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Interview mit John Surtees, Teil 2

"Hätte mich gerne mit Schumacher ausgetauscht"

John Surtees - Motorsport - F1 - Surtees TS7 - Formel 2 - Surtees TS10 Foto: Daniel Reinhard 22 Bilder

Am 25.Oktober 1964 machte sich John Surtees unsterblich. Da gewann der siebenmalige Motorrad-Weltmeister auf Ferrari den WM-Titel der Formel 1. Der 80-jährige Engländer ist bis heute der einzige Champion auf zwei und vier Rädern. Wir haben Big John in England besucht und mit ihm über seine Karriere geplaudert. Heute über seinen Umstieg vom Motorrad aufs Auto.

12.12.2014 Michael Schmidt
Hatten Sie Ihre Karriere immer so geplant: Zuerst Motorradrennen, dann der Umstieg aufs Auto?

Surtees: Es war nie so geplant. Ich bin mit Motorrädern aufgewachsen. Mein Vater war im Krieg Motorrad-Kurier. Angefangen hat alles mit einer Bombe im Krieg, die in unseren Garten fiel. Wir zogen daraufhin nach Yorkshire um. In einer der Umzugskisten lag ein ganzer Stapel Zeitschriften. Oben drauf war ein Motorradmagazin mit einem Foto von der Isle of Mann TT auf dem Titel. Das Bild zeigte Schorsch Meier, wie er mit seiner BMW über die Kuppe von Bray Hill flog. Das hat mich fasziniert.

Viele, viele Jahre später, nach Beendigung meiner Karriere, habe ich Schorsch Meier am Salzburgring getroffen. Er schenkte mir einen seiner Pokale. Ich fuhr am Salzburgring exakt dieses Motorrad, das ich in Amerika aufgestöbert und gekauft hatte. Das hat mir unendlich viel bedeutet. Weil damit die Zündschnur für meine Karriere gelegt war. Ich habe Meiers Maschine aus den Original-Einzelstücken wieder aufgebaut. Heute steht es bei BMW im Museum. Ich fand, das Motorrad muss nach Hause zurück. Nach dem Krieg fuhr mein Vater wieder Motorradrennen, und ich begleitete ihn. Zuerst nur als Beifahrer und sein Mechaniker. Dann habe ich meine Motorräder selbst aufgebaut, mit einer Vincent angefangen, Rennen zu fahren und bin dann schließlich zu Norton gewechselt. Nachdem ich Weltmeister Geoff Duke geschlagen hatte, nahm mich MV Agusta unter Vertrag.

Und wie kamen sie zu Rennautos?

Surtees: 1958 ging ich auf die Ehrung des Sportler des Jahres. Mike Hawthorn war gerade Formel 1-Weltmeister geworden. Ich hatte den Motorradtitel gewonnen. Wir saßen am gleichen Tisch mit Reg Parnell, der Teamchef von Aston Martin war und mit Vanwall-Gründer Tony Vanderwell. Hawthorn sagte plötzlich: John, du solltest Autorennen fahren. Autos stehen besser als Motorräder. Ich wollte davon nichts wissen.

Zwei Monate später rief mich Reg Parnell an. Er bot mir den Aston Martin DBR1 zum Testen an, mit dem Stirling Moss die 1000 Kilometer Nürburgring gewonnen hatte. Ich sagte ihm, dass ich nie ein Rennauto gefahren wäre. Er meinte, ich solle es versuchen. Ich ging also nach Goodwood, fuhr ein paar Runden und bekam einen Vertrag angeboten. Ich lenhte mit den Worten ab: Ich bin ein Motorradrennfahrer. Am gleichen Abend meldete sich Tony Vanderwell und offerierte mir sein Formel 1-Auto zum Test. Also wieder nach Goodwood. Ich fuhr zwei Tage, und danach sagte mir Tony, dass er seinen Rückzug vom Rennsport rückgängig machen würde, wenn ich für ihn fahren würde. Wieder sagte ich ab.

Und was änderte Ihre Meinung?

Surtees: Die Beziehung zu MVAgusta verschlechterte sich, weil ich nebenher auch noch mit meiner Norton in England Motorradrennen fuhr. Eine italienische Zeitung schrieb: John Surtees braucht keine MV Agusta, um zu gewinnen. Der MV-Chef war sauer und wollte mir das Fahren auf der Norton verbieten. Das wären mir aber zu wenig Rennen gewesen. Die WM-Saison bestand damals noch nicht aus so vielen Läufen wie heute. Deshalb schlug ich den MV-Leuten vor, dass ich neben der 350er und 500er Klasse auch 250er Rennen fahren wolle. Auch das lehnte Graf Agusta ab. Es gab aber nichts in meinem Vertrag, das mich davon abgehalten hätte, Autorennen zu fahren. Also warum nicht doch probieren?

Mein Vater schlug vor, ein Formel 2-Auto zu kaufen. Ich ging zu Cooper und kaufte mir einen Cooper-Climax. Dort traf ich auch Ken Tyrrell. Der hatte mich bereits für Rennen in seinem Formel Junior-Programm eingeplant, ohne mich zu fragen. Tyrrell hatte mit dem RAC auch schon vereinbart, dass ich ohne große Bürokratie eine Lizenz bekommen würde. Ich musste nur ein Training unter Beobachtung in Goodwood fahren. Dann stellte ich das Auto auf die Pole Position. Es war so neu, dass es ohne Lackierung fuhr, wie einst die Silberpfeile. Im Rennen kämpfte ich mit Jim Clark, bis mir beim Überrunden ein Fehler unterlief, weil ich vergaß, dass ich nicht mehr zwei, sondern vier Räder unter mir hatte. Am Ende wurde ich Zweiter.

Gab es noch weitere Versuche?

Surtees: Ja, weil die Motorradsaison 1960 noch nicht begonnen hatte, war ich frei. Ich bin in der Woche nach meinem Debüt auf vier Rädern mit meinem gerade gekauften Formel 2-Auto in Oulton Park angetreten. Dad war erster, ich zweiter Mechaniker. Ich wurde hinter Innes Ireland Zweiter. In Aintree führte ich die Riege der englischen Autos als Vierter mit der schnellsten Rennrunde an. Gegen die drei Porsche-Formel 2 waren wir chancenlos. Da kam Colin Chapman um die Ecke und lud mich auf einen Formel 1-Test mit seinem Lotus ein. Noch immer war ich vom Herzen Motorradrennfahrer und mir deshalb nicht sicher, ob ich das Angebot annehmen sollte. Nach dem Test in Silverstone bot er mir an, einen Werks-Lotus zu fahren. Ich sagte ihm, dass ich keine Zeit hätte wegen der Motorradrennen. Er meinte, ich solle immer dann fahren, wenn keine Motorradrennen anstünden. Wir einigten uns per Handschlag darauf.

Sie waren also nach nur drei Rennen auf Rennautos Formel 1-Pilot?

Surtees: Ja, alles ging rasend schnell. Auch mit dem Formel 1-Auto. In den ersten beiden Rennen fiel ich aus. Beim nicht zur WM zählenden Lauf in Silverstone streikte eine Ölpumpe. In Monte Carlo brach das Getriebe. Beim GP England wurde ich Zweiter. In Portugal stellte ich das Auto auf die Pole Position. Bei meinem dritten GP-Start! Ich führte komfortabel, bis mir eine Flüssigkeit über die Pedale spritzte und ich von der Bremse abrutschte. Ich landete in den Strohballen. Das ärgert mich noch heute.

Daraufhin wollte mich Colin zum Nummer 1-Fahrer machen. Er bat mich, mir meinen Teamkollegen auszusuchen. Ich sagte, dass ich gerne mit Jimmy Clark fahren würde. Dritter im Bunde war Innes Ireland, und der mochte mich nicht. Die alten Hasen standen den Neulingen damals oft skeptisch gegenüber. Es kam dann zu einem großen Streit. Innes hatte einen Vertrag und pochte darauf. Ich hielt mich raus, weil diese Szene für mich noch zu neu war. Plötzlich stand ich ohne Cockpit da. Vielleicht hätte ich mich härter durchsetzen sollen, aber ich lebte ja in einer neuen Welt, in der ich keinen kannte.

Hat sie der einfache Übergang zu Autos überrascht?

Surtees: Ja und nein. Es sind beides Fahrmaschinen. Nur die Interpretation, sie zu fahren, ist eine andere. Auf Motorrädern hatte ich mein Handwerk gelernt. Da ging alles natürlich und relaxt. Der Film lief langsam ab, so wie es sein sollte. Im Auto war ich anfangs verkrampft. Da ich keine Erfahrung hatte, war die Anspannung und die Konzentration intensiver. Mit mehr Erfahrung fühlte ich mich wohler und wohler. Schnelle Kurven waren kein Problem. Da war das Fahrgefühl zum Motorrad sehr ähnlich. Für langsame Kurven brauchst du im Auto eine völlig neue Technik. Die damaligen Motorräder waren von den Linien und dem Setup weit weg vom Auto. Heutige Maschinen sind viel näher dran. Sie bremsen besser, haben mehr Gummiauflage.

