen Sport verkaufen, bei dem der Sieger schon vorher feststeht? Der Überraschungsfaktor geht gegen Null.

Seit Vettel beim GP Indien seinen vierten WM-Titel sichergestellt hat, tun sich die TV-Anstalten und Zeitungen schwer, den Sport zu vermarkten. Trotzdem stürzten die Einschaltquoten nicht in den Keller. RTL vermeldete beim GP Brasilien 6,5 Millionen Zuschauer. Der Einbruch bei der BBC hielt sich mit 200.000 Zusehern in Grenzen. Sky England berichtet von gleichbleibenden Zahlen. "Bei uns schauen hauptsächlich Hardcore-Fans", erklärt ein Produzent.

Bester Fahrer im besten Auto

Motorsport ist anfällig für diese Art Dominanzen. Wenn der beste Fahrer im besten Auto sitzt, dann ist das ungefähr so, als dürfte der FC Bayern München auf ein größeres Tor schießen. In diesem Fall ist es noch schlimmer. Red Bull hat Adrian Newey. Er ist der Vettel des Reißbretts. Seine Autos sind überlegen, seit das Reglement 2009 breitere Frontflügel und schmalere Heckflügel vorschreibt.
 
Und Vettel hat so sehr an seinen wenigen Defiziten gearbeitet, dass er jetzt auf einer Stufe mit Fernando Alonso steht. Vielleicht muss der Begriff des kompletten Rennfahrers bereits neu geschrieben werden.

Es wäre wirklich interessant, Vettel und Alonso in einem Team zu sehen. Das könnte der Formel 1 die Spannung einimpfen, die ihr derzeit fehlt. Doch dazu wird es nicht kommen. Vettel würde Alonso als Teamkollege nicht akzeptieren.

Nicht, weil er Angst vor dem Spanier hätte. Er traut sich zu, ihn auch mit gleichwertigem Material zu schlagen. Nein, aber Vettel kennt Alonso. Der kämpft auch außerhalb des Cockpits. Da wäre Krieg vom ersten Tag.

Auch Lotus und Ferrari dominierten

In der Geschichte der Formel 1 gab es diese Konstellation schön öfter. Jim Clark auf Lotus in den Jahren 1963 und 1965 zum Beispiel. Der Schotte konnte 1965 freiwillig auf den GP Monaco verzichten, um beim gleichzeitig stattfindenden 500 Meilen-Rennen von Indianapolis anzutreten. Monaco war damals nur einer von zehn Grand Prix. Clark wurde dennoch Weltmeister.
 
1964 verlor Clark den Titel auf den letzten Metern des GP Mexiko an Ferrari-Pilot John Surtees, weil an seinem Lotus ein Fünfpfennigdefekt auftrat. Defekte haben heute Seltenheitswert. Deshalb kann ein Vettel auch neun Rennen in Folge gewinnen.
 
Von 1975 bis 1977 dominierte die Kombination Niki Lauda und Ferrari. Es wären wohl drei Titel in Folge geworden, hätte der Feuerunfall am Nürburgring Lauda nicht drei Rennen außer Gefecht gesetzt.
 
Auch das ist Geschichte. Sebastian Vettel fährt auf Rennstrecke mit Auslaufzonen so groß wie Fußballfelder. Da kann man nicht verunglücken. Unfälle sind die große Ausnahme geworden. Die Autos verzeihen zu viele Fehler, und die Fahrer werden immer besser.

Williams und McLaren beherrschten 80er und 90er Jahre

Williams-Honda hätte 1986 und 1987 alles in Grund und Boden fahren können, doch man hatte mit Nelson Piquet und Nigel Mansell zwei Fahrer, die sich gegenseitig bekriegten, ins Auto fuhren und Punkte wegnahmen. Mark Webber war nicht mehr in der Lage, Vettel irgendetwas wegzunehmen. McLaren-Honda beherrschte die Formel 1 mit Ayrton Senna und Alain Prost von 1988 bis 1991. Der Reiz lag darin, dass sich die beiden Hauptdarsteller nicht mochten.

Williams baute 1996 und 1997 so gute Autos, dass nicht einmal Michael Schumacher dagegen ankam. Immerhin saß der beste Fahrer nicht im besten Auto. Das war erst 2000 der Fall. Da begann das fünfjährige Regiment von Schumacher und Ferrari, und wir führten die gleichen Diskussionen wie heute bei Vettel und Red Bull. Es macht keinen großen Unterschied, ob Schumacher 2004 mitten in der Saison sieben Rennen gewinnt oder Vettel neun am Ende des Jahres, beides ist geschäftsschädigend.

