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Unsere Ideen zur Formel 1-Zukunft (Teil 5)

Boxenstopps verwirren die Zuschauer

Nico Rosberg - Formel 1 - GP China 2015 Foto: Wilhelm 91 Bilder

Am 14. Mai tagt die Strategiegruppe über die Zukunft der Formel 1. Thema: Wie können wir sie spektakulärer, billiger, ausgeglichener und zuschauerfreundlicher machen? auto motor und sport hat sich eigene Gedanken gemacht. Im fünften Teil unserer Serie geht es um das sportliche Reglement.

06.05.2015 Michael Schmidt

Motorsport muss einfach sein. Etwa so: Alle fahren im gleichen Augenblick los, und wer als Erster ankommt, hat gewonnen. Die Hintergründe sind Stoff für die Hardcore-Fans. Wenn man aber erst den Hintergrund verstehen muss, um zu wissen wer gewonnen hat, wird es schwierig. Die große Masse begreift Motorsport als Unterhaltung. Und diesen Teil des Publikums darf der Ablauf der Ereignisse nicht überfordern. Sonst schalten sie ab.

Immer wieder werden Stimmen laut, ein Grand Prix sei zu lang. Die Weltverbesserer fordern kürzere Rennen, weil sich die jungen Leute angeblich nicht eineinhalb Stunden lang konzentrieren könnten. So ein Blödsinn. Warum schauen sie dann ein Fußballspiel an? American Football und Baseball kann sogar bis zu drei Stunden dauern.

Nicht die Dauer des Rennens ist das Problem, sondern das was zwischen Start und Zielflagge passiert. Wer eineinhalb Stunden lang Action erwartet, sollte sich etwas anderes anschauen. Das gibt es auch in anderen Sportarten nicht. Langweilige Phasen muss jeder Sport aushalten.

Schwarzes Loch zwischen den Boxenstopps

Viel wichtiger ist, dass der Zuschauer immer auf Ballhöhe ist. Ein Fußballspiel kann jeder nacherzählen. Bei einem Grand Prix mit Boxenstopps ist das schon ein Problem. Auf der Tribüne ist man völlig verloren. Aber auch am TV-Schirm verliert der Zuschauer schnell den Überblick, vor allem mit Werbepausen mittendrin.

Wer parallel dazu das Live-Timing auf dem iPad verfolgt, steht auch nicht viel besser da. Es ist gar nicht möglich, alle 20 Fahrer permanent zu beobachten. Selbst die Experten an der Boxenmauer haben nicht immer den Überblick. Sonst würden sie ja immer alles richtig machen.

Aus Sicht des Durchschnittszuschauers sieht ein Rennen so aus. Er kann dem Rennverlauf bis zum ersten Boxenstopp folgen und dann erst wieder nach dem letzten. Dazwischen ist ein großes schwarzes Loch. Da muss er sich vom Kommentator erklären lassen, dass es eigentlich ganz spannend ist, weil der eine Fahrer auf einer anderen Taktik unterwegs ist als der andere, und weil die beiden am Ende wieder zusammenfinden werden. Mal ehrlich: Mir ist lieber, die beiden kämpfen auf der Strecke gegeneinander. Dann muss mir der Kommentator auch nichts erklären.

Historisch gesehen gehören Boxenstopps zu Langstreckenrennen oder nach Indianapolis. In der Formel 1 wurden sie salonfähig, weil Brabham-Konstrukteur Gordon Murray 1982 eine Lücke im Reglement entdeckte. 1983 machten es alle. Der Reiz des Neuen war schnell verflogen. Zwischen 1984 und 1993 waren Tankstopps verboten. Sie wurden erst 1994 wieder eingeführt, weil Bernie Ecclestone fand, auf der Rennstrecke gäbe es zu wenig Action. So löste er das Überholproblem. Ein fataler Irrtum. Man hätte lieber untersucht, warum das Überholen so schwer ist.

Lange Rede, kurzer Sinn: Boxenstopps werten einen Grand Prix nicht wirklich auf. Wenn ein guter Boxenstopp zwei Sekunden dauert und ein schlechter drei: Wo ist da die Spannung? Den Unterschied kann ohne Stoppuhr kein Mensch erkennen. Deshalb schlagen wir vor: Der schnellste Weg zum Ziel soll der ohne einen Boxenstopp sein. Dafür braucht es entsprechende Reifen. Wenn einer unbedingt Reifen wechseln will, muss er richtig Zeit in den Boxen verlieren. Das heißt, dass höchstens sechs Mechaniker am Auto arbeiten dürfen.

