Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Interview mit Gérard Lopez

"Ab 2014 wollen wir um die WM fahren"

Formula 1 Grand Prix, Bahrain, Saturday Foto: xpb 27 Bilder

Die Fäden im Team Lotus zieht Gérard Lopez. auto motor und sport sprach mit dem Luxemburger Geschäftsmann über die Veränderungen zum Vorjahr, die Verbindung zu Lotus, die Fahrer und seine Pläne für die Zukunft.

14.04.2012 Michael Schmidt
Laut Bernie Ecclestone hat die Mehrheit der Teams ein Abkommen mit ihm über das neue Concorde Abkommen getroffen. Gehört Lotus dazu?

Lopez: Wir gehören normalerweise immer zur Mehrheit.

Um wieviel besser ist Lotus dieses Jahr als 2011?

Lopez: Die Mannschaft steht besser da. Wir hatten letztes Jahr drei Probleme. Erstens: Wir haben mit Robert Kubica unseren Topfahrer verloren. Zweitens: Wir haben uns mit unserem revolutionären Auspuff auf ein Experiment eingelassen, das zunächst funktioniert hat, dann aber von einer anderen Idee überrannt wurde. Drittens: Wir hatten ein Problem mit der Korrelation zwischen Windkanal und Strecke, was daran lag, dass wir im Winter davor den Maßstab von 50 auf 60 Prozent vergrößert hatten. Außerdem haben bei uns die Windkanalreifen von Pirelli nicht funktioniert.

Was ist dieses Jahr anders?

Lopez: Wir haben die ideale Fahrerpaarung. Wir haben beim Auto überall mehr rausgeholt, statt uns an einer Stelle auf ein großes Experiment einzulassen. Die Abstimmung zwischen Windkanal und Strecke klappt wieder wie 2010. Wir haben dieses Jahr 22 Entwicklungsschritte vorgesehen. Letztes Jahr waren es 19, aber nur ein Drittel hat tatsächlich einen Fortschritt gebracht.

Sie haben letztes Jahr ein radikales Auto gebaut, so wie Ferrari dieses Jahr. Ist die Lehre daraus, dass der konservative Ansatz der bessere ist?

Lopez: Die Lehre daraus ist, dass man beim Ausnutzen der Schlupflöcher im Reglement aufpassen muss, dass diese Löcher nicht zu groß sind. Sonst kann man sie nicht mehr zustopfen, wenn es nicht funktioniert.

Warum haben Sie beide Fahrer ausgetauscht?

Lopez: Wir haben Druck auf unsere Fahrer ausgeübt. Wir wussten dass Petrov und Senna gute Fahrer sind, aber bei uns haben sich die beiden nicht mehr weiterentwickelt. Wir haben beide immer wieder gewarnt, dass sie Leistung bringen müssen, weil es sonst eng werden könnte. Da fehlte einerseits die Erfahrung und im Fall von Petrov, dass ihm der nötige Antrieb verlorenging. Er hatte es sich bei uns gemütlich gemacht. Der Tapetenwechsel zu Caterham hat ihm gut getan. Jetzt muss er wieder kämpfen, und er schlägt sich sehr beachtlich gegen Kovalainen, einen anerkannten sehr starken Fahrer.

Warum Grosjean?

Lopez: Wir haben einen großen Fahrerkader, aber kein zweites Team wie Red Bull. Trotzdem sind wir der Meinung, dass wir unseren jungen Fahrern eine Chance geben müssen, wenn sie diese verdienen. Grosjean ist letztes Jahr in der GP2-Serie sehr stark gefahren. Mit Kimi haben wir uns abgesichert. Er war die logische Wahl für den erfahrenen Part im Team. Er hat Rennen gewonnen und weiß deshalb wie das geht. Das ist unheimlich wichtig. Es gibt viele schnelle Fahrer in der Formel 1, aber sie kennen das Gefühl noch nicht, wie es ist, um einen Sieg zu fahren.

Vitaly Petrov sollte der Türöffner für den russischen Markt sein. Ist Räikkönen der Türöffner für die ganze Welt?

Lopez: Ich war überrascht, welche Wellen die Verpflichtung von Kimi schlägt. Das hat auf unserer Website mehr Treffer gebracht als das Comeback von Michael Schumacher. Das war aber nicht der Grund, warum wir Räikkönen verpflichtet haben, höchstens ein schöner Nebeneffekt. Kimis Verpflichtung hatte rein sportliche Gründe. Wir wussten, dass wir ein gutes Auto haben würden. Da wollte ich mir beim Fahrer kein Fragezeichen leisten.

