Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Interview mit Renault-Sportchef Cyril Abiteboul

"Die Kosten sind einfach krank"

Cyril Abiteboul - Renault - F1 Foto: xpb 50 Bilder
Interview

Renault-Sportchef Cyril Abiteboul soll den französischen Rennstall an die Spitze der Formel 1 führen. Im Rahmen eines Besuchs im Renault-Werk in Enstone sprach der Sportchef mit einer kleinen Gruppe Journalisten über die sportliche Situation seines Teams, über eine Kostenkontrolle in der Königsklasse, die aktuelle Geldverteilung und die Schwächen des aktuellen Systems.

24.06.2016 Andreas Haupt
Wie würden Sie die Leistung von Renault seit dem Comeback bewerten? Auf einer Skala von eins (sehr schlecht) bis zehn (sehr gut).

Abiteboul: Ich würde sagen eine 7. Was uns ziemlich zufrieden stimmt, ist die Arbeit auf der Motorenseite. Wir wollten uns hier erholen, weil wir unsere Technik über den Motorsport bewerben wollen – also für unsere Straßenautos. Unsere Arbeit hat dazu beigetragen, dass wir uns in Viry stabilisieren konnten. Das zeigt die Tatsache, dass wir den Vertrag mit Red Bull verlängert haben, und Toro Rosso für 2017 gewonnen haben. Das ist sehr wichtig. Einerseits, um konkurrenzfähiger zu werden. Andererseits, um politisch an Macht zu gewinnen. Du brauchst Allianzen in der Formel 1. Mercedes macht das perfekt mit Williams und Force India.

Wenn ich mich nur auf Renault beschränke, sind all die logistischen Aspekte seit der Übernahme als positiv anzusehen. Wir hatten unsere Entscheidung erst im Dezember getroffen. Der erste Test war nur ein paar Wochen später. Es war beeindruckend, wie schnell alle umgeschaltet haben. Die Integration des Motors war eine riesige Herausforderung. Wir mussten sicherstellen, rechtzeitig ein Auto zu fertigen, und zwei Fahrer zu haben. Die Enttäuschungen in diesem Jahr sind ein Ergebnis aus der wenigen Zeit. Dieses Auto wurde 2014 entwickelt und überlebte 2015 quasi ohne große Entwicklungen. Auch im Winter haben wir praktisch nichts weiterentwickelt. Es sollte jetzt aber keine großen Überraschungen für uns mehr auf der Strecke geben.

Was sind die drei wichtigsten Aufgaben, die Sie anpacken müssen?

Abiteboul: Zuerst einmal brauchen wir einen Teamspirit und eine einheitliche Kultur innerhalb des Unternehmens. Alle großen Formel 1-Teams hatten und haben das. Es ist herausfordernd, so etwas mit zwei Fabriken in unterschiedlichen Ländern hinzubekommen, die eine unterschiedliche Kultur und Vergangenheit haben. Das müssen wir mit höchster Priorität behandeln, sonst werden wir keinen Erfolg haben. Dann geht es um die kommerzielle Seite. Die Formel 1 ist aus finanzieller Sicht extrem herausfordernd. Wir haben zwar einen guten Businessplan, aber es gibt ein paar Schrauben, an denen wir drehen müssen, um im Geschäft zu wachsen: Wir brauchen mehr Leute, bessere Werkzeuge und bessere Einrichtungen.

Aber es ist ein bisschen wie das Huhn und das Ei. Du brauchst mehr Geld, um bessere Leistungen abzurufen. Und du brauchst gute Leistungen, um Geld einzunehmen. Wir müssen fast so viel ausgeben wie ein großes Team, ohne die Garantie, die gleichen Einnahmen zu bekommen. Dieses kommerzielle Risiko müssen wir eingehen, um unser Ziel zu erreichen, in den nächsten fünf Jahren ein Top-Team zu werden. Die dritte Herausforderung ist unsere Konkurrenzfähigkeit und Performance. Wir hinken bei der Aerodynamik hinterher. Die Regeln entwickeln sich wieder dahin, dass die Aerodynamik den Hauptunterschied macht. Deshalb müssen wir in diesem Bereich aufrüsten. Auf der Chassis-Seite sind wir dagegen sehr gut aufgestellt.

Renault ist nicht Teil der Strategie-Gruppe. Stört Sie das?