Wird Vettel vom Reglement gestoppt?

Der Streifzug durch die Geschichte des Sports zeigt, dass Jahre der Überlegenheit eigentlich immer nur durch zwei Szenarien aufgelöst wurden. Entweder Team und Fahrer trennen sich, oder es kommt ein neues Reglement.

Lotus musste 1966 seine Vormachtstellung aufgeben, weil die Formel 1 von 1,5 Liter Motoren auf Dreiliter-Triebwerke umstellte. Es gab nicht sofort genügend konkurrenzfähige Motoren, und Lotus musste sich mit einem 16-Zylinder-Ungetüm von B.R.M. herumschlagen. Clark gewann 1966 nur ein Rennen. Den GP USA.

Williams und McLaren brachen auseinander

Ferraris goldene 70er Jahre wurden unterbrochen, weil Niki Lauda 1978 zu Brabham wechselte und Lotus-Gründer Colin Chapman einen seiner Geistesblitze auf die Räder stellte. Der Lotus 79 und Mario Andretti waren 1978 eine fast unschlagbare Kombination. Wären da nicht Teamkollege Ronnie Peterson, der Defektteufel und die Michelin-Reifen gewesen, die Ferrari auf bestimmten Strecken einen Grip-Vorteil gaben.
 
Das Williams-Team zerfiel Ende 1987. Honda zog seine Motoren ab als Reaktion darauf zurück, dass sich Frank Williams weigerte, dem Japaner Satoru Nakajima ein Cockpit zu geben. McLaren zersetzte sich durch Überheblichkeit. Zuerst stahl sich Alain Prost davon, dann Honda. Nach vier Jahren Überlegenheit hatten die Ingenieure wichtige technische Entwicklungen wie das halbautomatische Getriebe oder das aktive Fahrwerk verschlafen. Zum Schluss lief auch noch Ayrton Senna weg.

Newey wechselte die Fronten

Die Williams-Ära endete 1998 mit dem Einzug der schmalen Autos und der Rillenreifen. Dummerweise wechselte exakt zu diesem Zeitpunkt auch noch Star-Designer Adrian Newey die Fronten. Er baute ein Jahr später für McLaren ein Weltmeister-Auto. Auch die Ferrari-Siegesserie wurde vom Reglement gestoppt. 2005 waren Reifenwechsel im Rennen verboten. Ferrari-Partner Bridgestone löste die Aufgabe schlechter als Konkurrenten Michelin, der mit Renault und Fernando Alonso den Weltmeister stellte.

Nach vier Jahren Vettel und Red Bull an der Spitze ist der Sport wieder an einem Punkt angelangt, an dem Stellschrauben verändern werden müssen, wenn man einen anderen Sieger will. Die Achse Vettel, Newey, Red Bull und Renault bleibt auf unabsehbare Zeit zusammen. Keine Hoffnung, dass da demnächst ein Erfolgsbaustein herausbricht. Also bleibt nur die Hoffnung, dass die neuen Regeln alle Uhren auf Null stellen.

Mehr Laufkundschaft als Hardcore-Fans

Die Zeiten haben sich geändert. Früher wurden Seriensieger akzeptiert und als Helden gefeiert. Heute gibt man ihnen die Schuld für eine langweilige Show. Das liegt daran, dass die Formel 1 von einer Randsportart zum Premium-Produkt mutiert ist. Vor 30 Jahren waren die Motorsport-Fans eine kleine, verschworene Gemeinschaft. Wer sich dafür interessierte, verstand etwas davon. Der konnte nachvollziehen, was hinter einer derartigen Erfolgssträhne steckt und er wusste, dass sie nicht ewig dauert.

Heute gibt es viel Laufkundschaft. Von den 6,5 Millionen RTL-Zuschauern sind höchstens 500.000 eingefleischte Fans dabei. Doch die Musik machen die restlichen sechs Millionen. Der durchschnittliche Formel 1-Kunde anno 2013 hat weder die Geduld noch das Verständnis für eine Dominanz, außer er ist zufällig ein Fan des Fahrers, der dauernd gewinnt. Er will jeden zweiten Sonntag unterhalten werden. Und sein Druck auf die Fernbedienung entscheidet, ob es dem Sport gutgeht oder nicht.

In unserer Bildergalerie haben wir noch einmal die Highlights von Vettels One-Man-Show 2013.

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