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Interview mit Red Bull-Berater Helmut Marko

"Ganz knapp am Ausstieg"

Helmut Marko - GP Abu Dhabi 2015 Foto: Red Bull 61 Bilder

Red Bull-Berater Helmut Marko ist ein Mann klarer Worte. Der streitbare Österreicher nimmt im Gespräch mit auto motor und sport kein Blatt vor den Mund. Es geht um diese Saison, seine Fahrer, den Frust bei der Motorsuche und die Nebenaktivitäten von Adrian Newey.

10.12.2015 Michael Schmidt
Fangen wir mit Abu Dhabi an. Fünfter Startplatz, sechster Gesamtrang. Sind Sie enttäuscht?

Marko: Uns war schon klar, dass wir die Startposition nur schwer halten würden können. Vettel ist relativ schnell durchs Feld gekommen. Ricciardo hat gar nicht lange Zeit verschwendet, dagegen zu halten. Es hätte nichts gebracht. Unser Gegner war der Perez. Aber da fehlte uns eine Runde, um ihn zu überholen. Wir haben wieder mal erlebt, dass dir das schnellere Auto nichts bringt, wenn du auf der Geraden derartig gehandikapt bist. Dann fährst du ganz andere Strategien als du eigentlich willst.

Und bei Kvyat?

Marko: Der hatte alle Probleme, die es geben kann. Er musste beim Motor dauernd andere Einstellungen fahren, Mode 3, Mode 2, und so weiter. Dadurch hat er pro Runde drei bis vier Zehntel verloren. Unter den Umständen ist er ein sehr gutes Rennen gefahren. Und er hat die Nerven bewahrt. Das zeigt seine positive Weiterentwicklung.

Kvyat hat mehr Punkte als Ricciardo, der letztes Jahr immerhin Vettel geschlagen hat. Wie ist das zu bewerten?

Marko: Ricciardo hatte von der Technik her mehr Pech. Aber er ist immer noch der komplettere Fahrer. Daniel zählt weiter zu den Top 5.

Wie sind Sie mit den Toro Rosso-Fahrern zufrieden?

Marko: Sie haben beide alle Erwartungen übertroffen. Wobei Sainz ebenfalls wesentlich mehr Pech mit der Technik hatte. Aber das Erfrischendste waren sicher die Überholmanöver von Verstappen. Beide sind sehr schnell. Vielleicht ist Verstappen im Zweikampf eine Spur aggressiver. Er kann das, was auch Ricciardo auszeichnet. Aus dem Nichts heraus angreifen.

Das beste Toro Rosso-Duo aller Zeiten?

Marko: Auf jeden Fall.

Damit haben Sie Ende 2016 wieder ein Luxusproblem: Vier sehr gute Fahrer, aber einer muss weichen. Wie lösen Sie das?

Marko: Das evaluieren wir, wenn es so weit ist. Da vergeht noch viel Zeit.

Viele sind hinter Verstappen her. Haben die eine Chance?

Marko: Nein. Wir machen immer mehrjährige Verträge. Es ist aber schon interessant, dass die Leute, die den Einsatz eines 17-Jährigen als gefährlich und unverantwortlich eingestuft hatten, jetzt plötzlich hinter ihm her sind.

Zur Saison: Red Bull wurde 2014 Vize-Weltmeister mit drei Siegen. Diesmal gab es keinen Sieg und nur Platz 4. Wie sehr schmerzt das Ergebnis?

Marko: Es schmerzt sehr. Voriges Jahr waren wir in der Lage, zur Stelle zu sein, wenn Mercedes Schwierigkeiten hatte. So wie jetzt Ferrari. Aber dadurch, dass auf der Motorenseite kein Fortschritt erzielt wurde, war das de facto ein Rückschritt. Dieses Manko, dass man immer mit minimalem Abtrieb balanciert, macht es fast unmöglich, besser abzuschneiden.

Der Red Bull hat erst ab Silverstone so richtig eingeschlagen. Was war das Problem?

Marko: Wir haben in Silverstone etwas am Auto gefunden. Danach war es besser als das Vorjahresmodell. Ricciardo hatte in der ersten Saisonhälfte Probleme mit dem Auto. Ihm fehlte das Vertrauen. Der Kvyat ist komischerweise besser damit zurechtgekommen.

War der Toro Rosso zu Saisonbeginn besser als der Red Bull?

Marko: Toro Rosso hatte nicht nur die besten Fahrer aller Zeiten, sondern auch sein bestes Chassis. Bis Silverstone war der Toro Rosso dem Red Bull mindestens ebenbürtig, wenn nicht sogar auf bestimmten Kursen etwas schneller. Es war ein Auto, das immer und überall sofort schnell war. Am Beginn gab es Probleme mit dem Reifenverschleiß. Das wurde dann aber beseitigt. Ohne die technischen Probleme wären die viel weiter vorne gelandet.

Seit drei Monaten laufen Sie von Motorenhersteller zu Motorenhersteller und wurden immer wieder abgewiesen. Wir groß ist der Frust?