Abiteboul: Ehrlich gesagt ist die Strategie-Gruppe für mich ein Witz. Ich habe dieses Gremium noch keine Entscheidung treffen sehen. Keine guten, keine schlechten, überhaupt keine. Die Formel 1 braucht ein starkes Management und eine starke FIA. Wir müssen zusammen arbeiten, soweit das möglich ist. Die F1-Kommission ist das zentrale Organ und dort sind wir vertreten. Ich möchte nochmals auf Allianzen zu sprechen kommen. Wir wissen über Red Bull, was in der Strategiegruppe abgeht. Wir haben auch eine gute Beziehung zu Mercedes. Wir könnten aber noch stärker in die Zukunft der Formel 1 involviert sein. Aber das aktuelle System baut auf Verdiensten auf. Mercedes und Red Bull sind aufgrund ihrer Erfolge in der Strategie-Gruppe. Bei den Verhandlungen um das neue Concord-Agreement müssen aber alle zu Wort kommen und gehört werden.

Also finden Sie, dass die Formel 1 die Strategie-Gruppe abschaffen sollte?

Abiteboul: Ich würde sie abschaffen. Aber das würde jeder wollen, der nicht dabei ist. Aus meiner Sicht brauchen wir ein Organ wie die FOTA früher. Damals war die Formel 1 innovativ, was die Regierung anbetraf, und bei der Frage, wie man sich mit wirtschaftlichen Problemen auseinandersetzt. Aus meiner Sicht müssen wir uns in einem Gremium den Hürden stellen, die sich der Formel 1 in den Weg stellen. Wir können die wirtschaftlichen Zeiten zum Beispiel nicht mit denen vergleichen, als der Ölpreis noch hoch war. Die Benzinfirmen sind hinter den Autoherstellern die wichtigsten Sponsoren. Und die Veränderungen in dieser Branche haben massive Auswirkungen.

Es gibt viele externe Faktoren, die die Formel 1 beeinflussen, aber nicht diskutiert und beleuchtet werden. Ich bedauere es, dass es kein Forum dafür gibt, in dem wir uns der Roadmap der Formel 1 widmen und der Frage nachgehen: Wo wollen wir hin in 6 Monaten, 3 oder 10 Jahren. Die FOTA hatte sicher ihre Schwächen. Aber dort konnten wir zumindest über Zukunftsthemen sprechen, und den Wettbewerb für ein paar Stunden beiseite schieben.

Sollten Teams überhaupt ein Mitbestimmungsrecht haben?

Abiteboul: Ich würde zustimmen, dass Demokratie nicht funktioniert. Die aktuellen Regeln sind sehr komplex und nur sehr wenige Leute können die Tragweite von Regeländerungen im Ganzen überblicken. In diesem Punkt würde ich nur einer kleinen Minderheit vertrauen – der FIA und der FOM. Aber die Roadmap sollte mit den Teams abgestimmt werden. Weil wir finanziell alle die Hosen runterlassen.

Braucht die Formel 1 eine Kostenkontrolle?

Abiteboul: Absolut.

Wie kann das überhaupt funktionieren?

Abiteboul: Ich glaube, man kann die Kosten zu 90 Prozent kontrollieren. Es wird immer einen kleinen Teil geben, der schwer zu überwachen bleibt. Wir straucheln, Sponsoren zu finden. Nicht weil die Formel 1 nicht interessant wäre, sondern weil sie schlicht zu teuer ist. Es gibt keine neuen Hersteller, die einsteigen wollen. Wenn Renault nicht schon als Motorenhersteller da gewesen wäre, wären wir nie eingestiegen. In der Formel 1 kannst du unglaublich viel Geld ausgeben. Es kann aber sein, dass du dafür nicht viel zurückbekommst, was den Marketingwert angeht. Wir müssen an diesem Aspekt arbeiten. Die Kosten der großen Teams sind einfach krank, wenn man den Nutzen fürs Marketing gegenstellt. Ich denke aber, dass mir da jeder zustimmen wird. Es geht nur noch um den Weg und die Art, wie wir zu einer Kontrolle kommen.

Schwebt Ihnen eine Zahl im Kopf?

Abiteboul: Man sollte mit 100 Millionen Euro konkurrenzfähig sein können. Die finanziell am besten aufgestellten Teams sollten nicht mehr als 150 Millionen Euro ausgeben. Die Show wäre aus meiner Sicht besser, wir würden mehr Sponsoren anziehen. Und Bernie müsste nicht mehr die TV-Rechte an Pay-TV-Anstalten verkaufen. Das muss er aktuell machen, um den Geldtopf für die Teams gefüllt zu bekommen. Das macht sie kurzfristig glücklich, aber nicht auf lange Sicht. Eine Kostenreduktion würde das Wirtschaftsmodell Formel 1 komplett verändern. Derzeit sind wir gefangen, um das Stück Kuchen für die Teams immer größer werden zu lassen. Das geht nur über kurzfristiges Einkommen. Aber dadurch wird der langfristige Wert der Formel 1 beschädigt.

