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Interview mit Felipe Nasr

"Das Budget schränkt uns ein"

Felipe Nasr - Sauber - Formel 1 - GP Russland - 30. April 2016 Foto: xpb 39 Bilder
Interview

Im letzten Jahr zählte Felipe Nasr zu den Entdeckungen auf dem Fahrermarkt. Doch seit Saisonbeginn tut sich der Brasilianer schwer gegen Teamkollege Marcus Ericsson. Im Interview erzählt Nasr, warum das auch am Auto liegt.

06.05.2016 Michael Schmidt
Mit welchen Erwartungen sind Sie in diese Saison gegangen?

Nasr: Die erste Saison war eine Herausforderung. Ich kannte nicht alle Strecken, musste viele neue Dinge lernen. Über den Winter habe ich mir eine Menge Fragen gestellt. Es war eine Art Standortbestimmung darüber, in welchen Bereichen ich mich verbessern muss.

Was war das Ergebnis der Analyse?

Nasr: Ich wollte besser werden, wie ich ein Wochenende angehe, wie ich es lese, wie ich meine Chancen optimal nutze. Gleichzeitig musste ich realistisch sein. Ich wusste von vornherein, dass diese Saison nicht einfach wird. Wir haben im Moment nicht das Auto, mit dem ich so viele Punkte sammeln kann, wie ich gerne hätte. Oder mehr als im letzten Jahr. Die ersten Rennen haben meine Einschätzung bestätigt. Alle Autos um uns herum sind im Gegensatz zum letzten Jahr besser geworden. Leider können wir im Moment keine großen Schritte bei der Fahrzeug-Entwicklung machen. Das Budget schränkt uns ein. Das ist die Formel 1. Deshalb muss ich mich im Moment darauf konzentrieren, dass umzusetzen, was ich aus der ersten Saison gelernt habe.

Hatten Sie letztes Jahr Defizite?

Nasr: Defizit ist das falsche Wort. Aber im Detail kann ich in allen Bereichen noch besser werden.

Zum Beispiel?

Nasr: Wie kann ich jede Runde jede Kurve perfekt anbremsen? Wie kann ich das Auto perfekt abstimmen? Wenn ich einen Punkt herausstellen soll, in dem ich mit mir nicht zufrieden war, dann ist es der Ablauf eines Wochenendes. Ich versuche jetzt das große Bild zu sehen. Manchmal hast du in den ersten Trainingssitzungen ein Problem, das deinen Rhythmus unterbricht. Da darf ich mich nicht mehr verrückt machen lassen und hektisch reagieren. Da musst du ruhig bleiben und genau überlegen, in welche Richtung du mit dem Auto gehen sollst.

War es dann ein Schock für Sie, dass in der ersten Testwoche in Barcelona nur das Vorjahrsauto bereit stand?

Nasr: Es sah schon im Winter danach aus, dass es eng wird. Dann kam der Punkt, wo sie uns sagten, dass wir in der ersten Woche mit dem alten Auto fahren. Aber ich sehe das nicht als großes Problem. Okay, im Vergleich zur Konkurrenz haben wir vier Tage verloren. Aber das Konzept des Autos hat sich nicht so radikal geändert, dass uns diese Tage dramatisch zurückgeworfen hätten. Wir wussten, dass der C35 in allen Bereichen ein bisschen besser sein würde. Chassis, Aerodynamik, Motor. Als ich dann das Auto in Barcelona gefahren bin, hat sich das alles bestätigt. Die versprochenen Verbesserungen waren auch auf der Strecke zu spüren.

Aber nicht mehr in Melbourne?

Nasr: Da bin ich in ein anderes Auto gestiegen. Wenigstens vom Gefühl her. Das ist keine Ausrede. Ich habe als Rennfahrer genug Erfahrung, um beurteilen zu können, dass einige Dinge nicht mehr so waren wie bei den Testfahrten. Das größte Problem war die Instabilität des Autos beim Bremsen und Einlenken. Und gerade das war beim Barcelona-Test der größte Fortschritt im Vergleich zu 2015. Ich konnte die Kurven attackieren und den Speed bis zum Scheitelpunkt mitnehmen. Das habe ich in Australien, Bahrain und China vermisst. Es hat mir aber auch etwas gebracht. Ich habe gelernt, mit Schwierigkeiten umzugehen. Wenn du ein schwieriges Auto fahren musst, holst du mehr aus dir heraus. Ich habe meinen Fahrstil und mein Reifenmanagement darauf eingestellt.