Für beide Disziplinen brauchen Sie ein Gefühl für Speed und Balance. Wo liegt der größte Unterschied?

Surtees: Technisch gesehen beim Setup und dem Reifenmanagement. Ich versuchte mich immer in das Auto oder das Motorrad hineinzuversetzen und zu verstehen, was es mir sagen wollte. Anfangs war ich bei den Autos nur ein Übersetzer. Mangels Kenntnissen musste ich mich auf die Ingenieure verlassen. Computer gab es nicht. Es gab nur drei Parameter. Die Reifentemperaturen, die Aussagen des Fahrers und die Stoppuhr. Für mich bestand der größte Lernbedarf darin, dass ich die Leute neu kennenlernen musste. Ich lebte in meiner Zweirad-Welt und kannte dort jeden.

Bei jedem meiner Kollegen wusste ich, wie er im Zweikampf reagiert. Ich kannte die Fahrer, denen ich trauen und nicht trauen konnte. Deshalb war ich bei Überholmanövern viel entschlossener. Das gleiche abseits der Strecke. Auf vier Rädern musste ich bei Null anfangen. Dabei habe ich meine Fehler gemacht und mit Unfällen bezahlt. Weil ich zu vertrauensselig war. Die Teams waren im Vergleich zu heute ziemlich klein. Trotzdem war es wichtig im Team ein gutes Netzwerk zu haben. Bei Lotus war es einfach. Du hast mit Colin Chapman geredet. Er verstand Rennfahrer, weil er selbst ein sehr guter Fahrer war. Bei Ferrari wurde es dann schon schwieriger. Es gab viel Politik.

Wäre der Weg vom Auto auf das Motorrad schwieriger gewesen?

Surtees: Die Verbindung vom Auto zum Fahrer ist der Sitz. In dem bist du festgeschnallt. Auf dem Motorrad bewegst du dich. Die G-Kräfte fühlen sich anders an. Es ist wahrscheinlich schwieriger, vom Auto auf das Motorrad zu springen. Es wäre schön gewesen, mich einmal mit Michael Schumacher über das Thema zu unterhalten. Er ist ja nach seiner Ferrari-Zeit Motorradrennen gefahren.

Warum gibt es so wenig Motorradrennfahrer, die im Auto erfolgreich waren?

Surtees: Mike Hailwood war ein sehr guter Rennfahrer im Auto. In seiner ersten Phase 1962 bei Lola war er noch ziemlich verloren, und er kehrte zu Motorrädern zurück. Sein Vater hatte ihn dazu bewogen, meinen Fußstapfen zu folgen. Mike kehrte dann nach einer langen Pause wieder in die Formel 1 zurück, diesmal mit meinem Team. Ich wollte ihm dabei mit meiner Erfahrung helfen. Mike hat einen guten Job für uns gemacht. Um ein Haar hätten wir zusammen sogar einen Grand Prix gewonnen. Es stimmt aber, dass auch viele gescheitert sind. Und ich sage Ihnen warum. Weil sie schon zu alt für den Wechsel waren. Wir haben alle eine Leistungskurve. Und irgendwann zeigt sie nach unten. Nur vorher bist du in der Lage, dich anzupassen.

Danach sind wir zu unbeweglich. Dann vertraust du nur noch deiner Erfahrung und deinem Wissen, um deine Leistung aufrechtzuerhalten. Ich war 25 Jahre alt, als ich den Sprung gewagt habe. Zu dem Zeitpunkt hatte ich als Motorradrennfahrer noch zehn gute Jahre vor mir. Wenn ich es 1960 nicht gemacht hätte, wäre es vielleicht nie passiert. Kurz darauf kamen die Japaner in den Motorradsport. Hätte ich mich da auf ein Projekt eingelassen, wäre ich vielleicht immer den Motorrädern treu geblieben.

Morgen lesen Sie, wie der schwere Unfall von Mosport John Surtees den WM-Titel 1966 gekostet und seine Zeit bei Ferrari beendet hat.

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