Schauen Sie nach Frankreich. Der Wechsel von TF1 ins Pay-TV zu Canal Plus hat das Interesse an der Formel 1 getötet. Wir sind ein französischer Hersteller. Und klar denken wir da zuerst an französische Sponsoren. Aber die sagen uns: Die Formel 1 existiert in Frankreich nicht mehr. Es ist nun unmöglich ein französisches Unternehmen für die F1 zu gewinnen. Das ist ein Teufelskreis. Um es kurz zu machen: Es ist ein Muss, die Kosten zu senken. Sonst wird die Formel 1 verschwinden. Es geht hier nicht darum, ob sich Renault das leisten kann. Wir werden in der Lage sein, die Großen zu schlagen. Die Autobauer können sich eine Formel 1 mit 200 oder 300 Millionen pro Jahr leisten. Aber es ist ein Werteproblem. Wir investieren Unsummen, und immer weniger Leute können unseren Sport sehen. Das ist Quatsch. Wir müssen die Formel 1 wieder zu einem beliebten Sport machen. So wie Le Mans. Dort sind die Tickets billig und das Rennen wird im Fernsehen gezeigt. Klar ist das nur ein Rennen. Aber wenn dieses Modell auf die Formel 1 ausgeweitet werden würde, hätten wir einen tollen Sport, die meisten Teams wären gut finanziert, Sauber wäre nicht kurz vor dem Bankrott und so weiter.

Wie kann man die Kosten drücken? Zum Beispiel durch das Verbot von Windkanälen?

Abiteboul: Es gibt zwei verschiedene Möglichkeiten. Eine wäre es, dass man das Endprodukt, also das Auto, mit Restriktionen belegt. Die zweite, dass man bei den Werkzeugen in den Fabriken ansetzt. Nummer eins: Wenn man die Autos beschränkt, würde es mehr Standardteile geben. Ehrlich: Wenn alle Autos schwarz wären, würden die meisten von uns nicht wissen, ob vor ihnen ein Red Bull oder Manor steht. Überspitzt ausgedrückt. Was heißt das: Einige Teile könnten standardisiert werden. Das würde die Lücke zwischen den Teams verkleinern und das Showelement verbessern. Ein Sport ohne Zweikämpfe ist langweilig. Dann könnte es aus meiner Sicht noch ein paar Einschränkungen geben, die wir zu Zeiten der FOTA hatten. Und die haben funktioniert. Egal, was die anderen sagen. Es reicht eine Anzahl einfacher Limitierungen. Es wären kleine Veränderungen, wie die Anzahl der Leute, die involviert sind; die Prüfstände mit denen wir arbeiten; die Größe der Simulatoren. All das könnte leicht reguliert werden. Ich sage nicht, dass wir alles überwachen müssen. Ein perfektes System gibt es nicht. Ich meine, wir brauchen ein Modell, das nachhaltiger ist als das aktuelle.

Wäre es nicht einfach der beste Weg zu sagen. 150 Millionen Euro – macht, was ihr wollt, aber mehr gibt es nicht.

Abiteboul: Das wäre sicher ein guter Weg. Ich wäre auch ein großer Befürworter, das aktuelle System der Geldausschüttung zu verändern. Es wäre gut, wenn jeder mehr oder weniger dasselbe bekommen würde. Aber ich bin Franzose. Also kulturell mehr oder weniger ein Sozialist. Spaß beiseite. Meiner Ansicht nach würden die Sponsoren immer noch den Unterschied machen. Ein Sponsor wird Ferrari immer gegenüber Manor vorziehen. Marchionne wird immer die Umsätze bekommen, die er erwartet. Das Problem ist, dass wir immer etwas verändern, und damit auf die Nase fallen.

Ein Beispiel: das Testverbot. Wir haben gesagt, wir brauchen weniger davon, weil der Preis pro Kilometer krank ist. Aber wenn man sieht, was die großen Teams jetzt investieren und versuchen, das auszugleichen, und dem die kleinen Teams gegenüber stellt. Tests waren für die Kleinen eine gute Gelegenheit, über Paydriver Geld einzunehmen. Wir haben gemeint, etwas Cleveres durch die Testverbote zu erreichen, und die Teams dadurch enger zusammenrücken zu lassen. Aber im Prinzip haben wir es vermasselt. Wir leben in einer solchen Leistungsdenke, dass die Teams immer eine Möglichkeit finden werden. Es ist wie mit den Steuern. Manche können sich einen Berater leisten und werden einen Weg finden, die Steuersysteme auszutricksen. Aber wenn man mir ein weißes Blatt Papier geben würde, wüsste ich auch nicht, wo ich anfangen müsste.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden