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Indien-Sieg mit Köpfchen

Vettel, der Doktor der Formel 1

Sebastian Vettel GP Indien 2011 Foto: xpb 56 Bilder

Sebastian Vettel demoliert die Konkurrenz. Diesmal mit einem klassischen Hattrick: Pole Position, alle Führungsrunden und die schnellste Rennrunde. Hinter dem, was einfach aussieht, steckt auch viel Kopfarbeit. Wenn Valentino Rossi der Doktor des Motorradsports ist, dann gilt dieser Titel für Vettel in der Formel 1.

30.10.2011 Michael Schmidt

Valentino Rossi trägt seinen Titel auf dem Rücken seiner Lederkombi. "Doctor" steht da in großen Lettern im Bezug auf die einstige Überlegenheit des Motorrad-Rekordchampions. Würde sich Sebastian Vettel diese Bezeichnung auf den Overall nähen, dürfte sich keiner beklagen. Der zweifache Weltmeister plant seine Rennen wie ein Schachspieler. Das beginnt im Training und hört bei der Pressekonferenz auf.

Vettel gewinnt in drei Zehntel in einer Kurve

Beispiel eins: Der neue GP-Kurs in Indien war für alle Fahrer Neuland. Mit seinen in drei Kurven überbreiten Anbremszonen, seinen Kuppen und Gefällstrecken kam es nicht nur auf das Auto an. Auch die Linienwahl konnte eine Rolle spielen. Michael Schumacher experimentierte in Kurve drei das ganze Wochenende, um dort Nico Rosbergs Geheimnis zu entschlüsseln. Zum Schluss hatte er den richtigen Weg durch die Kurve gefunden.

Sebastian Vettels Spezialkurve trug die Nummer 15. Dort nahm er Mark Webber ein Zehntel und dem Rest im Feld mindestens drei Zehntel ab. Jede Runde das gleiche Spiel. Button fuhr sich die Seele aus dem Leib, um in den anderen Sektoren vielleicht eine Zehntelsekunde auf Vettel zu gewinnen, und dann büßte er in einer Kurve wieder alles ein. Vettel erklärt: "Man bremst die Kurve auf einer Kuppe blind an. Der Ausgang hängt nach außen. Da kann man mit der richtigen Linie viel Zeit gutmachen."

Beispiel zwei: Beim Start nutzte Vettel nur kurz sein KERS. "Ich merkte, dass ich gut vom Fleck gekommen bin. Deshalb habe ich mir den Rest vom KERS-Vorrat für die lange Gerade aufgehoben. Ich wusste, dass es auf der langen Geraden kritisch werden konnte, wenn einer direkt im Windschatten hängt. Der Rest KERS-Power hat mir geholfen wegzukommen. Und ich habe mich speziell darauf konzentriert, optimal aus Kurve drei zu kommen, um den Windschatten meiner Verfolger zu brechen." Mark Webber gelang das nicht. Der Australier wurde prompt von Button aufgeschnupft.

Vettel macht keine Fehler

Beispiel drei: Bis zu der Runde, in der die Verfolger den Heckflügel flachstellen durften, hatte Vettel seinen Vorsprung schon auf über eine Sekunde ausgebaut. Damit kam Button nie in die Situation, den Heckflügel in den zwei Überholzonen flachstellen zu dürfen.

Beispiel vier: Ab Runde vier richtete Vettel sein Tempo an Button aus, um die Reifen zu schonen. Immer, wenn Button den Rückstand verkürzte, setzte der Heppenheimer eine schnelle Runde, um den Angriff im Keim zu ersticken. Kurz vor den Boxenstopps schaffte er sich einen Puffer. So konnte er in aller Ruhe auf Button reagieren, der als Verfolger den Vorteil genoss, den ersten Zug zu machen.

Beispiel fünf: Vettel macht keine Fehler. Er erlaubt sich weder Ausflüge ins Gras noch ein zu aggressives Räubern über die Randsteine. "Einmal im Dreck, und du hast gleich in mehreren Kurven gebüßt. So lange hat es gedauert, bis die Reifen wieder sauber gefahren waren."

Chauffeur bringt Vettel indisch bei

Beispiel sechs: In der Pressekonferenz punktete der erste Sieger eines GP Indien auch noch bei den einheimischen Medienvertretern. Ein Diplomat hätte kein besseres Fazit der Formel 1-Premiere in Indien abgeben können: "Indien hat uns andere Eindrücke vermittelt als die, die wir gewohnt sind. Bei uns messen wir Glück, an dem was wir erreicht haben. Hier scheinen alle Leute glücklich zu sein, mit dem was sie haben."

Als ihn ein indischer Reporter bat, etwas ähnlich Staatstragendes wie Neil Armstrong bei seinem ersten Schritt auf den Mond zu sagen, da antwortete Vettel in Landessprache: "Dhanyawaad. aapki aankhei bahut khoobsurat hai." Übersetzt hieß das: "Danke, eure Augen sind wunderschön. Ich meine damit die Frauen in diesem Land." Auf die Frage, woher er seine Sprachkenntnisse habe, lachte Vettel. "Das hat mir unser Chauffeur beigebracht, der uns vom Hotel zur Strecke gefahren hat."

Nur einmal leistete sich Vettel einen Abstecher ins Emotionale. Wie in Korea wollte er unbedingt die schnellste Runde, obwohl schon alles entschieden war. "Mein Renningenieur Rocky hat mir gesagt, dass es dafür keine Pokale gibt. Aber mir fehlen noch ein paar schnellste Runden. Mark hat schon fünf, ich erst drei." Als Webber seinem Teamkollegen zwei Runden vor Schluss die schnellste Runde noch einmal abjagte, blieb Rocky stumm. "Er hat mir nichts erzählt. Sein Hals ist sowieso schon lang wegen der Geschichte. Dass ich noch einmal schneller als Mark gefahren bin, war reiner Zufall."

Um 20.30 Uhr verließ Vettel den Buddh International Circuit. Um zwei Uhr morgens ging sein Flugzeug nach Zürich. Im Gepäck sein Siegerhelm, der Pokal und die Champagnerflasche. Sie kommen in seine Sammlung. Wenn er weiter so zuschlägt, wird er bald ein Museum brauchen. "Hoffentlich", lachte der Indien-Sieger zum Abschied.

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