Sie haben bereits für die Saison 2011 mit Räikkönen gesprochen. Warum hat es damals nicht geklappt?

Lopez: Ich glaube, Kimi hatte damals noch eine offene Rechnung. Er wollte sich im Rallyesport noch etwas beweisen und war noch nicht bereit, mit vollem Einsatz in die Formel 1 zurückzukehren. Ich kann mir aber vorstellen, dass er irgendwann wieder Rallyes fahren wird.

Räikkönen betreibt nebenbei einige Risikosportarten. Hat man aus der Kubica-Episode nichts gelernt?

Lopez: Der Fahrer kann auf dem Haus gehen und es fährt ihn ein Bus über den Haufen. Das steht auch nicht im Vertrag.

Was bringt die Formel 1 für Ihr Unternehmen Genii?

Lopez: Die Formel 1 ist eine weltweite Plattform für Anbahnung von Geschäften. Ich bin gerade dabei, etwas im Energiebereich mit einer Firma aus China zu machen. Diese Firma haben wir beim Grand Prix von China kenngelernt. Die Formel 1 ist eine Botschaft, die in den Ländern gastiert, wo die Investoren für solche Projekte sitzen. Man kriegt raus, was man reinsteckt.

Wenn das Team zu hundert Prozent Genii gehört, warum heißt es dann Lotus?

Lopez: Als das Team noch gelb und schwarz war und Renault hieß, war der Name Genii auf dem Auto fast nicht zu sehen. Da haben wir praktisch gratis Werbefläche an Renault abgegeben. Aber unser Name auf dem Auto bringt mir nicht viel. Ich verkaufe nichts. Dann haben wir es doch getan, um ein Zeichen zu setzen. Mit Lotus war es so. Es gab einen Sponsor- und einen Namensvertrag. Der Name Lotus ist viel wert. Man kennt ihn in der Formel 1. Genii sagt den Leuten gar nichts. Wenn schon, dann müsste ich das Team als Besitzer nach dem Vorbild von Sauber nach meinem eigenen Namen nennen. Für 2012 haben wir etwas geändert: Der Sponsorvertrag wurde aufgelöst. Wir haben nur noch die Namensrechte.

Dafür gibt es Geld.

Lopez: Dafür gibt es kein Geld.

Was ist dann die Gegenleistung von Lotus?

Lopez: Die Gegenleistung sieht so aus. Wir bekommen den Namen umsonst und haben jetzt Platz für einen Titelsponsor. Im letzten Jahr hieß das Team Lotus Renault. Das sind zwei Namen. Da darf kein dritter dazu. So haben wir uns die Möglichkeit verbaut, einen Hauptsponsor an Land zu ziehen. Jetzt heißt das Team einfach nur Lotus. Damit können wir den frei gewordenen Platz im offiziellen Teamnamen an einen Sponsor verkaufen.

Lotus hat bis jetzt noch keinen Titelsponsor. Wer zahlt dann die Rechnung?

Lopez: Wir haben Total. Wir haben im Winter mit Unilever einen sehr guten Sponsorvertrag unterschrieben. Seit kurzem haben wir auch Microsoft an Bord. Das ist eine größere Sache, als es von außen wahrgenommen wird. Der Rest kommt von Genii. Bei einem mittelgroßen Titelsponsor trägt sich das Team von selbst. Ich denke, dass wir noch in diesem Jahr einen entsprechenden Vertrag unterschreiben werden.

Sie fahren derzeit in der Liga von Ferrari, Red Bull, McLaren und Mercedes. Können Sie finanziell mit diesen Teams mithalten?

Lopez: Von der technischen Entwicklung her auf jeden Fall. Wir haben mehr investiert als die vormaligen Besitzer, und die waren ja schon ganz gut dabei. Wir haben 60 Mitarbeiter mehr, haben einen modernisierten Windkanal, bauen gerade die CFD-Abteilung aus, installieren einen Simulator, entwickeln unser eigenes Kers, das wir auch an andere Teams verkaufen wollen. Unsere Fabrik ist funktionell. Wir haben gute Leute von Red Bull und Ferrari angeheuert. Deshalb bin ich mir sicher, dass wir sportlich mit den Topteams mithalten können.

Zwei Drittel der Formel 1-Teams stehen finanziell auf wackligen Beinen. Werden da die Realitäten verkannt?

Lopez: Manche Teams erkennen nicht, dass wir etwas auf der Kostenseite machen müssen. Wir können weltweit die beste Show für viel weniger Geld anbieten. Die Limits, die wir uns mit den Motoren und Kraftübertragungen gesetzt haben, bringen nichts mehr. Da ist der Kostenspielraum ausgeschöpft. Dort, wo man richtig sparen könnte, ist das Personal und die Arbeitszeit, die investiert wird. Die meisten Teams sind sich da einig. Leider gibt es da ein paar Quertreiber.

