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Mit Nico Hülkenberg auf der Strecke

"Red Bull und Ferrari gefallen mir am besten"

Nico Hülkenberg Foto: Daniel Reinhard 13 Bilder

Als Reservefahrer von Force India hat Nico Hülkenberg viel Zeit. Mehr als ihm lieb ist. Eine gute Gelegenheit, den Rheinländer als Streckenspion einzusetzen. auto motor und sport ging mit Hülkenberg um die Strecke von Jerez, um die neuen Autos zu beobachten.

12.02.2011 Michael Schmidt

Formel 1-Fahrer sind manchmal ganz normale Menschen. Als Nico Hülkenberg uns mit seinem Leih-Mercedes rund um den Kurs von Jerez chauffieren will, um die Autos auf der Rennstrecke zu beobachten, zeigt die Dame an der Zufahrt zur Servicestraße keine Gnade. Ihre stereotype Antwort auf all unsere guten Argumente: "Euch fehlt der Sticker für das Auto." Wir treiben einen auf, doch der erweist sich als falsch. Wir fahren mal auf Verdacht los. Nach zehn Minuten in der zweiten Kurve erzählt uns ein Herr von der Streckenverwaltung, dass wir umkehren müssen.

Red Bull eine Klasse für sich

Immerhin konnten wir den Red Bull, den Toro Rosso und den Virgin in der Zweite-Gang-Kurve und dem anschließenden Beschleunigungsstück beobachten. Genug, um Hülkenberg zu zeigen, dass der Red Bull eine Klasse für sich ist. "Schau, wie früh der Webber auf dem Gas steht. Das Auto ist in jeder Phase der Kurvenfahrt stabil. Er bleibt auch beim Beschleunigen in der Spur." Jaime Alguersuari muss beim Gasgeben in die folgende Linkskurve hinein zaubern. Der Toro Rosso rutscht vorne weg. "Das Auto liegt viel unruhiger, hat deutlich mehr Untersteuern. Und es wird mit jeder Runde schlimmer, weil die Reifen nachlassen."

Der neue Virgin tut sich in dieser Passage noch schwerer. "Untersteuern ohne Ende, in jeder Runde blockiert beim Anbremsen das kurveninnere Rad. Das Auto ist brutal hart gefedert. Wahrscheinlich braucht er das, damit die Aerodynamik funktioniert", urteilt der Experte. Hülkenberg hatte im Winter ein Angebot von Virgin, lehnte aber dankend ab. Er sieht sich bestätigt. "Die werden dieses Jahr sicher besser sein als 2010. Aber so ein Highlight wie meine Pole Position in Brasilien wirst du mit diesem Auto nicht schaffen. Und du willst ja als Rennfahrer zeigen, was du kannst, wenn die Bedingungen mal passen."

Zu Fuß Richtung Schikane

Als wir wieder zurück im Fahrerlager sind, entscheiden wir uns dafür, den Weg um die Strecke zu Fuß anzutreten. Diesmal gegen die Rennrichtung. Erster Punkt: Die Schikane, die jene Kurve entschärft, in der 1990 Martin Donnelly so schwer verunglückte. Hülkenberg kennt die Stelle von tausenden Testkilometern. "Die drei Kurven der Schikane musst du wie eine Kurve fahren. Es gibt zwei Varianten. Wer schnell reinfährt, opfert Zeit im Linksknick, hat das Auto aber dann optimal für die Ausfahrt positioniert. Man kann auch weniger aggressiv reinfahren, hat dafür die bessere Linie in der Linkskurve. Am Ausgang gibt es eine fiese kleine Welle. Da zeigt sich, ob das Auto gut ist oder nicht."

Als erster kommt der neue Mercedes vorbei. Hülkenberg wundert sich über seinen Namensvetter Nico Rosberg: "Der fährt am Ausgang jedes Mal brutal über den Randstein. Schau hin, wie es das Auto aushebt." Hülkenbergs geübtes Auge erkennt an den trägen Reaktionen des Mercedes: "Das sieht wie mindestens 80 Kilo Sprit im Tank aus. Aber insgesamt gefällt mir die Balance des Mercedes."

Beim Virgin fehlt es an Abtrieb

Als Alguersuari sich durch die Schikane hämmert, meint Hülkenberg: "Man sieht, dass der sich hier auskennt. Das Auto ist in dieser Passage gut ausbalanciert." Ganz im Gegensatz zu dem Virgin. Timo Glock gibt alles, um sein Auto durch das Nadelöhr zu wuchten. Der Eindruck aus Kurve zwei verfestigt sich. "So wie das Auto über die Randsteine springt, ist es immer noch hart gefedert. Und Timo bremst fünf Meter früher als die anderen. Da fehlt es an Abtrieb." Als Glock einmal quer aus der Kurve davor kommt, verpasst er den Bremspunkt an der Schikane. "Klar, weil die Reifen durch den Quersteher so heiß werden, dass sie in der Kurve darauf keinen Grip bieten", erkennt Hülkenberg.

Felipe Massa steht ganz offensichtlich auf Kriegsfuß mit der Schikane. "Drei Mal haben hinten die Reifen blockiert. Das Auto ist unruhig und Felipe lenkt unheimlich früh ein. Komisch, weil mich der Ferrari in den schnellen Kurven wirklich überzeugt hat. Da liegt er wie ein Brett. Besser als jedes andere Auto. So bieder der Ferrari aussieht, die holen immer das Optimum aus einer konservativen Lösung heraus." Massas Bremsprobleme können mit dem Einsatz von KERS zu tun haben. Wenn das System lädt, dann spürt der Fahrer hinten eine Zusatzbremse. Die Abstimmung ist kein Kinderspiel.

Vitaly Petrov fährt jede Runde auf einer anderen Linie durch die Schikane. Nico Hülkenberg hält sich die Ohren zu: "Der Renault hört sich an wie ein Motorschaden. Was der für Geräusche macht. Die Motorsteuerung muss echt kompliziert sein. Da steckt eine Menge Abstimmungsarbeit drin." Das Schnarren und Summen hat damit zu tun, dass der Renault im Schiebebetrieb Luft durch die Brennräume bläst und bei niedrigen Drehzahlen offenbar Zylinder abschaltet. Ein weiterer Grund könnte darin liegen, dass der ellenlange Auspuff ein spezielles Motormanagement verlangt.

Untersteuern bei Mercedes und Ferrari

In den zwei Dritte-Gang-Kurven vor der Schikane gibt es laut Hülkenberg nicht viel zu sehen. "Die sind nichts Spezielles. Der Renault hat dort kaum Untersteuern, dafür wirkt er beim Bremsen hinten instabil." Beim Mercedes ist es umgekehrt. "Das Heck liegt ruhig auf der Straße, aber Rosberg muss mit viel mehr untersteuern kämpfen." Auch der Ferrari kommt untersteuernd durch die Ecken. Trotzdem steht Massa früh am Gas. "Das Auto ist gutmütig", notiert Hülkenberg. "Selbst wenn es unruhiger auf der Straße liegt, es sieht klar schneller aus als der Mercedes." Der ToroRosso hat eher ein Problem auf der Hinterachse. "Das Heck wackelt immer ein bisschen."

Wir gehen weiter und beziehen einen Beobachtungsposten in der langen Linkskurve vor der Doppelrechts. Einschätzung des Rennfahrers: "Die Kurve geht mit 240 km/h." Rosberg und Massa befinden sich jetzt in einem Dauerlauf. Beide Autos ziehen wie an einer Schnur durch die schnelle Links. "Der Ferrari schaut aber klar schneller aus. Der holt pro Runde zwei Sekunden auf", schätzt Hülkenberg. "Ich kann für Nico nur hoffen, dass er viel mehr Benzin im Tank hat."

Jetzt kommt zum ersten Mal Sergio Perez im Sauber vorbei. "Ziemlich nervös auf der Hinterachse", konstatiert Hülkenberg. Alguersuari lässt sich am Ausgang der Kurve bis auf den Randstein tragen. "Der kennt sich hier aus", wiederholt Hülkenberg seine Einschätzung von der Schikane. "In der Kurve brauchst du Vertrauen, um voll stehen zu lassen. Wenn das Auto anfängt zu untersteuern, geht dir da schnell die Straße aus."

Hülkenberg lobt Alonso

Inzwischen läuft Massa auf Rosberg auf. "Bin mal gespannt, ob ihn Nico vorbeilässt. Normalerweise lässt du dich beim Test nicht überholen, weil du dein Programm durchziehen willst." Hülkenberg behält Recht. In der nächsten Runde liegt Massa wieder zehn Sekunden hinter dem Mercedes. Er hat sich absichtlich zurückfallen lassen. "Das ist natürlich blöd, wenn du einen Longrun fährst. Da gehen dir wieder Daten verloren. Es dauert vier Runden, und Massa sitzt Rosberg erneut im Nacken. Diesmal kommt er vorbei. Jetzt wird Hülkenberg noch ein Lob los für einen, der noch gar nicht vor Ort ist. "Der Alonso ist da der Beste. Unheimlich, was der auch beim Testen für einen Überblick hat. Der timt seine Runden so, dass er fast nie unterbrechen muss."

Plötzlich herrscht Totenstille. Rote Flagge rund um den Kurs. Wir entscheiden ins Fahrerlager zurückzulaufen. Als wir auf Höhe der Schikane sind, sehen wir den Grund dafür. Der Mercedes parkt am Streckenrand. Später erfahren wir, dass ein Sensorproblem Rosbergs Silberpfeil lahmgelegt hat. Am nächsten Tag begibt sich Hülkenberg in die Zielkurve. "Red Bull, Ferrari und McLaren sind alle stabil beim bremsen, und die Fahrer stehen früh am Gas. Die drei fahren ziemlich eng beeinander in einer Liga." Als Michael Schumacher mit 1.20,352 Minuten plötzlich eine Bestzeit aus dem Hut zaubert, sagt Hülkenberg: "Jetzt muss er die superweichen Reifen draufhaben. Bei der Ausfahrt zuvor ist er noch mit uralten Reifen rumgerutscht. Der Michael musste in dem schnellen Linksknick vor der Haarnadel richtig am Lenkrad arbeiten. Die geht normalerweise easy voll."

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