Was genau passiert beim Bremsen?

Nasr: Du kommst an einem harten Bremspunkt an. Sagen wir Melbourne oder Bahrain Kurve 1. Plötzlich fühlt sich das Heck ganz leicht an. Gleichzeitig blockieren die Bremsen. Wenn du mit der Bremsbalance reagierst, passiert das gleiche vorne. Und du hast immer noch ein nervöses Heck. Multipliziert über alle Kurven fehlt massiv Rundenzeit. Das Auto ist unberechenbar. Das raubt dir das Vertrauen und den Speed. Über die Distanz killt das die Reifen.

Der Teamkollege Ericsson hatte die Probleme nicht?

Nasr: Nein, nie. Wir haben beide in Barcelona mit Chassis 1 das gleiche gespürt und waren happy mit unserem Auto. Als ich nach Australien kam und mich in Chassis 2 setzte, traute ich meinen Augen nicht. Ich habe am Auto alles verändert, was man sich vorstellen kann. Gleiches Set-up wie Marcus bis hin zur total unterschiedlichen Abstimmung. Ein Auto ist nach links, das andere nach rechts abgebogen. Eine meiner Stärken letztes Jahr war der Rennspeed. Mit meinen Problemen musste ich bei den ersten Rennen eine extra Boxenstopp einlegen, weil die Reifen zu schnell abgebaut haben. Die Probleme kommen zum falschen Zeitpunkt. Gerade für uns sind die frühen Rennen die Gelegenheit, Punkte zu machen.

In Sochi haben Sie ein neues Chassis bekommen. Hat es geholfen?

Nasr: Das Auto fühlt sich viel besser an. Ich will damit nicht sagen, dass wir über den Berg sind, aber die ersten Eindrücke sind gut. Ich habe immer noch Probleme beim Bremsen, aber das Heck ist jetzt viel stabiler.

Haben Sie nur das Chassis im Verdacht?

Nasr. Das ist schwer zu beurteilen. Ein Rennauto besteht aus Tausenden von Teilen. Es kann alles sein. Zum Beispiel ein Hauptbremszylinder, eine Bremsleitung. Da hilft nur noch das Auto komplett auseinanderbauen, alles checken und wieder zusammenstecken. Das neue Chassis war der richtige Schritt, den Sauber getan hat. Und es war nicht einfach für sie. So eine Sache braucht Zeit, und sie kostet Geld. Bei den Überseerennen ist es speziell schwierig, weil die Autos unterwegs und nicht in der Fabrik sind.

Belasten Sie die finanziellen Probleme des Teams?

Nasr: Nein. Ich kann nur auf der Strecke mein Bestes geben. Das ist mein Job. Sollte das Team zusperren, will ich wenigstens sagen können, dass ich für das Team die bestmögliche Leistung abgerufen habe. Ich kann dem Team nur mit Resultaten helfen. Als Fahrer muss ich meine Probleme im Auto lösen, nicht die außerhalb.

Ist etwas falsch, wenn 100 Millionen Euro nicht mehr ausreichen, dass ein Team überlebt?

Nasr: Ich bin jetzt fast zwei Jahre bei Sauber und kann sagen, dass es in diesem Team gute und erfahrene Leute gibt, die auch ein gutes Formel 1-Auto bauen können. Mit dem Budget, das wir haben, machen sie einen ausgezeichneten Job. Trotzdem haben wir Probleme. Da stimmt etwas mit dem Sport nicht. Er lebt von Wettbewerb. Den haben wir nicht, weil die Teams zu weit auseinanderliegen. Wir brauchen nicht nur die Hersteller. Die Privatteams müssen eine faire Chance bekommen, zu zeigen was sie können.

Wie sieht Ihre Zukunftsplanung aus?

Nasr: Ich muss mir alle Optionen anschauen. Intern, außerhalb. Es ist ein bisschen zu früh, was zu sagen. In ein paar Monaten weiß ich mehr. Deshalb ist es so wichtig, meine Probleme mit dem Auto zu lösen. Sobald ich die im Griff habe, kann ich auch wieder zeigen, dass ich in die Formel 1 gehöre.

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