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Hybrid-Defekt?

Das KERS-Geheimnis von Red Bull

Sebastian Vettel Foto: Red Bull 72 Bilder

Sebastian Vettel und Mark Webber hatten bei ihrer Fahrt auf die Startplätze eins und drei KERS ausgeschaltet. Weil sich Red Bull auf Anfragen stumm stellte, blühten die Spekulation. Von einem Verzicht auf KERS oder KERS nur für den Start war alles zu hören. Der tatsächliche Grund war ganz profan. Es drohte ein Defekt.

27.03.2011 Michael Schmidt

Sebastian Vettels Geständnis war wie eine Ohrfeige für die Konkurrenz. "Ich habe in der Qualifikation KERS nicht verwendet." Damit verschenkte der Trainingsschnellste einen theoretischen Vorteil von 0,4 Sekunden. Bei sieben Zehntel Vorsprung auf den Rest der Welt unterstreicht das die Klasse des Red Bull RB7 noch eine Spur deutlicher.

Auch Mark Webber verzichtete auf den Einsatz des Hybridantriebs. Auch der Australier wollte über die Gründe nicht reden: "Wir hatten unsere Gründe dafür, und die behalten wir für uns." Teamchef Christian Horner zeigte sich auf Anfragen genauso einsilbig: "Wir haben aus strategischen Gründen KERS nicht eingesetzt. Es war eine Teamentscheidung. Ich kann auf eure Frage keine Antwort geben."

Wilde Spekulationen über KERS-Verzicht

Wenn Red Bull hier etwas geheim halten wollte, dann haben sie mit ihrer Mauertaktik genau das Gegenteil erreicht. Die kryptischen Aussagen der Fahrer regten die Phantasien der Gegner an. Und sie stoßen die Spione mit der Nase genau auf das, was man eigentlich verbergen will. Das Fahrerlager kannte am Samstagabend nur ein Thema: Was macht Red Bull mit seinem KERS?

Im Handumdrehen blühten die herrlichsten Spekulationen. Zum Beispiel die: Red Bull hat sein Auto komplett ohne KERS geplant. Adrian Newey verzichtete schon 2009 auf den Hybridantrieb, obwohl er KERS hätte bei Renault einkaufen können. Warum nicht auch diesmal? KERS bringt nicht nur Vorteile. Die Bausteine Generator, Batterie, Kühlung und Leistungselektronik nehmen Platz weg. Wer sein Auto so am Limit baut wie Newey dem ist jedes Extrateil, das an strategisch wichtigen Stellen untergebracht werden muss, ein Greuel.

Kompletter KERS-Verzicht hätte auch Vorteile

Das aktuelle KERS von Renault wiegt knapp über 30 Kilogramm. Obwohl das Mindestgewicht auf 640 Kilogramm angehoben wurde und die Gewichtsverteilung festgeschrieben ist, sind 30 Kilogramm Ballast allemal besser als 30 Kilogramm Hybridkomponenten. Die KERS-Bausteine werden entweder unter dem Tank oder dem Fahrersitz untergebracht. Damit sitzt entweder der Fahrer oder der Tank höher. Einem Extremisten wie Newey würde das körperliche Schmerzen bereiten. Ballast lässt sich an allen möglichen Stellen einfach verstauen.

Schließlich erhöht KERS immer das Ausfallrisiko. Komplizierte Technik geht eben hin und wieder kaputt. KERS-Marktführer Mercedes hat es in Melbourne vorexerziert. Auch der Einfluss auf die Bremsbalance kann hinderlich sein, wenn man den Ladebetrieb und die Bremsbalance nicht exakt aufeinander abstimmt.

Red Bull auf jeden Fall mit KERS an Bord

Trotzdem hat Newey diesmal ein Auto mit KERS gebaut. Bei der Präsentation des Autos sagte das Designgenie: "2009 war es noch möglich, ohne KERS Weltmeister zu werden. Diesmal nicht. Alle unsere direkten Gegner haben es. Wir können auf den Vorteil beim Start und in der Qualifikation nicht verzichten."

Damit ist klar: Der Red Bull wurde mit KERS konzipiert. Deshalb kam schnell ein neues Gerücht auf. Red Bull habe ein KERS light an Bord, eines, das nur beim Start funktionieren muss und vorher in der Boxengarage für den einmaligen Einsatz aufgeladen werden kann. Damit könnte man die Batterien kleiner bauen, man brauche keine Kühlung, und es gäbe die bekannten Nebenwirkungen beim Laden nicht.

Start-KERS-Theorie ohne Grundlage

Eine schöne Theorie, die aber wenig Sinn ergibt. Dazu hätte Newey schon in der Konzeptphase wissen müssen, dass sein Auto haushoch überlegen ist, so dass er in der Qualifikationsrunde und später im Rennen auf den Saft der Batterien verzichten kann.

Gerade in der Qualifikationsrunde ist der Vorteil immens. Man kann auf der Zielgeraden zwei Mal 6,7 Sekunden Boost zusammenspannen. Im Antrieb kommen damit 13,4 Sekunden lang 830 statt 750 PS an. Auch im Rennen sind die Vorteile nicht von der Hand zu weisen. Was nutzt das schnellste Auto, wenn einem ein anderes beim Start vor die Nase fährt? Wer kein KERS hat, dem nützt der verstellbare Heckflügel wenig. Der Angegriffene kann den Heckflügel-Vorteil mit dem KERS-Schub kontern.

Dass je nach Strecke der Umfang des Batteriepakets variiert oder ganz auf KERS verzichtet wird, steht jedem Team frei. In Monte Carlo werden das einige Teams unter Umständen so praktizieren. Das kann aber Ferrari genauso wie Red Bull halten. Das besondere am Hybridantrieb von Red Bull ist, dass die KERS-Elemente über das ganze Auto verteilt sind. Die Konkurrenz dagegen bündelt den Hybridantrieb in einer Art Kassette unter dem Tank oder der Fahrersitz.

KERS-Verzicht wegen drohendem Defekt

Wenn Red Bull den Verzicht auf KERS im Abschlusstraining mit strategischen Gründen erklärt, dann ist das nicht einmal gelogen. Der Hybridantrieb wurde abgeschaltet, weil es Anzeichen auf einen möglichen Defekt gab. Wer so dominiert wie Red Bull, hat den Luxus, dass er auf Nummer sicher gehen kann.

Vettel brauchte den KERS-Vorteil von 0,4 Sekunden gar nicht, um auf die Pole Position zu fahren. Nur Webber hat es kalt erwischt. Somit wird auch klar, warum der Australier auf die KERS-Frage folgendes zur Antwort gab: "Für mich wäre es vielleicht von Vorteil gewesen, wenn ich KERS eingesetzt hätte." Er wäre dann in der Startaufstellung wahrscheinlich vor Lewis Hamilton gestanden.

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