Michael Schumacher Formel 1 GP Brasilien 2012 35 Bilder Zoom

Interview mit Michael Schumacher: "Ich muss nicht mit Resultaten argumentieren"

Michael Schumacher ist seit dem 25. November Rentner. In der aktuellen Ausgabe von auto motor und sport (Heft 1/2013) blickt der Rekordsieger noch einmal auf seine zweite Karriere zurück. Wir bringen das ganze Interview. Lesen Sie, warum Schumacher in Frieden mit sich selbst die Formel 1 verlässt.

War es mutig, ein Comeback zu wagen?

Schumacher: Ja und nein. Eine gewisse Portion Selbstvertrauen und Courage war schon notwendig. Wenn du drei Jahre lang raus bist und dann als Sportler mit über 40 noch einmal mit der Weltspitze mitfahren willst, dann brauchst du schon einen gewissen Optimismus. Sie dürfen es auch Mut nennen.

Mit welchem Mindestziel sind Sie in Ihre zweite Karriere gegangen?

Schumacher: Ich hatte nicht direkt ein Mindestziel. Mein Ziel war, dass wir in der Lage sein sollten, um die Weltmeisterschaft mitzufahren. Das ist ja auch nicht unrealistisch, wenn man bedenkt, dass dieses Team im Jahr davor den Titel gewonnen hat, dass mir die Ingenieure einen Entwicklungs-Fahrplan dargelegt haben, der mich schon optimistisch gestimmt hatte. Es war nicht unvernünftig, von dem was wir damals wussten. Leider ist es anders gekommen, wie wir alle wissen.

Haben die positiven Momente den Frust überwogen?

Schumacher: Nachdem wir festgestellt haben, dass die Meisterschaft ein sehr unrealistisches Ziel war, kam es zu einer Neu-Orientierung. Die zielte auf den Aufbau des Teams für die Zukunft hin. Damit habe ich mich sehr schnell auseinander gesetzt, und das war dann auch in Ordnung für mich, auch wenn es nicht das war, was das Team und ich mir von vornherein erwartet hatten. Mit der Kombination Weltmeisterteam und meiner Wenigkeit durften wir davon ausgehen, ganz vorne zu fahren. Ich bin aber auch Realist genug, um die Situation einzuschätzen und habe mich dann damit arrangiert, wobei ich nie den Glauben verloren hatte, dass wir das noch irgendwie hinkriegen.

Was waren die Highlights?

Schumacher: Die Pole Position in Monte Carlo. Der GP Indien 2011, als ich nach einem schlechten Qualifying das ganze Rennen am Limit gefahren bin und gleichzeitig die Reifen besser zusammengehalten habe als Nico. Da hat in meinen Möglichkeiten alles gepasst. Montreal 2010 war auch auf der besseren Seite. Aus Rennen wie diesen ziehe ich eine gewisse Befriedigung heraus, weil ich weiß, das es da nicht viel gab, was ich hätte besser machen können.

War die Pole Position in Monte Carlo als Bestätigung, dass Sie noch den Speed haben, für Sie wichtig?

Schumacher: Nicht für mich. Für die Außenwelt schon. Da ist es einfacher mit Resultaten zu argumentieren. Ich kenne die Details. Wir Rennfahrer sind halt stark vom Material abhängig. Wir waren leider nicht immer in der Lage zwei konstante Autos hinzustellen. Ich weiß das, ich kann das verstehen. Kann ich es nach außen erklären? Nein. Muss ich es erklären? Nicht unbedingt. Da hilft so ein Resultat natürlich schon.

Welche Erfahrung in Ihrer zweiten Karriere war die Überraschenste?

Schumacher: Das Auto, so wie es dasteht, schnell ans Limit zu bringen, ist nicht das große Problem. Das habe ich schon gemerkt, als ich mich nach dem Unfall von Felipe Massa bereit erklärt hatte, Ferrari zu helfen. Da war ich schnell auf Speed. Die Herausforderung ist es, das große Puzzle aus all den Möglichkeiten, die du hast, schnellstmöglich zusammenzusetzen und optimal zu gestalten. Dafür habe ich etwas länger gebraucht als ich das erwartet hatte, weil ich die Schubladen, in denen diese Zutaten drin sind, bei einem neuen Team erst einmal finden musste.

War das Puzzle größer geworden als früher?

Schumacher: Ganz klar. Erstens größer und zweitens schwerer zu lokalisieren. Bei Ferrari kannte ich jede Schublade. Da wusste ich genau, wo ich ansetzen musste, um das zusammenzufügen. Nach drei Jahren Pause musste ich mich in einem neuen Team erst einmal wieder reinfinden.

Ist die Konkurrenz heute größer geworden als in Ihrer ersten Karriere?

Schumacher: Ja, weil das Feld enger zusammenliegt. In meiner Anfangszeit gab es immer mal wieder die Möglichkeit, einem anderen Fahrer nicht nur ein paar Zehntel, sondern eine ganze Sekunde aufzubrummen. Warum? Weil die Autos aerodynamisch nicht so ausgeglichen und daher sehr spitz zu fahren waren. Als Fahrer hast du dann viel mehr Möglichkeiten, dich abzusetzen. Heute sind die Autos aerodynamisch stabil und sehr ausgeglichen. Das Fenster, in dem du dich bewegst, ist nicht mehr so groß. Ausbrechen geht nicht. Sind die Fahrer von heute um so viel besser? Auch damals haben es nur die besten Fahrer in die Formel 1 geschafft. Gibt es heute mehr beste Fahrer? Natürlich habe ich mit meiner Arbeitsweise neue Maßstäbe gesetzt, aber meine früheren Kollegen waren auf die Art, wie sie zu arbeiten gewohnt waren, auch perfekt. Und einige habe sich den neuen Maßstab abgeschaut. Der Unterschied zu heute ist vielleicht, dass die neue Generation mit diesem Maßstab gleich aufgewachsen ist. Sie hat ihn verinnerlicht.

Vor zehn Jahren hat man nur Mika Häkkinen auf Ihre Stufe gesetzt. Damon Hill und Jacques Villeneuve brauchten schon ein sehr gutes Auto. Ist mit Vettel, Alonso, Hamilton, Räikkönen, Button, Webber und Rosberg die Spitze heute nicht dichter?

Schumacher: Hatten wir damals nicht auch so viele gute Fahrer. Ich glaube, die lassen sich auch finden.

Ist Ihnen die neue Generation fremd geworden? Die meisten sind immerhin 15 Jahre jünger als Sie und haben logischerweise andere Interessen.

Schumacher: Die machen andere Sachen wie zum Beispiel twittern. Das muss man akzeptieren. Das ist es aber auch schon. Jede Zeit bringt Veränderungen mit sich. Früher gab es kein Handy. Heute hat jeder eines. Wenn sich jemand davon abhängig fühlt, und nur noch in dieser Welt lebt, dann ist das eine andere Schiene. Aber davon reden wir ja nicht. Aber es gab früher ja auch Altersunterschiede. Da war ich der junge Fahrer. Es gab immer unterschiedliche Charaktere. Mit dem einen kannst du, mit dem anderen nicht. Mit dem Seb oder dem Timo habe ich trotz des Altersunterschiedes kein Problem. Ich empfinde den gar nicht so. Es gibt dann aber auch ein paar Kollegen, mit denen ich nicht so kann, und die sind nicht unbedingt jünger.

Sie sind in Ihrer zweiten Karriere offener mit Niederlagen umgegangen. Warum? Es gab auch in Ihrer ersten Karriere von 1996 bis 1999 Perioden, in denen Sie viel Gelegenheit hatten, mit schweren Zeiten und Niederlagen umzugehen.

Schumacher: Weil mir damals die Erfahrung fehlte, damit umzugehen. 1996 war es noch das geringste Problem, weil wir kein Auto hatten, um die Weltmeisterschaft zu gewinnen. Ab 1997 lag es hauptsächlich in meiner Hand. Wenn du dann kurz davor bist und es doch nicht schaffst, ist es einfach schwierig, mit der Niederlage umzugehen. In den letzten drei Jahren war es eher wie 1996. Wir waren gar nicht der Lage, um die Meisterschaft zu kämpfen. Mit der Erfahrung um diese Situation kannst du dich auch besser damit arrangieren.

Ist es korrekt zu sagen: 2010 und 2011 hatten Sie das Auto nicht, in diesem Jahr waren die Reifen mit schuld?

Schumacher: Nein. Natürlich sind die Reifen ein Problem, aber das sind sie für die anderen auch. Sie sind viel zu spezifisch für verschiedene Autos. Wir haben es hier mit einem Reifen mit einem kleinen Arbeitsfenster zu tun, mit dem nur wenige klarkommen. Das sollte so nicht sein. Unser Auto hat einen Charakter, dass es mit dieser spezifischen Reifensituation nicht arbeiten kann. Damit war die Situation problematisch für uns.

Hat Mercedes die Reifen wirklich verstanden? Die letzten Rennen haben nicht den Eindruck gemacht, es wäre so.


Schumacher: Wir haben sie verstanden, aber mit unserem Auto bist du halt nicht sehr flexibel. Gewisse Probleme sind nicht zu kurieren. Wir haben einige Sachen aus der Vergangenheit immer noch im Auto, und die provozieren einen hohen Reifenverschleiß.

Hat Mercedes im Vergleich zu Red Bull zu wenig Geld ausgegeben?

Schumacher: Das ist ein Faktor. Red Bull hat aber über die Jahre auch eine Infrastruktur aufgebaut, die ihnen die Möglichkeiten gab, auf alles zu reagieren und das Budget optimal umzusetzen. Das ist nichts anderes als das, was wir seinerzeit bei Ferrari hatten.

Hätten Sie in einem Red Bull oder McLaren Weltmeister werden können?

Schumacher: Ich würde unterschreiben, dass ich in so einem Auto mit den Jungs, die zur Zeit vorne fahren, mithalten kann. Kann ich in dem derzeitigen Red Bull oder McLaren Rennen gewinnen, ist eine gute Frage. Die kann ich nicht beantworten. Jeder Fahrer braucht eine gewisse Zeit, das Auto erst einmal dorthinzubringen, dass er damit Rennen gewinnen kann. Keiner steigt ein und gewinnt sofort. So war das damals auch bei Ferrari. Kann ich mit einem maßgeschneiderten Vettel-Auto so schnell fahren wie mit einem maßgeschneiderten Schumacher-Auto? Wahrscheinlich nicht.

Früher bestand ein Grand Prix aus Qualifikationsrunden, unterbrochen durch Tankstopps. Heute ist es ein Langstreckenrennen. Wie stark mussten Sie Ihren Fahrstil anpassen?

Schumacher: Du musst deinen Fahrstil immer anpassen. Diesmal war dieser Umstellungsprozess etwas extremer. Weil die Möglichkeit als Fahrer Einfluss zu nehmen und Veränderungen herbeizuführen geringer geworden ist. Die Reifen lassen nicht mehr so viel zu. Du kannst eben nicht ständig am Limit fahren. Jeder Einsatz zu viel micht dich langsamer. Deshalb ist Langsamfahren manchmal schneller. Du musst von Anfang an mit den Reifen haushalten. Das gab es früher nur, wenn die Reifen Blasen geworfen haben. Früher konntest du dich von anderen damit abheben, dass du fast permanent am Limit gefahren bist.

Der 1996er Ferrari war auch kein Geniestreich. Trotzdem haben Sie drei Rennen gewonnen. Ist der Mercedes im Vergleich dazu noch schlechter?

Schumacher: Man kann 1996 nicht mit 2012 vergleichen. Die Situation ist eine ganz andere. Der Ferrari war extrem ineffizient. Heute haben wir aerodynamisch vielleicht nicht das beste Auto, aber der Abstand ist bestimmt nicht so groß wie er 1996 war. Die Autos liegen aber viel enger zusammen.

War es überraschend, dass das Alter für Sie kein Problem war?

Schumacher: Natürlich hatte ich da meine Fragezeichen. In den ersten Testfahrten und den ersten Rennen habe ich mich genau beobachtet, ob noch alles auf dem Stand ist, den man braucht. Es war schön, für sich selbst die Bestätigung zu bekommen, dass es möglich ist. Ohne Eigenlob kann ich sagen: Ich war vorher in der Beziehung wahrscheinlich schon etwas speziell, und deshalb war ich auch in der Lage, das jetzt immer noch auf höchstem Niveau zu machen.

Michael Schmidt

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xpb

Datum

30. Dezember 2012
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