Weniger Boxenstopps = mehr Überholmanöver

Der Vorschlag von Force India, dass jedes Team 2 Reifenoptionen 4 Wochen vor dem Rennen nominiert, ist gut. Auch bei einem Rennformat, das auf Boxenstopps weitgehend verzichtet. Sie sagen: Dann wird sich jeder die weichste und die härteste Mischung raussuchen. Nicht, wenn man auf den Reifen starten muss, auf denen die schnellste Trainingsrunde erzielt wurde.

Die Top-Teams werden eher die sichere Karte spielen, zwei nahe beinander liegende Mischungen auswählen und dann am Samstag entscheiden, welche sie für das Rennen nehmen. Weiter hinten wird es Pokerspieler geben, die lieber mit der weichen Mischung nach vorne in die Startaufstellung fahren und es dann auf einen Reifenwechsel ankommen lassen.

Weniger Boxenstopps bedeuten, dass die Fahrer gezwungen sind, auf der Strecke zu überholen. Aber bitte ohne künstliche Überholhilfen. DRS tut dem Sport nicht wirklich gut. Es ist das Eingeständnis, dass man das Überholproblem nicht lösen kann. Wenn die Reifen ein ganzes Rennen lang halten müssen und der Motor in unterschiedlichen Leistungszyklen betrieben wird, gibt es genügend Möglichkeiten zum Überholen. Weil der eine mit den Reifen klüger umgeht als der andere.

Bei einem freien Motor-Reglement bieten sich viele Varianten an, kurzfristig mehr Power zu mobilisieren. Mit Saugmotoren über extra Drehzahl. Mit Turbos über extra Boost. Mit Elektromotoren über den Einsatz von Ers. Der Vordermann weiß nie, wann der Hintermann die Leistung aufdreht. Bei DRS weiß er es.

Die Sportkommissare dürfen nur noch grobe Fouls ahnden. Dann meinetwegen auch streng. Aber der Punktekatalog und die vielen Durchfahrts- oder Stop/Go-Strafen müssen verschwinden. Auch Strafen, die auf das nächste Rennen übertragen werden. Das kapiert kein Mensch.

Startplatzstrafen gibt es nur bei offensichtlicher Behinderung in einer Qualifikationsrunde, die dann auch Auswirkungen für den Betroffenen hat. Wenn er im Training trotz Behinderung eine K.O.-Runde weiterkommt, muss man keinen bestrafen. In freien Trainingssitzungen sowieso nicht.

Bei Überschreitung des Motoren- oder Getriebekontingents werden nicht einzelne Komponenten gezählt, sondern die ganze Einheit. Alles andere ist viel zu kompliziert.

Telemetrie ist überflüssig

Ein großer Streitpunkt ist die Telemetrie. Ich bin der Meinung, sie gehört weg. Weil sie nur ein Spielzeug der Ingenieure ist. Der Zuschauer hat gar nichts davon. Er erfährt nicht einmal ein Prozent der Daten, die da generiert werden. Telemetrie hilft den Ingenieuren, die Autos und die Abläufe perfekter und berechenbarer zu machen. Genau das hat zur Langeweile beigetragen. Wenn alles berechenbar ist, läuft es nach Schema F ab. Warum sind Rennen bei wechselnden Wetterbedingungen so interessant? Weil da die Perfektionswut der Teams an ihre Grenzen stößt.

Die Teams verteidigen die Telemetrie immer mit den gleichen beiden Argumenten. Erstens: Es gibt weniger Defekte, weil man das Auto rechtzeitig abstellen und die Technik besser verstehen kann. Da stellt sich zunächst einmal die Frage, ob weniger Defekte wünschenswert sind. Früher waren sie ein Überraschungsmoment. Die paar Defekte, die es mehr gibt, kosten weniger als der Aufwand der mit der Telemetrie betrieben wird.

Aber selbst wenn wir hier die Kosten ins Spiel bringen, ist der Einwurf irrelevant. Das Auto kann die gleichen Sensoren an Bord haben wie jetzt auch. Es gibt nur keine Verbindung zur Box mehr. Wenn der Öldruck sinkt oder die Bremsscheiben zu stark abgenutzt sind, bekommt der Fahrer ein Warnsignal auf dem Display. Dann muss er halt anhalten. Machen wir ja auch, wenn uns das auf der Autobahn passiert. War es am Ende falscher Alarm, umso besser. Wieder eine Story, über die jeder spricht. Fahren alle ohne Probleme ins Ziel, gibt es auch keine Geschichten.

