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Interview mit John Surtees, Teil 1

"B.R.M. wollte mir ein Startverbot anhängen"

John Surtees - Motorsport- F1 - Ferrari 158 - Motorrad Foto: Daniel Reinhard 22 Bilder

Am 25.Oktober 1964 machte sich John Surtees unsterblich. Da gewann der siebenmalige Motorrad-Weltmeister auf Ferrari den WM-Titel der Formel 1. Der 80-jährige Engländer ist bis heute der einzige Champion auf zwei und vier Rädern. Wir haben Big John in England besucht und mit ihm über seine Karriere geplaudert. Heute über die WM-Saison 1964.

11.12.2014 Michael Schmidt
Vor 50 Jahren wurden Sie in Mexiko-City Formel 1-Weltmeister. Wie lief die Saison 1964 im Rückblick ab?

Surtees: Mexiko war das Ende eines schwierigen Jahres mit vielen Zuverlässigkeitsproblemen. Wir waren zu Beginn der Saison nicht besonders schnell, weil Ferrari sich zunächst stark auf die Sportprototypen konzentriert hat. Erst nach den 24 Stunden von Le Mans hat Ferrari mehr Arbeit in das Formel 1-Auto investiert. Ein wichtiger Moment für die Wende war das Rennen auf der Solitude, das eine Woche vor dem GP Deutschland am Nürburgring stattfand. Unser Problem war der Achtzylinder-Motor. Wir hatten vom V6 auf den V8 umgestellt. Die Leistung war nicht gleichmäßig verteilt. Entweder hatten wir unten oder oben Power. Das lag an der Bosch-Einspritzung, die eigentlich für Motoren mit größerem Hubraum entwickelt worden war als die 1,5 Liter, die unser Formel 1-Motor damals hatte. Die englischen V8-Motoren von Climax und B.R.M. hatten besonders im mittleren Drehzahlbereich ordentlich Leistung. Unser Motor war nur bei ganz bestimmten Wetterbedingungen konkurrenzfähig. Es durfte nicht zu kalt und nicht zu warm sein, damit das Gemisch richtig aufbereitet wurde.

Und wie hat Ferrari das Problem gelöst?

Surtees: Unser Ingenieur Michael May arbeitete sehr hart daran und hatte schließlich Erfolg damit. Die Lösung mit einem neuen Regler für die Einspirtzung haben wir dann auf der Solitude getestet. Es regnete zu Beginn, und ich lag mit großem Vorsprung in Führung. Erst als die Strecke abtrocknete, konnte mich Jim Clark wieder einholen. Trotzdem hatten wir gezeigt, dass der Motor nun über deutlich mehr Power im mittleren Drehzahlbereich verfügte. Trotz des für uns eigentlich ungünstigen Wetters. Das verbesserte Ansprechverhalten unseres V8 zahlte sich am Nürburgring aus, weil es dort viele Passagen gibt, wo der Motor gut am Gas hängen muss. Ich habe das Rennen dann gewonnen, und das hat mich zurück ins Titelrennen gebracht.

Wie ging es weiter?

Surtees: Beim nächsten Rennen in Österreich führte ich wieder, als die Hinterradaufhängung brach. Sehr unüblich für Ferrari. Mein Teamkollege Lorenzo Bandini gewann, was uns darin bestätigte, dass wir jetzt ein gutes Auto hatten. In Monza passten dann die Strecke und das Wetter perfekt für unseren Motor. Oben raus hatten wir ja schon immer gut Leistung. Und im Gegensatz zu Spa zu Beginn der Saison hielten diesmal auch die Kolben durch. Mein zweiter Sieg in diesem Jahr brachte mir die WM-Führung. Es ging aber nicht ohne Drama ab. B.R.M.-Boss Louis Stanley versuchte mir ein Startverbot anzuhängen. In der Woche zuvor hatte ich bei einem Rennen in Goodwood mit einem Ferrari GTO einen Unfall, bei dem ich mir den Kopf angeschlagen hatte. Innes Ireland hatte mich von der Strecke mitgerissen. Ich zog mir eine leichte Gehirnerschütterung zu, was Stanley veranlasste meine Teilnahme aus medizinischen Gründen verbieten zu lassen. Da hat unser Teammanager, Herr Dragoni, mir das einzige Mal in meiner Ferrari-Karriere geholfen. Ich hatte kein gutes Verhältnis zu ihm. Diesmal aber brachte er mich nach Mailand zu einem Institut, das mit Doktoren der Nasa zusammenarbeitete. Die hatten ein Verfahren entwickelt, mit dem man anhand der Reaktionen feststellen konnte, ob ich fit war, ein Rennen zu fahren. Sie haben mich verkabelt und festgestellt, dass alles in Ordnung war.

Trotzdem gingen Sie nicht als Favorit in das Finale in Mexiko?

Surtees: Es gab ja dazwischen noch den GP USA in Watkins-Glen. Zunächst sah alles wieder gut für mich aus. Mein Hauptgegner in den USA war Graham Hill. Ich war schon an ihm vorbei, als ich beim Überrunden auf einen traf, der das gleiche Stück Straße für sich beanspruchte. Ich landete im Gras. Das hat mich den Sieg gekostet. So wurde ich hinter Graham Zweiter.