Marko: Das zeigt, dass die Formel 1 derzeit falsch aufgestellt ist. Gottseidank sind sowohl Jean Todt als auch Bernie Ecclestone aufgewacht, indem sie den unabhängigen Motor ins Fenster stellen, wenn sich da nicht etwas ändert. Es war wahnsinnig frustrierend zu erleben, dass fast schon definitive Zusagen nicht eingehalten wurden. Oder ein anderer dazwischen gefunkt ist. Wir waren nur noch Passagier in einem taktischen Spiel. Das Positive für uns ist, wie sehr man vor uns Angst hat, wenn wir mit dem gleichen Motor kommen würden.

Wie schwer war es Chef Dietrich Mateschitz bei Laune zu halten?

Marko: Das war sehr schwer. Wir geben viel Geld für die Formel 1 aus. Wir haben zwei Teams, einen Grand Prix, die Nachwuchsförderung. Dann sieht der Chef wie einerseits das Zuschauerinteresse drastisch zurückgeht und andererseits wir in der Motorenfrage so vorgeführt werden. Wenn es da nicht die Hoffnung gegeben hätte, dass es beim Motor und beim Chassis Änderungen zum Guten gibt, dann war das schon ganz knapp am Ausstieg.

Es gibt aber auch zwei Kritikpunkte. Der eine: Wieso trennt sich Red Bull von einem Motorenpartner ohne Ersatz zu haben?

Marko: Die Geschichte ist bekannt. Wir haben bei Mercedes schriftlich angefragt. Herr Wolff hat uns zurückgeschrieben, dass die Verhandlungen erst weitergeführt werden können, wenn wir Renault kündigen. Mit dem Argument, dass Renault und Mercedes auf anderer Ebene intensive Geschäftskontakte pflegen. Auf diese Antwort hin haben wir naiverweise reagiert. Dann erst sind wir ohne Motor dagestanden. Die Zusage von Mercedes wurde nie realisiert.

Zweite Kritik: War es nötig, Renault öffentlich so abzuwatschen?

Marko: Ich glaube nicht, dass wir da über das Ziel hinausgeschossen sind. Wir haben nur kritisiert, was Fakt war. Die Zusagen und Versprechungen von Renault sind leider alle nicht eingetroffen. Es gab dazu noch deratig viele Motorschäden, dass wir auch die Leistung dramatisch zurückdrehen mussten. Teilweise hatten wir dieses Jahr weniger Leistung als im Vorjahr. Und da war die Enttäuschung natürlich gewaltig. Wir wollten erreichen, dass sich endlich das Management und die Strukturen entsprechend ändern. Jetzt sieht es so aus, als würde da etwas passieren. Aber es ist halt wieder ein Jahr ungenützt ins Land gezogen.

Die Formel 1 denkt über ein neues Motorkonzept nach. Fühlen Sie sich in Ihrer Kritik an der Hybrid-Formel bestätigt?

Marko: Es ist eine bittere Bestätigung. Uns wäre lieber gewesen, es wäre nicht so gekommen. Aber es sind einfach zu viele Kriterien da, die nicht stimmen. Bei der Kostendeckelung, bei der Zahl der Teams, die beliefert werden müssen. Es hätte ein Belieferungs-Gebot geben müssen, nicht eine Höchstzahl, die man beliefern darf. Und dieses Triebwerk ist von der Komplexität und den Kosten her für die Formel 1 das falsche.

Der Billig-Motor ist eine Drohung, um ein neues Motorenformat durchzusetzen. Reicht es, den aktuellen Motor zurückzutunen?

Marko: Es ist im Interesse aller Formel 1-Fans, dass ein Motor auf um die 1.000 PS kommt, der vom Fahrer beherrscht wird und nicht von einer Schar von Ingenieuren, die im Hintergrund schauen, dass dieses Werk funktioniert. Er darf nur zwischen 6 und 8 Millionen Euro kosten und muss den entsprechenden Sound haben. Der gehört zum Motorsport einfach dazu.

Was kann Red Bull mit einem Renault-Motor im nächsten Jahr erwarten?

Marko: Dass es Fortschritte statt Rückschritte gibt. Wir wissen auch, dass dieser Rückstand nicht in einem Winter aufzuholen ist. Aber wir wollen von den PS, der Fahrbarkeit und der Zuverlässigkeit wieder anständig mitfahren können.

Werden Sie Adrian Newey wieder motivieren können?

Marko: Der Adrian hat in diesem Jahr viel an dem Auto gearbeitet, aber nicht mit dem hundertprozentigen Biss. Er wusste, dass wir nicht gewinnen würden, egal was wir machen. Aber jetzt mit den neuen Chassis-Vorschriften hat er wieder Blut geleckt. Wir haben mit ihm einen gleitenden Vertrag. Je nach Bedarf widmet er seine Zeit der Formel 1 oder anderen Aktivitäten. Zur Zeit ist es halt 50 zu 50 Prozent.

Wird er nächstes Jahr nicht seinen Sohn in der Formel 3 unterstützen?

Marko: Das wurde geklärt. Das Amersfort Team musste dementieren, dass der neue Chefingenieur Adrian Newey heißt.

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