Manche Teams behaupten, die Computerschränke im Rückraum der Box würden Sponsoren anlocken, weil sie den Eindruck vermitteln, hier wäre Hightech im Spiel. Wie bitte? Sponsoren kommen, wenn sie die Chance sehen, dass ihr Schriftzug oft genug im Fernsehbild oder auf Fotos zu erkennen ist. Was glauben Sie, war Martini im letzten Jahr bei Williams lieber? Der dritte Platz in der WM oder das Bild von 15 Ingenieuren im Dunkel der Box, die drei Tage lang auf Bildschirme starren.

Quali-K.O.-System mit Zeitschranke

Ist das Trainingsformat mit dem K.O.-System gut? Es ist jedenfalls das Beste, was die Formel 1 bislang hatte. Man könnte es noch dadurch verfeinern, dass man bei gleicher Aufteilung in drei Segmente alle zwei Minuten den jeweils Letztplatzierten ausscheiden lässt. Beginnend mit der fünften Minute in jeder K.O.-Runde. Damit jeder ein oder zwei fliegende Runden fahren kann, bevor aussortiert wird.

In den Pausen dazwischen werden alle Rundenzeiten wieder auf Null gestellt, Reifen gewechselt und nachgetankt. Dann geht es mit den verbleibenden Fahrern wieder von vorne los: Fünf Minuten, zwei Minuten, zwei Minuten,.... Bis nur noch einer überbleibt.

Reifenwechsel sind auch innerhalb der Segmente erlaubt, aber riskant, da man in dieser Zeit nicht reagieren kann und möglicherweise ans Ende des Feldes rutscht. Das garantiert, dass immer alle Autos auf der Strecke sind. Und dass es überraschende Startaufstellungen gibt, weil man gerade am Anfang im dichten Verkehr mal nicht die optimale Runde hat.

Formel 1-Grand Slam muss überleben

Ein ständiges Ärgernis ist der GP-Kalender. Bernie Ecclestone verlässt Europa und lässt seinen Zirkus in Ländern gastieren, die viel Geld auf den Tisch blättern, aber nicht unbedingt eine Motorsport-Kultur haben. Die neuen Strecken werden alle von einer Person gebaut, die sich an viel zu strenge FIA-Regeln halten muss.

Logisch, dass sich die neuen Rennstrecken alle ähneln. Sie haben keine Historie, liefern keine Geschichten und werden von den Fans als langweilig empfunden. Nach ein paar Jahren bleiben die Tribünen dann meist leer. Die Karawane zieht weiter und hinterlässt verbrannte Erde.

Es spricht nichts dagegen, neue Länder auszuprobieren. Doch die neuen Destinationen dürfen nicht in der Überzahl sein, wenn man genau weiß, dass das Interesse anderswo zuhause ist. Dabei besteht die Gefahr, dass wir Fans in den Kernländern verlieren. Wenn ich nicht mehr die Möglichkeit habe, ein Rennen live zu sehen, wendet sich das Publikum anderen Dingen zu, die sie live erleben kann.

Zuerst müssen die Traditionsrennen bewahrt werden. Die Grand Prix in Monte Carlo, Silverstone, Spa und Monza gehören unter Denkmalschutz gestellt. Das ist der Grand Slam des GP-Sports. Länder mit Motorsport-Tradition wie Frankreich, Deutschland, England, Italien, Belgien, Spanien, USA, Kanada, Japan und Australien gehören in den Kalender. Egal wie viel Geld dabei rausspringt.

Und warum muss ich immer neue Rennstrecken bauen? Besser mal eine alte mit Charakter renovieren. So wie das jetzt in Mexiko gemacht wird. In Frankreich wurde lange über eine neue Strecke im Disneyland bei Paris diskutiert. Dabei hat Frankreich ein Dutzend guter Rennstrecken, die man nur auf den neuesten Stand bringen müsste.

Die FIA muss die kommerziellen Rechteinhaber viel mehr an die kurze Leine nehmen. Es gibt einen Katalog an Pflichten, die ein Rechteinhaber zu erfüllen hat. Zum Beispiel den Schutz bestimmter Rennen, die gerechte Geldverteilung, ein Mindestmaß an Marketing für den Sport. Wer das nicht erfüllt, verliert den Zuschlag.

Die FIA hat über die sogenannte Don King-Klausel in den Verträgen die Möglichkeit, jeden neuen Bewerber abzulehnen. Sie sollte dieses Recht auch dann anwenden dürfen, wenn klar ersichtlich ist, dass die Rechteinhaber den Sport nur ausbeuten, ohne selbst etwas zu investieren.

Hier noch einmal alle Teile unserer Ideen-Sammlung für eine bessere Formel 1:

>> Teil 1: Geldverteilung
>> Teil 2: Kosten
>> Teil 3: Technisches Reglement
>> Teil 4: Motoren
>> Teil 5: Sportliches Reglement
>> Teil 6: Fan-Service

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