Das Finale in Mexiko war dramatisch. Ein Dreikampf zwischen Ihnen, Graham Hill und Jim Clark. Erinnern Sie sich noch an Details?

Surtees: Und ob. Ich freute mich nicht besonders auf dieses Rennen. Die große Höhe von über 2000 Metern stellte uns wieder vor große Motorprobleme. Erneut standen wir vor der Aufgabe, die Gemischaufbereitung optimal einzustellen. Wir begannen mit mager und bezahlten mit einem Motorschaden. Dann diskutierten wir, ob wir nicht den gerade neu entwickelten Zwölfzylinder-Flachmotor einsetzen sollte. Er hatte eine Lucas-Einspritzung, die einfacher zu tunen war. Das Problem aber war die überhöhte Zielkurve in Mexiko. Unter den hohen Fliehkräften gab es Probleme mit der Ölversorgung. Das erschien uns im letzten Rennen zu heikel. Ferrari baute deshalb lieber einen neuen V8 ein und reicherte das Gemisch an. Beim Start des Rennens lief der Motor plötzlich nicht mehr auf acht Zylindern. Ich fiel bis auf die 13. Stelle zurück. Nach ein paar Runden begann der Motor auch noch zu überhitzen, was aber den schönen Nebeneffekt hatte, dass er plötzlich wieder auf acht Zylindern lief. Dann begann ich mit meiner Aufholjagd, die mich hinter meinen Teamkollegen Lorenzo Bandini und Graham Hill brachte. Die waren in ein hartes Duell miteinander verstrickt.

Es wurde später gemutmaßt, Bandini hätte Hill absichtlich von der Strecke gerammt, um Ihnen zu helfen. Stimmt das?

Surtees: Ich sehe das anders. Graham hatte zwei Ferrari im Rückspiegel. Er wusste gar nicht, wo er zuerst hinschauen sollte und hat versucht, seine Linie so zu wählen, dass ihn keiner von uns austricksen konnte. Als wir im Dreierpack auf die Haarnadel zuflogen, konnte ich sehen, wie Graham die Innenspur blockierte und Lorenzo außen angriff. Am Kurvenausgang kreuzten sich ihre Wege, weil Graham nach außen getragen wurde und Lorenzo innen in die Lücke stoßen wollte. Sie stießen zusammen, und ich tauchte innen durch. Ich hatte dann das Glück, dass Jimmy Clark ausfiel, aber da ich im Verlauf der Saison mehr technische Probleme hatte als er, empfand ich das als ausgleichende Gerechtigkeit. Dan Gurney gewann, ich wurde Zweiter. Das machte mich zum Weltmeister. Es war nicht nur für mich ein besonderer Moment. Ferrari hatte nach dem Titel 1961 ein schlimmes Jahr 1962. Trotz der Arbeit an den Sportwagen gelang dann 1963 eine Trendwende mit dem Sechszylinder, und ich konnte 1963 meinen ersten Grand Prix für sie am Nürburgring gewinnen. Die Saison 1963 und der Anfang von 1964 hat Ferrari gezeigt, dass sie zu viel mit zu wenig Mitteln erreichen wollten. Zwei Programme waren einfach zu viel. Aus Enzo Ferraris Sicht konnte ich es irgendwie verstehen, dass ihm Le Mans so wichtig war. Er stand vor der Frage, ob sich Ford oder Fiat an Ferrari beteiligen sollten. Deshalb hatten die Sportwagen für ihn eine große Bedeutung. Das hat uns auch davon abgehalten für 1965 den Zwölfzylinder mit Volldampf weiter zu entwickeln. Für mich ein Fehler, denn es war der beste Motor der ganzen 1,5 Liter-Ära.

Waren Sie in dem Finale in Mexiko immer über den WM-Stand informiert?

Surtees: Ich hatte keine Ahnung, bin einfach nur gefahren. Funk gab es ja nicht. Für mich war es nur ein Rennen von vielen. Über den WM-Stand habe ich mir keine Gedanken gemacht. Ich sagte mir: Fahr so schnell es geht, ohne dass dein Auto zusammenbricht, und der Rest ergibt sich von selbst. Bei der Zieldurchfahrt wusste ich nicht, ob es zum Titel gereicht hat. Als ich an die Boxen zurückkam, sah ich meinen Chefmechaniker Borsari mit einem breiten Grinsen und der Ferrari-Flagge. Da wusste ich, dass ich den Titel hatte.

Sie sind der der einzige Weltmeister auf zwei und vier Rädern. Ein Rekord für die Ewigkeit. Macht Sie das stolz?

Surtees: Wer weiß, vielleicht versucht es ja noch einer. Ich war auf jeden Fall der erste, und das macht mich stolz. Ich habe mich mal mit Valentino Rossi über seine Vierrad-Ambitionen unterhalten. Er hat mir gesagt, dass er Motorräder lieber hat. Und jetzt ist es wahrscheinlich auch schon zu spät für ihn. Marc Marquez hätte aber noch Zeit, es zu tun.

Morgen lesen Sie, wie aus dem Motorrad-Star John Surtees ein Autorennfahrer wurde.

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