Wo ist das Problem einer Budgetgrenze?

Lopez: Es gibt gar kein Problem damit. Der cleverste wird belohnt. Da würde ein ganz eigener Sport entstehen, wer das meiste aus einem gegebenen Budget rausholt. Dazu muss man Regeln aufstellen, die sich kontrollieren lassen und Strafen für die Teams vorsehen, die sich nicht daran halten.

Das Problem liegt eher darin, dass Kontrolle nur möglich ist, wenn die Teams es wollen, sich kontrollieren zu lassen. Hätte Sie ein Problem damit?

Lopez: Überhaupt nicht. Und die meisten anderen Teams auch nicht.

Würden Sie der Formel 1 zu einem Börsengang raten?

Lopez: Es gibt Gründe dafür und dagegen. Dafür spricht, dass man sehr transparent wird. Interessant ist auch, dass man Anteile an Investoren verkaufen kann, die heute keinen Zugang zur Formel 1 haben. Man muss auch nicht zwingend die Kontrolle aus der Hand geben. Es ist möglich nur 15 Prozent an die Börse zu bringen und 85 Prozent zu behalten. Dagegen spricht, dass man Entscheidungen nicht so schnell, so direkt treffen kann. Sich an Regeln halten muss, die teuer sind. Wir haben uns mit unseren Firmen schon ein paar Mal einen Börsengang überlegt, jedes Mal aber privat verkauft. Für die Teams würde sich bei einem Börsengang nicht viel ändern. Für Sie sind die Verträge mit Ecclestone relevant.

Die Formel 1 verliert junges Publikum. Was läuft da falsch?

Lopez: Wir hatten das MTV-Syndrom. Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre haben die Kids auf einmal Videoclips geschaut. Jetzt haben wir ein zweites MTV-Syndrom. Wir leben in einer Welt, in der man Informationen und Inhalte von so vielen Geräten bekommen, dass jeder alles anschauen kann. Dadurch entsteht in der Altersgruppe zwischen 16 und 30 der so genannte Dualscreen-Effekt. Die Kids schauen Fernsehen und nebenbei noch auf irgendein anderes Gerät, ob iPad, iPhone oder ihren PC. Teilweise sogar unterschiedliche Dinge. Die jungen Verbraucher sind nicht mehr konzentriert bei einer Sache dabei. Dieses Problem hat die Formel 1 wie alle anderen Sportarten. Der Vorteil der Formel 1 ist, dass wir in Ländern wie Indien oder China unterwegs sind, wo es eine sehr junge Population gibt, die noch gar nichts von unserem Sport weiß. Wir hätten also die Möglichkeit, einen großen Anteil da abzuschöpfen, wenn wir sie mit den richtigen Informationen bedienen.

Der Vorteil von Fußball ist, dass sich die Fans mit Vereinen identifizieren. Die Qualität des Spiels ist zweitranging. In der Formel 1 wären die Fahrer die Stars, aber man lässt sie nicht Stars sein.

Lopez: Es sind zwei Sachen. Ich habe als Kind Fußball mit einer Blechbüchse gespielt. Ich konnte aber nicht Formel 1 spielen. Fußball kann man selbst erleben. Der zweite Punkt ist tatsächlich, dass den Fahrern viel zu oft ein Maulkorb umgehängt wird. Ich versuche unsere Fahrer zu ermutigen, auf die Fans zuzugehen, mal einen Witz zu machen, ihre Meinung zu äußern oder so zu sein, wie sie sind. Wir dürfen keine Roboter züchten. Nach draußen entsteht aber dieser Eindruck. Die meisten Fahrer machen den Eindruck, als seien sie immer nur voll auf ihren Sport konzentriert.

Wo soll Lotus dieses Jahr landen?

Lopez: Wir haben Anfang letztes Jahr das Ziel ausgegeben, auf Platz vier in der WM zu landen. Jetzt hat unser Marschplan ein Jahr Verspätung. Es hat aus den aufgezeigten Gründen nicht geklappt. Dieses Jahr wäre eine Enttäuschung Fünfter zu werden. Im Plan steht Platz vier. Das ist nicht einfach. Ich sehe da im Augenblick fünf bis sechs Teams, die dafür in Frage kommen.

Weltmeister bis wann?

Lopez: Den Titel kann man nicht planen. Das ist Wunschkonzert. Aber ab 2014 wollen wir um die Weltmeisterschaft mitfahren.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden